Mr. Überschall: Hans Kreisel knackte die 100 km/h Marke auf dem Wasser

15.09.2015 Manuel Vogel - Der Niederländer Hans Kreisel knackte vor kurzem die magische 100 km/h-Marke – und dies nicht auf dem künstlichen Kanal in der Wüste Namibias, sondern auf einem Nordseepriel und mit Serienmaterial. Ein surf-Interview über Leerhub im Nordseeschlamm und den Thrill einer Schattendisziplin.

© Jildau Mulder
Mr. Überschall: Hans Kreisel knackte die 100 km/h Marke auf dem Wasser
Mr. Überschall: Hans Kreisel knackte die 100 km/h Marke auf dem Wasser

Hans, wer an Speedrekorde denkt, hat automatisch den Kanal im namibianischen Lüderitz im Kopf. Jetzt hast du als erster Windsurfer auf offenem Gewässer die 100-km/h-Marke geknackt – auf einem Priel in der Nordsee. Wie ist so etwas möglich?
Es ist immer ein Lotteriespiel! Es muss mit 35 bis 40 Knoten Grundwind, genau aus der richtigen Richtung wehen, sonst sind die Windlöcher zu groß und keine Rekorde möglich. Am besten ist Vollmond, weil dann die Ebbe noch niedriger ausfällt als normalerweise und im Wattenmeer die Sandbänke richtig trockenliegen. Solche Tage, an denen unser Top-Speedspot "The Brace" perfekt ist, gibt es nur selten. Ich war bisher etwa 40-mal dort. An 15 bis 20 Tagen war der Weg vergeblich und es ging aus irgendeinem Grund überhaupt nicht, einige Tage waren gut, und eine Handvoll war perfekt. An diesem Tag Anfang Mai kam alles zusammen.

Um den Spot "The Brace" ranken sich ja schon Legenden. Zu Recht?
Ja, es ist ein spezieller Ort. Man muss rechtzeitig vor Niedrigwasser mit seinem Material eine nautische Meile, also fast zwei Kilometer, durch den Schlick hinaus zur Sandbank laufen. Meistens hat es an passenden Tagen mit Südwest-Sturm echtes Dreckswetter, du kannst aus der Ferne nichts erkennen und hast auch nicht die Möglichkeit, zusätzliches Material mitzunehmen – es sei denn, du hast einen Caddy (lacht). Also läufst du mit einem Brett, einem Segel und ein paar Finnen los und hoffst, dass alles passt. Durch die Lage weit draußen gibt es keinerlei störende Hindernisse und der Wind ist sehr konstant. Das ist wichtig, weil kleine Segel naturgemäß nervöser sind und bei Windschwankungen unruhiger werden als große Segel. Am Spot selbst musst du die kritischen Punkte kennen. Es gibt kleine Untiefen, wenn du nahe am Strand entlang fährst, und das Wasser ist trüb und braun. Du kannst den Boden nicht sehen und bist nur darauf bedacht, keinen Chop oder eine flache Stelle zu übersehen. Das wäre nicht gut (lacht)...

© Jildau Mulder
Unbekannter Held – Hans Kreisel gehört zum kleinen Kreis derer, die die 50-Knoten-Marke über 500 Meter geknackt haben. Auf dem "offenen" Wasser ist er der Erste, der die Schallmauer von 100 km/h durchbrach.
Unbekannter Held – Hans Kreisel gehört zum kleinen Kreis derer, die die 50-Knoten-Marke über 500 Meter geknackt haben. Auf dem "offenen" Wasser ist er der Erste, der die Schallmauer von 100 km/h durchbrach.

Welches Material fährst du bei deinen Rekordversuchen?
Für die richtig windigen Rekordtage verwende ich ein 5,4er-Racesegel von Pryde und ein JP Speedboard mit 45 Zentimetern Breite, dazu eine 21er-Finne. Und natürlich gehört eine Ladung Magnesiumtabletten auch zum erweiterten Materialpool (lacht).

Du hattest an besagtem Tag sogar ein TV-Team eines holländischen Senders am Start.
Ja, das stimmt. Ich hatte das Team vom holländischen Fernsehen eingeladen, als ich die Vorhersage sah. Als der Kameramann erfuhr, dass wir erstmal mit unserem Equipment zwei Kilometer durch den Schlamm rauslaufen mussten, fiel er fast hinten über (lacht). Der dachte wir spinnen alle...

