Interview: Balz Müller

30.06.2015 Adam Sims - Er nennt seine Videos "Wakabaka” oder "Rietflying to Pluto”, hält Wettkämpfe für Style-Killer und surft nie ohne Helm. Obendrein versucht sich der Schweizer Balz Müller an den schier unmöglich scheinenden neuen Freestyle-Moves. Gründe genug, den 21-Jährigen mal zum surf-Interview zu bitten.

© John Carter/PWA
Balz Müller
Balz Müller

Die Schweiz ist nicht gerade für seine grandiosen Windsurfbedingungen bekannt. Klar gibt es reichlich Seen und auch ab und an Wind. Doch um ein radikaler Freestyler zu werden, gibt es sicherlich bessere Ort auf diesem Planeten. Balz Müller (21) hat aber genau das geschafft und ist in der internationalen Freestyle-Szene bekannt wie ein bunter Hund. Dabei sind es nicht seine Contest-Ergebnisse, sondern seine Art, ans Limit zu gehen, die ihm den Respekt der Kollegen eingebracht haben. Gerade eben musste er sich beim ersten PWA Freestyle-Worldcup im südfranzösischen Leucate ganz hinten in der Rangliste einreihen. Dort traf ihn auch Worldcup-Kollege und Journalist Adam Sims zum ausführlichen Interview.

Zitat Balz Müller: "Contests killen den Style!"

Was ist bei dir bei Contests los? Du versuchst gerade, alle Tricks so sauber wie möglich zu machen. Aber das scheint dich zu hemmen.
Um ehrlich zu sein, mag ich Wettkämpfe, so wie sie zurzeit sind, nicht so wie eine gute Freesailing Session. Ich glaube sogar, dass der Gewinner nicht so viel Spaß hat als würde er frei fahren. Meiner Meinung nach killt der Wettkampf, so wie er ist, den Style. Du musst total seriös fahren. Es ist kein Platz für Experimente. Alles muss sauber sein. Man kann super hohe und stylishe Moves machen, aber wenn die Landung ein bisschen nass ist, kriegst du keine Punkte. Jeder versucht beim Spock noch eine geslidete Rotation mehr rauszupressen, um die letzten paar Punkte zu ergattern. Aber wenn man dann ein Foto sieht, wo sich jemand bei einem einfachen einbeinigen Sprung an die Eier fasst, bringt das für mich viel mehr Spaß und Style rüber. Aber damit würdest du nie einen Contest gewinnen. Wenn man ein Best-Trick-Format hätte, dann würde das den Style mehr fördern. Wenn es darum ginge, diesen einen besonderen, vielleicht neuen Trick zu bringen, das würde Freestyle nach vorn bringen. Ich finde, der Style ist im Wettkampf total unterbewertet.

© Eric Bellande
Balz Müller: Contests killen den Style!
Balz Müller: Contests killen den Style!

Du meinst Moves wie deinen Shifty. Das ist ein Shaka into Pushloop mit zwei Rotationen.
Das ist wirklich ein krasser Move. Es hat so lange gedauert, bis ich andere Freestyler überreden konnte, ihn auch zu probieren. Jetzt bin ich wirklich froh, dass selbst ein Weltmeister ihn probiert. Ich glaube, das ist die schnellste Rotation, die man im Windsurfen machen kann. Mit einer einfachen Rotation habe ich ihn schon gestanden, aber ich glaube auch, dass es doppelt geht. Das ist wirklich ein verrückter und gefährlicher Sprung, aber wenn man ihn dann probiert, fühlt er sich gar nicht so schlimm an. Ich hoffe, dass ich in zehn Jahren zurückschauen kann und sehe, dass die Top-30-Freestyler diesen Trick machen. Vor ein paar Jahren war ein Ponch into Flaka von Ricardo Campello die Zukunft. Jetzt sind es Moves wie der Shifty oder der Double Air Culo.

Die nächsten zehn Minuten verbringen Balz und Adam damit über die neusten Manöver-Kreationen zu philosophieren. 

