Sarah-Quita Offringa im Interview

07.04.2016 Manuel Vogel - Little Miss Sunshine – Sarah-Quita Offringa ist längst mehr als die ewig lachende Freestyle-Queen. Im surf-Interview spricht sie über ihren Angriff in Slalom und Wave, die Angst der Männer gegen sie anzutreten und darüber, was sie sich am meisten wünscht: Mal wieder verlieren.

© John Carter/PWA
Sarah-Quita Offringa
Sarah-Quita Offringa

Sarah, wie groß ist die Langeweile bei dir nach deinem achten Freestyle-WM-Titel? Bist du einfach zu gut oder sind die anderen so schlecht?
Es war nie so, dass ich davon ausgegangen bin, zu gewinnen. Aber es gab Zeiten, da wusste ich: Wenn ich gut surfe, werde ich gewinnen! Nachdem ich vor vier Jahren mein Studium in Utrecht begonnen hatte, war ich mir teilweise sehr unsicher. Ich dachte, jetzt würde ich erstmal den Hut voll bekommen. Das ganze Jahr saß ich am Schreibtisch und klickte mich durch die Videos meiner Konkurrentinnen, wie sie gerade in Kapstadt, auf Bonaire oder Fuerte trainierten, während ich kaum raus kam.

Warum war dein Umzug von Aruba nach Holland so ein Einschnitt?
Wenn du von einer kleinen Insel in der Karibik ins hektische Utrecht kommst, ist das eine andere Welt. Es ist kalt und auch die Leute sind auf den ersten Blick "kalt". Der Lifestyle ist ein komplett anderer und es dauert, bis man sich mit den Menschen anfreundet. Ich musste von Null beginnen, hatte keine Freunde und kein Auto, um zum Surfen zu kommen. Und dann die Kälte – jedes Mal wenn ich in einen Anzug musste, war das ein Kampf (lacht).

Die meisten Windsurf-Pros reisen um die Welt und machen sich mit Anfang 20 um ein "spießiges" Studium erstmal keinen Kopf. Warum tauscht man Aruba, das Reisen, die Sorglosigkeit gegen eine Uni in Holland?
Ich hab das ja auch jahrelang so gemacht. Nachdem ich mit der Highschool fertig war, bin ich ein Jahr gereist und gesurft. Aber ich merkte schnell, dass dabei viel auf der Strecke blieb. Wenn du täglich nur mit Windsurfern zu tun hast und sich dein ganzes Leben nur um Windvorhersagen und Moves dreht, verkümmert man geistig. Man muss sich auch als Persönlichkeit weiterentwickeln, deshalb habe ich die Notbremse gezogen und in Utrecht "Science und Innovation Management" studiert.

© John Carter/PWA
Laaaangweiliiiiiiig.... Computer, Mails checken... Büffeln für die Schule...
Laaaangweiliiiiiiig.... Computer, Mails checken... Büffeln für die Schule...

Trotz Trainingsmangel hast du auch während dieser Jahre den Freestyle-WM-Titel souverän gewonnen. Das sagt einiges über die Konkurrenz-­situation aus, oder?
Weißt du, es ist für uns Frauen nicht ganz einfach auf der Worldcup-Tour. Man muss viel Enthusiasmus und Motivation mitbringen, ohne davon reich zu werden und ich ziehe den Hut vor allen, die das durchziehen. Fahrerinnen wie Maaike Huvermann oder Oda Johanne werden immer besser, und es ist kein Selbstläufer zu gewinnen. Und wenn jemand zu mir sagt: "Sarah, nächstes Jahr mach’ ich dich fertig!", dann sage ich: "Ja, bitte! Das wäre toll, ich würde gerne mal wieder einen Freestyle-Heat verlieren!". Die größte Motivation und den meisten Spaß am Windsurfen hatte ich 2008, weil ich ein Jahr zuvor den Titel hauchdünn verpasst hatte und hochmotiviert war. Danach gewann ich in Serie und es war eine Zeit lang etwas langweilig. Motivation entsteht auch aus dem Wissen, dass es jemanden gibt, der besser ist als man selbst. Und auch für Zuschauer und Medien wäre mehr Konkurrenz sicher gut!

