Lina Erpenstein - von der Schulbank zum World Cup

25.11.2016 Lina Erpenstein - Germany’s next Topmodel – davon träumen viele Girls. Lina Erpensteins Traum hat mehr mit fetten Wellen, Starkwind und Worldcups zu tun.

© Steffi Wahl
Lina Erpenstein
Lina Erpenstein

Vom Leben als Windsurfprofi träumt wohl ein jeder Surfer einmal. Die Welt zu bereisen, die schönsten Strände der Welt zu sehen und nahezu jeden Tag auf dem Wasser zu sein – so stellt man sich dieses Leben vor. Doch dass zum Profileben deutlich mehr gehört, zeigt sich erst bei genauerem Hinsehen. Lina Erpenstein, das "Windsurftalent des Jahres 2015" gibt Einblicke hinter die Kulissen des Wettkampfsurfens und erzählt von ihren Erlebnissen als Worldcup-Neuling.

28. Juni:  Aschaffenburg

Es geht los, mein Abenteuer als "Windsurfprofi" für ein Jahr. Abends packe ich zusammen mit meinem Vater meine beiden 32 Kilo schweren Boardbags ins Auto, um meinen Fünf-Uhr-Flug von Düsseldorf nach Las Palmas zu erwischen. Ein paar Stunden später stehe ich in Pozo Izquierdo am Strand, der Wind wirbelt meine Haare durcheinander, und ich muss lächeln bei dem Gedanken, dass dies nun mein Zuhause für die nächsten Wochen sein wird....

© John Carter/PWA
Linas kraftvoller Stil in der Welle und ihre Furchtlosigkeit haben auch Worldcup-Livestream-Moderator Ben Proffitt beeindruckt. Doch der Weg nach oben ist steil und auch mit Niederlagen gepflastert.
Linas kraftvoller Stil in der Welle und ihre Furchtlosigkeit haben auch Worldcup-Livestream-Moderator Ben Proffitt beeindruckt. Doch der Weg nach oben ist steil und auch mit Niederlagen gepflastert.

5. Juli: Pozo Izquierdo, Gran Canaria

Eine tolle Trainingswoche liegt hinter mir. Jeden Tag bläst der Wind mit 30 Knoten oder stärker. Man merkt, dass der erste Wave-Worldcup des Jahres immer näher rückt, denn die Bucht von Pozo Izquierdo wird von Tag zu Tag voller. Immer mehr Profis reisen an, um sich auf den Worldcup in einer Woche vorzubereiten. Viele Profis heißt auch viel Action: Ricardo Campello schmeißt regelmäßig mit seinem Equipment um sich, wenn er während des Flugs loslässt und man muss aufpassen, nicht erschlagen zu werden, Markus Rydberg erfindet einen neuen Move – den Viking Loop und Alessio Stillrich beeindruckt alle mit technisch einwandfreien Doppelloops.  Die ganze Windsurfwelt fiebert auf die neuen Episoden der "Training Diaries" hin, in denen Ben Proffitt alle Geschehnisse unterhaltsam zusammenfasst und Awards wie den "Shredder of the week" verteilt. Für mich als Neuling ist das total beeindruckend, von all den Stars, die man nur aus Magazinen kennt, umgeben zu sein und sich bei manchen sogar den ein oder anderen Tipp abzuholen. Alle sind total aufgeschlossen, hilfsbereit und bodenständig – vermutlich einer der wenigen Vorteile davon, dass Windsurfer keine Millionen verdienen.

12. Juli: Pozo Izquierdo, Gran Canaria - Single Elimination

Der erste Tag des Worldcups! Los geht’s! Ich bin unfassbar aufgeregt! Wie angesagt, bläst der Wind mit Böen über 50 Knoten und Wellen von zwei bis drei Meter Höhe rollen in die Bucht von Pozo Izquierdo. Der Tag startet mit der Einschreibung, bei der mir das Event-Lycra und jede Menge riesige Segelsticker in die Hand gedrückt werden, die ich in meine winzigen Segel kleben soll. Um halb Zehn beim ersten Skippers Meeting wird dann die Heat Order verkündet, nach der ich erst in ein paar Stunden dran bin – gegen niemand geringeren als Iballa Moreno – die Weltmeisterin!

Während ich also auf meinen Heat warte,  schau ich mir die Trials der Männer an, die bereits auf einem unglaublich hohen Niveau ausgefahren werden. Schließlich ist es dann soweit. Ich drehe, kurz bevor ich ran muss, nochmals eine kurze Runde mit meinem 3,3er-Segel, um mich an die Bedingungen zu gewöhnen und mein Material einzustellen. Dann geht es los, zwölf Minuten, in denen ich zeigen muss, was ich kann. Es gelingt mir ein paar Wellen zu erwischen und einen Frontloop zu springen, was bei dem starken Wind nicht wirklich einfach war. Viel zu  früh piept meine Armbanduhr, um mir zu sagen, dass meine Zeit schon vorbei ist. Am Ende habe ich mit 13 Punkten nicht einmal die Hälfte der Punkte meiner Gegnerin erreicht. Naja, Spaß gemacht hat mein erster Heat im Worldcup trotzdem.

