Big Waves: Jason Polakow surft in Nazaré

05.05.2016 reemedia, Andreas Erbe - Er hat es wieder einmal getan – Big-Wave-Spezialist Jason Polakow bezwang als erster Windsurfer die spektakuläre Megawelle von Nazaré in Portugal. Und die brachte auch ihn an seine Grenzen.

© Red Bull Content Pool
Big Waves: Jason Polakow surft in Nazaré
Big Waves: Jason Polakow surft in Nazaré

"Das ist der gefährlichste Platz, an dem ich je gesurft bin”, gestand Polakow. surf hat ihn exklusiv beim Bau seines "Nazaré-Boards” mit Shaper Werner Gnigler begleitet und nach seinem Höllenritt mit ihm gesprochen.

Anfang November 2015 – wir fahren von Paia aus nach Haiku, neben uns liegt der Hookipa Beach Park. Das "Aloha Classic" findet statt und nahezu alle Wave-Pros rippen in diesen Tagen die Wellen im Mekka des Windsurfsports. Jason Polakow, dem wir gerade nach Haiku folgen, hat hingegen etwas ganz anderes im Sinn: Ein neues, spezielles Board für seine nächste geplante Big Wave Session in Europas Aushängeschild für Riesenwellen – Nazaré in Portugal.

Irgendwann geht es rechts ab, wir fahren einen kurzen Weg hoch, beidseits des Weges wuchert der Dschungel. Allein hätten wir es hierher wohl nie geschafft. Ein paar Hunde bellen irgendwo, vor uns ein Haus mit großer Shapewerkstatt. Drinnen steht schon Werner Gnigler, Shaper von JP-Australia. Sein Körper ist mit Shapestaub bedeckt, er legt den Hobel aus den Händen und steigt sofort in die Diskussion mit Jason ein. Stück für Stück werden in den nächsten Stunden Shapedetails für das Nazaré-Board durchgegangen. Warum dieses Board dann doch so speziell ist, wird recht schnell deutlich. Die Bedingungen in Nazaré sind anders als die in Jaws, Teahupoo oder Cloudbreak.

"An solchen Tagen mit riesigem Swell werden gigantische Wassermassen in Bewegung gesetzt und dazu brechen die Wellen dicht vor einer Felsenküste, wodurch das ganze Wasser wieder he­rausgedrückt wird", erzählt Werner, "dadurch ist das Wasser super choppy!" "Zudem wird es so sein, dass ich gar nicht viele Wellen bekommen werde", fügt Jason respektvoll hinzu. Sukzessive diskutieren die Beiden Länge, Outline, Volumen, Volumenverlauf, Rails, Unterwasserschiff und Bodenkurve für dieses Nazaré-Projekt. Abwechselnd arbeiten sie im Shaperaum, am Computer und an der Schablone für die Scoop-Rocker-Linie. Jason packt genauso tatkräftig mit an und verändert selber eine schon vorhandene Schablone des letzten Jaws-Boards. Die Basis mit den JP "Radical Thruster Quad"-Modellen, "die es normal in den Shops zu kaufen gibt", ergänzt Werner, besteht. Um Nuancen wird der Rocker verringert, "weil ich überhaupt erstmal auf diese Welle rauf muss!" Immer wieder drückt Jason aus, wie das zukünftige Board funktionieren soll. Es wird etwas länger, breiter und voluminöser als andere Big-Wave-Boards von Jason. Es ist schnell zu merken, dass die beiden schon lange zusammenarbeiten. "Ja, final setze ich die Vorstellungen von Jason um, aber es sind immer Gemeinschaftsproduktionen. Jason hat enorm viel Erfahrungen, insbesondere auch mit Riesenwellen", erklärt Werner. Mr. Big Wave Jason Polakow hingegen spielt diesen Ball gern wieder zurück, "Wenn ich Werner sage, was ich will, dann weiß er, wie er das umsetzen muss!”

Nazaré! Jahrelang sehen wir Bilder von Tow-in-Surfern wie Garret McNamara und nicht zuletzt Sebastian Steudtner in diesen Monsterwellen. Warum hatte sich noch kein Windsurfer in diese Wellen getraut? Und sind die Bedingungen so speziell, dass es ein neues Board bedurfte?
Werner Gnigler: Ja, die Welle ist extrem hoch und schnell. Trotz der gewaltigen Größe ist es sehr schwierig, auf die Welle zu kommen. Ein zu langsames Board würde bedeuten, dass man sich sehr weit in die kritische Zone wagen muss und dort erst versuchen kann, die Welle auch zu erwischen. Wenn dann ein Set anrollt wird man "gefressen", was bei der Welle extrem gefährlich ist. Mit einem etwas größeren und schnelleren Board kann man schon weit draußen auf die Welle und sich den Wellenritt besser einteilen und vor allem die richtige Position auf der Welle aussuchen.

Wie sind die genauen Maße vom Board für Nazaré?
240 Zentimeter lang, 56 Zentimeter breit und  88,5 Liter Volumen.

