Calle Schmidt: Windsurf-Pionier in Deutschland

13.08.2007 SURF-Magazin - Brettsegeln, Stehsegeln, Windreiten oder Windsurfen, wie nun? Die neue Sportart, die 1972 in Deutschland auf den Seen einschlug wie ein Meteorit, löste eine Welle der Begeisterung aus. Großen Anteil daran hatte Pionier Calle Schmidt, der die ersten Bretter aus den USA in die Bundesrepublik holte, und wie ein Missionar das Stehsegeln im Lande verbreitete.

Ein kurzer Rückblick in die History des Windsurfens: Im Mai 1967 surfte „Erfinder“ Jim Drake im kalifornischen Marina del Rey auf seinem ersten Brett, verkaufte anschließend sein Patent an den Computer-Analytiker Hoyle Schweitzer, der mit Unterstützung des Kunststoff-Herstellers DuPont die ersten 1000 original „Windsurfer“ aus Polyethylen produzierte. Weil Schweitzer nicht an einer schnellen

Verbreitung interessiert war („Mir ist es lieber, wenn die Nachfrage langsam und stetig zunimmt, als dass der Sport ein schlagartiger Erfolg wird und wieder schnell in Vergessenheit gerät“), dauerte es fünf Jahre, bis man in Europa davon so richtig Kenntnis nahm. O.K., einige Experten wie Peter Brockhaus oder Ernstfried Prade hatten zwar mal in der Zwischenzeit etwas darüber im Hausmitteilungsblatt von DuPont gelesen, aber nichts unternommen. Nur der Bastler Hans Taubinger am Starnberger See, der sich nach der knappen Beschreibung 1971 an ein 30 Kilo schweres Custom Made wagte – mit einem Bambusrohr als Mast und selbstgenähtem Segel. Das Brett gibt es übrigens noch.

Calle Schmidt: Windsurf-Pionier in Deutschland

1972: CALLE SCHMIDT LIEST DIE YACHT
„Ein paar Minuten später, nach dem ich den Artikel in der Seglerzeitschrift Yacht übers Brettersegeln gelesen hatte, rief ich schon bei Hoyle Schweitzer in den USA an“, kramt der Sylter Surfpionier in seinen Erinnerungen. Der Amerikaner im fernen Kalifornien gab Schmidt die knappe Antwort: „Bretter gibt’s aber nur paarweise, per Luftfracht.“ Calle orderte, und Anfang April 1972 landeten auf dem Hamburger Airport Fuhlsbüttel zwei weiße Windsurfer. Fein säuberlich verpackt in dicken Kartons. „So um die 350 Dollar musste ich hinlegen“, rechnet Calle nach. Damals stand der Dollar auf über 3 Mark 50.

Erstbesurfung der Hamburger Außenalster im April 1972. Ein Fotograf war dabei, bediente mit den Bildern Deutschlands Presseagenturen – Windsurfen erregte erstmals bundesweite Aufmerksamkeit. Daraufhin brachte “DER SPIEGEL” eine große Story übe

„Zurück auf der Insel, musste ich das Gerät gleich ausprobieren, allerdings hatte ich als Gebrauchsanleitung nur den kurzen Artikel in der Yacht“, deutet Calle mangelnde Unterweisung an. Acht Zeilen gaben eine kurze Erklärung zum Start („Man lässt das Segel einfach flach aufs Wasser fallen. Erst wenn man auf dem Brett steht, holt man den Mast mit einer Leine zu sich herauf“) und zwölf knappe Zeilen widmeten sich der Steuerung („Um aus dem Wind zu kommen, neigt man den Mast leicht nach vorn. Um in den Wind zu gelangen, zieht man ihn nach achtern“). „Ausgerechnet am ersten Tag hackte es mit bis zu sieben Windstärken über die Insel Sylt, da ging natürlich gar nichts. Nirgendwo war zu lesen, dass man bei soviel Wind nicht üben sollte“, rekapituliert Calle den ersten Tag mit seinem neuen Brett, „doch schon anderntags fächelten gemütliche zwei Beaufort übers Wattenmeer. Ich hatte mir die Blidselbucht an der Straße von Westerland nach List ausgeguckt, da konnte man direkt am Wasser parken.“ Calle dachte praktisch, satten 25 Kilo Brettgewicht unterm Arm lohnt sich der direkte Weg. „Nach einiger Zeit klappte es ganz leidlich, anluven, abfallen, obwohl die Anleitung mehr eine zum Abtreiben denn zum Heimkommen war.“ Calle in Not, rief immer wieder, tief in der Nacht, bei Hoyle Schweitzer an, um sich fahrtechnische Tipps zu holen. „Der war schon richtig genervt, doch ich hatte einfach Probleme mit dem Mastfuß, der ständig rausflog, oder dem lästigen Anluven beim Losfahren“, lacht der Pionier, „der Schweitzer wollte mir gleich eine Instruktorin schicken.“ Was der auch tat, denn schon ein paar Wochen später tauchte die 17-jährige Lisa Parducci auf, um Calle den letzten Schliff zu vermitteln.

