Interview mit Ricardo Campello

31.07.2017 Graham Ezzy - Mit 18 dominierte Ricardo Campello das Freestyle, gewann drei WM-Titel und erfand reihenweise neue Manöver. Dann schmiss er entgegen aller Warnungen alles hin und wurde Waverider. Heute gehört er zu den Wellen-Ikonen – und steht trotzdem ohne Sponsoren da.

© John Carter/PWA
Ricardo Campello
Ricardo Campello

Einen festen Termin mit Ricardo Campello zu vereinbaren ist quasi ein Ding der Unmöglichkeit. Damit ihr dieses Interview mit ihm jetzt lesen könnt, waren ziemlich viele Erinnerungs-Mails und penetrante Anrufe nötig und als ich ihn endlich an der Strippe hatte, war Ricardo mit dem Auto irgendwo im venezuelanischen Verkehrschaos unterwegs. Unsere Konversation wurde dementsprechend immer mal wieder von wildem Gehupe unterbrochen.

Ricardo – was soll man über ihn sagen: Er hasst den Geruch von Gurken und kann singen wie eine Nachtigall, leider traut er sich meist nie! Vermutlich ist er der einzige Mensch, bei dem ich, auch wenn ich wüsste, dass er was getrunken hätte, keine Angst hätte, im Auto mitzufahren. Seinen Geburtstag feiert er immer während des Wave-Worldcups in Pozo – er lädt jeden einzelnen Fahrer ein, zu kommen.  In den frühen 2000ern dominierte er die junge Freestyle-Disziplin, wurde drei Mal nacheinander Weltmeister und hat in dieser Zeit wahrscheinlich so viel Preisgeld verdient wie niemand sonst auf der Tour.

Ein beträchtlicher Teil davon ging allerdings wieder für Strafen drauf, niemand wurde öfter von der PWA verdonnert als er. Fast immer, weil er während Heats von anderen Fahrern in der Contestzone herumsurfte – manchmal unabsichtlich, manchmal nicht. Er war der Erste, der den Dreifachloop ernsthaft versucht hat, die Liste seiner Manöverkreationen ist endlos: Chachoo, Shaka, Voltwater, Reverse, Funnell und so weiter. Als er damals mit dem Freestylen aufhörte, um im Waveriding an den Start zu gehen, prophezeiten ihm viele, er würde scheitern. Heute ist er eine der Ikonen dieser Disziplin und der vielleicht spektakulärste Fahrer auf der Tour.

Ricardo, wo bist du?
Ich bin im Auto unterwegs. Muss ein Ersatzteil für mein Boot kaufen, um auf dem Weg von der Isla Margerita nach Los Roques nicht liegenzubleiben. Die Überfahrt dauert schließlich neun Stunden. Wird das ein langes Interview?

Das kommt ganz drauf an...
Je länger desto besser. Komme ich aufs Cover? Ich müsste dringend mal wieder aufs Cover!

© Julia Cordier
Ricardo Campello: "Der vielleicht höchste Sprung meines Lebens. Leider war das Board nach der Landung im Himmel”
Ricardo Campello: "Der vielleicht höchste Sprung meines Lebens. Leider war das Board nach der Landung im Himmel”

Wie ist die Lage derzeit in deiner Heimat Venezuela?
Es ist gerade nicht die beste Windzeit, aber es gibt fast immer Wellen

Das meinte ich nicht! Eher die politische Lage...
Venezuela ist am Arsch! Die Korruption macht alles kaputt, es gibt keine Medikamente, es gibt Engpässe bei Nahrungsmitteln. Zum Glück bekomme ich meinen Sold in US-Dollar und auf dem Schwarzmarkt ist alles sehr günstig. Aber die normalen Einheimschen müssen stundenlang anstehen, um Milch, Reis oder Zucker zu kaufen. Der Durchschnittslohn ist 38 Dollar pro Monat – inklusive Essens-Gutscheine.

Trotzdem hört man relativ wenig von Widerstand. Geht bei euch niemand auf die Barrikaden?
Doch, es gibt Opposition und viele Proteste, aber die Regierenden kümmert das nicht, sie sind damit beschäftigt, immer reicher zu werden. Die Regierung hängt im größten Drogenkartell des Landes mit drin. Kürzlich wurde entdeckt, dass der Neffe der "First Lady" seinen Privatjet für Drogentransporte verwendet hat. Dem Vizepräsidenten sagt man Verbindungen zum IS nach. Hast du das mitbekommen? Was soll man von solchen Leuten erwarten?!

Wie alt warst du, als du mit deiner Mutter nach Venezuela gezogen bist?
12. Vorher lebten wir in Rio de Janeiro.

