Alex Mussolini

13.06.2017 Andreas Erbe - Der 31-jährige Spanier aus Barcelona gehört in der Profi-Szene nicht gerade zu den Großmäulern. Seit 13 Jahren überzeugt er auf der PWA-Wavetour lieber durch Leistung und zählt fast jedes Jahr zu den potenziellen Titel-Kandidaten. Gereicht hat’s zur Wave-Krone noch nicht, trotzdem ist der Respekt ihm gegenüber groß. Warum? Das beweist er auch in diesem Interview.

© John Carter/PWA
Alex Mussolini
Alex Mussolini

Alex Mussolini wurde das Windsurfen sprichwörtlich in die Wiege gelegt. Sein Vater war bereits ein begeisterter Surfer, die Surf Magazine waren Zuhause die wichtigste Lektüre. Bereits mit sieben Jahren begann Alex zu surfen und schnell bestimmte der Traum von der Profi-Karriere sein Leben. Und diesen Traum verfolgte er mit aller Konsequenz. Mit 14 Jahren ging er nach Hawaii auf die Maui Ocean Academy, die damals die Eltern von Levi und Luke Siver ins Leben gerufen hatten. Von da an war er jedes Jahr mindestens für ein halbes Jahr auf Maui, im Wechsel mit dreimonatigen Aufenthalten in Pozo. Seit 2003, damals gerade einmal 17 Jahre alt, fährt Alex auf der PWA-Tour, damit ist er einer der erfahrensten Rider, gehört aber mit seinen 31 Jahren noch lange nicht zum alten Eisen. Wir trafen ihn beim Worldcup auf Sylt und sprachen mit ihm unter anderem über die Hassliebe zur Nordseeinsel, seinen Konkurrenten und Freunden auf der Tour und wie die Geburt seiner Kinder sein Profileben verändert haben.

Was macht man eigentlich als Wave-Pro, wenn mal wieder kein Wind ist?
Ich wohne mit Thomas Traversa zusammen und wir spielen viel auf der Playstation. Wir haben ein Rallye-Spiel und Thomas ist da sehr ehrgeizig.

Sylt kann aber auch ganz anders. Was hast du für Erinnerungen an den Worldcup hier?
Meine besten und die schlechtesten in meiner Worldcup-Karriere. Sylt hält für mich nur Schwarz oder Weiß parat. 2009 habe ich hier meinen ersten Worldcup in unglaublichen Sturmbedingungen gewonnen. Außerdem war ich auch noch einmal Dritter. Aber ich habe auch ganz schlechte Erinnerungen. Da war Nordwestwind, fast genau auflandig und ich habe in meinem ersten Heat gleich zu Beginn ganz draußen eine Welle genommen und bis zum Strand abgeritten. Danach bin ich den gesamten Heat nicht mehr durch den Shorebreak gekommen. Das war furchtbar. Außerdem habe ich hier viele Heats auf äußerst dumme Art und Weise verloren.

© John Carter/PWA
Alex Mussolini gibt alles und gewinnt den World Cup auf Sylt 2009.
Alex Mussolini gibt alles und gewinnt den World Cup auf Sylt 2009.

Aber ich kann mich erinnern, dass der Sieg 2009 ein sehr emotionaler Moment für dich war.
Das stimmt, und zwar in vielerlei Hinsicht. Für mich wurde ein Traum wahr. Darauf habe ich sehr lange hingearbeitet und dann bei solchen Bedingungen die Double Elimination zu gewinnen, war allein schon großartig. Außerdem erwartete meine Frau zu der Zeit unser erstes Kind, und einen Tag vor dem Wettkampf kam sie in die Klinik und es sah so aus, als würde die Geburt bald losgehen. Ich habe ihr dann gesagt, dass ich die Single so gut wie möglich fahre und dann zu ihr nach Teneriffa komme. Doch dann gewann ich die Single und habe sie angerufen, dass ich jetzt doch gerne bleiben wollte, denn das war für mich eine einmalige Chance. Nach dem Sieg in der Double Elimination bin ich sofort nach Hause – aber dann hat sich das Kind noch zwei Wochen Zeit gelassen (lacht). Als Krönung sah ich dann, dass ich nach dem Sieg auf dem Cover des nächsten surf Magazins war. Das war für mich fast noch mehr wert, denn das Magazin kaufte sich mein Vater als ich noch jung war, und ich hatte immer davon geträumt, einmal auf den Titel dieses Magazins zu kommen. Das hatte für mich die gleiche Bedeutung wie der Sieg auf Sylt.

Hat so ein Titelbild tatsächlich so einen hohen Stellenwert?
Auf jeden Fall. Um überhaupt Bilder in Surf Magazine zu bekommen, musst du ein sehr guter und erfolgreicher Windsurfer sein. Und vor allem vor der Facebook- und Instagram-Zeit war das die einzige Möglichkeit, bekannt zu werden und bei den Sponsoren für Interesse zu sorgen. Heute können auch weniger gute Surfer einen großen Bekanntheitsgrad durch Facebook und Instagram erreichen. Ich bin da nur so stark aktiv, wie ich muss. Für mich sind Bilder in den Magazinen immer noch das Wichtigste.