Calle und Martin Böttcher, der Komponist der Karl May-Filmmusik. Er kaufte Brett Nummer drei, das aus USA nach Deutschland kam.

Das zweite Brett war mittlerweile auch schon verkauft, zwei Kumpels, Uwe Schröder und der Strandsegler Rüdiger Grassy, wurden stolze Besitzer je eines halben Brettes. Und schlossen gleich noch einer Woche musst du auf der Außenalster in Hamburg segeln.“ Calle bestellte gleich das nächste Paket mit weiteren zwei Bügelbrettern, eines ging direkt an den Komponist Martin Böttcher (Karl May-Filmmusik), der Calle beobachtet hatte und dessen begeisterte Jubelschreie bei drei Beaufort zum Kauf animierten. Anschließend düste Schmidt an die Alster und enterte den Steg des „Norddeutschen Regatta-Vereins“, wo ihm der Hafenmeister grünes Licht gab: „Fahr mal los“. Nicht zufällig, sondern bestellt, stand ein Pressefotograf am Ufer und lichtete Calles Erstbesurfung der Alster ab. Die Bilder gingen anschließend über eine Agentur an sämtliche Tageszeitungen in Deutschland. Calle, ganz Werbefachmann, betrieb aktive Verkaufsförderung, und verscherbelte vom Auto runter sein viertes Brett. Am Montag darauf erschien in Deutschlands Nachrichtenmagazin „DER SPIEGEL“ der nächste Artikel über den Mann, der übers Wasser ging. Calle, ganz glücklich: „Das war wie ein päpstlicher Segen.“

Neue Bretter braucht das Land, und Calle bestellte bei Hoyle. Doch nicht nur das, auch Nachhilfe in Fahrtechnik stand an. Der Ami schob Lisa Parducci ins Flugzeug, und der „Head Dip“ sah seine Deutschland-Premiere. Calle: „Die konnte richtig gut surfen, lehnte sich bei voller Fahrt weit übers Brett raus und tauchte den Kopf nach hinten ins Wasser.“ Zusammen mit dem Body Dip, hier titschte der Rücken auf die Wasseroberfläche, waren dies die ersten „geilen“ Moves.

Auf dem Wasser wimmelte es von Windsurfern (oben), und bei der Siegerehrung rockten die Charchullas ab.

„Mit Lisa zog ich im Sommer ’72 durch Norddeutschland, an die Seen, an die Küste. Überall, wo wir mit einer Vorführung auftraten, gab’s nach einer halben Stunde einen Massenauflauf“, schildert Calle seine Promo-Tour, „der Funke sprang sofort über.“ Auch mit den Seglern rechnete der Vermarkter, doch es stellte sich schnell heraus, dass die nicht der Markt sind. „Die dachten, sie können es ganz schnell, was nicht stimmte, und heraus kam eine Riesenenttäuschung.“

„Wir wollten überall Surfercliquen bilden, mit einem Brett als Keimzelle.“ Hoyle kam mit dem Nachschub kaum noch nach: „Eine Tante in Hamburg-Altona übernahm den Telefondienst, notierte die Bestellungen, denn ich war ständig unterwegs, ein Handy gab’s damals noch nicht.“ Calle arbeitete mit einem einfachen Deal: „Bei Abnahme von vier Windsurfern kam noch ein Brett gratis dazu, für die Schulung.“ Denn er erkannte flux, dass ohne Unterricht ganz schnell großer Ärger entstehen konnte. Die Anfänger „wilderten“ in den Revieren der Segler, die sahen ihre Seen von den Stehseglern bedroht.