© John Carter/PWA
Auch 50 Knoten Wind in Pozo kaufen Lina nicht den Schneid ab. 
Auch 50 Knoten Wind in Pozo kaufen Lina nicht den Schneid ab. 

13. Juli: Pozo Izquierdo, Gran Canaria – Double Elimination

Das heutige Skippers Meeting wird um sieben Uhr morgens gehalten, denn es sieht so aus, als ob dies der letzte windige Tag der Worldcup-Woche sein sollte. Meine heutige Gegenerin ist definitiv eher auf meinem Niveau als Iballa Moreno. So gehe ich ein paar Stunden später hochmotiviert in meinen Heat und zeige vier (!) Frontloops. Dass ein Frontloop bei 50 Knoten absolut gereicht hätte, habe ich mir später am Strand häufiger anhören müssen. Trotzdem kann ich meinen Heat gewinnen und bin direkt nochmals dran. Kurze Zeit später finde ich mich dann plötzlich allein auf dem Wasser wieder – Heat cancelled, und ich bin natürlich die Letzte, die das versteht. Aufgrund des zu hohen Tidenstands wird unser Heat erst nach einer Stunde wiederholt. Leider verliere ich dieses Mal knapp gegen Alice Arutkin, so dass ich mir den Rest des Worldcups vom Strand aus anschauen kann. Durch längeres Zuschauen kann ich bei den Fahrern verschiedene Wettkampftaktiken beobachten und muss mir eingestehen, dass es für mich in diesem Bereich noch viel zu lernen gibt. Insgesamt bin ich aber doch zufrieden mit meiner Leistung bei meinem ersten Worldcup-Event und freue mich schon auf den nächsten Tourstopp in zwei Wochen auf Teneriffa.

3.-9. August:  El Médano, Teneriffa

Der Worldcup auf Teneriffa war leider nicht so vom Wind gesegnet, so dass die Single Elimination der Frauen bei Leichtwind mit kleiner Welle durchgeführt wurde. So entschieden die Judges aufgrund der Bedingungen nur zwei Wellenritte zu werten und jeweils vier Fahrerinnen gleichzeitig hinauszuschicken. Diesmal verlief mein Heat völlig anders als in Pozo, denn der leichte Wind forderte ganz andere Qualitäten von uns. So musste man Nerven zeigen beim Warten auf die richtige Welle und diese dann radikal aber doch sicher abreiten, denn das Schwimmen und das anschließende Dümpeln auf dem Weg nach draußen kosteten viel Zeit. Ich wurde gegen meine Gegnerinnen Steffi Wahl, Sarah-Quita Offringa und Ingrid Larouche Dritte und schied somit in der Single Elimination aus.

Die folgenden Tage waren geprägt von Bedingungen, die gerade so keinen Wettkampf zuließen und trotzdem teilweise schon surfbar waren. So wurden alle Teilnehmer auf Stand-by am Strand gehalten. Dieses Warten war sehr nervenaufreibend, denn es erzeugte eine skurrile Mischung aus Langeweile und Anspannung im Fahrerlager, da der Wettkampf jederzeit losgehen konnte. Ich war beeindruckt, wie die Top-Athleten ihre Konzentration durchgehend aufrechterhielten, um jederzeit auf einen Wettkampf vorbereitet zu sein.

Gegen Ende der Worldcupwoche kam dann tatsächlich doch noch Wind, so dass eine gesamte Double Elimination ausgefahren werden konnte. Diese ist die Rückrunde des Wettkampfs, bei der die Verlierer der Single Elimination gegeneinander antreten und so die Möglichkeit haben, ihre Platzierung zu verbessern. Ein Worldcup muss nicht zwingend aus Single und Double Elimination bestehen, allerdings erzielt die Vollendung der Double Elimination (wenn die Bedingungen es zulassen) ein gerechteres Ergebnis.

Ich konnte nun zwar meine höchste Wertung bisher einfahren, scheiterte aber leider an Caterina Stenta. Schade, ich hätte gerne mehr gezeigt!

© Dominik Rackl
Training in den Wellen von Dänemark, dort fühlt Lina sich in ihrem Element. 
Training in den Wellen von Dänemark, dort fühlt Lina sich in ihrem Element. 

August bis Oktober

Nach dem Worldcup auf Teneriffa blieb ich noch einige Zeit auf den Kanaren um zu trainieren. Im September, zurück in Deutschland, machte ich mich in den Norden auf, um mich auf die zwei noch folgenden Worldcups auf Sylt und in der Bretagne vorzubereiten. Besonders Dänemark lieferte im Herbst einige schöne, noch warme Tage. Leider war der Event auf Sylt wieder von jeglichem Wind befreit, und auch der Worldcup in Frankreich zeigte keine Bedingungen, die einen Contest erlaubt hätten.