Du bist mittlerweile zweifacher Vater. Hat sich dein Leben dadurch verändert?
Ganz entscheidend sogar. Vorher war meine Einstellung, dass ich nur mit den Elementen spielen wollte, das tun konnte, was mir Spaß macht. Seit ich Verantwortung für die Familie habe, gehe ich das Windsurfen viel seriöser an. Es ist mein Job, mit dem ich meine Familie ernähre und das nehme ich jetzt viel ernster.

Kann man denn heute überhaupt noch als Windsurfprofi so viel Geld verdienen, dass man seine Familie damit ernähren kann? 
Ich kenne das Einkommen der anderen Fahrer nicht wirklich. Aber nach meiner Einschätzung würde ich sagen, dass im Waveriding nur die Top-Acht vom Windsurfen leben können. Ich war ja viele Jahre bei Gaastra und Tabou und ich muss meinem ehemaligen Boss Knut Budig wirklich sehr dankbar sein, denn er hat im Prinzip meine Familie ernährt und ich konnte das tun, was ich liebe. Dass ich jetzt bei Roberto Ricci bin hat eher den Grund, dass wir bei der Entwicklung der Boards und Segel besser zusammenarbeiten können und hat nichts mit Geld zu tun. Roberto ist wirklich auch ein sehr passionierter Sportler. Ich war mit ihm in Südafrika und er ist jeden Tag auf dem Wasser – Kiten, Windsurfen, Stand-up-Paddeln – er lebt den Sport und auch seine Marke. Sie trägt seinen Namen und da kann er sich keine Fehler erlauben.

Bei Gaastra und Tabou warst du mit Thomas Traversa in einem Team, ihr seid sehr enge Freunde. Mit wem bist du im Worldcup-Zirkus noch befreundet?
Thomas und ich sind schon lange gute Freunde und wir haben schon sehr viele Dinge gemeinsam gemacht. Wir reisen sehr viel zusammen und wohnen gemeinsam an den Spots. Ich glaube, wir beide haben uns gegenseitig sehr viel geholfen, um so gute Windsurfer zu werden. Wir pushen uns gegenseitig immer. Ich mag auch Philip Köster sehr gerne. Leider zieht er sich bei den Worldcups oft sehr zurück. Aber ich habe schon einige Unterhaltungen mit ihm geführt, nach denen ich zu mir selbst gesagt habe: Wow, das war jetzt wirklich ein tolles Gespräch. Schade, dass wir uns nicht öfter und länger treffen. Aber Philip ist ja auch noch sehr jung, obwohl man das Gefühl hat, er ist schon ewig auf der Tour dabei. Bis er, wie ich, 31 ist, hat er noch neun Jahre Zeit – da kommt bestimmt noch einiges von ihm.

Dabei fällt mir einer deiner wenigen Facebook-Posts ein, die du 2015 nach dem Worldcup auf Gran Canaria gepostet hast. Du schriebst neben ein Bild, auf dem sich der Sieger Köster vor dir verneigt und dir herzlich zum dritten Platz gratuliert: "Respekt ist alles...dieses Bild sagt viel über Philip Köster aus... The biggest Ripper, ich kann gar nicht zählen, wie viele Siege er schon errungen hat. Und trotzdem behandelt er seine Konkurrenten immer mit Respekt. Das sollten einige andere Leute erst noch lernen. Herzlichen Glückwunsch Champion, du bist klasse auf dem Wasser und großartig an Land."
Ich war zwar ziemlich aufgeladen als ich das geschrieben habe, aber ich habe es mir wirklich gut überlegt und ich meine es auch wirklich so. Er geht aufs Wasser, surft, kommt zurück und sagt nichts. Philip beschwert sich nie, er grüßt dich, egal ob er verloren hat oder gewonnen. Ihn hörst du nie rumlamentieren. Davon könnten sich einige andere Fahrer wirklich eine Scheibe abschneiden, viele labern dann einfach nur rum und suchen Ausreden. Philip ist für mich ein echter Champion, auf dem Wasser und an Land. Ich habe wirklich großen Respekt vor ihm. Ich habe auch früher schon sehr gute Windsurfer erlebt, die auf dem Wasser großartig, aber an Land wirklich unsympathische Typen waren.

Hat sich der Worldcup insgesamt sehr verändert, seit du 2003 eingestiegen bist?
Auf jeden Fall. Damals gab es immer nur Pozo und Sylt auf dem Tourplan – und das war wirklich schlecht, weil beide Spots sehr speziell sind. Jetzt gibt es wieder verschiedene und mehr Events, so dass ich glaube, dass am Ende des Jahres schon der kompletteste Fahrer Weltmeister wird. Früher haben die Sprungspezialisten in Pozo gleich so viel Vorteile gehabt, dass man keine Chance hatte. Das ist jetzt ausgeglichener, ich bin 2014 mit einem wirklich schlechten 19. Platz in Pozo in die Saison gestartet und war am Ende doch noch in den Top-5.