© Fish Bowl Diaries
Ricardo Campello
Ricardo Campello

Man sagt, du hättest immer eine venezuelanische Flagge im Gepäck...
Ich verdanke diesem Land einfach so viel! Auch wenn das Land gerade vor die Hunde geht, ist es doch noch immer das wundervollste Land der Welt. Am Anfang war es schwierig – ich wollte nicht weg aus Rio und sprach kein Spanisch und kein Englisch. Aber mit der Zeit ging es besser. Ich war schon fast überall auf der Welt, aber hier ist es am schönsten: Es gibt paradiesische Inseln, Schnee, Dünen, Dschungel, Öl und Gold. Eigentlich gibt es hier alles, was man braucht, um erfolgreich und glücklich zu sein. Umso trauriger ist es, dass unsere Regierung den Karren immer weiter in den Dreck fährt. Sozialismus funktioniert einfach nicht! Die Leute hier arbeiten so hart und werden immer ärmer. (hupt)

Letztlich wäre deine Karriere ohne den Umzug nach El Yaque nicht so verlaufen, oder?
Auf keinen Fall! In Rio lebten wir am Strand und direkt vor unserer Tür fanden jedes Jahr die Contests der World Surf League (WSL) statt, bei der die besten Wellenreiter der Welt um fettes Preisgeld kämpften. Auch damals fand ich Windsurfen schon cool, aber ich hatte nicht oft die Gelegeneit dazu. Erst in Venezuela kam der Stein ins Rollen.
(hupt) Ich erinnere mich an das El Yaque meiner Kindheit, da waren 400 Windsurfer auf dem Wasser. Als ich 14 war sorgte Local Diony Guadagnino gerade für Aufsehen, er wurde "King of the Lake" am Gardasee. Das war die Zeit, in der ich erkannte, dass ich eventuell auch ganz gut darin werden könnte.

Du galtest schnell als Wunderkind und gingst auf die PWA Tour. Was sind deine ersten Erinnerungen an Europa?
Das war 2001 und ich erinnere mich an absolut gar nichts – nur an die Kälte. Es war so kalt! Ich hatte damals ziemlich wenig Sinn für Dinge außerhalb des Windsurfens, ein Sightseeing-Trip war damals für mich so weit entfernt wie der Mond. Ich war einfach ein kleiner Junge, der alleine reiste und außer Windsurfen nix in der Birne hatte.

Du warst damals gerade mal 15. Hast du die Schule einfach geschmissen?
Ja. Ich durfte per Sondergenehmigung zwei Wochen fehlen. Als ich drei Monate später zurückkam, war das Thema durch.

© Fish Bowl Diaries
Ricardo Campello: "Ich hatte per Sondergenehmigung zwei Wochen schulfrei bekommen. Drei Monate später kam ich zurück”
Ricardo Campello: "Ich hatte per Sondergenehmigung zwei Wochen schulfrei bekommen. Drei Monate später kam ich zurück”

Hast du damals alles auf eine Karte gesetzt, um Profi zu werden?
Als ich 2001 in Europa war, traf ich Martin Brandner (Chef von JP-Australia, die Red.) und er sagte mir, ich solle mit nach Maui kommen, um beim Fotoshooting mitzumachen. Er gab mir auch meinen ersten Vertrag.

Würdest du aus heutiger Sicht gewisse Dinge anders machen?
Ja, ich würde mein Geld besser zusammenhalten. Damals war ich jung und verdiente plötzlich, mit 15, eigenes Geld. Damals wollte ich alles kaufen, was man sich eben gerne so kauft.

Was war das Dümmste, das du dir jemals geleistet hast?
Es war keine Vollkatastrophe, einfach Spielereien, Computer, iPhones und so‘n Zeug. Aber man hätte es besser machen können.

Du wurdest als Freestyler berühmt und hast irgendwann damit einfach aufgehört, um beim Waveriding nochmal bei Null anzufangen. Warum?
Ehrlich gesagt war Wavesurfen schon immer mein Traum gewesen. Ich hatte keinen Bock mehr auf Freestyle, auf das Training, auf die Spots, auf die Contests. Ich habe es die letzten zwei Jahre nur noch gemacht, weil meine Sponsoren es wollten.

© John Carter/PWA
Ricardo Campello beim Aloha Classic
Ricardo Campello beim Aloha Classic

Dein Boss war sicher "not amused" als du deinen Abschied verkündet hast, oder?
Mein Chef, JP-Boss Martin Brandner, hat damals nicht an mich geglaubt! Er sagte, ich hätte kein Talent in Wellen, käme schließlich von einem Flachwasserspot und sollte es besser bleiben lassen. Viele haben mir prophezeit, dass ich scheitern würde und meine Karriere aufs Spiel setze. Aber letztlich habe ich alle überzeugt. Schon 2005 wurde ich in Pozo Dritter in der Welle. 

