Portrait: Antoine Martin

07.06.2016 Leon Jamear - „Little Antoine” – doch so klein, wie der Spitzname des Franzosen von der Karibikinsel Guadeloupe vermuten lässt, ist er schon lange nicht mehr. Und was Mut und Kreativität angeht, ist er schon ein ganz Großer. Sein atemraubender Waschgang in Jaws und sein Triple-Pushloop-Versuch im Worldcup haben schon jetzt Kultstatus.

© Jerome Houyvet

"Ein Mensch ist nicht alt, bevor seine Träume von Reue überschattet werden. Also pass auf, dass du deine Chance nicht verpasst!", zitiert Antoine Martin auf seiner Facebook-Seite den amerikanischen Schauspieler John Barrymore. Wer die Karriere des jungen Franzosen über die letzten Jahre verfolgt hat, der weiß, dass Antoine sein Leben tatsächlich nach diesem naiv wirkenden Grundsatz lebt. Seinen Träumen jagt er hinterher, wie ein Pirat spanischem Gold. Um das Altern muss sich der Sunnyboy aus der Karibik nicht kümmern! Erste Aufmerksamkeit erlangte Titoun, wie ihn seine Freunde auch nennen, als er es vor drei Jahren wagte Jaws zu bezwingen, letztendlich Jaws aber ihn bezwang. Antoine nahm sich eine Setwelle, positionierte sich viel zu tief und wurde von einer fast dreichfach-masthohen Lippe abgeräumt. Doch ließ sich Antoine durch einen solchen Sturz nicht entmutigen. Er stand wieder auf und surfte ein Jahr später Teahupoo vor Tahiti – eine der gefährlichsten Wellen der Welt – diesmal erfolgreich!

Während er in Hookipa zum Shootingstar wird, steigt sein Level auch in europäischen Bedingungen stetig an. Mittlerweile ist der 21-Jährige, dessen Adrenalin-Haushalt aus dem Ruder gelaufen zu sein scheint, ganz oben angekommen. Er fährt Top-5-Ergebnisse ein und gilt als der neue Ricardo Campello oder Boujmaa Guilloul. Erst vor wenigen Wochen wagte sich Antoine als erster Windsurfer an eine dreifache Rückwärts-Rotation. Doch nicht nur auf dem Wasser beeindruckt Antoine. Er ist einer der fröhlichsten und sympathischsten Fahrer im Worldcup-Zirkus. Thomas Traversa findet: "Wir könnten uns alle eine Scheibe von Antoines Eifer und Lebensfreude abschneiden!".
Antoine Martin kommt von Guadeloupe, einer Insel der Französischen Antillen inmitten der Karibik. Guadeloupe ist seit Ende des zweiten Weltkrieges ein voll integriertes Übersee-Department des französischen Staates. Antoines Vater betreibt auf der paradiesischen Insel einen Surfladen. Mit fünf Jahren schnappt sich Antoine zum ersten Mal ein vom Vater selbstgenähtes Windsurfsegel aus dem Laden, um in der Lagune vor dem Haus mit Freunden und Familie über das Wasser zu gleiten. Der Spaß, mit Gleichgesinnten im Wasser herumzutoben, steht dabei im Vordergrund. Antoines Cousin ist sein größtes Vorbild. "Hätte er das Windsurfen damals weiter verfolgt", so ist sich Antoine sicher, "wäre er heute einer der Besten!"

Während Antoine in der Lagune, von ihm auch Pool genannt, fleißig übt, schaut er den großen Jungs dabei zu, wie sie draußen am Riff die Wellen zerschlitzen. Titoun wollte nicht länger im Pool planschen, und schon bald bezwingt auch er die Wellen am Riff. Antoine macht das Windsurfen viel Spaß, und er will sich mit anderen Kids messen. Da es für seine Altersgruppe jedoch keine eigenen Wave-Wettbewerbe gibt, nimmt er an Slalomrennen teil, stellt sich auf den Bic Techno 293 oder geht auch gerne mal Freestylen. "Für mich besteht Windsurfen nicht aus einer Disziplin, sondern aus allen Disziplinen zusammen", sagt er und ich weiß, dass er auch heute noch genauso viel Spaß dabei hat, mit einem 7,5-Quadratmeter-Segel über Flachwasser zu heizen, wie vor Hookipa in masthohen Wellen zu toben.