Auch wenn Lisa durch viel Unterweisung Calle fahrtechnisch auf Vordermann brachte, ein Handicap konnte auch die Amerikanerin nicht ausschalten. Sobald etwas mehr Wind aufkam, stieg die Luvkante des Brettes und das Ding kenterte durch. Doch Calle fand schnell Abhilfe, sägte das Steckschwert kurzerhand etwas ab. Mit dem ersten Sturmschwert war auch dieses Problem beseitigt.

Auf dem Siegertreppchen standen bei den Herren der noch blutjunge Derk Thijs aus Holland, der die nächsten fünf Jahre fast unbezwingbar wurde. Daneben freute sich Ernstfried Prade über Rang zwei, vor dem Norweger Thor Bakke. Prade prägte anschließend über

Wöchentlich kam nun eine Sendung Windsurfer aus den USA, zehn bis 20 Bretter konnten kaum die Nachfrage decken. Zumal Calle auch auf Sylt heftig die Werbetrommel rührte. „Täglich um 10 Uhr stand ich am Strand in meiner Surfschule an der Buhne 16 in Kampen. Dort konnten die Leute ein bisschen ausprobieren, richtig geschult wurde dann auf Flachwasser in der Blidselbucht.“ Unter den Neugierigen befand sich auch Gerd Falk (die Red.: Verleger der Falk-Stadtpläne) und Skibindungs-Pionier Hannes Marker. Calle über seine zwei prominenten Schüler: „Gerd konnte nach einer Woche surfen, der war fit.“ Und Marker? „Der meinte nur, daraus wird nie etwas.“ Wie sich der Mensch doch ändern kann, fünf Jahre später fing sich auch Hannes den Surf-Virus ein, wurde angefressener Surfer und stieg Anfang der 80er sogar mit einer eigenen Boardproduktion ins Business ein. Doch das ist wieder eine eigene Geschichte. Zurück zu Calle, der ’72 noch eine Deutschland- Tour absolvierte und im Süden, am Bodensee und in Bayern, Entwicklungsdienst leistete.

SYLT-CUP, DIE ERSTE SURF-REGATTA
„Im September lud ich alle meine Freunde zur ersten Regatta ein, zwölf kamen auf die Insel“, erinnert sich Calle an die erste Windsurf- Regatta, die in Deutschland und Europa stattfand. Im „Der Windsurfer“, dem Mitteilungsblatt der International Windsurfing Association, die hatte Calle kurz vorher gegründet, schildert der Organisator (wer schon, natürlich Calle) das Geschehen: „Am 23. September saßen ein paar Jungs in der Blidselbucht und packten zögernd ihre Windsurfer vom Dach. Schön böiger Wind um 6 ließ die ersten Zweifel aufkommen. Eine saubere Startlinie mit Le Mans-Start-Variante neben dem Brett waren die eigentlichen Höhepunkte. Dann spurtete Werner Schulz eiskalt davon und alle hinterher. Eine klare Platzierung verschenkte Calle Schmidt durch eine Fahrt auf Gerhard Falks Surf-Banane. Am Sonntag legte sich der Wind auf 2-3 und fegte das Watt wasserleer zum Starttermin. Die Teilnehmer zogen zur Sturmhaube und dort bot sich ein prächtiges Bild: Hohe Dünung und ein paar Schaumkronen. Mit Dr. Kerns Hilfe schafften fünf Mann die Brandungszone zu überwinden und erlebten einen Surf- Tag par excellence. Der Sylt-Cup war zum Surf-Cup geworden. Die Platzierungen sind eine Mischung aus ein paar Zetteln, die Frau Schulz gerettet hat, Haltungsnoten, Anwesenheitsprämie und obligater Schrankschmuck, der Pfingsten nachgereicht wird.“

ERSTER AUFTRITT: WINDSURFEN EROBERT DIE MESSEN

Die Nachfrage nach Brettern und Segeln nimmt immer mehr zu, das Geschäft verlangt nach einem Finanzier. Der Hamburger Verleger Gerhard Falk, der mit seinen faltbaren Stadtplänen gutes Geld verdiente und durch seine Erfolgserlebnisse auf Sylt schon angefressener Surfer war, ermunterte Calle, gleich einen ganzen Container mit 32 Boards in den USA zu bestellen. „Er übernahm das Bankakkreditiv, somit war auch Hoyle befriedigt“. Der revanchierte sich für den fetten Auftrag und setzte, zwar nur mündlich, Calle als Importeur für Deutschland ein. „Das verlangte nun werbliche Aktivitäten, ich ging als erstes mal gleich mit dem Gerät auf die Messe Interboot in Friedrichshafen. Dann folgte die Hanseboot in Hamburg. Allerdings, das Interesse bei den Seglern blieb gering“, schildert Schmidt die Werbetour durch die Bundesrepublik. Doch es gab einen Lichtblick, eine neues Revier mit Wind bot sich an: „Der Hoteldirektor vom ’Jandia’ auf Fuerteventura schwärmte mir vor, ich schickte im Winter zwei Leute hin. Aber am Spot in Sotavento hackte es, die kamen gar nicht zum Fahren. Thema durch.“

