Interview mit World Cup Profi Amado Vrieswijk

31.03.2017 reemedia - Die Freestyle-Insel Bonaire hat ihren nächsten Weltmeister-Kandidaten kreiert. Der 20-jährige Amado Vrieswijk gab den Titel im letzten Heat beim Worldcup auf Sylt noch aus der Hand. Doch dem blonden Modellathlet gehört die Zukunft und er ist nicht nur ein exzellenter Freestyler, er greift nun auch im Slalom und sogar in der Welle an. Wir trafen Amado kurz vor dem Worldcup auf Sylt.

© John Carter/PWA
Amado Vrieswijk
Amado Vrieswijk

"Wow" denken wir beim Anblick eines "Pushloop-Shiftys" in einem kurzen Actionvideo, hochgeladen in eines der sozialen Netzwerke – irgendwann im vergangenen Winter. Da sticht doch mal ein Rider selbst aus der Ansammlung von Top-Freestyle-Worldcuppern hervor. Amado Vrieswijks Segelnummer NB-20 ist für viele noch ein bisschen ungewohnt. Doch die ungeheure Dynamik, mit der er schwierigste Moves in den Himmel zaubert, lässt nicht nur uns ehrfürchtig staunen und uns eben in diesem vergangenen Winter eine gute Vorahnung geben, dass der Profi mit der JP/Severne-Kombi vor dem absoluten Durchbruch an die Spitze im Freestyle steht

Klar, auf der Karibik-Insel Bonaire gibt es diese Never-Ending-Story von regelmäßig neuen Freestyle-Talenten. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich Bonaire auch dank der mit ganzjährig vorherrschenden Leicht- bis Mittelwindbedingungen und heimischen Top-Freestylern auf Weltklasseniveau zum Tricksurf-Mekka entwickelt. Die Leidenschaft fürs Windsurfen entdeckte Amado bereits im Alter von sieben Jahren. Seine Eltern kauften ihm ein Waveboard und 2,3er-Segel und ohne Unterricht brachte er sich die ersten Moves bei. Seine Eltern fuhren ihn so oft wie möglich zum Sorobon Beach und damit zu dem – für ihn – weltweit schönsten Windsurfbeach.

 "Ich war von den Moves, die Kiri Thode schon damals auf das Wasser zauberte, begeistert und eiferte ihm nach, oder besser, ich war infiziert!" Fortan war Amado nur noch gemeinsam mit Kiri zu allen Sessions unterwegs. Vier, fünf Mal die Woche geht’s auf der Insel aufs Wasser. "Durch diese vielen Freestylesessions mit Kiri habe ich schnell und effektiv gelernt", leuchten seine Augen im Gespräch. Amado lernt damals angesagte Moves wie Spock, Spock-540, Grubby, Flaka … rasend schnell und "arbeitet" sich eben an das Top-Niveau von Kiri, Taty, Tonky … heran. Viel Temperament und eine große Lebensfreude gehören zu den Zutaten dieser "Caribbeans", die auch beim mittlerweile 20-jährigen Amado sofort zu spüren ist. "Er ist zwar sehr verspielt und trotzdem so sehr auf seine Ziele fixiert", bringt JP-Teamkollege und Kumpel Marco Lufen sofort mit ein, "er will den WM-Titel und weiß, dass er dafür aber nicht "nur" bei klinischen Bedingungen auf Bonaire zu trainieren hat!"

Amado ist tatsächlich viel unterwegs. Holland, Spanien, Maui/Hawaii, Kapstadt, Brasilien stehen hierfür auf seiner Agenda. Auf Bonaire sind die angesagtesten Freestylesegel mit 4,8 und 5,3 für Leicht- bis Mittelwind so groß, was aber an Worldcup-Schauplätzen häufig nicht erste Wahl ist. Genau dieses ist ihm nicht nur klar, sondern er verfolgt es mit so einer Stringenz, wie es eben nur Winner-Typen machen, die es unbedingt ganz nach oben auf das Treppchen schaffen wollen. Auf Gran Canaria fährt er dann über Wochen hinweg die ganz kleinen Segel und mit "unheimlich viel Talent lernt er so schnell die ganz schwierigen Moves auch in den Hardcore-Spots nicht nur zu stehen, sondern zu zelebrieren!", führt Marco Lufen weiter aus. "Niemand duckt so sicher, niemand steht dazu so perfekt …, er steht so nahe dabei, mit so viel Boardgefühl bei allen Bedingungen am Brett!" erzählt er begeistert weiter, "sein Body ist mit purer Kraft ausgestattet, ein kleiner Bulle ist er!"

