Ägypten: Blue Lagoon/Dahab

21.06.2016 Adam Sims - Ein Trip zur eine Stunde nördlich von Dahab gelegenen Blue Lagoon gleicht einer Zeitreise – zurück ins Ägypten der 1950er-Jahre, ohne fließend Wasser, Hotels und Stress. Adam Sims nimmt uns mit auf seine Reise ins Blaue, zu Einsamkeit, Beduinentee und unfassbar guten Windsurfbedingungen.

© Julian Dorer

Ein faszinierendes Land und der Ort, wo der Windsurf-Stein bei mir ins Rollen kam. Die Leute sagten mir, ich solle in die Ferne schweifen, Windsurfen lernen und meine Träume leben, also packte ich meine Sachen und zirkelte die ersten Moves ins Wasser von Baby Bay in Dahab. Hätte ich nur damals schon von diesem kleinen, kristallklaren und einsamen  Windsurfspielplatz gewusst, der sich nicht einmal eine Stunde nödlich befindet – der Blauen Lagune! Stattdessen vergingen noch unzählige Trips nach Ägypten, oft nach El Tur auf der anderen Seite des Sinai, bevor ich das erste Mal die Blue Lagoon erleben sollte. Alles geschah, wie so oft, auf den letzten Drücker: Ich saß mit meinem Kumpel Flo Ragossnig im windarmen Wien bei einem kühlen Nixe-Bier und wir klickten uns spaßeshalber durch die Flugangebote für den nächsten Tag. Sie waren billig, die Windvorhersage tat ihr Übriges und so waren wir zwölf Stunden später in Ägypten. Dort angekommen luden uns die Jungs von "Dahab Stars” zu einem Trip gen Norden ein, zu jenem mystischen Ort, von dem wir schon gehört und einige Kurzclips im Netz gesehen hatten.

© Julian Dorer
Der Anfang ist gemacht – Ägyptische Locals haben hier ein kleines Surfcenter eröffnet.
Der Anfang ist gemacht – Ägyptische Locals haben hier ein kleines Surfcenter eröffnet.

Die Blue Lagoon liegt eine Stunde nördlich des Hauptspots von Dahab, mitten im Nirgendwo. Dorthin zu kommen war allerdings mühsamer als gedacht: Option eins war eine Fahrt mit dem Truck durchs Hinterland, bei der man nie weiß, ob man sich "nur” die Bandscheiben ruiniert oder aufgrund der Fahruntüchtigkeit des Gefährts oder Fahrers überhaupt ankommt. Option zwei: Die Fahrt mit einem Fischerboot durchs aufgewühlte Meer, oder drittens, der Ritt mit dem Kamel. "Lasst uns das Kamel nehmen”, riefen wir unisono und die Sache war beschlossen. Das Problem: Es gab drei Kamele, die gerade unseren üppigen Surfstuff tragen konnten, schließlich wollten wir nicht im Paradies sitzen und das richtige Segel nicht dabei haben. Also liefen wir zu Fuß nebenher, was trotz Hitze und unwirtlicher  Felslandschaft kein Problem gewesen wäre – hätten wir uns gegen Flip-Flops entschieden. Kein Bild oder Video kann der Schönheit dieses Ortes gerecht werden wenn man diesen zum ersten Mal erblickt. Am Tag lässt sich die Realität noch annähernd auf einer Kamera festhalten, aber spätestens wenn die Nacht hereinbricht, man im Dunkeln schwimmen gehen kann und im Sekundentakt die Sternschnuppen niederprasseln, scheitert jeder Versuch, diese Stimmung festzuhalten, kläglich. So wie diesen Ort stelle ich mir das Dahab der 1950er-Jahre vor, lange bevor die Windsurfer kamen – abgeschieden, einsam, still. Und windig. Bis auf ein paar Einheimische lebt dort niemand.