HOYLE KOMMT NACH HOLLAND, TEN CATE ERHÄLT LIZENZ

„Schweitzer saß in den USA auf seinen Brettern, die ihm DuPont gesponsert hatte, wie auf Blei. Das Land ist einfach zu groß“, deutet Calle die schleppende Entwicklung im Mutterland des Windsurfens an. Doch durch das Interesse der Deutschen ermuntert, flog Hoyle nach Europa und verhandelte in Holland mit dem Tuchhersteller Ten Cate in Almelo. Schnell wurden sich die Partner einig, die Niederländer bekamen die Europa Lizenz. Ten Cate baute eine PE-Produktion auf, und versorgten nun mit gelben und roten Ten Cate-Windsurfern Europa. „Im Januar 1973 ging ich mit diesen Brettern auf die Düsseldorfer boot, bekam einen Stand direkt neben dem Wasserbecken. Immer, wenn der Hallenmeister die Windmaschine anwarf, stieg ich in Hose, Jacke, Schlips aufs Brett, drehte ein paar Runden im Becken und verkaufte anschließend direkt von der Rampe, 300 Bretter in einer Woche. Ab Mai 1973 lief die Produktion von Ten Cate auf Hochtouren, doch die weichen PE-Planken waren eine einzige Katastrophe. Hint’ und vorn’ voller Dellen. Die Leute aber gierten aufs Material, rissen mir alles aus den Händen.“ Calle wurde vom Boom überfahren, wollte aber Qualität liefern. „Doch ich musste die gelben Bananen von den Holländern abnehmen, Schweitzer lieferte mir keine weißen Boards mehr.“

Spreitztechnik: “Damit Sie bei rasanter Fahrt nicht abrutschen, empfiehlt es sich, den vorderen Fuß am Mastfuß einzuspreizen. So haben Sie einen sicheren Stand und sind Wind und Wellen gewachsen.” Empfehlung im Windsurfing Magazin 1/74.

Ostern 1973 ging’s erstmals nach Sardinien, das dortige Thermik- Revier Porto Pollo fand Zuspruch. Zurück aus Italien, verlangte die Nachfrage nach dem Aufbau eines bundesweiten Händlernetzes. Windsurfer der ersten Stunde wurden zu Garagenhändler, später Shopbesitzer oder Regional-Importeure. „Den Bodensee übernahm Dago Benz, Bayern ging an Peter Brockhaus, im Frankfurter Raum wurde Horst Karrer aktiv, den Düsseldorfer Raum betreute Gerd Krewald, Peter Raatz gründete in Berlin den ersten Windsurf-Club und belieferte die dortige Szene und an der Küste um Bremen traten die Charchulla-Zwillinge auf den Plan. Im September zelebrierte die Szene schon die erste Europameisterschaft – natürlich wieder auf Sylt, wieder in der Blidselbucht, wo 1972 alles begann. „Back to the roots“ war zwar noch nicht angesagt, aber für die Pioniere aus ganz Europa bildete Sylt das Mekka des Surfsports. An die 130 Regattafreaks traten zu den Wettfahrten an, der Vize-EM-Titel blieb dann auch gleich im Lande. Leichtgewicht Ernstfried Prade vom Starnberger See bewies erstaunliche Starkwind-Qualitäten und surfte hinter dem holländischen "Wonderkid“ Derk Thijs auf Rang zwei. Zur zünftigen Siegerehrung spielten die Charchulla-Twins mit Gitarre und Quetsche mächtig auf, Regatten waren damals und dann noch bis in die späten 80er auch richtige Parties. Surfen und Feiern, hieß das Motto.

Fahrtechnik anno ’76: Der Start in die Brandung auf dem Windglider gelang nur mit gezogenem Steckschwert und kleiner Finne. Man rutschte und ruckelte mit dichgeholtem Segel in die Nordsee.