Ist es bei euch auf der Insel so, dass alle nachkommenden Kids so derart von den "Großen" beeinflusst werden?
Beeinflusst, um überhaupt auf dem Wasser mit dem Freestyle anzufangen. Ja klar, aber noch mehr. Die besten Freestyler waren damals Taty, Tonky und Kiri, und der Style der drei Jungs hat einen starken Einfluss auf mich gehabt. Taty hat den powervollsten Stil, Tonky hat den vielleicht "besten" Stil und Kiri steht alle Moves in perfekter Manier. Kiri hat mich immer stark inspiriert. Mit Youp Schmit habe ich mich jahrelang gematcht, wir haben einen permanenten – internen – Wettbewerb gehabt, aber irgendwann bin ich an ihm vorbeigezogen. Aber auch abseits des Wassers hat in den Anfängen vor allen Dingen Kiri den größten Einfluss auf mich gehabt.


"Ich kenne Amado noch nicht lang, doch habe ich ihn von Anfang an als einen sehr sympathischen ruhigen Menschen erlebt, der hart dafür arbeitet, seine Träume zu erreichen..." (Leon Jamaer, JP-Teamkollege)


Das war auch beim Motocross und Quad fahren so?
Ich habe Stunts auf den Dingern gemacht, also Wheelies, fahren auf dem Hinterreifen, 360er… Das sind wilde, schnelle Sachen gewesen.

Womit wir bei Taty Frans angekommen sind.
Taty hatte Angst um mich bekommen, hat eindringlich auf mich eingeredet, woraufhin ich mit Quad fahren und Motocross aufgehört habe. Durch Taty begann ich, das Windsurfen ernsthafter anzugehen. Er begann mich zu coachen, hat mir bei Sponsorendeals geholfen und Ratschläge bei Themen wie Ernährung, Body-Workout und viel mehr noch in Sachen Slalomboard und Riggtuning gegeben.

Also früher Motocross mit 140 Sachen auf Bonaires asphaltierten Straßen und heute – ersatzweise – Vollgas auf dem Slalomboard?
Ja, Speed steckt mir im Blut! Und Slalom hat die gefährlichen Sachen auf der Straße abgelöst. Weißt du was, im Slalom habe ich mittlerweile einen guten Speed, es macht mir viel Spaß und ich muss nur noch mehr Erfahrungen in dieser Disziplin sammeln.

Ein Spaß war es für uns auch den Livestream vom Slalom-Worldcup auf Fuerteventura zu verfolgen. War es für dich auch Spaß bei über 40 Knoten den Kurs zu "bewältigen"?
Auf Fuerte war ich mit dem 6,2er völlig angeballert, das war kein Spaß mehr. Selbst ein Antoine Albeau fuhr sein 5,6er offen. Das war bei mir eher ein "Tailwalking" beziehungsweise ein gefühltes Foilboarden, weil die Finne kaum noch Wasserkontakt hatte. Unglaublich!

© John Carter/PWA
Amado Vrieswijk auf dem Weg zum Rennen.
Amado Vrieswijk auf dem Weg zum Rennen.

Dann sehnst du dich nach den auf Bonaire obligatorischen 10 bis 20 Knoten Wind zurück.
Auf Bonaire fahren wir viel mit dem 7,9er und 8,6er Slalom, aber gelegentlich auch mal bei mehr Wind.

Kumpel Ruben Petrisie meldet sich energisch zu Wort, "Amado, erzähl doch nicht so einen Quatsch, bei mehr als 20 Knoten gehst du doch niemals mit dem Slalomzeug raus!".
Ach ja, stimmt. Allein gehe ich auf dem Slalomboard nicht raus, das ist so ziemlich das Langweiligste auf der ganzen Welt.

Die Mischung aus Speedjunkie und ungefähr 100 Tagen im Jahr auf dem Slalomboard ergibt was in der Zukunft?
In fünf Jahren möchte ich unter den Top Ten im Slalom-Worldcup fahren.

Das ist eine Ansage. Ist deine Heimatinsel Bonaire für dich mit deinem Level noch der richtige Platz zum Trainieren? Wir reden über Slalom-Events, die auch mal bei mehr Wind ausgetragen werden und eine Disziplin Freestyle, die sich weg von den "Basic-Moves" wie Spock-540, Flaka und so weiter entwickelt hat.
Auf Bonaire kann man perfekt Sliding-Moves trainieren, und wenn wir mal Wellen und mehr Wind haben, dann können wir Jumps trainieren. Aber richtig, auf Bonaire bin ich nur noch von Dezember bis März, also etwa drei Monate im Jahr. An ungefähr 250 Tagen im Jahr gehe ich aufs Wasser, wobei vielleicht 40 Tage in der Welle dabei sind. Ja, im Wave habe ich noch das größte Defizit.

