Henrik Jamaer und Max Droege - die Anti-Pros

31.05.2016 Tilo Eber, Christian Jacobsen - Sie pfeiffen auf Worldcup, Sponsorensticker und dicke Sprüche – obwohl sie für alle diese Dinge gute Gründe hätten. Max Droege und Henrik Jamaer gehören im Zeitalter der multimedialen Selbstdarstellung zu einer scheinbar aussterbenden Spezies – der des Understatement-Windsurfers.

© Oliver Maier
Henrik Jamaer und Max Droege
Henrik Jamaer und Max Droege

"Die Coolness muss mehr so im Subtext mitschwingen" wusste schon Moritz Bleibtreu im deutschen Kultfilm "Lammbock" und steht damit Pate für das Lebensmotto unserer Protagonisten Henrik Jamaer und Max Droege. Denn beide verkörpern eine Spezies von Windsurfern, die im Zeitalter der permanenten Selbstoptimierung rar geworden ist: Den Typus des Understatement-Surfers, der dicht neben dir einen verzögerten Frontloop landet, dich nach der Session aber für deine Halsen-Qualitäten lobt. Der Kerl, der eine Profikarriere dankend ablehnt und stattdessen jede Sekunde auf dem Wasser genießt. Der Musterstudent, der mit beiden Beinen im Leben steht und ehrgeizig an seiner beruflichen Zukunft schraubt, dir aber dennoch auf jeder Party über den Weg läuft. Müsste der eben zitierte Moritz Bleibtreu die beiden Kieler Jungs mit den Lammbock-typischen Worten beschreiben, er würde sie wohl die "Mehmet Scholls der Windsurfszene" nennen.

Im Sinne einer im Subtext mitschwingenden Coolness wollen wir daher auf Kennenlern-Interviews jeder Art verzichten. Denn nichts könnte Max und ,Henna’ authentischer beschreiben, als ein Wochenende an deren Seite.

Freitag 16:00 Uhr

Feierabend! Dass Max überhaupt an einem Freitag zur Fachhochschule geht, können die meisten der mit ihm befreundeten Kommilitonen nicht nachvollziehen. Den Großteil dieser wird er heute Abend mit hoher Wahrscheinlichkeit treffen – es ist schließlich Wochenende. Dass man ein Maschinenbau-Diplom nicht geschenkt bekommt, ist Henrik ebenso bewusst wie Max. Henrik hat seinen Abschluss allerdings schon in der Tasche, und zwar einen ziemlich erfolgreichen. Auch er packt auf der Arbeit alles zusammen. Feierabend!

Skypekonferenz zwischen Max, Henrik und seinem Bruder Leon. Daran, dass Letzterer den Schritt zum Profi geschafft hat, trägt auch Henrik eine gewisse Mitschuld: Jahrelang spielte er Spot-Taxi für Leon und bereitete ihn durch geschwisterliche Härte, wie sie nur ein großer Bruder zu geben vermag, entscheidend auf alle Lebenslagen vor. Die Begrüßung "Hey Posterboy" ist daher das Mindeste, das Leon einstecken muss, als er braungebrannt und in Badehose am anderen Ende der Leitung erscheint. Insgeheim sind Max und Henrik natürlich stolz auf ihren Kumpel, auch wenn der Anruf in diesem Fall nur einem Zweck dient: Dem "Posterboy" unter die Nase zu reiben, dass er ein windiges Wochenende in Dänemark mit seinen Freunden verpasst, gefolgt von einigen sarkastischen Bemerkungen über Leons "bemitleidenswerten" Fotoshoot-Alltag auf Maui. Man lacht. Die drei kennen sich lange genug, um derartige Witzeleien nicht als Neid misszuverstehen. Zudem weiß Leon selbst nur zu gut, dass auch Henriks Genpool einen ähnlichen sportlichen Werdegang erlaubt hätte. Überhaupt weiß das jeder, außer ,Henna’ (wie er nur genannt wird) selbst: "Bin zu schlecht, das soll Leon machen" erhält man als Antwort auf die Frage, warum er nicht an Worldcups teilnimmt. Max schnupperte bereits auf dem langen Raceboard Mistral One Design und dem Freestyler erfolgreich Wettkampf-Luft. Abgeschreckt von Reise­kosten und der Warterei auf Wind sind ihm heute jedoch Zeit und Geld zu schade, sich über die PWA Wave-Worldcups dorthin zu kämpfen, wo Leon nun ist. Lieber ärgert er ihn und andere große Namen weiterhin bei Wettkämpfen in heimischen Gewässern, wie beispielsweise den Big Days. "Viel Spaß noch, du Warmwasserweichei" ist daher das Mindeste, das er Leon zur Verabschiedung mitgibt. Wohl wissend, wie gerne dieser, zumindest für ein Wochenende, eine gute Session in Cold Hawaii jedem Warmwasser-Spot vorziehen würde.