OSTERMANN BAUT WINDGLIDER, SPIDER, TANDEM
Auf der Messe CBR (die Red.: Caravan, Reise, Boot) in München präsentierte plötzlich ein Möbelhändler aus dem Saarland eine kleine Kollektion von Brettern: den Windglider, damals noch mit rotem Deck und ohne Hohlkehle, einen 4,65 Meter langen und nur 58 Zentimeter breiten Spider und ein Tandem. „Das war die Sensation“ registrierte Calle sofort, „perfekt für die Schulung. Zwei Einsteiger und der Surflehrer auf einem Brett, immer dicht dran, das revolutionierte den Unterricht gewaltig. Ich kaufte Fred Ostermann sofort den Zweimaster ab.“ Bei bis zu 70 Schülern, die jeden Montag bei Calle auf Sylt heiß aufs Windsurfen waren, musste rationell gearbeitet werden.

Jürgen Hönscheid, der als Sylter Rettungsschwimmer engen Kontakt mit Calle hatte, beim Trockentraining in der Surfschule.

MOTTO: „ERST SCHULEN, DANN VERKAUFEN“
„Durch die explosionsartige Verbreitung bestand die große Gefahr, dass ungeübte Einsteiger auf den Seen für eine Gefährdung sorgen – Segler, Ruderer, Schwimmer wussten noch nicht, wie diese Stehsegler bei näherem Kontakt sich verhalten. An den ersten Revieren entstand schon Stress, wir wollten Verbote und Schließungen der Seen verhindern“, spricht Calle die zu der Zeit drohende Gefahr für den jungen Sport an. „Deshalb gaben wir das Motto vor: Kein Verkauf ohne Schulung.“ Peter Brockhaus, der sich als Bayern-Importeur und Aktivist immer mehr in den Vordergrund schob, betonte diese Strategie sogar vehement in Radio-Interviews. Windsurfen kämpfte in diesem Jahr auch gegen schlechtes Wetter, gegen die Ölkrise und dadurch stagnierende Wirtschaft. Und die holländische Produktion ums Überleben. Martin Spanjer, der damalige Chef, stand für immer schlechter werdende Qualität am Pranger: Calle: „Auf dem Autodach verformten sich die gelben Ten Cate-Windsurfer bei Hitze zu einer krummen Banane.“

PETER BROCKHAUS WIRD DEUTSCHLAND-IMPORTEUR In Holland stapelten sich im Lager noch 800 Bretter, die in Almelo auf Abnahme warteten. Calle: „Eigentlich wollte ich die Marge, zusammen mit einem Partner, kaufen. Das klappte aber nicht.“ Hinter den Kulissen verselbstständigte sich der Machtkampf der Regional-Händler immer mehr, aus dem Gerangel ging schließlich Peter Brockhaus als Sieger hervor. Calle: „Der malte die großen Perspektiven an die Wand.“ Ten Cate ergriff den rettenden Strohhalm, Brockhaus wurde neuer Deutschland-Importeur, übernahm die 800 Bretter. Gleichzeitig gründete der schlaue Promoter auch noch des erste „Windsurfing Magazin“, als aktive Verkaufshilfe. Damit war Calle Schmidt raus aus dem Importeur-Business, der Sylter spricht heute ungern über diese Phase. Dafür kümmert sich Calle nunmehr verstärkt um den Ausbau seiner Schule auf Sylt. Und arbeitet, zusammen mit dem Rettungsschwimmer Jürgen Hönscheid, an Innovationen des Gerätes.

Ein Trip auf die Kanaren: Im Winter 74/75 zog Calle mit Bus und Brett über Spanien per Fähre nach Teneriffa. Mit dem 4,65 Meter langen Spider von Ostermann schoss er vor der Küste hin und her.

DOPPELFINNEN, TRAPEZ, FUSSSCHLAUFEN
„Wir waren ständig am Basteln, rückten den Mastfuß weiter nach vorne, um dem Board die Luvgierigkeit abzugewöhnen. Unterm Heck setzten wir zwei kürzere Finnen ein, damit der Strandstart besser klappte. Zum serienmäßigen Schwert entwickelten wir noch ein besser profiliertes für Regatta, ein kürzeres Sturmschwert für Starkwind. Für besseren Halt auf dem Brett schraubten wir die ersten Fußschlaufen rein. Und noch bevor die Charchullas 1975 mit ihrem Kanalbeschlag (die Red.: ein Hüftgurt mit einem Tampen zur Gabelklemme) über den Ärmelkanal von Calais nach Dover surften, haben wir schon mit Trapezsitzhosen der Segler und einer Curryklemme am Gabelbaum experimentiert.“ Leider gibt es von Calles Innovationen keine Fotos, und noch weniger angemeldete Patente, so dass den Ruhm dieser Erfindungen andere einkassierten.

