Interview mit Jaeger Stone

19.11.2016 Manuel Vogel - 2011 überrollte ein bis dato völlig unbekannter Australier namens ­Jaeger Stone beim Worldcup auf Teneriffa fast die gesamte Wave-Elite. Nach jahrelanger Contest-Pause ist er nun wieder zurück – ready to roll und mit klarem Ziel: WM-Titel.

© John Carter
Jaeger Stone 
Jaeger Stone 

Sommer 2011. Worldcup Teneriffa. Dass der damals 21-jährige Jaeger Stone  kein ganz Schlechter auf dem Wasser ist, war wohl allenfalls Wave-Legende Scott McKercher bekannt. Seit Jahren surften die beiden "Aussies" gemeinsam im Team Severne und an den berühmten Breaks von "Down Under". McKercher wusste sein Erstrundenaus gegen Jaeger Stone vermutlich einzuordnen. Alex Mussolini, Jules Denel, Victor Fernandez und Dany Bruch – die Jaeger Stone im Laufe des Single Elimination aus dem Rennen warf – hätten sich ein Ausscheiden gegen den an Land eher zurückhaltenden Nobody sicherlich nicht träumen lassen. Erst Philip Köster verhinderte im Finale die absolute Sensation. Doch während alle in Stone schon den neuen Superstar der kommenden Jahre sahen, verschwand dieser wieder still und leise von der Bildfläche, um erst Jahre später wieder aufzutauchen.

Wir haben Jaeger im Herbst 2015 zum Interview getroffen. Er berichtet über seinen rasanten Aufstieg, Zwangspausen und warum die kleine Boardschmiede seines Vaters zum Trendsetter wurde.

Jaeger, zehn Tage Sylt, zehn Tage Flaute, bevor es dann zum Worldcup nach Frankreich weiterging, wo – na klar – Flaute herrschte. Im Gegensatz zu vielen anderen Pros auf der Tour kannst du als Australier nicht mal eben zwischen den Events nach Hause. Nervt das?
(Lacht) Das ist manchmal wirklich schwierig. Letztes Jahr war ich teilweise echt "down", hatte Heimweh, wusste nichts mit der endlosen Wartezeit anzufangen. Deshalb versuche ich jetzt mehr, die Birne fit zu halten: Viel Lesen, Sport und auch meine Freundin Carla begleitet mich jetzt. Und ich gehe aufs Wasser, auch wenn’s aussichtslos ist (lacht). Beim Worldcup in Klitmøller bin ich an einem Tag mit guten Wellen kläglich herumgetrieben und konnte nicht mal wasserstarten, weil einfach kaum Wind war. Die Leute am Strand haben sich auf die Schenkel geklopft, aber es war besser als nur abzuhängen.

Als Australier bist du sicher extrem verwöhnt, oder? Was trotzt man da Spots wie Klitmøller oder Sylt ab?
Puh, Sylt ist schon speziell, aber ehrlich gesagt unterscheidet sich der Rest der Tour nicht so sehr von den Bedingungen in meiner Heimat Geraldton. Bei uns gibt’s oft eher drucklose Wellen und schräg auflandigen Wind. Die größte Umstellung ist für mich eindeutig die Kälte. Früher, als Jugendlicher, war es schwierig einzuschätzen, wie mein Level im Vergleich zu anderen Pros war. Erst als ich einige Male zum Severne-Foto­shooting mit auf Maui sein konnte, habe ich realisiert, dass es gehen könnte, Profi zu werden. Natürlich träumt jeder kleine Junge davon, irgendwann mal Weltmeister zu werden. Der Einstieg 2011 hat dann auch auf Anhieb geklappt.

...du hast damals die gesamte Wave-Elite geschockt und fuhrst auf Teneriffa aus dem Stand aufs Podium!
Ja, das war fast ein kleiner Schock für mich. Ich hatte mir überhaupt nichts ausgerechnet, niemand kannte mich und ich war nicht sonderlich eingefahren, weil ich damals viel Zeit in der Uni verbracht hatte. Aber die Judges mochten wohl meinen Stil.

