Portrait: Morgan Noireaux

19.10.2016 reemedia - Naish, Polakow, Angulo, Siver – sie alle haben Legendenstatus in Hookipa, dem Heiligen Gral des Wave-Windsurfens. Doch der 21-jährige Morgan Noireaux stahl den großen Namen nun schon zum zweiten Mal beim Aloha Classic, dem prestigeträchtigsten Wave-Contest überhaupt, die Show. Wir trafen den neuen König von Hookipa nach seinem erneuten Triumph.

© John Carter

Josh Stone schreit auf. "Hey, warum hat Morgan diese Welle nicht genommen? Sie wäre doch ideal gewesen. Die Welle ist groß und wird nicht sofort zumachen! Ich verstehe es nicht." Vor unserer Nase laufen die Finalheats der Double Elimination des Aloha Classics. Morgan Noireaux muss seinen ersten Platz aus der Single Elimination gegen Kauli Seadi verteidigen. Tatsächlich ist er bereits auf einer Welle eines beachtlichen Sets, aber er macht nur kurz eine Halse und lässt den Brecher ungenutzt. Nicht nur Josh Stone kann es nicht fassen, auch andere altgediente Hookipa-Recken wie Sean Ordonez und Robby Swift trauen ihren Augen nicht. "Das kann doch jetzt nicht wahr sein", hören wir aus einer anderen Ecke des Strandes. Denn zu unwiderstehlich hat diese Welle ausgesehen und wahrscheinlich wäre jeder der hier anwesenden Teilnehmer vom "Aloha" aus dem Häuschen gewesen, im Heat genau diese Welle nehmen zu können. Aber eben jener Morgan Noireaux entscheidet sich wieder zum Rausfahren. Bei nur sehr wenig Wind stehen den Finalisten 35 Minuten zur Verfügung, um Punkte für zwei Wellenritte machen zu können. Morgan gelingt es, danach eine noch besser laufende Welle zu bekommen und schlussendlich gewinnt der Hookipa-Local diesen prestigeträchtigsten Wave-Worldcup. Nach seinem Sieg im Vorjahr ist es ein Novum, dass es jemand geschafft hat, diesen Wettbewerb zwei Mal in Folge dominieren zu können. 

© John Carter

Es ist wohl die Fähigkeit des 21-Jährigen, die hereinkommenden Sets und Wellen genau lesen zu können und das Beste daraus zu machen. Vielleicht ist ansonsten niemand so viel in Hookipa draußen wie er. An Tagen mit nur kleinen Wellen, genauso wie an Tagen, die mit fettem Nordwest-Swell Kracher bringen, die sofort zumachen oder solchen mit nur schlechten Windbedingungen. Zwei Tage nach dem Contest stehen wir kurz vor der Abenddämmerung in Hookipa. Und wieder mal kommt Morgan sehr spät vom Wasser. JP-Teamkollege Antoine Martin bringt es auf den Punkt: "Aus meiner Sicht ist niemand häufiger und länger auf dem Wasser als Morgan. Hookipa ist ‚sein‘ Spot und er kennt ihn wie vielleicht kein Zweiter. Er versteht jedes Set und jede Welle". Seit seinem zwölften Lebensjahr geht er (fast) nur noch in Hookipa raus. Seine Mama, damals wie heute ebenfalls surfverrückt wie der Sohnemann, bringt ihn zu seinen Teenagerzeiten nach der Schule nach Hookipa. Sie setzt ihn ab und fährt selber weiter, um zumeist in Spreckelsville Windsurfen zu gehen. An wirklich jedem halbwegs surfbaren Tag ist Morgan in Hookipa draußen, egal wie die Wellen laufen oder auch nicht. Und an Tagen ohne Wind? Dann sei er eben mit dem Wellenreiter draußen, versichert er. Seine ausgezeichnete Beobachtungsgabe und sein Einfühlungsvermögen für die Wellen in Hookipa sind wohl genauso Grundvorausetzungen. "Und seit zwei Jahren habe ich fast immer nur ein bestimmtes Board unter den Füßen, das JP Radical Quad Thruster 83. Von 2014 auf 2015 habe ich da gar keine Änderungen vorgenommen."    

Drehen wir die Zeit zurück. Im zarten Windelalter von einem Monat zieht die französischstämmige Familie Noireaux nach Maui. Mit drei Jahren saust Morgan die ersten Wellen von Hookipa mit dem Boogieboard runter, und mit vier Jahren darf er das erste Mal am Weltklasse-Windsurfspot Wellenreiten. Die Mama nahm ihn nach der Schule regelmäßig mit nach Sprecks, wo sie die Nachmittage gemeinsam Windsurfen gingen. Mit zehn Jahren ist er das erste Mal in Hookipa draußen und tritt in der Juniorenwertung vom Aloha Classic neben Connor Baxter und Zane Schweitzer an. "Aber ich bin gar nicht rausgekommen", gibt der Jungstar heute offen zu. Und seit seinem zwölften Lebensjahr geht er eigentlich nur noch an diesem besagten Spot raus.