© Adam Sims

Genau aus diesen Gründen war ich seitdem mehrmals dort, zuletzt mit meinen britischen Buddies Max Rowe und Oscar Carmichael sowie unseren Freundinnen, diesmal per Boot. Der Zugang von See her erfolgt über ein Riff, welches man nur bei Hochwasser überqueren kann und die flachen Bereiche geben den Blick auf die perfekte Unterwasserlandschaft des Roten Meeres frei. Am Strand angekommen wurden wir vom Besitzer der einfachen Hütten, Mahmoud, mit einem "welcome home” und breitem Grinsen begrüßt. Die wenigen Einheimischen hier lebten schon immer ein einfaches Leben und gingen Fischen. Doch einige von ihnen haben gegenüber ihren Mitmenschen einen großen Vorteil: Die Liebe zum Windsurfen ermöglicht ihnen durch die mittlerweile regelmäßig hier auftauchenden Windsurf-Enthusiasten ein gutes Einkommen, von dem Durchschnittsverdiener hierzulande nur träumen können. Oft geht es beim Blick aufs Windsurfen nur um den neuesten Move oder den nächsten Weltmeister und doch sind es die kleinen Geschichten am Rande, die zeigen, was unser Sport manchmal leistet –  Leute wie Mahmoud und Salama, die hier eine winzige Surfstation aufbauten, haben hier plötzlich eine Perspektive, können ihren Familien Geld schicken und jeden Tag aufs Windsurfbrett steigen. Am Tag meiner Ankunft erfuhr Salama, dass er gerade zum zweiten Mal Vater geworden war. Er nannte seinem Sohn Adam. Vielleicht wird ja auch er einmal vom Windsurfen leben können – der erste Ägypter auf der PWA World Tour, das wäre doch mal ein Weg in eine bessere Zukunft.

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Am besten reist man von Dahab aus mit dem Boot zur Lagune.
Am besten reist man von Dahab aus mit dem Boot zur Lagune.

Wer die blaue Lagune entdeckt, kommt mit den Einheimischen in Kontakt. Unweigerlich. Man sitzt am Feuer, sie erzählen einem Geschichten aus ihrem Leben und  man trinkt Beduinentee – in dem so viel Zucker ist, dass der Löffel fast im Glas stehen kann. Dabei bekommt man ein Gespür für die fremde Kultur und das Leben der Menschen – Aspekte, die man in Hotel­oasen bequem ausblenden und umgehen kann. Außerdem bekommt man ein neues Verhältnis zum sonst so gewohnten Komfort, denn dieser ist hier relativ. Es gibt kein fließendes Wasser und wer auf die Toilette will, kommt nach 15 Minuten Fußmarsch an einem Loch im Boden an, wo es außer Geröll vor allem viele, viele Fliegen gibt. Andererseits erscheint es skuril, dass man Wasser und Toiletten zwar vergeblich sucht, sich aber mit einem eiskalten Bier am Strand mit dem wohl schnellsten Internet Ägyptens mal eben in die sozialen Netzwerke einklinkt, mit Freunden in Europa skypt, Videos postet oder die Windvorhersage checkt – Mittelalter und Neuzeit gehen Hand in Hand, seit die Locals eine Antenne aufgestellt und so ein Fenster zur Außenwelt geschaffen haben. Strom gibt es dank großer Solarpanele und windgetriebener Generatoren mehr als genug. Sogar so viel, dass jede Menge Energie in riesigen LKW-Batterien gespeichert werden kann. Und weil jeder weiß, dass die Sonne auch am nächsten Tag wieder scheinen und der Wind auch wehen wird, kann man sich hier theoretisch sogar einen besonderen Luxus leisten - Surfen bei Nacht, mit Flutlicht! Diese Theorie wurde nachts um drei in die Praxis umgesetzt. Ich wachte durch einige heftige Böen, die an unserer Behausung rüttelten, aus meinen Träumen von Shifty, Pasko und Air Chachoo auf. Die Jungs waren schon mal bei Nacht auf dem Wasser gewesen und ich hatte es verpasst. Diesmal zog ich das Laken zur Seite, lief nach draußen und sah Mahmoud, wie er die unter Wasser angebrachten Lichter einschaltete. Alles sah aus wie ein überdimensionaler, blau-erleuchteter Swimmingpool. Mit dem 4,6er starteten wir ins Dunkel, wendeten und nahmen Kurs auf den geheimnisvoll erleuchteten Bereich am Ufer. In einer Mischung aus Mond-, Sternen- und Flutlicht wurden die Moves immer wilder, die Jubelschreie lauter, der Adrenalinspiegel höher – ein unvergleichliches Erlebnis und das i-Tüpfelchen auf einem Trip, der ohnehin alles bot, was man sich wünschen kann: Abenteuer, besondere Stimmungen und Menschen, sowie die Erkenntnis, dass manchmal ein paar Kilometer abseits des Bekannten eine neue Welt wartet, die man unbedingt kennenlernen sollte.