Auch die Moves und das Judging hat sich sehr verändert.
Absolut, ohne einen Doppelloop hast du es wirklich schwer – daran muss ich noch arbeiten. Und auch beim Wellenabreiten reicht es nicht, auf der Welle einen fetten Move zu machen. Um wirklich gute Punkte zu bekommen, musst du die Moves mit klassischen Wellenritten kombinieren. Der Einfluss vom Freestyle auf die Disziplin Wave ist wirklich sehr gut für den Sport, das macht es viel interessanter und wir surfen viel besser als noch vor einiger Zeit. Mittlerweile haben sich die Wertungen beim Springen und Wellenabreiten auch etwas angeglichen. Wenn Philip in der Vergangenheit bei seinen ersten beiden Sprüngen zwölf und elf Punkte bekam, dann kannst du das mit Wellenritten nicht mehr aufholen, weil dort so gut wie nie eine Zehn gegeben wird, höher sowieso nicht. Heute muss man schon einen absolut außergewöhnlichen Sprung machen, um die Zehner-Skala zu sprengen, dafür hat man aber auch die Chance, beim Wellenabreiten einmal eine 9,5 oder zehn zu bekommen. Das ist fair. Letztes Jahr in Pozo war für mich deshalb sehr gut. Es waren große Wellen und starker Wind. Ich bin ins Finale gekommen, ohne einen einzigen Doppelloop, aber ich habe für meine Wellenritte konstant neun oder 9,5 Punkte bekommen.

© John Carter/PWA
Alex – Freestyle-Move Taka
Alex – Freestyle-Move Taka

Aber es gab ja auch durchaus Kritik am Einfluss von Freestyle-Moves aufs Waveriding.
Ja, aber schau, was Waveriding in den 80er-Jahren war. Da gab’s Frontloop und Backloop und Bottom Turn und Cutback, das war’s. Jetzt machen wir Dinge, die damals für unmöglich gehalten wurden. Waveriding hat sich enorm weiterentwickelt durch Freestyle und es haben auch alle verstanden, dass das gut für das Windsurfen ist. Wir sind alle etwas offener geworden.

Glaubst du, dass du die Chance hast, Weltmeister zu werden?
Das ist auf jeden Fall mein Ziel, aber ich mache es nicht zu einer Wahnvorstellung. Wenn es passiert, dann passiert es ganz von selbst. Ich bin auf jeden Fall stärker und fitter als je zuvor. Aber eigentlich mache ich mir darüber keine Gedanken. Ich versuche, immer so gut wie möglich zu surfen, ich möchte immer eine große Show bieten. Und dann schaue ich, was dabei rauskommt. Ich kalkuliere nicht, das würde mir zu viel Druck machen. Und ich kann mit Druck nicht so gut umgehen, dann kann ich mich nicht richtig fokusieren.

Du lebst mit deiner Frau und deinen beiden Kindern in El Medano auf Teneriffa.
Meine Frau kommt aus Madrid und wir haben uns in El Medano kennengelernt. Ich bin sowas wie der Urvater im Wave-Worldcup. Meine Kinder sind jetzt fast vier und sieben Jahre alt. Ich war der erste Vater unter den aktuellen Waveridern, mittlerweile haben Klaas Voget, Robby Swift, John Skye und nun auch Dany Bruch nachgezogen. In El Medano zu wohnen ist sehr gut. In Cabezo kann man super trainieren, es ist ein Worldcup-Spot und die Bedingungen ähneln oft denen in Klitmøller. Es hat zwar nicht so viel Wind wie in Pozo, aber dafür kann man in El Medano gut leben, braucht kaum mal ein Auto, weil man einkaufen kann, in verschiedenen Restaurants essen und auch mal in eine Bar gehen kann. Nur in Ferienzeiten meide ich den Ort, dann ist es sehr voll und wir bleiben eher in unserem Appartment etwas außerhalb. Außerdem gibt‘s einige gute Fahrer wie Dany Bruch, mit denen ich trainieren kann.

Wie sieht es mit den jungen Ridern aus? Beim Worldcup in El Medano und Pozo gibt es regelmäßig Youth Contests mit vielen Teilnehmern, die teilweise erst elf oder zwölf Jahre alt sind.
In El Medano gibt es einige Nachwuchsfahrer, die immer besser werden. Aber in Pozo ist einfach mehr und öfter Wind, da gibt es noch deutlich mehr gute Wave-Kids als auf Teneriffa.

Denkst du schon manchmal ans Aufhören?
Nein, überhaupt nicht. Wie gesagt, ich bin fitter als je zuvor und solange Windsurfen mich liebt, werde ich es weiter machen. In der Zukunft möchte ich dann gerne in der Brett- und Segelentwicklung arbeiten. Ich surfe, seit ich sieben Jahre alt bin. Ich habe so viele Entwicklungsstufen mitgemacht und ich glaube zu wissen, wie das perfekte Board sein muss.

© John Carter
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