Trotzdem war es riskant, einfach hinzuschmeißen. Schließlich warst du damals im Freestyle im Prinzip unschlagbar und hättest weiterhin gutes Geld verdient.
Ja, eigentlich war ich unschlagbar. Mit 18 trat ich allen Etablierten in den Hintern und wurde erstmals Weltmeister. Ich hatte ein paar Moves in der Tasche, mit denen du den Contest gewonnen hast. Und ich war relaxt und selbstbewusst.

Bei Wave-Events blieb dir der große Triumph bisher vergönnt. Was fehlt?
Ich versuche immer noch, jene Mischung aus Selbstbewusstsein und Entspanntheit in meinen Kopf zu bekommen wie damals. Damals war ich mir sicher "keiner kann mich schlagen" und am Ende war es so. Aber mein Level in der Welle wird immer noch jedes Jahr besser und daher bleibe ich optimistisch.

Mittlerweile bist du in der absoluten Weltspitze angekommen. Trotzdem stehst du ohne Sponsoren für die neue Saison da. Wie kann das sein?
Alles ist auf Stand-by. Ich verhandle aktuell mit Point-7 und es sieht gut aus, dass ich wieder für sie fahre. Bei meinem Boardsponsor Patrik stehen die Zeichen eher auf Trennung.

© John Carter/PWA
Ricardo Campello beim Aloha Classic
Ricardo Campello beim Aloha Classic

Warum?
Ich mag die Boards. Aber (zögert), ich weiß auch nicht. Es ist vielleicht nicht ratsam jetzt darüber zu sprechen. Letztlich wird passieren, was passieren muss. Im Spanischen gibt es ein Sprichwort:  "No hay mal que por bien no venga.” Es bedeutet so viel wie: "Aus allem Schlechten entspringt etwas Gutes". Wenn ich keine Sponsoren finde, muss ich eben andere Dinge machen, Reisen, meinen Horizont erweitern.

Hast du einen Plan B in der Tasche?
Ich habe keine Ahnung, was ich machen würde, wenn ich nicht Windsurf-Pro geworden wäre. Absolut keine Ahnung. Mit einem guten Freund schieben wir gerade ein Projekt an, das die lateinamerikanische Wirtschaft ein wenig ankurbeln könnte. Über eine Online-Plattform wollen wir lateinamerikanische Produkte vertreiben und haben mittlerweile ein Warenlager in Miami.

Du giltst im Fahrerfeld als manchmal ziemlich aufbrausend und bockig. Ist es vielleicht deine große Schwäche, dass dir manchmal etwas Professionalität fehlt?
Ja, manchmal lasse ich meine schlechte Laune nach Niederlagen an den Judges aus und bin kein guter Verlierer. Aber es ist hart – man fühlt sich gut, das Material passt, man hat trainiert und dann kommt man im Heat mit 5,6er und 95-Liter-Board nicht ins Gleiten, weil der Contest auf Teufel komm raus durchgeprügelt wird, um ein Ergebnis zu bekommen. Auf Sylt ist mir das passiert. Das hat mit fairem Wettkampf nichts zu tun, es ist eher Glücksspiel. (hupt)

© John Carter/PWA
Egal ob beim Aloha Classic oder im Siam Park auf Tenerifa (Foto) – Ricardos Crashes sind legendär. 
Egal ob beim Aloha Classic oder im Siam Park auf Tenerifa (Foto) – Ricardos Crashes sind legendär. 

Sehnst du dich manchmal nach einem bodenständigen Dasein?
Ja, manchmal schon, denn unser Lebensstil ist sicher nicht normal. Meistens bereue ich es, wenn ich wieder mal am Flughafen stehe und mit den Airlines über mein Übergepäck streiten muss (lacht) und weiß, dass ich drei Monate weg von zu Hause sein werde. Ich habe so viele Hochzeiten von Freunden verpasst, das ist nicht gut.

Wie kommt deine Freundin mit deinem Weltenbummler-Dasein klar?
Puh, venezuelanische Frauen sind echt sehr eifersüchtig und besitzergreifend, was sich nicht immer gut mit der Reisefreudigkeit eines Windsurf-Pros verknüpfen lässt. Aber was soll man machen, die schönsten Frauen der Welt gibt es nun mal in Venezuela.

© John Carter
Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 4/2017 können Sie in der SURF App (iTunes und Google Play) lesen – die Print-Ausgabe erhalten Sie hier.
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