© Adam Sims

Adam’s Reise-Tipps
Sicherheit: Ja, Ägypten ist derzeit als "unsicher” verschrien, es gibt eine Teilreisewarnung des Auswärtigen Amtes, allerdings nur für den Nord-Sinai, Kairo und die Grenzgebiete zu Israel. Hier im Süden fühlten wir uns sicherer denn je, zumal die Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz der Touristenzentren nochmal gesteigert wurden. Natürlich sollte sich jeder vor Reiseantritt über den Stand der Dinge informieren.
Transfers & Visum: Kläre vorher, wer dich vom Flughafen abholt, wie der Fahrer heißt und für welche Agentur er arbeitet. Lass dich nicht von Fahrern abzocken die so tun, als würden sie dich kennen. Frage sie, wen sie transportieren sollen und lass dir einen Zettel zeigen auf dem dein Name steht. Ich selbst ging erst kürzlich einem zweifellos sehr guten Schauspieler auf den Leim, bin ins falsche Taxi eingestiegen und musste beim ersten Checkpoint wieder ausladen und auf ein anderes Taxi warten.
Preise: Sei nicht zu knausrig, aber vergiß nie zu handeln. Theoretisch kannst du aus einem Laden mit einem Drittel des veranschlagten Preises herauskommen, also freu dich, wenn du die Hälfte zahlst und der Händler auch seinen Schnitt gemacht hat.
Essen: Um in den Restaurants einen guten Deal zu bekommen, schau dir die Karte an und laufe dann weiter. Du wirst sehen, was passiert, vor allem in den weniger gut besuchten Lokalitäten…

© Adam Sims
Manchmal schmeißen die Locals vom Blue Lagoon Wind Surf & Kite Center auch mal das Flutlicht an und sorgen so für für ein unvergessliches Erlebnis.
Manchmal schmeißen die Locals vom Blue Lagoon Wind Surf & Kite Center auch mal das Flutlicht an und sorgen so für für ein unvergessliches Erlebnis.

Blue Lagoon Tipps
Kontaktiere am besten die Jungs von "Dahab Stars", zum Beispiel über ihre Facebook-Seite. Sie haben ein kleines Monopol an diesem Ort – aber sie nutzen es nicht wirklich aus.
Material & Bedingungen: Reise mit wenig Gepäck, aber nimm’ Segel zwischen 5,3 und 4,5 mit. Wenn die Vorhersage starke Tage verspricht, pack auch ein kleineres Segel ein. Man kann im kleinen Center vor Ort (Facebook: Blue Lagoon; www.blue-lagoon.localstray.com) sogar Segel leihen. Es erwarten dich perfektes Flachwasser, Swimming-Pool-Farben und konstanter Wind. Nimm einen dünnen Neo mit, vor allem Abends wird es kühl.
Transfer: Du kannst per Kamel, Boot oder Pick-up-Truck anreisen. Vergiss den Pick-up, er ist teuer, nicht ganz ungefährlich und sehr, sehr holprig. Das Boot ist die beste Wahl, aber warum sollte man nicht auch mal mit dem Kamel hinreiten und mit dem Boot zurück nach Dahab fahren? Auch die Möglichkeit, das Material mit dem Boot zu schicken und entspannt auf dem Kamelrücken zurückzureiten, besteht jederzeit.
Infrastruktur: Blue Lagoon hat mittlerweile Strom und Wifi. Mehr nicht. Daher ist der Platz perfekt zum Entschleunigen. Trotzdem reichen diese beiden Dinge, um es dort eine Zeit lang auszuhalten.
Verpflegung: Nimm eigenes Essen und Wasser mit. Wir planten pro Person stets eine 1,5-Liter-Flasche für eine Mini-Dusche sowie zwei Flaschen zum Trinken und Kochen ein. Der Markt von Asala liegt auf dem Weg und bietet sich für einen Einkaufsstopp perfekt an. Da es ein kleines Restaurant in Blue Lagoon gibt, kann man dort am Abend essen, den Rest des Tages muss man sich selbst versorgen. Pack ein bisschen Essen für die Einheimischen vor Ort ein, die oft wochenlang hier nicht wegkommen. Es wird dir gedankt und ist sicher nicht zu deinem Nachteil. Eine letzte Bitte noch: Damit es hier auch in Zukunft noch unberührt und sauber ist, nimm deinen Müll wieder mit!

© Adam Sims
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