Interview mit Kai Hopf, North Sails Segelentwickler

30.11.2016 reemedia, Andreas Erbe - Seit über 20 Jahren ist Kai Hopf das Mastermind hinter allen North-Segeln. Seine Entwicklungsarbeit findet auf Maui statt, die Produktion läuft in Sri Lanka und das North ­Headoffice sitzt in München.

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Kai Hopf, North Sails Segelentwickler
Kai Hopf, North Sails Segelentwickler

"1994 habe ich als Segeldesigner bei North Sails für 72 Cent die Stunde angefangen!" Wir zucken zusammen. Begriffe wie unsoziales Handeln, Ausbeutung, Mindestlohn schießen uns durch den Kopf. "Und bis zu 70 Stunden die Woche habe ich in diesen Anfängen auf Maui gearbeitet", setzt Kai Hopf noch einen drauf.

Doch drehen wir die Zeit erst einmal noch weiter zurück. Die Familie Hopf wandert von Deutschland nach Sydney in Australien aus. Der damals 12-jährige Kai macht sich schon früh mit dem Ozean vertraut und baut in diesem Alter bereits Boards, Gabeln und Segel. "Zu der Zeit haben alle selber gebastelt und gebaut", erzählt er. Erst nur für sich und seine Kumpels am Strand, doch schon bald da­rauf in einem professionellen Ausmaß von rund sieben Segeln pro Woche, die er zudem teurer verkaufen kann als seine damaligen Wettbewerber North Sails und Gaastra. Kai verdient neben der Schule damit so gut, dass er bereits als 14-Jähriger drei Mal pro Jahr zum Windsurfen nach Maui fliegt. "Aber ernährt haben wir uns von Spaghetti!", fügt Kai an. Er nimmt an Regatten teil, wird von Gaastra gesponsert, setzt allerdings mehr und mehr seine eigenen Segel auch bei den Wettkämpfen ein. Kurzerhand wird das Gaastra-Logo auf das eigene – aus seiner Sicht schnellere – Segel geklebt. Gaastra ist "not amused."

"Von den 60 Segeln am heimischen Strand vor Sydney waren etwa 40 Segel, die ich genäht hatte und für einen höheren Preis im Verhältnis zu anderen Segelmarken verkaufte. Kurzum, ich verdiente sehr gutes Geld", grinst uns Kai an. Mit 17 Jahren hat sich das bis zu einem Punkt entwickelt, dass er von der Produktion und Verkauf von Segeln und Boards leben konnte. Einem Freund von ihm, dem damaligen australischen North Sails-Importeur, war diese Marktpräsenz so ein Dorn im Auge, dass er ihn kurzerhand zu einem Job als Segeldesigner bei North Sails auf Maui verhalf. Der Vertrag für den damalig für die Wavesegelschnitte zuständigen Dave Ezzy wurde nicht verlängert. Larry Herbig war damals als Designer für die Freeride-, Slalom- und Race-Schnitte von North Sails zuständig, wollte aber nicht die Wavesegel machen. So ging Kai Hopf nach Maui, um gemeinsam mit Larry Herbig zu arbeiten. "Erst für vier Wochen, dann noch mal vier Wochen, dann noch ein Jahr, noch ein Jahr… und nun sind 23 daraus geworden," erzählt Kai unaufgeregt. Seine eigenen Slalom-Regatta-Aktivitäten musste er aufgeben, weil es der damalige North Sails-Eigner Michael Plank "nicht wollte".  Er pendelt in diesen Anfängen zwischen der Segelloft in Sydney und der in Haiku auf Maui, gerade mal zehn Minuten vom Wavespot Hookipa entfernt.

Heute ist die Segelloft in Kahului untergebracht, denn "ein französischer Teamrider wollte an einem Sonntagmorgen etwas abholen und erwischte dabei meine Frau unter der Dusche – das war der Punkt, an dem ich mit der Segelloft aus unserem Zuhause verschwinden musste!"

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"Wenn es unseren Teamfahrern gut geht, dann geht es auch mir gut. Mit Victor Fernandez kann ich hier zusammenarbeiten. Den Slalompiloten muss ich nach Teneriffa und Alaçati nachreisen.” Kai Hopf
"Wenn es unseren Teamfahrern gut geht, dann geht es auch mir gut. Mit Victor Fernandez kann ich hier zusammenarbeiten. Den Slalompiloten muss ich nach Teneriffa und Alaçati nachreisen.” Kai Hopf

Kai schläft kaum vier, fünf Stunden und fängt für gewöhnlich morgens um vier Uhr in der Loft an zu arbeiten. In diesen Anfängen werden noch alle Prototypen  per Hand in der Segelloft auf Maui genäht, was sich heutzutage wie ein Fremdwort anhört. Klar, dass heute die Daten für ein Testsegel online an die Produk­tionsstätte in Sri Lanka übertragen und dort dann gefertigt werden. Dadurch ergibt sich für den heute 47-Jährigen ein eigener Wochenrhythmus, den wir erstaunt verfolgen.