Immer mehr kleine Bastelstuben versuchten nun mit Eigenproduktionen, sich ein Stück vom Kuchen abzuschneiden – der sich abzeichnende Boom nahm seinen Lauf. Deutschland entdeckte das Segeln für den kleinen Mann. Sigi Pertramer in München stürmte mit seiner Marke Surfsailer in den Wettbewerb, die Schweizer kopierten den original Windsurfer in einer leichten GFK-Variante und nannten ihn Speedy, ein weiterer Eidgenosse namens Peter Bader produzierte den Windrider, ab 1977 dann die ersten Mistral-Bretter. Auch Kajak- und Regenmantel-Produzent Klepper im bayerischen Rosenheim diversifizierte – und schickte, etwas zögerlich, den Swift ins Rennen. „Dies rief natürlich Hoyle Schweitzer und Ten Cate auf den Plan, denn die fürchteten plötzlich um ihr Patent. Als ich Anfang 1975 Fred Ostermann im Krankenhaus besuchte, hatte der richtig Schiss vor der Patentgeschichte. Der wollte in diesem Moment sogar seine Fertigung einstellen.“ Doch Calle ermunterte den Saarländer, baute ein eigenes Regattateam auf und gründete die „Offene Klasse“. Im Gegensatz zum Windsurfer, der zu dieser Zeit schon vom Deutschen Segler-Verband (DSV) als offizielle Eintyp-Klasse anerkannt war, durften in der OK alle Fabrikate antreten. Das trieb natürlich die Entwicklung voran, während der Windsurfer mit schwerem Holzgabelbaum und Steckschwert auf dem Stand von Jim Drake’s Entwicklung aus dem Jahr 1967 stehen blieb.

In Munkmarsch an der Wattenseite baute sich Calle Schmidt mit seiner Frau die erste Surfschule auf. Er nannte sie ”Syltsurfer”. Unglaublich, es gibt sie heute noch.

STREIT UMS PATENT
Auch Peter Brockhaus und Ernstfried Prade, zwei innovative Zeitgeister, erkannten rasch die Mängel am Windsurfer. „Doch Hoyle Schweitzer bewegte sich keinen Millimeter, wenn es um Verbesserungen an seinem Gerät ging.“ Obwohl Brockhaus offizieller Importeur war, entwickelten er und Prade ohne Wissen von Ten Cate den Mistral Allround – mit Klappfinne und Klappschwert, zwei Mastbuchsen und auslösendem Mastfuß, Alugabel mit Stoßdämpfer und Trimmeinrichtung, modernem Design und frischen Farben. Es kam zum Streit mit den Holländern, Ende ’76 musste Brockhaus den Import abgeben, stieg aber anschließend mit Mistral raketenmäßig ins Geschehen ein.

Calle Schmidt und seine Frau, Gründer der Surfschule Syltsurfer.

Und Calle? „Ich zog noch einige Zeit als Promoter für den Sport übers Land, bildete im Frühjahr und Herbst Instruktoren aus, fokusierte mich aber immer mehr auf meine Surf- und Katschule Syltsurfer in Munkmarsch. Im Winter zog ich mit Jürgen Hönscheid nach Teneriffa, gab nebenbei noch ein bisschen den Berater bei Ostermann, und schließlich wurde ich ja irgendwann mal Vater.“

Während sich die Windsurfing-Szene turbulent weiterentwickelte, obwohl Schweitzer alle Produzenten bis auf Ostermann, der hatte ’76 eine Lizenz erworben, mit einem wahren Patentkrieg bis in die späten 80er überzog, konzentrierte sich Calle Schmidt ausschließlich auf seine Schule. Und die führt er heute noch, auch wenn er inzwischen die Sportart gewechselt hat. Aus Windsurfen wurde Golfen. Aber das soll ja inzwischen die schönste Alternative bei Flaute sein – siehe Bernd Flessner, Handicap 5,5.



Text: Alois Mühlegger und Calle Schmidt


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