Afrika: Namibia – Windsurfen im Sandmeer

25.07.2016 Adam Sims - Von Kapstadt aus brach Adam Sims mit Freunden auf, um Neues zu entdecken. Als er zehn Tage später mit 5500 Kilometern mehr auf dem Tacho zurückkehrte, wusste er viel zu erzählen – von einsamen Wüstenrallyes, Diamanten und Spots, die Gott im Zorn erschuf.

© Adam Sims

"Komplett unerwartet" – das waren die Worte, um diesen Trip bestmöglich zu beschreiben. Egal wohin wir fuhren, jeden Tag fanden wir Orte, Aussichten, Windsurfspots, Tiere, Städte und mehr, welche dieses Prädikat verdienten. Weil alles, was wir von Namibia kannten, ein sandiger, staubiger Speedkanal mitten im Nirgendwo war, brauchte es allerdings auch nicht viel, um unsere Naivität zu erschüttern.

Während der zehn kurzen Tage in Namibia fuhren wir 5500 Kilometer. Wir starteten von Kapstadt aus auf die zweitägige Reise gegen Norden in Richtung Windhoek, wo wir ASCO Hire Cars einen Besuch abstatteten und unsere neuen Gefährte, drei perfekt für Campingtrips ausgestattete und vor allem offroadtaugliche Toyota Hilux in Empfang nahmen. Vollgestopft mit elf Boards, 18 Segeln und genügend Ersatzmasten und Gabeln schmissen wir uns ins Abenteuer der unentdeckten Spots und staubigen Pisten.

Die Windvorhersage versprach nur die ersten drei Tage Wind, einen davon hatten wir schon mit dem endlosen Transfer von Windhoek nach Walvis Bay verdaddelt. Um fünf Uhr nachmittags bretterten wir ausgehungert und bis in die Haarspitzen motiviert die letzten Kilometer Richtung Strand. Die Warnung eines Locals, dass Diebe unser Auto ausräumen würden, sobald wir einen Fuß ins Wasser gesetzt hatten, trug nicht gerade zu unserer Entspannung bei. Trotzdem ertappten wir uns keine halbe Stunde später dabei, wie wir die Einfahrt zum Hafen von Walvis Bay durchfuhren und uns kurze Zeit später alle dort wiederfanden, wo schon so viele Speedrekorde im Windsurfen, Kiten und Segeln gebrochen wurden.

Zu behaupten, es läge Nostalgie in der Luft, wäre eine Untertreibung gewesen. Am Strand stehen noch immer die Überreste des alten Materialschuppens, in dem Helden wie Anders Bringdal, Björn Dunkerbeck oder Zarah Davis fieberhaft ihr Material auf Top-Speed getunt hatten, alles mit dem Ziel, die schnellsten windgetriebenen Fahrzeuge auf diesem Planeten zu werden. Ein Stück weiter der verfallene Verschlag, in dem die Offiziellen die Geschwindigkeiten gemessen und 1000-fach überprüft hatten. Ein paar Meter dahinter ein bizarres, von Sturm und Salz malträtiertes Modul, welches aussieht, als hätten es Marsbewohner vor langer Zeit an diesen Ort gebracht, um zu beobachten, wie sich seltsame Menschen mit asymmetrischen Brettern, Finnen und Gabelbäumen auf die Jagd nach Adrenalin und Rekorden machen. 

Es war diese Kulisse, die uns eine der besten Sessions im Sonnenuntergang bescherte, an die ich mich erinnern kann. Mit Segeln zwischen 4,0 und 4,6 stellten wir schnell fest, dass wir gerade das Glück hatten, einen der besten Freestylespots des Planeten zu surfen – extrem konstanter und ablandiger Wind, flacher, sandiger Untergrund und mehrere Kilometer Platz, jeden erdenklichen Move auszuprobieren. Genau das war es, wonach wir suchten – die besten Bedingungen, um an neuen Moves wie dem dreifachen Culo und anderen verrückten Sachen zu trainieren, für die glattes Wasser und viel Wind die wichtigsten Voraussetzungen sind. Beobachtet wurden wir dabei nur von einigen "Locals”, ein paar freundlichen Seelöwen, die neugierig ihre Nase aus dem Wasser streckten.

