Interview mit Matteo Iachino

10.03.2017 Tobi Weidekemper - Der Königsmörder: Albeau oder Dunkerbeck – 16 Jahre lang gab es nur diese beiden Namen an der Spitze der PWA-Jahresrangliste im Slalom. 2016 hat der Italiener Matteo Iachino den Bann gebrochen und macht einer ganzen Generation von jungen Racern Mut. Dabei hatte er im letzten Jahr den Titel schon fast in der Tasche und gab ihn auf der Zielgeraden doch noch aus der Hand.

© John Carter/PWA
Matteo Iachino
Matteo Iachino

Matteo Iachino beendete dieses Jahr die Ära Albeau und holte sich seinen ersten WM-Titel im Slalom. Dabei hatte er auch im letzten Jahr schon eine Hand am Pokal, doch beim letzten Event der Saison stand der Italiener damals völlig neben sich. 2016 lief es besser. Wir haben den neuen Weltmeister getroffen und gefragt, was jetzt anders war.

Matteo, herzlichen Glückwunsch zum WM-Titel! Du bist dieses Jahr wie schon 2015 als Führender in den letzten Event gegangen, dieses Mal hast du dann den Titel auch nach Hause gefahren. Woran lag es?
Erstmal daran, dass es in La Torche keine Rennen mehr gab (lacht). Aber der größte Vorteil war, dass ich schon mal in dieser Situation war und den Druck erlebt habe. Letztes Jahr war für viele Dinge eine Premiere: Der erste Event-Sieg, das erste Mal die Tour angeführt, das erste Mal die Chance auf den Titel. Das war sehr großer Druck, auch weil man dadurch in den Fokus rückt, Interviews geben muss und so weiter. Da muss man mit umgehen können, und das konnte ich damals noch nicht. Daran bin ich aber gewachsen, bin viel entspannter geworden. Ich denke nicht nur ans Windsurfen und die Tour. Um richtig gut zu sein, brauchst du auch andere Dinge, aus denen du die Energie für die Rennen holst.

© John Carter/PWA
Podium beim Mercedes Windsurf World Cup Sylt 2016
Podium beim Mercedes Windsurf World Cup Sylt 2016

Woher bekommst du diese Energie, was hast du im Gegensatz zum vergangenen Jahr geändert?
Ich gehe viel Wellenreiten und bin mit dem Fahrrad unterwegs, verbringe Zeit mit meinen Freunden und meiner Freundin – einfach, um nicht nur ans Windsurfen zu denken. Letztes Jahr war zwischen Sylt und Neukaledonien sehr viel Zeit, in der ich nur trainiert habe. Ich war wirklich jeden Tag auf dem Wasser oder im Fitnessstudio, das war einfach zu viel. Training ist wichtig, aber Ablenkung ist genauso wichtig. Dein Kopf muss abschalten können, das habe ich da gemerkt. Das ist nicht leicht, weil man ja mit voller Kraft für etwas kämpft, und Tag und Nacht dafür brennt. Ich bin schon viel besser darin geworden, das hat mich vor den wichtigen Rennen viel entspannter und selbstsicherer sein lassen.

Hat dein Wechsel von Fanatic/North zu Starboard/Point-7 auch was mit deiner Selbstsicherheit zu tun?
Ich habe vorher alles getestet, aber erst im Rennen weiß man, wie gut das Material wirklich ist. Jetzt weiß ich, dass ich in allen Bedingungen konkurrenzfähig bin. Ich hab vor keinen Bedingungen Angst, und das ist das beste Gefühl was man haben kann. Ich weiß, mein Material funktioniert gut, alles ist bereit, ich habe gut trainiert und alles getan.

Das Point-7-Team wirkt sehr familiär, spielt das auch eine Rolle?
Ich bin schon lange mit Andrea Cucchi (Besitzer von Point-7, die Red.) befreundet, er hat mich zum Slalom gebracht und war mein erster Sponsor. Andrea­ macht eine tolle Arbeit, ist selber im­mer auf dem Wasser. Weil er selber im Slalom startet, weiß er, wie das ist – Rennen fahren, am Strand warten, der Druck. Es ist toll einen Boss zu haben, der das alles kennt, und das schafft diese familiäre Atmosphäre.

Vor allem auf Sylt hat bei dir alles gepasst, dort hast du fast alle Läufe gewonnen, trotz der schwierigen Bedingungen.
Eigentlich hatte ich gedacht, dass das nicht meine Lieblingsbedingungen sind. Vorher war ich noch nie mein 8,6er mit dem großen Board gefahren, immer nur 9,2, damit habe ich mich ein bisschen wohler gefühlt. Als ich dann dort aufs Wasser gegangen bin, fühlte sich plötzlich das 8,6er besser an, damit bin ich dann die ganze Zeit gefahren, voll angepowert, ohne Pumpen und so. Ich hatte gute Starts, gute Beschleunigung, hab die Böen gut genutzt und die Halsen sauber gefahren. Es passte einfach!