"Ich verlasse an jedem Sonntag frühmorgens das Haus in Richtung Segelloft und verbringe dort bis spät in die Nacht am Computer, denn die Arbeitswoche in der Produktion in Sri Lanka startet wegen der Zeitverschiebung bereits am späten Nachmittag unserer Zeit auf Hawaii. Wir chatten oder skypen viel, der Leiter der Segelproduktion holt verantwortliche Mitarbeiter vom Entwicklungsdepartment dazu, um Dinge zu besprechen. Die Prototypensegel werden innerhalb der normalen Seriensegelproduktion hergestellt und Qualitätsmängel, wie auch alle relevanten Sachverhalte, werden besprochen."

Dadurch, dass alle Prototypensegel mittlerweile in Sri Lanka und nicht mehr auf Maui genäht werden, gibt es auch keine Unterschiede mehr von Prototypen zu späteren Seriensegeln. "Unser Handwerk kann unter Umständen anders aussehen als in der Fabrik, und das haben wir mit diesem Ablauf eliminiert", führt Kai aus. Das Skypen mit der Entwicklungsabteilung in Asien zieht sich durch die ganze Arbeitswoche. Auch Reklamationen, die auf Material- oder Produktionsfehler zurückzuführen sein können, landen bei ihm und werden mit der Produktion besprochen, um gegebenenfalls sofort eingreifen zu können. "Früher haben wir Prototypensegel bei uns in der Segelwerkstatt genäht und bereits einen Tag später auf dem Wasser testen können. Heute haben wir den wöchentlichen Rhythmus mit vier bis sechs Prototypen aus Sri Lanka, verbunden aber damit, dass wir immer noch in der Segelwerkstatt die Prototypensegel "re-cuten", das heißt, bestimmte Nähte auftrennen, verändern, um dann auf dem Wasser dieses veränderte Segel wieder testen können. Viele Segel bekommen mehrere "Re-Cuts", um sofort auf dem Wasser getestet werden zu können.

Früher hat North Sails zwölf Segellinien im Programm gehabt und heute sind es "nur" noch acht Modelle, was "jedem einzelnen Segel guttut", wie Kai versichert. In den Hochzeiten hat Kai gleichzeitig etwa 200 bis 300 Segel zum Testen liegen gehabt, dazu unzählige Masten und Gabeln. Und natürlich kommen 15 Boards dazu, weil zu jeder Segelkategorie passende Boards gefahren werden. "Dann ist es schon mal passiert, dass ich ein Segel im Mercedes-Bus verloren habe", lacht der dienstälteste Segeldesigner der Branche. Jede einzelne Segelgröße wird auf dem Wasser getestet, wobei er für sich in Anspruch nimmt, bei jedem Test dabei zu sein, auch wenn er "nur" am Strand steht. Per Kamera werden Szenen der Testarbeit auf dem Wasser protokolliert.

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Alle Schnitte entstehen im Computer, und die Prototypen werden in Sri Lanka produziert. Doch die Feinarbeit findet immer noch beim Meister selbst in der Loft auf Maui statt. 
Alle Schnitte entstehen im Computer, und die Prototypen werden in Sri Lanka produziert. Doch die Feinarbeit findet immer noch beim Meister selbst in der Loft auf Maui statt. 

Das Testen ist zeitlich sehr aufwändig. Mehr und mehr steht hierfür Victor Fernandez, Vize-Weltmeister im Waveriding, zur Verfügung. Um auch in Hookipa auf das Podium fahren zu können, verbringt der 28-jährige Spanier mittlerweile die Wintermonate auf Maui. Der Beinahe-Weltmeister von 2015 kommt stundenweise zum Testen der Wavesegel "Hero" und "Volt" nach Kanaha. Victor, Tester Jeff und Kai stehen diskutierend vor einem 4,7er-North-Prototypen des Modelljahres 2017. Währenddessen läuft Dave Ezzy vorbei und vielleicht 50 Meter entfernt lässt Robert Stroj (Segeldesigner von NeilPryde, die Red.) mit seiner Testmannschaft ein NeilPryde-Testsegel rotieren – das sieht nicht gerade nach Geheimniskrämerei unter den Segelmarken aus.

"Robert verfolgt doch mit seinen Segeln ein ganz anderes Konzept," entgegnet Kai. Die beiden kennen sich schon lange, in der Vergangenheit war Kai es, der Robert zu damaligen ART-Zeiten in ein Computer-Schnittprogramm eingearbeitet und Plotter installiert hat. Man hilft und respektiert sich untereinander. Sogar Seriensegel werden untereinander getauscht, damit der jeweils andere erst gar nicht in den Shop laufen muss, um ein Segel der anderen Segelmarke kaufen zu müssen und es dann im Vergleich zum eigenen Produkt testen zu können.