Danach warst du jahrelang weg von der Bildfläche. Was ist damals passiert?
Ich wollte damals, nach meinem dritten Platz auf Teneriffa, natürlich Vollprofi­ werden. Wenn du ohne viel Training gleich aufs Treppchen fährst, beginnst du schnell zu überlegen, was drin wäre, wenn du dich nur aufs Surfen konzentrieren könntest. Ich hatte aber noch zwei Jahre Physiotherapie-Studium vor mir. Im Prinzip war es cool, weil ich in einem Kursprogramm für Sportler der Uni Perth war und Kurse und Klausurtermine relativ flexibel gehandhabt wurden. Trotzdem war es ein Wettbewerbsnachteil. Einige Monate später war ich kurz davor, mein Studium zu unterbrechen, dann brach ich mir den Knöchel und musste neun Monate pausieren. Das war der Auslöser, meine Ausbildung tatsächlich fertig zu machen und das verlockende Profileben erst mal hintenan zu stellen. Heute bin ich froh, dass ich eine abgeschlossene Berufsausbildung habe, auf die ich im Fall der Fälle immer wieder zurückgreifen kann.

Insofern hast du ja den richtigen Job ausgesucht: Als Physiotherapeut kannst du dir im Notfall selbst helfen.
Ja, das passt zusammen. Ich habe in der Ausbildung viel über meinen Körper gelernt und weiß heute sehr genau, was ich tun muss, um besser zu werden.

Zum Beispiel?
Ich arbeite viel daran, mich vor Verletzungen zu schützen – Balancetraining, Kraftkoordination und nicht immer nur den Oberkörper. Viele Pros haben Arme wie Popeye und Beine wie Zahnstocher. Dabei müssen gerade die die ganze Last bei Sprüngen auffangen.

Dein Waveridingstil gilt in der Szene als einzigartig und "anders". Zu Recht?
Ich reite Wellen schon anders ab, ohne allerdings groß darüber nachzudenken. Ich habe festgestellt, dass ich beim Wellenabreiten sehr stark in die Knie gehe, also sehr stark mit den Beinen arbeite. Vielleicht liegt es daran, dass es bei mir anders aussieht. Und natürlich versuche ich immer, jeden Turn im kritischsten Teil der Welle anzusetzen.

© Starboard
Markenzeichen: Style! Bedenklich verdrehte Backloops und ein unverwechselbarer Wellenreitstil mit geslideten Turns brachten Jaeger weltweite Anerkennung ein.  
Markenzeichen: Style! Bedenklich verdrehte Backloops und ein unverwechselbarer Wellenreitstil mit geslideten Turns brachten Jaeger weltweite Anerkennung ein.  

2015 hast du auf Platz 3 der Jahresrangliste beendet. Was fehlt dir noch zum Titel, den du dir ja selbstbewusst zum Ziel gesetzt hast.
Ich will mittelfristig um den Titel fahren, das ist mein Ziel. Beim Wellenabreiten bin ich punktemäßig immer voll dabei, oft auch vorne, beim Springen verliere ich gegen die Top-Jungs wie Köster, Browne und Fernandez noch zu viel. Mir fehlt beim Double Forward noch etwas Konstanz.

Es gibt Fahrer die sagen, der Double Forward würde per se überbewertet! Schließt du dich da an?
Das sind meist diejenigen, die ihn nicht sicher können! Es gibt aktuell nur vier, fünf Leute, die es wirklich beherrschen, ihn in allen Bedingungen konstant zu springen. Von daher ist es auch richtig, den Double so hoch zu bewerten. Für mich persönlich war es aber genauso wichtig, auch an meiner Psyche zu arbeiten. 2015 in Pozo war ich irgendwie gehemmt und überwältigt von den Rahmenbedingungen: 50 Knoten Wind und 32 Fahrer, die alle ein phantastisches Niveau haben. Ich hab einfach die Zuversicht verloren und mein Herz ist mir in die Hose gerutscht. Jetzt versuche ich, mich auf meine Stärken zu konzentrieren und mein Ding zu machen. Und zu guter Letzt ist da noch die Materialkomponente. Früher hab ich mir darüber kaum Gedanken gemacht – ich kam aus der Uni, war schlecht eingefahren und hab einfach irgendein Brett untergeschnallt. Heute arbeite ich intensiv mit Shapern und Designern wie Ben Severne, damit ich das bekomme, was ich brauche um zu gewinnen.

