Julien Quentel

27.10.2014 Manuel Vogel - Frankreich ist verrückt! Verrückt nach Slalom. Darum ist Weltmeister Antoine Albeau hier ein König. Doch mit Julien Quentel sägt nicht nur ein Konkurrent an seinem Thron, sondern ein Freund und Trainingspartner.

© John Carter/PWA

Wie geht’s, Mr. SXM-421?
Danke, gut! Die Segelnummer wirkt auf den ersten Blick tatsächlich etwas schräg, aber das liegt daran, dass ich offiziell für Saint Martin Caribbean Islands fahre.

Deine Wurzeln liegen in der Karibik.
Genau, ich bin auf Guadeloupe geboren. Guadeloupe ist ein wunderbarer Ort zum Aufwachsen und auch, um Windsurfen zu lernen. Mein Bruder hat irgendwann mal bei einem Preisausschreiben eine Windsurfausrüstung gewonnen und ich hab damit tagelang im Wasser verbracht. Ich hatte niemanden, der es mir zeigte und es hat lange gedauert, bis ich überhaupt das Segel aus dem Wasser ziehen konnte. Aber ich war eben schon immer  zäh. Meine Mutter konnte mich kaum wieder aus dem Wasser bekommen.

Von der Karibik aus in den PWA Worldcup – das kennt man vor allem von den Freestyle-Pros. Wie hat der Sprung bei dir geklappt?
Als ich neun war, zog meine Mutter mit mir ein paar Inseln weiter, nach St. Martin, weil sie dort als Lehrerin einen neuen Job bekommen hatte. Meine beiden Brüder leben hingegen schon länger in Frankreich und arbeiten in der Bretagne in einem Surfshop. Wer mal in der Gegend ist, sollte im Surfshop Magic Shop in Brest mal vorbeischauen und schöne Grüße ausrichten (lacht). Das war also der Kontakt nach Europa und ich habe die beiden natürlich einige Male besucht. Irgendwann kam der Wunsch auf, Wettkämpfe zu surfen und leider gibt es da auf einer kleinen Karibikinsel nicht wirklich viel, was man tun könnte. Heute verbringe ich die Sommer in Frankreich und im Winter, wenn’s kalt wird, verkrümel ich mich in die Heimat (lacht).

© John Carter/PWA
Slalom-Worldcupper haben’s nicht immer leicht: Um, wie hier auf Sylt vorne mitzufahren, benötigt man viel Surfstuff.
Slalom-Worldcupper haben’s nicht immer leicht: Um, wie hier auf Sylt vorne mitzufahren, benötigt man viel Surfstuff.

2013 warst du Dritter auf der Tour und wirst als Kronprinz von Weltmeister Antoine Albeau gehandelt?
Puh, Antoine dauerhaft zu schlagen und ihn abzulösen ist keine leichte Aufgabe. Ich war im letzten Jahr sehr erfolgreich und manchmal schon nahe dran, aber Antoine ist einfach ein zäher Hund. Er hat so viel Erfahrung und fährt einfach extrem abgezockt und vor allem kons­tant. Es kommt quasi nie vor, dass er mal ein Finale verpasst oder einen Start komplett versaut. Und obwohl er ein schwerer Brocken ist, ist er auch bei wenig Wind sauschnell. Mir persönlich hilft das Training mit ihm sehr viel, man kann viel von ihm lernen.

Antoine, dein Mentor?
Ja, er ist eine Art Mentor für mich. Das Training mit ihm bringt sehr viel und wir profitieren beide davon. Wir haben uns 2001 bei einem Wave-Event in Carro kennengelernt und seitdem bereiten wir uns gemeinsam auf die Saison vor.

Ist er die einzige Konstante in einem Feld, das oft ganz schön durcheinander gewirbelt wird?
Ja, das kann man so sagen! Wenn er im Slalom-Finale steht, dann landet er auch immer weit vorne. Bei den meisten anderen ist die Streuung größer: Wenn ich im Finale der besten acht Fahrer antrete, weiß ich, dass ich Erster werden kann oder Letzter. Das Level ist extrem hoch – du kannst jetzt ein Finale gewinnen und eine halbe Stunde später scheidest du im nächsten Rennen in der Vorrunde aus, wenn du den Start nicht richtig triffst.

© John Carter/PWA
Julien auf der Jagd – hier ist er auf den Fersen von Slalom-Legende Micah Buzianis. 
Julien auf der Jagd – hier ist er auf den Fersen von Slalom-Legende Micah Buzianis. 

Wie wichtig sind Glück, Fahrkönnen und Material, um einen Slalom zu gewinnen?
Zuerst mal musst du fit sein. Jeder, der mal ein Slalomrennen gefahren hat, weiß was ich meine. Es ist ein großer Unterschied, ob du nur schnell hin- und herfährst oder mit sieben anderen um die Wette. Deshalb gehe ich fast jeden Tag ins Fitnessstudio. Natürlich musst du viel Zeit investieren, um dein Material hinzubekommen und die richtige Kombination aus Board, Segel und Finne zu finden. Ich habe da einen richtigen Plan, den ich abarbeite. Wenn ich reise, fliegen acht Boardbags voller Equipment immer mit. Und klar, am Ende brauchst du auch ein bisschen Glück, wenn du mit 70 Sachen über die Startlinie bretterst und betest, dass du bei "Null" drüberfährst und nicht bei "Eins". 

Wenn es so zeitaufwändig ist, jedes Jahr das gesamte Equipment einzustellen und aufeinander abzustimmen, wäre es dann nicht manchmal sinnvoller, einfach zwei Jahre das gleiche Material zu fahren, anstatt den Industriezyklen zu folgen und jedes Jahr wieder von vorne anzufangen?
Wenn man nicht so viel Zeit zum Testen und Tunen hat, ist das womöglich sogar schlauer. Wir aber sind Vollprofis, die dafür bezahlt werden das Material weiter zu entwickeln, zu testen und natürlich auch zu präsentieren. Darüber hinaus habe ich schon das Gefühl, dass die Entwicklung immer weiter voranschreitet – nicht immer mit Riesenschritten, aber doch langsam und stetig. Allein deshalb macht ein Wechsel auf das neueste Material für mich als Profi Sinn. 

Wie tief steckst du in der Entwicklungsarbeit bei deinen Sponsoren RRD und NeilPryde?
Ich bin etwas in die Entwicklung der RRD Slalomboards involviert und gebe bei NeilPryde natürlich viel Feedback für die Racesegel. Schön ist auch, dass Robert (Stroj, Segeldesigner bei Neil-Pryde, die Red.) auch immer wegen der Wavesegel auf mich zukommt. Und da schlägt natürlich mein Herz höher, als Junge aus der Karibik ist das meine große Leidenschaft.

© John Carter/PWA

Warum ist Frankreich so verrückt nach Slalom? 
Wir haben natürlich viele tolle Spots dafür, aber auch die tollen Events wie das Defi. Ich kann jedem Hobbysurfer nur raten, einmal dieses Rennen zu fahren. Mit 999 anderen aufs Wasser zu gehen, ist ein Erlebnis und in so einem großen Feld findet jeder seine persönlichen Gegner, mit denen man sich matchen kann. Leider hat es bei mir in diesem Jahr nicht mit den Terminen gepasst. Ich werde dafür bezahlt, die PWA Tour zu fahren. Wenn es im nächsten Jahr besser passt, bin ich wieder dabei.

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