Ezzy's Essay

11.04.2017 Graham Ezzy - Eigentlich wollte Graham Ezzy nur einen Windsurftrip nach Südafrika machen. Aus einer kurzen Fahrt ans Kap wurde, dank einer vergifteten Pfeilspitze, eine Reise zu den Buschmännern der Kalahari – und Windsurfen wurde plötzlich zur Nebensache.

© John Carter

Letztes Jahr an Silvester, spät in der Nacht, stach ich mich an einem vergifteten Pfeil und wäre fast daran gestorben. Wenige Stunden zuvor waren meine Freundin Kathrin und ich ins Gästezimmer ihres Großonkels Dieter in Kapstadt eingezogen.

Onkel Dieters Anwesen altert mit ihm. Sein Pool ist ein Sumpf, der mittlerweile nur noch von Fröschen und Vögeln benutzt wird, sein Haus ist übersäht mit Stapeln von Schätzen – und Schrott. Wie die Dünen der Sahara, die sich durch den stetigen Wind immer wieder neu formen lassen, wandern archäologische Artefakte aus Afrika, Schmuck aus Persien, Segel-Trophäen, Gewehre, Schwerter, andere Waffen und gelblich verblichenes Papier in seinem Haus hin und her.

Zeugnis kompromisslosen Abenteuers

Onkel Dieter – mittlere Größe, schnell laufend, blaue Augen. Schief geknöpfte Hemden. Segelhosen mit Taschen voller Kürbiskerne, Schrauben unterschiedlicher Länge, Schlüsseln. Neugierig. Hungrig nach anregenden Unterhaltungen. Die 80 Jahre seines Lebens sind eine Geschichte von hart erkämpftem Wohlstand und kompromisslosem Abenteurer-Dasein. Gebo­ren in Deutschland, wanderte er mit Mitte 20 in den Iran aus (er sagt "Persien"), um das Weberhandwerk zu lernen. In Yadz eine Frau zu treffen, bedeutete, sich unter einer Burka versteckt ins Frauenkrankenhaus zu schleichen, um die neu angekommenen Krankenschwestern aus Europa abzupassen. In eine Burka gehüllt, lernte er Mieke, die holländische Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation, kennen, die seine Frau werden sollte.

Sie zogen nach Kapstadt, wo er eine Textilfabrik managte und zusammen adoptierten sie zwei südafrikanische Kinder, beides Mädchen, beide weiß.

Zwischen damals und heute liegen viele Jahre und noch mehr Abenteuer. Das Textilgeschäft florierte, Dieter reiste von Zeit zu Zeit mit seiner Familie in einem alten Campingbus durch Afrika und entdeckte seine Segelleidenschaft. "Vorwind mit dem Swell ist besser als Sex. Glaub mir, besser als Sex."

Er verkaufte seinen alten Porsche als er 70 wurde und als alle dachten, er würde sich nun endlich altersgemäß verhalten, verkündete er, dass er seine Pilotenlizenz bestanden und eine alte einmotorige Cessna gekauft hätte, um die Gegend rund ums Kap aus der Luft zu erkunden (Kathrin musste ihrem Vater vor der Abreise hoch und heilig versprechen, nie mit ihm zu fliegen).

© Fishbowl Diaries

Am Silvestermorgen packten Kathrin und ich unsere Koffer in Dieters Gästezimmer aus, dem am wenigsten zugemüllten Raum des Hauses. Ein gesundes Jahr sollte gesund beginnen, also waren wir vor Mitternacht im Bett. Kathrin schlief. Onkel Dieter und Mieke waren schon vor Stunden zu einer Party aufgebrochen. Ich schlüpfte leise aus dem Bett, um noch eine E-Mail zu schreiben. Ohne das Licht anzumachen, nahm ich meinen Laptop vom Nachttisch und tapste durch das Dunkel in Richtung des Ohrensessels, der in der Ecke des Zimmers stand. 

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