© John Carter

"Insgesamt haben wohl nur Robby Naish, Levi Siver und Kai Katchadourian eine größere Erfahrung in Hookipa, das heißt, mehr Zeit an diesem Spot verbracht", fügt Morgan an. Auf etwa 200 Windsurftage pro Jahr schafft er es allein in Hookipa, wobei es im Sommer zumeist nur flach ist. Dazu kommen Tage auf dem Wellenreiter, "natürlich in Hookipa". Fünf Minuten Fahrzeit vom Haus der Familie hat er es bis zu seinem Spot. Und darf es auch mal ein anderer Spot sein, werfen wir ein. An Tagen, an denen er mal "wirklich müde und erschöpft" ist, geht es zum Springen nach Spreckelsville  oder nach Camp One, wo Jeff Henderson vom Segelsponsor Hot Sails Maui wohnt, um aber sofort nachzuschieben, dass diese Tage in Sprecks oder in Camp One "sehr sehr selten sind". 

An Spots außerhalb von Hawaii geht es für ihn seit 2010 – mit damals 16 Jahren – im Rahmen der American Windsurfing Tour (AWT), wie zum Beispiel Pistol River, Baja California und anderen. Im Sommer hat er an den Worldcups auf Gran Canaria und Teneriffa mit mäßigem Erfolg teilgenommen. Bei diesen Cups, bei denen die  Bedingungen für ihn so exotisch sind, wie für einen Nordseesurfer in Hookipa, will er auch in der nächsten Saison angreifen und dazu noch beim Worldcup in Frankreich. Die französische Herkunft und Kultur zieht eben doch. Und Sylt? "Nein, nein" wirft er ein, bei dem auflandigen Wind will ich lieber erst gar nicht antreten". 

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Bereits mit elf Jahren hat er für Carine Camboulives und Manu Bouvet, die für BIC Sport und Tiga Shootings machen, als Junge modeln dürfen. Er hat dabei so überzeugt, dass er sogleich seinen ersten Sponsorvertrag in der Tasche hatte. Ein Jahr später vermittelt der frühere JP-Teamrider Baptiste Gossein Morgan den ersten Sponsorvertrag mit JP-Australia. Seit mittlerweile neun Jahren ist er mit der Boardmarke verbunden. Am Tag nach der Siegerehrung des Aloha Classic treffen wir Morgan zum Interview am Strand – genau in diesem Moment leuchtet ein doppelter Regenbogen vom Himmel.

Der Himmel freut sich mit dir.
Ja, sieht so aus. Aber doppelte Regenbögen gibt es hier auf Maui oft. Doch ich sehe das mal als gutes Zeichen. Werner Gnigler (d. Red. JP-Shaper) bekommt in Anbetracht meines Erfolges das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht.

Du hast wie auch schon im Vorjahr einen nur um Nuancen vom Serienboard abweichenden Shape gefahren.
Werner hat auf jeden Fall großen Anteil an meinem Erfolg. Ich habe in diesem und letztem Jahr den gleichen Shape verwendet, der praktisch gleich ist zum Serienbrett. Wir haben nur die Bodenkurve vom Serienboard 69 Radical Thruster Quad verwendet. Damit kann ich noch enger drehen und das Board gleitet kaum schlechter an. Das zeigt, wie gut die Serienboards sind.

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Bislang hieß es immer, dass niemand, der nicht auf Maui lebt, ein wirklich erfolgreiches Brett für die Bedingungen hier bauen kann. Ich glaube, alle hier waren überrascht.
Es war schon eine Überraschung. Aber Werner hat auch Boards für Jason Polakow gebaut und der ist ohne Frage einer der radikalsten Hookipa-Surfer. Außerdem waren viele JP-Fahrer schon in Hookipa erfolgreich. Das zeigt, dass Werner genauso in der Lage ist, ein Board, das zu Hookipa passt, zu shapen, wie es die Local-Shaper sind. 

Andere Rider testen immer wieder andere Boards und du vertraust laut eigener Aussage "zu 80 Prozent" genau diesem "alten" Shape. 
Tatsächlich habe ich vor dem Event ein anderes Board probiert, falls es nur kleine Wellen geben würde. Aber als ich die Vorhersage mit dem dicken Swell gesehen habe, war mir klar, dass ich das Board nehmen werde, auf dem ich mich am wohlsten fühle und mit dem ich im letzten Jahr gewonnen habe. Da weiß ich, dass es funktioniert. 

Du hast aber einige Finnen-Set-ups probiert.
Ich benutze seit etwa fünf Jahren Quads und ich finde sie ideal für meinen Stil. Davor habe ich auch Twinser versucht, habe aber festgestellt, dass sie nur in bestimmten Bedingungen richtig gut sind. Thruster habe ich in Pozo und Teneriffa kurz probiert, da schienen sie ganz gut zu funktionieren, aber ich glaube, ich bleibe bei den Quads. Die bieten für mich die beste Kombination aus Speed, Drive im Turn und Dreheigenschaften.