Antoines Vater freut sich, dass der Junge Gefallen am Windsurfen findet. Er sichert ihm zu, ihn so lange zu unterstützen, bis er seine eigenen Sponsoren an Land ziehen kann. Als Antoine zwölf Jahre alt ist, reisen sie zusammen nach Maui. Er sieht Jason Polakow und Kauli Seadi beim Aloha Classic und weiß sofort: "Das will ich auch machen!" Antoine hat zwei neue Vorbilder und ein klares Ziel vor Augen: "Jetzt will ich nichts anderes als Windsurf-Profi werden!"

© John Carter

Vor Guadeloupe weht in den Wintermonaten ein beständiger, leicht ablandiger Passatwind mit drei bis vier Windstärken und die Wellen sind meist kopfhoch. Auf der PWA-Tour hingegen werden Wettkämpfe an extrem windigen Kanaren-Spots oder im Nordsee-Chaos ausgetragen. "Ich war bei den Sprüngen weit hinterher, daher gab es nur eine Option: ich musste nach Pozo!", erzählt mir Antoine heute. Andere Kids in seinem Alter wären lieber nach Maui geflogen, sagt er, doch für beides habe das Geld nicht gereicht. Antoine weiß, nach Maui wird er noch früh genug kommen. Zunächst sind jedoch zwei bis drei Jahre Sprung-Training angesagt! Auch wenn Pozo meist seine raue Seite zeigt, ist Antoine froh, dass er viel dazulernen kann und sich seine Sprünge stetig entwickeln. "Von da an wurde es von Jahr zu Jahr immer besser", grinst Antoine. Er findet mit JP-Australia und NeilPryde Sponsoren, die sein Talent erkennen und seinen Weg unterstützen. Die ersten Worldcups folgen, doch gute Ergebnisse sind zunächst Mangelware. Antoine riskiert viel und stürzt noch viel mehr. Camille Juban, ebenfalls Profi-Windsurfer von Guadeloupe und Antoines Trainingspartner, sagt, Stürze gehören zum Besserwerden dazu. Bei ihm sei es genauso gewesen. Nur wer zu Beginn seiner Karriere die Grenzen auslote, fahre später auf höchstem Niveau. Er mache sich keine Sorgen, dass der Erfolg bei Antoine ausbleibe.

Mit seinem übermütigen Versuch Jaws zu surfen, wird er in der gesamten Windsurfszene von heute auf morgen bekannt. "Ich war damals in keiner Hinsicht bereit für Jaws", lacht der Franzose. Doch als er von dieser haushohen Weißwasser-Walzmaschine durchgespült wurde und am Ende in einem Stück wieder auftaucht, wird Antoine bewusst, dass er so leicht nicht klein zu kriegen ist. Beim nächsten Versuch würde er sich besser positionieren! "Windsurfen ist ein Extremsport, und wir alle haben das Bedürfnis nach einem Adrenalinkick", erzählt Antoine. "Ansonsten hätte ich mir einen anderen Sport gesucht." Beim Windsurfen sei es ihm egal, ob er sich in den höchsten Sprung schieße und den Flug einfach nur genieße oder die größte Welle des Tages abreite – "Hauptsache es kracht!"

Wer das Video seines Dreifach-Pushloops gesehen hat, mag denken, der Junge aus der Karibik weiß nicht, was er tut und rotiert unwillkürlich durch die Luft. "Wenn ich dazu heute eins sagen kann, dann, dass ich den Triple Pushloop bei der nächsten Session wieder probieren werde! Ich bin so fest entschlossen, dass ich letztens, als für die Normandie gute Sprungbedingungen angesagt waren, extra quer durch Frankreich gefahren bin. Leider war es dann im Endeffekt aber nicht windig genug", sagt Antoine mit klarem Ziel vor Augen. Schon zwei Mal hat Antoine seine Grenzen spüren müssen. Einmal stürzt er beim Fotoshoot vor Maui mit dem Kopf aufs Segel und ist ein paar Sekunden bewusstlos. Ein anderes Mal lässt er bei einem extrem hohen Frontloop am höchsten Punkt sein Material los und landet mit dem Gesicht zuerst in der brodelnden Nordsee. Diese habe sich angefühlt, als sei sie aus Beton. Antoines Teamkollege Robby Swift findet: "Titouns Windsurfstil ist einfach durchgeknallt! Zugleich ist er aber auch einer der progressivsten Fahrer der Welt!"

© John Carter

Mittlerweile hat sich das viele Probieren und Experimentieren für Antoine ausgezahlt. Beim Worldcup in Frankreich wurde er letztes Jahr Fünfter und in Pozo landete Little Antoine dieses Jahr auf Rang sieben – und das bei mehr als 50 Knoten Wind. Es ist nur eine Frage der Zeit bis Antoine in die Top 3 der Weltelite vorstößt und das weiß er auch: "In den nächsten zwei bis drei Jahren möchte ich ganz oben stehen. Mein größtes Ziel ist es, Wave-Weltmeister zu werden!".