Auch beim Wellenabreiten explodiert das Level derzeit. Was muss ein zukünftiger Wave-Champ können, um die Judges zu beeindrucken?
Seit einigen Jahren kommen Moves aus dem Freestyle in die Welle. Vor drei bis vier Jahren konntest du mit einem auf die Schaumwalze gefahrenen Taka, Backside-360 oder Goiter einen Contest gewinnen. In Zukunft werden sich vielleicht nicht die Moves an sich ändern, aber du musst mehr riskieren, um zu punkten. Die Judges wollen all diese Tricks am größten und steilsten Teil der Welle sehen und dass diese mit klassischen Elementen verknüpft werden.

Inwiefern spielen die Shapes deines Vaters, die du ja lange gefahren bist, eine Rolle für deinen Stil?
Die Shapes meines Dads haben meinen Stil sehr beeinflusst. Ich bin nie Serienboards gefahren. Schon vor 15 Jahren haben wir bei Stone Surf Designs nur Thruster gebaut, dazu kurze und breite Shapes. Singlefins machten für meinen Dad in der Welle nie wirklich Sinn.

© Privatfoto
Mark Stone shapt schon seit den 80ern.
Mark Stone shapt schon seit den 80ern.

In gewisser Weise ward ihr dem Trend also ein Stück voraus.
Aber als ich mit 15 Jahren das erste Mal in Hookipa am Strand stand, war ich sehr verunsichert. Zu Hause war mir das egal, aber wenn plötzlich deine Helden wie Jason Polakow, Kauli Seadi oder Levi Siver am Strand stehen, alle mit Singlefins, dann fragt man sich schon, ob man gerade das Richtige macht. Erst als Kauli Seadi einige Jahre später mit einem Twinser Siege eingefahren hat, fand ein Umdenken statt und Multifins wurden populär.

Schon vor Jahren bist du Stone Boards unter zwei Meter Länge und mit sehr geraden Outlines gefahren. 2016 kamen plötzlich große Marken wie Fanatic und JP mit groß angekündigten Stummel-Konzepten. Ärgert das deinen Dad oder freut er sich?
Ja, das fanden wir eher lustig, aber ehrlich gesagt bilden wir uns da jetzt nichts drauf ein. Es ist gut zu sehen, dass es große Marken gibt, die neue Sachen ausprobieren. Wir versuchen schon seit längerem Konzepte aus dem Wellenreiten zu übertragen, in diesem Fall war es ein "Vanguard-Shape", mit parallelen Outlines und breitem Bug und Heck. Ich denke, sie sind nicht für alle Bedingungen perfekt. Am besten fühlt es sich in kleinen und mittleren Wellen an und bei Sideshore- bis Sideonshorewind. Die Reaktionszeit und die Wechsel von Kante zu Kante sind minimal. Alles wirkt kompakt und aus durchschnittlichen Bedingungen holt man damit viel raus. In Pozo oder bei großen choppigen Wellen würde ich immer ein längeres Konzept verwenden.

Du warst früher mit Stone Boards im Worldcup unterwegs, dann kam der Wechsel zu Starboard. Warum?
Das hatte damit zu tun, dass die PWA Mitgliedsgebühren von den Marken kassiert. Am Anfang hab’ ich es aus eigener Tasche bezahlt, aber langfristig machte es keinen Sinn für eine kleine Firma wie Stone Boards, diese zu bezahlen.
 

© Ben Thouard
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