© Sebastian Schöffel
Nicht nur auf der Ostsee zuhause – Max Droege ist, wann immer er kann, auf der Suche nach Wellenaction.
Nicht nur auf der Ostsee zuhause – Max Droege ist, wann immer er kann, auf der Suche nach Wellenaction.

Freitag 22:00 Uhr

Unsere beiden Kieler Maschinenbauer Max und ,Henna’ teilen nicht nur Studiengang und Lieblingshobby, sondern auch den Freundeskreis und dadurch am heutigen Abend auch die gleiche Feier. Man trifft sich an der Haustür, in welche Max mit klimperndem Rucksack schleicht: "Gab keine Limetten mehr an der Tanke." Die brauchen sie auch nicht. Es geht auch ohne feucht-fröhlich zur Sache. Angesichts der morgigen Windvorhersage reden viele über den kommenden Surftag, Max und ,Henna’ reden über Limetten.  

An dieser Stelle überspringen wir – ganz wie das Gedächtnis der meisten Gäste an diesem Abend – ein paar Stunden.

Samstag 7:00 Uhr

Max schläft noch. Das Wort "Fahrtauglichkeit" könnte er heute ohnehin noch nicht buchstabieren. Der Start ins Wochenende war lang und intensiv. Zur selben Zeit klingelt ein paar Straßen weiter der Wecker. Henrik denkt kurz darüber nach, die Snooze-Funktion zu aktivieren, denn auch an ihm ist der Vorabend nicht spurlos vorbeigegangen. Er gönnt sich noch zwei weitere Minuten im kuscheligen Bett, dann schießt ihm die Windvorhersage in den Kopf. Um die verloren gegangene Zeit wieder aufzuholen, dreht Henrik in der Küche schon mal den Neo um, während der Kaffee kocht...

© Oliver Maier
Nein, als Pauschalurlauber gehen Max und Henrik eher nicht durch...
Nein, als Pauschalurlauber gehen Max und Henrik eher nicht durch...

Samstag 7:30 Uhr

Max wacht auf, als seine Freundin Ronja vom Spaziergang mit den Hunden wiederkommt. Sein Kopf tut weh. Er schüttelt diesen beim Anblick eines angegessenen Döners auf dem Nachttisch. Egal – erstmal gemütlich frühstücken, der Wind sollte eh erst gegen Mittag so richtig durchziehen.

Zeitgleich steht Henrik ratlos im Keller. Irgendwo unter einem Berg von Surfmaterial, der sich in einer Vier-Mann-Windsurfer-WG zwangsläufig irgendwann anhäuft, müsste sich auch sein eigenes und das seiner Freundin Hannah verstecken. Er befindet sich in einem schwerwiegenden Gewissenskonflikt: Der Surfer in ihm möchte nach Dänemark, und zwar so schnell wie möglich. Der Bastler in ihm denkt jedoch bereits über eine neue Regalkonstruktion nach, die ein wenig mehr Ordnung schaffen würde. Neben ihm liegt eine Bohrmaschine. Er zuckt kurz, tröstet sich dann aber damit, dass es genug windlose Tage gibt, um seinem zweiten Lieblingshobby, dem Bohren, Schleifen und Schrauben, nachzugehen.

Samstag 8:00 Uhr

Das Frühstücks-Buffet im Hause Droege ist eröffnet. Derweil hat Henrik sein Surfmaterial gefunden und im Auto verstaut. Es kann losgehen. Jetzt nur noch ein paar Leute in Kiel einsammeln. Vorsichtshalber geht er noch einmal seine Kalkulation durch: "Drei vorne, zwei hinten auf dem Bett, einer irgendwo dazwischen…passt!"

Samstag 9:00 Uhr

Nach der dritten Tasse Kaffee greift Max wie jeden Morgen zur Tageszeitung. Der Wind sollte ohnehin erst gegen Nachmittag so richtig durchziehen. Henrik hat den letzten Mitreisenden eingesammelt. Der Stauraum in seinem VW-Bus ist jetzt maximal ausgeschöpft.

Samstag 9:30 Uhr

Max steigt in seinen Bulli. Sein Surfmaterial hat er schon am Tag vorher eingeräumt. Dazu vollgetankt, den Reifendruck überprüft und mit dem Gedanken gespielt, vorsichtshalber die Bremsen zu wechseln. Nicht weil es unbedingt nötig wäre, sondern weil er es so gut kann. 50 Kilometer nördlich auf der Autobahn nimmt Henrik mit Blick auf die Tanknadel zähneknirschend den Spritverbrauch eines voll beladenen T4s zur Kenntnis. Er drosselt die Geschwindigkeit auf 110 km/h.