Das Warten auf Wind bei Wettkämpfen gehört leider zum Job des Windsurfers. Trotzdem war dies eine schöne Zeit für mich, denn ich konnte einige der Worldcupper näher kennenlernen und erlebte den gesamten Worldcup-Zirkus hautnah. Nachdem es für mich nicht nach Maui zum Aloha Classic ging, dem letzten Tourstopp der PWA, war die Saison 2015 für mich damit bereits beendet. Insgesamt fuhr ich in der Kategorie Women Youth Wave (bis 21 Jahre) die besten Ergebnisse ein und konnte mir dort somit den Weltmeistertitel sichern. Bei den Frauen schloss ich mit einem zwölften Platz ab – ein Ergebnis, das ich in der nächsten Saison gerne verbessern möchte.

1. November: Frankfurt Flughafen

Der Beginn der Off-Season ist der Beginn der Trainingstrips. Für mich geht es an die Westküste Australiens.
Nachdem ich aber doch kein Vollprofi bin, gestalte ich meinen Aufenthalt hier als Work & Travel, beziehungsweise Work & Surf-Reise. Meine Aufenthaltserlaubnis, das Working Holiday Visum, beinhaltet also auch eine Arbeitserlaubnis. Bereits nach kurzer Zeit habe ich einen Job in einem Café in Geraldton, etwa 400 Kilometer nördlich von Perth, gefunden, der es mir ermöglicht, am Abend noch zum Surfen zu gehen, sofern der Wind mitspielt. Mein Boss ist ebenfalls Windsurfer und so sieht man sich gelegentlich nach  Feierabend auf dem Wasser.

© Bart Smallenbroek
Wenn’s mal flach ist, dann reicht auch eine tolle Kulisse und ein paar Freestyle-Moves – Hauptsache auf dem Wasser.
Wenn’s mal flach ist, dann reicht auch eine tolle Kulisse und ein paar Freestyle-Moves – Hauptsache auf dem Wasser.

Nach dem Tourstopp auf Maui treffen dann auch mehrere Worldcupper ein, um an Australiens Stränden zu trainieren. Nachdem die Surfszene so klein ist, kennt man sich und trainiert auch zusammen. So steht immer mal jemand mit der Kamera am Strand und filmt, Moves werden analysiert und neue Dinge ausprobiert. Abends am Strand wird dann über die neuesten Errungenschaften auf dem Wasser debattiert. Das Ganze ist mir sehr sympathisch, denn es zeigt, dass auch bei all der Konkurrenz der Spaß nicht zu kurz kommt. Das hohe Niveau auf dem Wasser motiviert dabei ungemein und so kann auch ich jede Menge lernen.

Australien an sich ist sehr vielfältig, sowohl was die Landschaften als auch die Bedingungen auf dem Wasser angeht. So kann ich durch mehrere Trips an verschiedene Spots in den unterschiedlichsten Bedingungen surfen. Von "onshore Bump & Jump” bis "sideoff down the line” ist alles dabei. Ich muss feststellen, dass der ständige Wechsel der Trainingsbedingungen einen weitaus besseren Trainingseffekt erzielt als nur an einem Spot zu surfen. Das Erlernte muss jeweils den Anforderungen der Bedingungen angepasst werden und kann so besser gefestigt werden.

© Nicolas Hess
Es gibt auch die romantischen Momente im Worldcupper-Leben. Das halbe Jahr in Australien bot für Lina viel Abwechslung und hat sie selbstständig gemacht.
Es gibt auch die romantischen Momente im Worldcupper-Leben. Das halbe Jahr in Australien bot für Lina viel Abwechslung und hat sie selbstständig gemacht.

Insgesamt stellt sich mein Trip nach Australien als voller Erfolg heraus. Ich lerne viele nette Menschen kennen, bekomme Einblicke in das Trainingsleben der Profis und habe selbst viel Spaß auf dem Wasser. Das Miterleben einer vollständigen Saison hat mir die verschiedensten Facetten des Lebens als Profi gezeigt. Das Reisen und Surfen ist dabei zwar ein großer Teil des Alltags, aber noch lange nicht alles, denn Wettkämpfe und deren Vorbereitung, Foto­shootings und Sponsorenveranstaltungen gehören ebenso dazu. Sicher lässt sich dieses Arbeitsleben nur schwer mit Bürojobs vergleichen, doch ganz so  easy, wie es von außen manchmal wirkt, ist es auch nicht.

Rückblickend bin ich sehr froh, dass ich mir die Worldcup-Saison 2015 durch Jobben und die Unterstützung meiner Sponsoren und Familie ermöglichen konnte und freue mich jetzt schon auf die kommenden Wettkämpfe. Ich plane auch dieses Jahr wieder auf die Kanaren zu fliegen und nach Sylt und Frankreich zu fahren, um dort an den Worldcups teilzunehmen und hoffe dort zeigen zu können, was ich im vergangenen Jahr gelernt habe.

© John Carter
Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 5/2016 können Sie in der SURF App (iTunes und Google Play) lesen oder die Ausgabe im DK-Shop nachbestellen.
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