Dein Boardquiver gibt immerhin auch ein einziges Waveboard her.
Ja, das Waveriding ist bei uns auf der Insel so gar nicht möglich. Jumps ja, aber kein Waveriding. Insbesondere im Wellenabreiten habe ich bislang nur wenig Erfahrungen sammeln können. Genau deswegen geht es im kommenden Winter nach Mauritius, Kapstadt oder Australien, um das Gefühl vom richtigen Wellenabreiten kennenzulernen.


"Was wir von ihm auf Hawaii an Freestyle in der Welle gesehen haben, war ein echter "Eye Opener" – das könnte das professionelle Waveriding revolutionieren." (Martin Brandner,  JP-Australia)


Martin Brandner vom Boardsponsor JP-Australia stellt sich nun hin und sagt, dass du das "professionelle Waveriding revolutionieren" kannst.
Es gibt in der Disziplin Wave nur mehr oder weniger acht verschiedene Jumps, was doch recht limitiert ist. Und mein Ziel ist es, noch wesentlich mehr Freestyle auf der Welle einzubauen. Wobei – wenn wir gerade beim Thema sind – den "Double Air Culo" habe ich erfunden, das ist mein Signature-Move.

Bleiben wir bei den Power-Moves, die mit Highscores von den Judges benotet werden.
Ja, das sind der eben gezeigte Double Air Culo, der Shifty, der Pasko und noch ein paar mehr. Dazu gilt es, diese eben noch ein bisschen höher und stylischer zu machen. Im Heat, versteht sich! Denn so Jungs wie Gollito und Dieter van der Eyken fahren frei schon ganz gut, im Heat sind sie aber noch stärker als im freien Fahren.

Der Shifty ist der vielleicht angesagteste Highscoring Power-Move. Aber diesen Move fährt aber nur eine Handvoll Rider – was macht diesen spektakulären Move aus?
Richtig, neben mir sind das Nicolas Akgazciyan, Steven van Broeckhoven, Yentel Caers und Gollito. Aber bei recht glatten Wasserbedingungen mit wenig Chop. Beim Double-Finale und anschließend im Super-Finale gegen Yentel Caers auf Fuerteventura bin ich dann nur noch den Shifty gesprungen. Vielleicht war das der Unterschied. Ich glaube, dass andere Freestyler zwar auch den Shifty stehen, aber nur bei mehr Chop oder Welle. Und was den Shifty ausmacht? Ich habe beim Windsurfen nie Angst. Aber, wow, das Ding ist zumindest Angst einflößend, in einer Phase des Moves befindest du dich unterm Equipment. Ach und der Kono-Forward ist genauso "scary".

© John Carter/PWA
Der Shifty (oben links) war für Amado auf Fuerte der Winner-Move. Er ist einer der wenigen Freestyler, der ihn sicher steht. 
Der Shifty (oben links) war für Amado auf Fuerte der Winner-Move. Er ist einer der wenigen Freestyler, der ihn sicher steht. 

Da sind wir beim Thema, was die Top Five im Freestyle ausmacht. Was braucht es, um auf das Podium zu fahren?
Das sind eben diese schwierigsten Moves. Wer kann sie überhaupt springen und wenn ja, in welchen Bedingungen, wie hoch, wie stylisch? Außerdem nehme ich seit meinem achten Lebensjahr an Wettbewerben teil. Je größer deine Erfahrung ist, desto besser. Denn wenn du nur einen Fehler machst, dann bist du draußen."

Stichwort "draußen". Du bist rund ein halbes Jahr quer durch Europa im eigenen Wohnmobil unterwegs. Dein Kumpel Ruben und du habt uns anfangs nicht erlaubt auch nur einen Blick mal hinein zu werfen!
Verdammt, das sieht da drin doch so schlimm aus. Neben dem allgemeinen Chaos ist es so, dass Ruben fürs Kochen zuständig ist und ich für den Abwasch, was eher selten erledigt wird.

Surfschuhe benutzt du wohl eher selten. Kannst du welche überhaupt dein Eigen nennen?
Ein klares nein, weil ich mit Schuhen das Board nicht mehr spüre.

Zu guter Letzt, hast du zu einem Spot in Deutschland eine besondere Beziehung?
Ja, meine Großeltern haben am Chiemsee ein Ferienhaus und dadurch bin ich schon mehrmals dort Windsurfen gewesen.

© John Carter
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