Wieviel "Serienboard-Gen" steckt noch vom JP Radical Thruster Quad drin?
Das Serienboard ist die Basis. Wir wissen, wie gut das Board funktioniert und adaptieren es nur leicht für den jeweiligen Einsatzbereich. Somit ändern wir nicht die Charakteristik. Das Board muss einfach funktionieren. Bei einem Spot wie Nazaré hat man keine Möglichkeiten, sich zuerst mal einzufahren.

Im Bug sind zwei Löcher zu sehen. Was haben die für eine Funktion?
Bei solchen Riesenwellen ist sehr viel Wasser in Bewegung und obwohl die Welle auf Fotos oft sehr glatt aussieht, ist es immer extrem unruhig. Bei der extrem hohen Geschwindigkeit, die Jason auf den Monstern erreicht, ist es oft von Vorteil ein etwas schwereres Board für zusätzliche Kontrolle zu verwenden. Damit er die Möglichkeit hat, das Gewicht zu verändern, haben manche seiner Big- Wave-Boards eingebaute Rohre, um die Bretter mit Blei zu beschweren. Dafür sind die Löcher mit Verschlusskappen.

© Red Bull Content Pool
Portugal: Big Waves in Nazaré
Portugal: Big Waves in Nazaré

Drei Monate später

Jason Polakow ist zurück von einem seiner größten Big-Wave-Abenteuer in Nazaré. Die Bilder und Videos von seinen Ritten auf der gewaltigen Welle verbreiteten sich rasant schnell im Internet. Doch was alles hinter diesen Bildern und Videos steckt, erfährt man nicht. Wir wollten mehr wissen.

Seit wann spukt dir diese Welle im Kopf rum?
Seit ich Bilder von Garrett McNamara in dieser riesigen Welle gesehen habe, wollte ich dort windsurfen. Ein paar Nachforschungen ergaben, dass es dort auch Wind gibt und noch wichtiger, Wind aus der richtigen Richtung. Doch es dauerte zwei weitere Saisons, bis ich die richtigen Kontakte hatte und einen guten Dialog mit den Locals. Mein Hauptkontakt war ein lokaler Fotograf und der portugiesische Red-Bull-Importeur, der die Kontakte herstellte.

Was hast du vor Ort erwartet?
Ich dachte mir schon, dass es hart wird, doch es war noch viel härter als ich geahnt hatte. Das ist der gefährlichste Break, an dem ich je gewindsurft bin. Es gibt keinen Platz dort, an dem du sicher bist. Die Wellen laufen in verschiedenen Winkeln auf die Küste zu und es kann sein, dass du gerade einen Ritt beendet hast und plötzlich steht ein 20-Fuß-Monster aus einer anderen Richtung direkt vor deiner Nase. Die Wellen brachen ziemlich nah am Cliff, was der gefährlichste Platz dort ist. Wenn du dort von einem großen Set erwischt wirst, bin ich mir nicht sicher, ob man das überlebt.

Welche Sicherheitsvorkehrungen hast du getroffen?
Wir hatten einige Locals, die uns mit Informationen versorgten, dann natürlich mehrere erfahrene Jetski-Fahrer, ich hatte einen speziellen Anzug mit Auftriebskörpern. Es waren an verschiedenen Plätzen 20 bis 30 Millimeter dicke Pads eingenäht. Darunter hatte ich meinen Anzug, der sich mit CO2-Patronen aufblasen lässt. Insgesamt kümmerten sich fast 25 Leute vor Ort um das Projekt.

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Jason Polakow in Nazaré
Jason Polakow in Nazaré

Was war auf dem Wasser am gefährlichsten?
Eindeutig die verschiedenen Wellenrichtungen. Mehrfach dachte ich am perfekten Platz zu sein und dann bewegte sich der Peak der Welle innerhalb von zehn Sekunden um 100 Meter – total verrückt. Für die Tow-in-Surfer ist das einfacher. Sie können sich mit dem Jetski mit 40 km/h an die richtige Stelle ziehen lassen. Wir hatten aber nur acht bis 13 Knoten Wind, so dass ich mich kaum bewegen und auf die Wellen reagieren konnte. Du musst Glück haben. Dein Ziel muss es in Nazaré sein, eine Welle perfekt zu erwischen – Punkt!

Glaubst du, dass du noch höhere Wellen dort surfen kannst?
Nachdem ich jetzt dort war, werde ich es noch einmal an einem super hohen Tag versuchen. Es wäre schon cool, den wahnsinnigen Rekord der Tow-in-Surfer zu brechen. Wenn die Welle noch höher ist, bricht sie weiter draußen, was die Sache ein bisschen sicherer macht, aber der Peak wandert trotzdem noch wie verrückt hin und her.

Hat sich dein spezielles Board bewährt?
Wir haben den Shape des Radical Thruster Quads modifiziert. Er hatte jetzt eine schnelle Rockerlinie und ein V vorne, damit ich gut durch den Chop auf der Welle schneiden konnte. Außerdem haben wir das Heck für bessere Kontrolle bei High Speed schmaler gemacht. Außerdem hatte ich extra ein Finnenset für High Speed getestet. Das hat super funktioniert?

Hattest du Spaß da draußen?
Hinterher hatte ich Spaß. Auf dem Wasser war es kein Spaß, da war es einfach nur gefährlich.

© Ben Thouard
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