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Wen man unter den Worldcuppern auch immer fragt, Morgan – so heisst es – bekommt immer die besten Wellen. Auch im Finale der Single Elimination war das so. Und da wart ihr kaum im Gleiten. 
Im Finale war wirklich sehr wenig Wind. Wenn ich eine Welle bis runter zum Channel abgeritten wäre, hätte ich erst einmal wieder ein Stück rausschwimmen müssen, um überhaupt einen Wasserstart machen zu können. Aber wir hatten 35 Minuten Zeit und wir alle hatten die Möglichkeit, vier oder fünf gute Wellen zu nehmen. Auf der Welle waren die Bedingungen dann perfekt. Meine Strategie war abzuwarten und mir nur die besten Wellen zu schnappen. Die Taktik ging auf, wobei ich nicht allzu lange warten musste. Meine beiden besten Wellenritte hatte ich in den ersten fünf Minuten des Heats.

Was macht den Spot Hookipa so schwierig zum Windsurfen? Viele Top-Surfer scheitern dort regelmäßig.
Ich glaube, die Welle selbst macht es schwierig. Hookipa ist toll, weil es oft Wind und Wellen gibt, aber die Welle ist meist alles andere als perfekt. Du kannst großartige Tage haben, aber oft bricht die Welle in verschiedenen Sektionen, was es schwer macht, mehrere gute Turns zu machen. Außerdem ist die Welle, je nach Swellrichtung, sehr choppy. Ein zweiter Knackpunkt sind die Felsen und der Channel. Bei kleinen Wellen kannst du einfach rausfahren, sind sie aber groß, musst du direkt vor den Felsen raus und die Wellen brechen im Channel close out. Oft ist der Wind auch sehr ablandig und unter Land dann sehr schwach und böig. Das alles macht es nicht gerade leichter.

Welche Rolle hat dein Gewicht von 77 Kilogramm insbesondere beim diesjährigen Aloha Classic gespielt. Hat ein 90-Kilo-Mann wie Philip Köster da überhaupt noch Chancen?
Ich war vor dem Finale der Single etwas skeptisch, denn Kauli, Thomas und Camille sind noch leichter als ich, aber am Ende lief es sehr gut für mich. Ich denke, Philip hätte auch Chancen, Schwergewichte wie Josh Angulo haben das auch gezeigt. Es hat, glaube ich, viel mehr etwas mit Erfahrung zu tun.

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Am Tag nach deinem Sieg hingst du mit Kumpels bei der Premiere von Sarah-Quita Offringas Video im Charley’s in Paia ab. Kein Starkult, keine Parties.
Ich war ziemlich müde nach dem Event und ich bin nicht so das Party-Tier. Ich hab’s mir nett gemacht mit ein paar Freunden und der Familie. Die meisten Leute auf Maui interessieren sich nicht fürs Windsurfen, da wird man nicht zum Celebrity (lacht).

Keine großen Feierlichkeiten, aber immerhin hast du nach deinem ersten Sieg beim Aloha Classic dein Studium nach zwei Jahren an der Universität in Kahului hingeschmissen.
Ich würde nicht sagen, hingeschmissen, es ist eher ‚on hold‘ (lacht). Vielleicht steige ich irgendwann wieder ein und mache meinen Abschluss. Vor dem Sieg im letzten Jahr wusste ich nicht so richtig, in welche Richtung es geht –  soll ich mich mehr aufs Windsurfen konzentrieren oder es eher etwas auf die Seite schieben und mein Studium abschließen. Der Sieg hat mir dann die Entscheidung leichtgemacht. Ich möchte das, was ich gerade tue, genießen und meine Windsurfkarriere erstmal weiter verfolgen.

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Am Tag nach der Siegerehrung konnte man Philip Köster beim Sprungtraining in Upper Kanaha beobachten, während du konsequent die Wellen von Hookipa abgeritten bist.
Ich mag Wellen abreiten einfach lieber, auch wenn ich in letzter Zeit so oft wie möglich Jump Sessions eingebaut habe. Und was Philip angeht: Der ist gerade zum Weltmeister gekrönt worden – der kann machen was er will.

Stichworte "Waveride" und "Jumping", welche Ziele hast du nun?
Hauptsächlich möchte ich bei Wind von links besser werden und noch besser bei Wind von rechts springen. Ich arbeite daran, meine Doppelloops sicher zu landen. Ich möchte in der Lage sein, in den nächsten Jahren auch bei den europäischen Events vorne dabei zu sein. Darin muss ich Zeit investieren. Ich möchte ein vielseitiger Windsurfer sein, nicht einer, der nur gut in Hookipa ist. Marcilio ,Brawzinho’ Browne und Ricardo Campello sind so, wie ich sein möchte.

© reemedia

Text: reemedia

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