Samstag 10:30 Uhr

Max und Ronja überholen das Reiseunternehmen Jamaer auf Höhe der dänischen Grenze.
Beim Anblick der dänischen Spritpreise beginnt Henrik zu rechnen, kurz darauf wird die Fahrt mit einer neuen Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h fortgesetzt. So müsste der Tankinhalt auch wieder zurück bis Flensburg reichen. Der Wind sollte ja ohnehin erst gegen späten Nachmittag richtig durchziehen.

© Henrik Jamaer
Max und Henrik sind überzeugte Bulli-Reisende und wachen am liebsten an einem rauen Nordseestrand auf.
Max und Henrik sind überzeugte Bulli-Reisende und wachen am liebsten an einem rauen Nordseestrand auf.

Samstag 14:30 Uhr

Henrik rollt auf den Parkplatz von Hanst-holm. Früher, als er und Leon noch auf Daniel Jamaers Beifahrersitzen saßen und man von Flensburg bis Holstebro über die perfekte Backloop-Technik diskutierte, kam ihm die Fahrt irgendwie kürzer vor. Dass sie den Weg aufgrund der damaligen Spritpreise doppelt so schnell zurückgelegt haben, vergisst er beim Anblick des aufgewühlten Meeres schnell. Geschlaucht von den Strapazen des stressigen Vormittags riggt er auf. Max ist seit einer Stunde vor Ort. Er war bereits mit dem Hund Gassi, hat ein zweites Frühstück und die übliche Meet-and-Greet-Runde auf dem Parkplatz hinter sich. Er fühlt sich langsam richtig fit und riggt auf. Die Strapazen des Vorabends sind vergessen.

Samstag 15:00 Uhr

Action! Drei Meter Welle und eigentlich zu viel Wind – Henrik und Max sind in ihrem Element. Beide sind wie immer gut daran zu erkennen, dass sie zu den wenigen Windsurfern auf dem Wasser gehören, die weder Sponsorensticker noch Segelnummern haben, aber trotzdem verdammt gut surfen.

Samstag 17:00 Uhr

Pause. Henrik beantwortet auf dem Weg zum Auto die Fragen, ob 4,0 nicht zu groß sei mit "Nein", ob er sein Thruster-Set-up weiterempfehlen könne mit "Ja", und wie sein Drei-Latten-Segel funktioniere mit "Gut".Max begutachtet derweil die Videoaufnahmen, die Ronja von ihm gemacht hat. Die Doppelloop-Sequenz löscht er – die Landung war etwas nass.

© Oliver Maier
Max Droege - auf dem Weg zur Arbeit...
Max Droege - auf dem Weg zur Arbeit...

Samstag 20:00 Uhr

Die zweite Session ist überstanden. Max und Ronja sitzen bei einem Glas Rotwein im Bus, die Standheizung läuft. Max ist mit der Gesamtsituation mehr als zufrieden. Sein Kopf tut nicht mehr weh, der Schmerz ist nach mehreren sechs Meter hohen Frontloops in die Fußgelenke gewandert. Im Nachbarbus sitzt Henrik mit seinen fünf anderen Mitreisenden auf der Eckbank. Wo genau später alle schlafen sollen, weiß er im Moment auch noch nicht, er ist mit der Gesamtsituation aber ebenfalls äußerst zufrieden. Schließlich kompensieren die sechs Personen im Auto die fehlende Standheizung mehr als ausreichend. Seine Fußgelenke schmerzen nicht, denn die Landungen seines Tages-Solls von 30 gelandeten Backloops waren allesamt butterweich.

Sonntag 7:00 Uhr

Nachdem das Fünf-Sterne-Frühstück bei Ronja und Max verspeist und verstaut ist, sind auch die restlichen Spaghetti Bolognese vom Vorabend von Henrik und Co. vernichtet. Der Wind ist gegangen, doch die Wellen bleiben noch ein wenig. Beide paddeln um die Wette und droppen sich gegenseitig und freundschaftlich in die Wellen.

Sonntag 10:00 Uhr

Die VW T4-Kolonne rollt zurück in die deutsche Windsurf-Hauptstadt.

Sonntag 15:00 Uhr

"Du schon wieder!" Die beiden treffen sich in der funktionalen Trainingsecke ihres Fitnessstudios wieder. Surf-Reha mit Freunden sozusagen. Während Henrik sich auf den Heimweg macht, stattet Max der Sauna noch einen Besuch ab.

Sonntag 16:00 Uhr

Beide sind zu Hause angekommen und verbringen den Abend mit ihren Freundinnen. Während das Internet mit Surfbildern vom Wochenende überschwemmt wird, halten sich unsere beiden bedeckt und grinsen lediglich beim Blick auf die Windvorhersage für das nächste Wochenende. "Man sollte schließlich immer ein gewisses Understatement wahren", wie schon Moritz Bleibtreu sagte.
 

© Hannah Nowitzky
Henrik Jamaer
Henrik Jamaer
© Sebastian Schöffel
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