...was ja nicht so ganz aus der Luft gegriffen scheint. Wer mit 100 Sachen einen Meter neben dem Strand entlangrast, kann nicht ganz dicht sein!
Man will eben den besten Wind und die glatteste Wasseroberfläche. Da muss man schonmal Opfer bringen. Aber wenn du dann dort entlangrast, ist das pures Adrenalin. Die ganze Anspannung, die sich über Tage aufgebaut hat, entlädt sich in einem Moment. Als ich nach meinem ersten Run aufs GPS sah und dort "100,26 km/h" stand, war das der Hammer! Da brüllst du vor Freude! Genau dieser persönliche Kampf gegen den eigenen Rekord macht Speeden auch so faszinierend und lässt einen nicht mehr los. Ich erinnere mich gut an meine Anfänge. Mein Bruder fuhr auf einem Formulaboard 60 km/h. Ich schnallte mir sein GPS um und versuchte ihn zu schlagen. Seitdem bin ich am Haken...

© Jildau Mulder
Erste Regel beim Speedsurfen: Bloß keine flache Stelle übersehen!
Erste Regel beim Speedsurfen: Bloß keine flache Stelle übersehen!

Du hast an einem frei zugänglichen Spot die 100-km/h-Marke geknackt. Die offiziellen Speedrekorde werden jedoch immer über 500 Meter ermittelt – im künstlichen Kanal von Lüderitz. Warum buddelt man in der Wüste Namibias einen Kanal, wenn man vor der eigenen Haustür offensichtlich genauso schnell surfen kann?
Man kann einen Nordsee-Priel und den Lüderitz-Kanal nicht miteinander vergleichen. In "The Brace" fällst du auf tiefen Raumwindkurs ab und hast dann Platz für einige Sekunden Vollspeed. Dann macht die Sandbank einen Knick nach Luv und du musst die Ideallinie verlassen, weshalb die echten Weltrekordzeiten hier nicht möglich sind. Außerdem beendet die nächste Flut unweigerlich deinen Surftag. In Lüderitz ist das natürlich schnurgerade gebaut, aber auch dort ist es eigentlich nicht ideal gelöst.

Warum?
Der Anlauf ist viel zu kurz, wenn man über den ersten Messpunkt fährt, ist man eigentlich noch gar nicht voll in Fahrt. Der ganze Kanal müsste einfach länger sein, dann gäbe es noch Potenzial nach oben.

Warum buddelt man ihn dann nicht einfach länger?
(lacht) Ja, das frage ich mich auch. Aber Lüderitz ist nicht Europa. Im Vorfeld hörst du nur: "No problem, come here, the canal is perfect this year!". Dann reist du hin und sie haben ihn zehn Zentimeter tief ausgebaggert. Also hockst du dort im Sturm und wartest, dass endlich jemand den Kanal tiefer buddelt (lacht). Du zahlst 1250 Euro pro Woche für einen Kanal, der eigentlich nicht fertig ist. Hinzu kommt die ganze Anreise und der Aufenthalt.

Warum ist Speedsurfen mittlerweile so erfolgreich?
"Erfolgreich" würde ich es nicht nennen, zumindest was die mediale Aufmerksamkeit angeht. Da fristen wir immer noch ein kleines Schattendasein. Das Interessante ist, dass unsere Disziplin längst in der breiten Masse angekommen ist und so viele Leute Spaß daran finden, um die Wette zu fahren. Du musst dich nicht von einem anderen, besseren Fahrer vorführen lassen wie in anderen Disziplinen, sondern kannst den ganzen Tag auf dem Wasser sein und einfach gegen dich selbst und deine Top-Speeds fahren. Es gibt keinen Druck! Schnall dir ein GPS um und los geht’s. Bei unseren nationalen Speedevents sind deutlich mehr Leute am Start als bei Slalom-Cups oder Freestyle-Contests. Trotzdem ist es sehr schwer, von außerhalb Anerkennung für seine Leistung zu bekommen und Sponsoren dafür zu begeistern. Insofern klaffen Außenwirkung und die Realität auf dem Wasser ziemlich auseinander. Wir bräuchten wieder einen Speed-Worldcup, das würde die Aufmerksamkeit enorm pushen.

© Jildau Mulder
Gardemaß: Hans bringt körperlich beste Voraussetzungen zum Speedsurfen mit. Mit 198 Zentimetern Körpergröße und knapp 100 Kilo kann er ordentlich hinhalten.
Gardemaß: Hans bringt körperlich beste Voraussetzungen zum Speedsurfen mit. Mit 198 Zentimetern Körpergröße und knapp 100 Kilo kann er ordentlich hinhalten.