© John Carter/PWA
Matteo Iachino (I-140)
Matteo Iachino (I-140)

Ganz vorne bist du vor allem bei leichterem Wind, sind das deine Lieblings-Bedingungen?
Was ich gar nicht mag ist, wenn man nach der Halse pumpen muss, das mag glaube ich niemand. Da gibt es auch Leute, die darin gut sind, aber Spaß macht das nicht. Ich fahre am allerliebsten bei wirklich starkem Wind – wie auf Fuerte. Da musst du mit ganzem Herzen dabei sein und richtig Gas geben, das ist pures Adrenalin. Mit 5,6 oder 6,0 mit den anderen zu fighten, ist das beste was man im Slalom bekommen kann. Du kannst ein bisschen spielen, ein bisschen mehr außen oder innen fahren, das macht echt Spaß solche Rennen zu fahren.

Der Starkwind-Cup auf Fuerte war der einzige Event, bei dem sich Antoine Albeau in normaler Form zeigte. Hast du eine Erklärung, was dieses Jahr bei ihm los war?
Antoine ist ein super Fahrer, das hat er in den letzten 20 Jahren gezeigt. Natürlich fühlt er sich bei Starkwind am wohlsten, vielleicht funktionierte sein Material bei leichtem Wind in diesem Jahr einfach nicht so gut. Das Level ist so hoch im Moment, da gehört dann auch Glück dazu, nach vorne zu kommen. Das ist dann eine Frage von Sekunden: Wenn du den Start versaust, hast du keine Chance mehr, weil alle im Feld schnell sind. Aber ich bin sicher, er kommt zurück! Ich meine, er ist topfit, er ist konzentriert bei der Sache und sieht nicht alt aus.

Im Slalom sind viele erfahrene Profis vorne dabei, du bist einer der jüngeren. Wie lange surfst du schon, und wo hast du angefangen?
Ich komme aus Savona, einer kleinen Stadt zwischen Genua und Nizza, direkt am Meer. Mein Vater hat mich zum Surfen gebracht, mit elf Jahren hab ich so richtig losgelegt. Vorher war ich Schwimmer, aber dann wollte ich lieber surfen. Ich surfe jetzt seit 15 Jahren, und versuche jeden Tag irgendwie aufs Wasser zu kommen. Im Herbst, Winter und Frühling ist es zuhause richtig gut, in der Schule bin ich das ganze Jahr über rausgegangen, im Sommer habe ich als Windsurf-Lehrer gearbeitet. In den letzten fünf Jahren konnte ich dann den Winter im Warmen verbringen, auf den Kanaren oder Hawaii.

Wie sieht dein Training aus?
In den letzten Jahren war ich im Winter immer auf Teneriffa, bei den Trainingscamps von TWS. Da ist ein fest installierter Kurs, mit Trainern auf dem Boot. Wir trainieren da in allen Bedingungen zwischen zehn und 45 Knoten Wind, machen 20 Starts am Tag, also 80 in der Woche. Das ist echt angenehm, man lebt ganz nah am Strand, muss nur aufriggen und kann direkt racen – und man sieht ja, dass es was bringt (lacht).

Du warst auch bei den Demo-Rennen im Foiling auf Sylt dabei. Wie siehst du die Zukunft? Kommt das in der PWA?
Nächstes Jahr wird es wohl erstmal nur mehr Demo-Rennen geben, bei fast allen Events. Wir müssen das innerhalb der PWA noch entscheiden, wie wir da weitermachen, ob das in echten Bedingungen wirklich schneller ist. Im Moment ist das noch nicht perfekt entwickelt, da gibt es noch viel mehr Potenzial. Aber es wird kommen, wenn nicht in zwei Jahren, dann in drei oder fünf. Das ist die Zukunft der Leichtwind-Rennen!

Wird es dann Spezialisten geben oder sind die Slalom-Fahrer in beiden Disziplinen am Start?
Ich denke, die Slalom-Piloten werden dann zweigleisig fahren. Wenn Foiling wirklich besser ist als Leichtwind-Slalom, warum sollte man dann nicht beides machen? Sonst müssen wir pumpen und es sieht einfach nicht gut aus, warum dann nicht mit dem Foil auf den Slalom-Kurs gehen und die ganze Zeit gleiten, und wenn es windig ist, auf das normale Zeug wechseln? Am Ende will doch jeder surfen und sehen, wer der Schnellere ist. Das ist der Reiz beim Slalom, und das Gleiche kriegt man beim Foiling. Man pumpt nur ein bisschen, hebt ab und los geht’s. Im Moment ist das noch sehr technisch, aber mit weiterentwickelten Foils und Flügeln wird das immer leichter, dann kann es jeder machen.


© Basti Ulrich
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