© John Carter/PWA
Sarah-Quita Offringas Königsdisziplin: Freestyle
Sarah-Quita Offringas Königsdisziplin: Freestyle

Beim Freestyle bleiben dir aktuell nur die Jungs als Gegner!
Ja, da hast du wohl recht! Ich trainiere ohnehin oft mit meinem Bruder Quincy und den anderen Jungs, weil ich mir da Vieles abschauen kann. In La Torche hab ich den Tow-in Wave-Contest gegen die Männer gefahren und bin Dritte geworden, das war cool.

Hast du das Gefühl, manche Jungs haben Angst gegen dich zu surfen und womöglich zu verlieren?
Naja, es gibt schon öfter mal einen Spruch. Aber meistens ist es Lob, wenn ich gut gesurft bin: "Guter Heat, zum Glück musste ich nicht gegen dich fahren!" Dass sie richtig Angst haben, glaube ich nicht! Und wenn, dann würden sie’s sicher nicht zugeben, es sind ja Männer (lacht).

© John Carter/PWA
Lachen geht für Sarah-Quita immer, einigen Jungs das Fürchten lehren auch (wie zum Beispiel beim Tow-in La Torche).
Lachen geht für Sarah-Quita immer, einigen Jungs das Fürchten lehren auch (wie zum Beispiel beim Tow-in La Torche).

Wie schwer es aktuell ist auf der Tour über die Runden zu kommen, musstest du im letzten Jahr erleben. Als 7-malige Weltmeisterin standest du plötzlich ohne Segelsponsor da...
Ja, das war mein Fehler. Ich habe mich von Gaastra getrennt, ohne einen Plan B in der Tasche zu haben. Als ich mich um neue Sponsoren bemühte, waren alle Budgets schon verplant. Das war Mist, denn ich musste die ganze Saison lang ein Sammelsurium unterschiedlicher Marken nutzen. Man lernt viel über das Material, erkennt aber auch, wie groß die Unterschiede sind. Im Contest war das schwierig, weil ich mich andauernd umstellen musste und kein Ersatzequipment hatte. Aber es gab so viele Leute, die mir mit Stuff ausgeholfen haben, das war super! Jetzt bin ich happy wieder im Team von NeilPryde zu sein. Als die Anfrage kam, war ich wirklich überrascht.

Ein männlicher Weltmeister hätte es vermutlich leichter, an Sponsoren zu kommen...
Ich denke es ist für alle nicht einfach, kaum jemand kann nur vom Worldcup leben und viele machen nebenbei Camps, Clinics und andere Jobs. Aber wir Frauen bekommen noch weniger Aufmerksamkeit, obwohl wir genauso hart dafür trainieren.

Seit 2014 greifst du in allen Disziplinen an. Neben dem WM-Titel im Freestyle hast du den Slalom-Worldcup in Alaçati gewonnen und warst beim Wave-Event auf Teneriffa auf dem Podium. Was treibt dich an?
Seit ich Slalom und Wave mitfahre, bin ich wieder hochmotiviert, weil ich wieder kämpfen muss, um zu gewinnen. In der Welle hatte ich zuerst Schiss vor den Sprüngen, aber das hat sich auch gegeben. Mein erstes Ziel in der Welle habe ich auch schon erreicht: Ich habe keine Angst mehr vor Wellen, die größer als einen Meter sind (lacht). Irgendwann will ich den Wavetitel gewinnen. Morenos, nehmt euch in Acht (lacht).
Auch Slalom ist für mich eine neue Herausforderung, weil es da viel knapper zugeht! Die Wettkämpfe sind einfach eine Gaudi. Ich liebe die Rennen, nur dafür zu trainieren hasse ich (lacht).