Du surfst immer mit Helm. Hast du schlechte Erfahrungen gemacht?
Nein, schlechte Erfahrungen habe ich noch nie gemacht. Der Helm war so eine Art Geburtstagsgeschenk vor fünf oder sechs Jahren. Ich bekam einen Gutschein für einen Surfshop und ich übte gerade den Frontloop. Mein Vater drängte mich ein bisschen dazu und sagte, ich solle den Helm tragen bis ich 18 bin, danach wäre es ihm egal. Ich habe den Helm dann immer getragen, und als ich 18 war, hatte ich mich so daran gewöhnt, dass es mir komisch vorkam, ohne zu surfen. Ich fühle mich einfach sicherer damit. Witzigerweise habe ich mir immer, wenn ich mal ohne Helm fuhr, den Kopf angeschlagen. Ich möchte aber nicht erleben, beim Windsurfen bewusstlos zu werden. Es tragen nur sehr wenige Windsurfer einen Helm, beim Snowboarden ist das komplett anders. Ein Helm kann dich nicht immer schützen, aber wenn man seinen Körper ein bisschen lieb hat, ist es nicht blöd, einen zu tragen. Das ist auch immer noch mein erster Helm, da geht jetzt schon das Styropor raus und er ist total ausgeleiert. Ich denke, ich brauche mal einen neuen. Aber leider sind viele Helme Mist. Immerhin kann man Sponsorsticker draufmachen.

Zitat Balz Müller: "Gesponsert zu werden macht mich nervös!"

Wie steht’s mit deinen Sponsoren?
Ich hasse Sponsoren (lacht)! Nein im Ernst. Ich habe natürlich gerne Sponsoren. Aber es macht mich nervös. Ein Sponsor gibt dir etwas und du musst ihm dafür etwas zurückgeben. Dadurch entsteht Druck. Viele von den jungen Fahrern wissen nicht, was sie ihrem Sponsor zurückgeben können. Wir leben unser Leben und tun das, was wir am liebsten machen und worin wir wirklich gut sind und noch besser werden wollen.

Vielleicht bist du gerade deshalb eine Person, die eine Firma unterstützen will. Oder du musst Ergebnisse liefern und bist deshalb für ein Unternehmen interessant. Du könntest beides, wenn du willst. Das ist doch nicht so schlecht.
Das stimmt. Ich möchte auf meine Weise das Windsurfen pushen. Aber ich gebe zu, es gehört auch dazu, mal ein seriöses Interview wie dieses zu geben, auch wenn mir das nicht so liegt (lacht).
Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass es heute Firmen gibt, die glauben, dass es sich lohnt, dich zu sponsern.

Wie bist du zum Windsurfen gekommen?
Mein Vater war schon vor 30 Jahren oder so Windsurfer. Doch er hat dann aufgehört und zwischendurch auch mal gekitet, was total... (zensiert) war. Wir waren oft auf Sardinien im Urlaub und da hat er mit seinem alten Stuff wieder angefangen. Ich war so etwa zehn Jahre alt und habe mich auch mit einem viel zu schweren Segel rumgeplagt. Aber ich war sofort süchtig und wir haben dann bei uns am Bieler See weitergesurft im Sommer.

Haben deine beiden jüngeren Brüder dann auch schon angefangen?
Nein, Jakob (19) und Clemens (17) haben damals den Urlaub noch mit Schnorcheln und so verbracht – haben halt richtig Urlaub gemacht. Ich wollte immer nur aufs Wasser, teilweise zehn Stunden am Tag. Als die beiden dann anfingen, haben sie wie im Zeitraffer gelernt. Ich glaube, Jakob hat seinen ersten Mast im Shorebreak mit zehn Jahren gebrochen. Von da an haben wir uns gegenseitig dermaßen gepusht. Es gab für uns im Sommer nichts anderes als Windsurfen. Als fünfköpfige Familie konnten wir keine großen Reisen machen, also sind wir nach Frankreich oder Griechenland gefahren. Im Winter kam niemand auf die Idee in der Schweiz zu windsurfen – wir waren immer Snowboarden. Niemand surfte bei uns am See, der Surfclub war geschlossen. Mein Vater hat es mir auch verboten, weil er dachte, es ist zu gefährlich. Irgendwann haben wir’s dann doch gemacht und es war wie eine Revolution. Danach waren wir das ganze Jahr wie besessen vom Windsurfen. Egal ob null Grad und Schneesturm, wir waren immer draußen.