Es stellt sich die Frage, ob heutige Segel überhaupt noch verbessert werden können. "Na klar gibt es existierende Segel, die die 100 Prozent erreicht haben. Das Limit vom bestehenden Konzept ist auch mal erreicht. Unser WARP 9,0er-Segel ist das aktuell vielleicht beste Slalomsegel am Markt. Dann muss man auch andere Wege gehen, einem anderen Fokus nachgehen, um es noch schneller zu machen", erzählt Kai. So kapselt er sich auch mal für zwei Wochen von seinen Testern und Teamridern ab, um sich von diesen erst gar nicht beeinflussen zu lassen und geht im wahrsten Sinne eigene Wege. Im Hafen von Maui testet Kai über zwei Wochen hinweg – allein – Slalomsegel. "Ich gehe damit zwei Schritte zurück, um dann hoffentlich drei Schritte nach vorne machen zu können."
Erfolgreiche Schritte vom Segeldesigner Kai Hopf sind es, die die Basis für unzählige Siege und Titel bilden und mit denen die Marke North Sails am Markt schon über Jahrzehnte erfolgreich ist.

Du hast mit dem Nähen von eigenen Segeln in Australien sehr gutes Geld verdient. Was um Himmelswillen hat dich dann dazu bewogen, den Job bei North Sails für – wie du sagst - 72 Cent die Stunde anzunehmen?
Na, das Gesamtpaket gab ja mehr als 72 Cent die Stunde her: Ich wollte neue Prototypen entwickeln und da hatte ich damals als nur kleine Firma keine Möglichkeit dazu, denn ein Zugang zu Fahrern war nicht gegeben und Ressourcen habe ich auch nicht gehabt. North Sails hat da ganz andere Voraussetzungen.

Wobei du für eine Firma in Deutschland beziehungsweise Österreich arbeitest und in Euro bezahlt wirst. Ist die aktuelle Euro-Schwäche insbesondere für dich hier auf Maui ein Desaster?!
Ja, das bedeutet für mich geringere Bezüge. Aber auf der anderen Seite war es für einige Jahre auch gut gewesen. Nun müssen Budgets angepasst werden.

Viele "hervorragende" Feedbacks gibt es für deine Segel. Sind schlechte Testergebnisse schon eine persön­liche Beleidigung?
Schlechte Testergebnisse sind vielleicht wichtiger als gute Resultate. Denn die schlechten Ergebnisse zeigen deutlich die falsche Richtung auf.

Mal weg von einer falschen Richtung. Woher kommt deine Motivation? Auch durch diese Testergebnisse?
Das Beste an diesem Job und für diesen Teil des Lebens ist doch, je mehr du lernst, desto mehr realisierst du auch, wie wenig du eigentlich weißt.  

Bleiben wir bei dem, was man weiß. Testresultate betrachten die Performance vom Produkt. Inwieweit wird ein Segeldesign von anderen Ausstattungsdetails wie Board oder Finne beeinflusst?
Moderne Segel funktionieren nicht wirklich auf älteren Boards. Umgekehrt verhält es sich genauso. Das ist der Grund, warum Boards und Segel zusammen entwickelt werden müssen. Mein Team ist in der Segelentwicklung beteiligt, genauso wie sie in der Boardentwicklung involviert sind. Also bewegt sich alles nach vorne.

Ist Windsurfen heute vielleicht zu kompliziert geworden?
Ich denke nicht, dass Windsurfen zu kompliziert geworden ist. Der Sport ist mit Freestyle und mittlerweile fünf Arten von Racing größer geworden. Das alles zu kommunizieren ist aber eine andere Frage. Ich denke eher, dass ein klarer, einfacher Einstieg in den Sport fehlt.

Wie lautet dein Ansatz?
Die Windsurf-Industrie sollte sich zusammensetzen und ein One-Design-Konzept entwickeln. Das Board könnte in Polypropylen oder Verbundbau produziert werden und für das Segel gibt es eine Schablone. Das wäre dann der billigste Segelsport, denn warum sollte man es nicht schaffen, für 699 Euro komplett für Clubs und Schulen so ein Paket anzubieten. ‚Komplett‘ heißt, Fünf-Latten-Segel, Epoxy-Mast, Alu-Gabel und Board. Und in den Schulferien gibt es Ranglistenregatten und ein Schüler ist dann in der Bayrischen Liga auf dem 20. Platz…    

Wie häufig gehst du zum Windsurfen?
Das hängt davon ab, wieviel Segel zu testen sind. Dazu kommt die "Maui Slalom Series" und die Monate Januar und Februar mit ansonsten kaum Windsurfern auf dem Wasser.

Zum Abschluss doch noch eine Frage abseits des Segeldesigns. Du gehst testen in einem Hafen, in dem bekanntermaßen ein großer, alter Tigerhai zuhause ist. Kai, bist du lebensmüde?
Ach, ich habe doch viel mehr Angst davor, von einem anderen Autofahrer, der gerade mit seinem Smartphone beschäftigt ist, angefahren zu werden, als es mit einem großen Fisch zu tun zu bekommen.

© John Carter
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