Nebenbei möchte er die besten Wellen der Welt surfen. "Der Trip nach Tahiti im letzten Jahr war der beste meines Lebens", schwärmt Antoine. "Als nächstes will ich nach Australien, Indonesien und Fidschi."

Ich frage Antoine, ob er Angst davor habe, eine Verletzung könne seinen Traum abrupt beenden. "Niemand ist unzerstörbar, und klar habe ich davor Angst, mich eines Tages zu verletzten. Wenn ich auf dem Wasser bin, blende ich das aber einfach aus und gebe alles." Auch mit einer Antwort auf die obligatorische Frage nach einem Plan B zu einer Windsurfkarriere will sich Antoine nicht länger aufhalten. "Wenn ich 70 Jahre alt bin und noch Windsurfen kann, dann werde ich auch noch Windsurfen. Falls es nicht mehr geht, helfe ich anderen Kids dabei, ihren Windsurftraum zu leben."

So einfach kann die Welt in der Karibik sein. Antoine konzentriert sich zu recht auf das Wesentliche. Mittlerweile nennt er das schönste Mädchen von Guadeloupe seine Freundin und freut sich jedes Mal, wenn er nach einer langen Reise nach Hause kommt. Die Zeiten, in denen er und sein Team-Kollege Jules "the shark" Denel, mit französischen Scharm bewaffnet, Nacht für Nacht durch das Sylter Partyzelt streifen, sind fast vorbei. Vom Erwachsensein ist Antoine jedoch noch weit entfernt.

Thomas Traversa sagt: "Antoine ist innerlich immer noch Kind. Er hat einen sehr emotionalen und positiven Zugang, einerseits zu den Manövern beim Windsurfen, aber andererseits auch zu vielen Dingen im normalen Leben. Er hat einfach keine Angst davor, etwas zu probieren. Wo viele Menschen noch lange überlegen würden, steht Titoun einfach auf und tut es."

Welche emotionale Nähe Antoine zum Windsurfen hat, wurde mir vor zwei Jahren bewusst, als ich ihn nach einem verlorenem Erstrunden-Heat beim Aloha Classic aufgelöst neben seinem Auto sitzen sah. Der eigentlich immer lachende Antoine scheint aber zu wissen, wie er aus Enttäuschungen etwas Positives gewinnen kann. Wenig später geht er in Lanes, direkt neben Hookipa, aufs Wasser und zeigt eine atemberaubende Show. Auf ähnliche Weise kam es zu seinem Triple-Pushloop-Versuch, denn nur wenige Stunden zuvor belegte er einen letzten Platz beim Worldcup auf Teneriffa.

Er mag es, fürs Publikum zu surfen. Wenn die Blicke und Kameras auf ihn gerichtet sind, wird sein volles Potenzial sichtbar. "Er ist ein wahrer Showman", sagt Thomas Traversa.

Ohne Antoine auf das anfängliche Zitat anzusprechen, erzählt er, seine größte Schwäche sei die Angst vor Reue – die Angst davor, eine Chance verpasst zu haben. "Auf der ganzen Welt treffe ich Menschen, die voller Reue sind. Die sagen mir, mache bloß so weiter und lasse dich nicht vom Weg abbringen. Alt wirst du noch früh genug!" Von seinem Weg würde sich Antoine niemals abdrängen lassen. Wenn er auf dem Wasser ist, lässt er nichts unversucht und spielt mit den Elementen. Auf Reisen bleibt nichts unergründet und er schreckt vor keiner Herausforderung zurück. "Manchmal ist etwas fast unmöglich, aber dennoch eben nicht unmöglich", weiß Antoine. "Vielleicht werde ich es nicht dieses Jahr nach Fidschi schaffen und vielleicht auch nicht im nächsten Jahr. Früher oder später wird es aber passieren. Du musst einfach an deinen Träumen festhalten!" Jetzt muss man sich von einem 21-Jährigen schon Lebensweisheiten anhören. Wenn man mal genau hinhört, merkt man aber, dass sich Antoine tatsächlich über vieles Gedanken macht. Hin und wieder mag das kindisch und naiv klingen, doch genau darin liegt der Schlüssel zu Antoines Erfolg. Er sieht die Welt durch die Augen eines Kindes und die Welt sieht darin wie ein riesiger Spielplatz aus. 

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