Ist Speedsurfen nicht auch eine Materialschlacht?
Überhaupt nicht! Im Prinzip reichen ein Brett, ein Segel und ein GPS. Das wichtigste ist, dass man eine gute Finne hat.

Brett, Segel oder Finne – was ist für den Top-Speed am wichtigsten?
Ganz klar die Finne! Es ist das einzige Teil, welches die ganze Zeit über im Wasser ist. Leider haben viele Surfer noch nicht verstanden, dass eine gute Finne hinsichtlich des Einsatzbereichs ein ganzes Set aus Board und Segel ersetzen kann. Statt zehn mittelmäßige Finnen im Bag zu haben, würde ich jedem, der wirklich schnell fahren will, empfehlen, sich für sein Board zwei richtig gute Finnen zu kaufen, das reicht.

Welche Finnen fährst du für deine Rekordversuche?
Für die Rekordversuche fahre ich asymmetrische Finnen von Z-Fins.

Was macht diese Teile so schnell?
Das Ziel ist immer, eine Finne zu bauen, die möglichst dünn ist und dadurch möglichst wenig Fahrwiderstand hat. Früher wurden Speedfinnen aus G10-Material gebaut. Wenn man diese dünn baute, wurden die Finnen zu weich und damit unbrauchbar, die Finnen haben also den Speed limitiert, nicht Brett oder Segel. Jetzt baut man Finnen aus hochwertigsten Carbon-Materialien, damit kann man die Finnen dünn und trotzdem steif bauen und den Twist kontrollieren. Das macht einen riesigen Unterschied. Diese Finnen sind drei Knoten schneller als die alten G10-Teile. Jeder, der auf eine solche Finne gewechselt hat, hat sofort seinen persönlichen Rekord verbessert. 

© Patterson
In Luderitz geht Hans Kreisel jeden Winter mit anderen Größen des Speedzirkus auf Rekordjagd.
In Luderitz geht Hans Kreisel jeden Winter mit anderen Größen des Speedzirkus auf Rekordjagd.

Du musst das ja sagen, schließlich verkaufst du die Teile auf deiner Homepage www.windsurfcandy.com Klar könnte ich das sagen, um sie zu promoten. Aber würde ich sie privat auch benutzen, nur um sie zu promoten?
Sicher nicht!

Tage für Rekordbedingungen gibt es nur wenige pro Jahr. Wie schaffst du es, dein Equipment auf den Punkt perfekt einzustellen, um keine wertvolle Zeit mit Tuning zu verschwenden?
Etwas Erfahrung ist nötig, aber man lernt schnell. Es sind immer die gleichen Prinzipien, die zum Tragen kommen. Wenn ich die gleiche Finnengröße fahre wie immer und plötzlich fühle, dass ich zu viel Druck auf dem hinteren Bein habe, dann weiß ich sofort, dass meine Trapeztampen zu weit hinten sind. Hat man derartige Prinzipien mal verstanden, kann man jedes Segel innerhalb kürzester Zeit einstellen, ohne zu viel Zeit mit Tuning und Herumtrimmen zu verbringen. Denn bis der nächste Tag kommt, kann es ja dauern.

Wo steckt für Speed-Pros wie dich noch Potenzial für den nächsten Schritt? Hydrofoil-Bretter? Oder asymmetrische Segel?
Ich denke die Tatsache, dass 100 km/h mit Serienmaterial möglich sind, zeigt, dass die Entwicklung auch hier stetig vorangeschritten ist. Man könnte bei den Segeln viel tun und ein reines Speedsegel bauen, aber das Investment für Entwicklung ist sehr groß und am Ende verkaufst du davon eine Handvoll. Und natürlich ist die Idee eines Hydrofoils interessant, allerdings will ich nicht der Erste sein, der damit auf einem flachen Kanal an den Start geht und am Ende mit 100 Sachen überlegen muss, wie er das Ding wieder zum Stehen bekommt (lacht). 

© Jildau Mulder
1250 Euro zahlen Speedsurfer pro Woche für die Benutzung des Kanals in Namibia – der Preis für Rekorde.
1250 Euro zahlen Speedsurfer pro Woche für die Benutzung des Kanals in Namibia – der Preis für Rekorde.


 

© Heinrich Dornbusch
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