© Oliver Stauffacher
Balz surft drei Monate in Südafrika und seine beiden kleinen Brüder versauern am Bieler See in der Schweiz. Doch die beiden Youngster sind ihm schon dicht auf den Fersen.
Balz surft drei Monate in Südafrika und seine beiden kleinen Brüder versauern am Bieler See in der Schweiz. Doch die beiden Youngster sind ihm schon dicht auf den Fersen.

Motiviert ihr euch gegenseitig?
Wie die Hölle! Wir pushen uns gegenseitig dermaßen. Wenn einer etwas Neues kann, dann hören die anderen nicht auf, bis sie es besser können. Selbst wenn man mal nicht so gut drauf ist, dann motivieren dich die anderen, irgendeinen verrückten Mist zu machen.

Reist ihr auch viel zusammen? 
Wir sind viel zusammen unterwegs gewesen, jetzt auch noch, aber ich habe jetzt die Möglichkeit, öfter weiter weg zu fahren. Die beiden müssen erst noch ihre Ausbildung abschließen. Ich war jetzt drei Monate in Südafrika und in der Zeit hatten sie gerade mal drei Tage in der Schweiz zum Windsurfen. Das ist hart für sie: Ich fahre weg und habe ein ähnliches Level wie sie und dann komme ich zurück und habe viel mehr Fortschritte gemacht. Das ist einerseits frustrierend für sie, aber gleichzeitig auch motivierend. Sie sind beide schon richtig gut und üben an fetten Powermoves, auch schon doppelte. 

Zitat Balz Müller: "Wie bescheuert ist es, einen WM-Song 'Waka-Waka' zu nennen?"

Euch drei sieht man sehr häufig zusammen in eigenen Filmen, die oft ziemlich verrückt sind. Dadurch seid ihr auch ziemlich bekannt geworden. Die Filme haben meist völlig abgedrehte Namen. Wie kommt ihr darauf?
Eines möchte ich vorweg sagen. Auch wenn es manchmal in den Filmen ein bisschen so rüberkommt, meine Brüder und ich trinken nicht wirklich viel Alkohol oder sind betrunken. Aber wenn wir drei nach einer langen Surfsession zusammenhocken, dann kommen wir auf verrückte Ideen und sind sehr kreativ. Wenn wir nach zehn Stunden müde sind, dann fangen wir an, ziemlichen Mist zu reden. Oder wenn wir zuhause vom See zurück mit dem Fahrrad fahren. Auf einmal fallen uns dann kreative Sachen ein. Es ist auf eine Art kindisch, aber dann kommen doch ernsthafte Ideen dabei raus. Zum Beispiel "Wakabaka" – du kennst doch den Song "Wakawaka". Wir haben ihn im Radio gehört und konnten gar nicht glauben wie bescheuert das war, dass das der offizielle Song zur Fußball-WM war. Wir haben uns gedacht, das ist doch verrückt. Warum sollten wir dann nicht unseren Surffilm vom Trip nach Leucate "Wakabaka" nennen. Oder "Rietflying to Pluto". Das war der Moment, als Freestyle durch die Decke ging. Wir surften auf dem Rietvleisee in Kapstadt. Ich sah über meine Schulter und sah Steven van Broeckhoven zu einem Move abheben und er flog so hoch, dass ich nur dachte: Rietflying to Pluto!