© Julian Robinet
Die Disziplin Wave mag Sarah-Quita Offringa sehr und erreicht häufig einen Podestplatz.
Die Disziplin Wave mag Sarah-Quita Offringa sehr und erreicht häufig einen Podestplatz.

Deine Ergebnisse im Slalom zeugen nicht von Trainingsmangel. Letztes Jahr hast du zwei Events mitgenommen – in Alaçati hast du gewonnen, in Neukaledonien wurdest du Dritte...
(Sarah zögert und grinst verlegen) Ehrlich gesagt, trainiere ich für die Disziplin gar nicht. Letztes Jahr bin ich in Alaçati an den Start und hatte vorher das Material noch nicht mal gefahren. Ich hatte ja gar keine eigenen Racesegel, also hab ich den zweiten Satz von Jordy Vonk benutzt. Natürlich funktioniert das alles nicht, wenn das Material nicht richtig eingestellt ist, also hab ich die Jungs am Strand gefragt, ob sie mir nicht ein wenig helfen können (lacht).

Eigentlich ist das doch peinlich für die anderen Frauen, die das ganze Jahr über Slalom trainieren, wenn jemand wie du, ohne Training und eigenes Material, kommt und sieben von neun Rennen gewinnt.
Zum Glück ist Slalom auf dem Wasser weniger technisch als Freestyle und natürlich ist es für mich kein Problem eine gute Halse zu fahren. Es ist immer noch Windsurfen! Und wenn man ein paar Starts gemacht hat, ist der Rest "Augen zu und durch"! In Neukaledonien wurde ich dann ja wieder zurechtgestutzt.

Stichwort "Chiropraktiker"?
(Lacht) Ja, ich hatte dort einen bösen Sturz, als ich auf den letzten Metern ein bisschen zu übermotiviert war. An der letzten Tonne war ich in Führung liegend von Delphine Cousin übertölpelt worden und wollte unbedingt meinen ersten Platz zurück. Der Schleudersturz hat mir einige Gänge zum Chiropraktiker beschert. Auch in Polen beim Indoor hat’s mich böse über die Rampe gelegt, da war ich richtig schockiert und musste mich echt überwinden, da nochmal drüberzufahren. Die Jump Session am Abend hab ich dann auch ausgelassen. Das war das erste Mal, dass ich Angst beim Windsurfen hatte.

© John Carter/PWA
Der Chiropraktiker in Neukaledonien hatte 2014 dank Sarah-Quita gut zu tun.
Der Chiropraktiker in Neukaledonien hatte 2014 dank Sarah-Quita gut zu tun.

Man hat das Gefühl du seist ein Show-Typ. Wer das surf-Archiv durchstöbert, findet kein Worldcup-Foto von dir, auf dem du nicht lachst. Karibische Fröhlichkeit oder manchmal auch Fassade?
Lachen ist für mich Normalzustand! Das Coole ist: Wer fremde Leute anlächelt, bekommt auch ein Lächeln zurück. Probiert’s mal aus! Natürlich bin ich auch mal traurig, denn ehrlich gesagt ist Heimweh mein ständiger Begleiter. Vor allem während der Wettkämpfe, wenn ich permanent angespannt und im Stress bin, sehne ich mich nach jemandem aus meiner Familie, bei dem ich mich mal anlehnen kann. Und auch wenn ich irgendwo auf der Welt am Flughafen stehe, mit all den fetten Boardbags und keine Ahnung habe, wie ich das alles schaffen soll, ist es mit meinem Grinsen schnell mal vorbei. Aber letztlich ist jeder für seine eigene Laune verantwortlich. Und ich bin eben gerne fröhlich!

Web: Sarah-Quita Offringa auf PWA World Tour 

© Franziska Doose
Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 4/2015 können Sie in der SURF App (iTunes und Google Play) lesen oder die Ausgabe im DK-Shop nachbestellen.
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