© Phil Schreyer
Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 6/2015 können Sie in der SURF App (iTunes und Google Play) lesen oder die Ausgabe im DK-Shop nachbestellen.
Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 6/2015 können Sie in der SURF App (iTunes und Google Play) lesen oder die Ausgabe im DK-Shop nachbestellen.
Kommentare zu diesem Artikel
comments powered by Disqus

Artikel empfehlen |  Artikel drucken

Das könnte Sie auch interessieren

Craig Gertenbach: <p>
	Craig Gertenbach</p> Fotostrecke
Der Insider: Craig Gertenbach - Fanatic 01.08.2017 —

Vom Worldcup-Pro hin zu einem der erfolgreichsten Brandmanager im Windsurf-Business – Craig Gertenbach hat als Fanatic-Chef Einblick in Markt, Szene und hinter die Kulissen des PWA Worldcups. Im Interview spricht er über den Kampf um die Trends, Bio-Boards und zickige Stars.

mehr »

Ricardo Campello: <p>
	Ricardo Campello</p>
Interview mit Ricardo Campello 31.07.2017 —

Mit 18 dominierte Ricardo Campello das Freestyle, gewann drei WM-Titel und erfand reihenweise neue Manöver. Dann schmiss er entgegen aller Warnungen alles hin und wurde Waverider. Heute gehört er zu den Wellen-Ikonen – und steht trotzdem ohne Sponsoren da.

mehr »

Eine Legende hat uns verlassen: Jack O’Neill Memorial Paddle-outs: <p>
	Eine Legende hat uns verlassen: Jack O&rsquo;Neill Memorial Paddle-outs &ndash; Juli 2017</p> Video
Eine Legende hat uns verlassen: Jack O’Neill Memorial Paddle-outs 14.07.2017 —

Er widmete fast sein gesamtes Leben den Ozeanen und arbeitete unermüdlich daran, jedem ihre Vorteile für die Gesundheit, die Wirtschaft und die Umwelt zugänglich zu machen. Am 2. Juli 2017 ist er im Alter von 94 Jahren in Santa Cruz verstorben.

mehr »

Kai Lenny: <p>
	Auf Maui geboren, am Strand aufgewachsen, Sohn reicher Eltern ... okay, der Typ ist mit einem goldenen L&ouml;ffel im Mund gro&szlig; geworden &ndash; doch wir finden: Kai Lenny hat das absolut Beste draus gemacht oder etwa nicht?</p> Fotostrecke
Interview mit Waterman Kay Lenny 20.06.2017 —

Kai Lenny ist wie Instant-Nudeln – einfach Wasser dazugießen, fertig! Kein anderer Athlet schafft es, sich beim Windsurfen, Wellenreiten, SUPen und Kiten auf absolutem Weltklasse-Niveau zu bewegen. Wir haben ihn zum Interview getroffen – an Land.

mehr »

Alex Mussolini: <p>
	Alex Mussolini</p> Fotostrecke
Alex Mussolini 13.06.2017 —

Der 31-jährige Spanier aus Barcelona gehört in der Profi-Szene nicht gerade zu den Großmäulern. Seit 13 Jahren überzeugt er auf der PWA-Wavetour lieber durch Leistung und zählt fast jedes Jahr zu den potenziellen Titel-Kandidaten. Gereicht hat’s zur Wave-Krone noch nicht, trotzdem ist der Respekt ihm gegenüber groß. Warum? Das beweist er auch in diesem Interview.

mehr »

Schlagwörter

Balz Müller

Diese Ausgabe SURF 6/2015 bestellen


Bestelle jetzt SURF für 10 Ausgaben!

Deine Vorteile:

  • Jedes Heft im Abo nur € 4,65* statt € 5,00
  • Keine Ausgabe mehr verpassen
  • Kostenlose Downloads auf surf-magazin.de
  • Portofreie Lieferung im Onlineshop (www.delius-klasing.de)*
  • Urlaubsunterbrechung bzw. –versand jederzeit möglich

(*gilt nur bei Lieferung innerhalb Deutschlands)

Jetzt bestellen!



Galerie