Am nächsten Tag machten wir uns auf den Weg zu einem Spot weiter südlich,  den wohl noch niemand gewindsurft ist. Wir hatten ihn auf Google Earth entdeckt, und bei unserer weiteren Recherche waren wir auf einige Bilder von Rallyefans gestoßen, deren größte Freude es scheinbar ist, sich mitten im Nirgendwo mit ihren Autos im Sand einzugraben und sich dann gegenseitig aus der Patsche zu helfen. Die Bilder sahen aus, als stammten sie von einem anderen Planeten. Hohe, windgepeitschte Dünen, die sich zwischen Lagunen türmten, welche über Tausende von Jahren durch das Spiel von Wind, Ozean und Gezeiten erschaffen worden waren. Außerhalb der Lagunen lagen flache Sandbänke, über denen kleine Rampen nur darauf zu warten schienen, dass ein paar Windsurf-Stuntmen vorbeikämen, um sich auszutoben.

Je mehr wir uns mit dem Weg dorthin beschäftigten, desto deutlicher wurde allerdings auch, dass neben speziellen Fahrzeugen auch spezielle Fahrkünste nötig sein würden. Bei mir bestanden diese aus einer Handvoll Fahrten im Schneckentempo bei zwei Zentimeter Schnee auf einer überfüllten englischen Autobahn. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um es über 100 Kilometer des feinsten und weichsten Sandes zu schaffen. Bevor es losgehen konnte, benötigten wir noch eine amtliche Genehmigung, um in dieses Gebiet fahren zu dürfen. Namibia schürft 30 Prozent der weltweit gehandelten Diamanten und unsere Zielregion gilt als Diamanten-Hotspot. Jeder, der rein und raus will, muss sich registrieren. Das ist keine große Sache, aber als wir auf dem Weg spaßeshalber einige Locals fragten, die am Straßenrand allerlei bunte Mineralien verkauften, ob sie auch Diamanten hätten, schüttelten sie nur den Kopf. Niemand darf welche verkaufen und natürlich darf man sie als Tourist nicht außer Landes bringen.

© Adam Sims
Lagunen und Dünen, so weit das Auge reicht. Dass dieser Spot noch nicht einmal einen Namen hat, zeigt, wie einsam es hier ist.
Lagunen und Dünen, so weit das Auge reicht. Dass dieser Spot noch nicht einmal einen Namen hat, zeigt, wie einsam es hier ist.

Nicht dass dies unser Plan gewesen wäre, aber es erklärt auch, warum der Großteil der Bevölkerung nach wie vor in Armut lebt, während die Minenbetreiber im Reichtum schwelgen. Welcome to Africa! Dieses Schlüsselerlebnis sorgte auch dafür, dass ein Großteil unseres Reisegepäcks als großzügig bemessene Tauschware bei diversen Straßenverkäufern blieb, die täglich an der staubigen Strecke ihr einfaches Leben finanzieren müssen und sich über Gastgeschenke freuten.

Natürlich hatten wir die Deadline für das Abholen der Besuchsgenehmigung am Vorabend verpasst, weshalb wir es jetzt nicht vor dem Eintreffen der Flut bis zu den Lagunen schaffen sollten. Da bei Hochwasser der Ozean direkt bis an die Dünen heranreicht, war der einzig sichere Weg über den nur bei Ebbe freiliegenden harten Sand abgeschnitten. Wir hatten im Vorfeld Schauergeschichten gehört – Leute, die tagelang mit dem Auto im Sand stecken geblieben waren, weil sie sich bei eintreffender Flut nur noch so weit wie möglich die steilen Dünen hinauf retten konnten oder, noch schlimmer, ihr komplettes Gefährt dem Ozean opfern mussten.

Wir vertrieben uns die Wartezeit mit einer kurzen Session und machten uns dann auf den Weg. Wir schafften es bis zum ersten Abschnitt mit weichem Flugsand. Nach 20 Metern hatte sich der erste Wagen bis zum Bodenblech eingegraben. Wir buddelten ihn frei, nur damit er sich zwei Meter weiter wieder eingrub. Schnell kamen Zweifel auf, ob wir wirklich weiterfahren sollten. Ein einheimischer Fischer sah unsere kläglichen Versuche und kam uns zur Hilfe: "Ihr müsst noch weiter ans Wasser, am besten direkt an der Wasserkante fahren”, riet er uns und nach einer halben Stunde graben, fluchen und zweifeln waren wir wieder auf dem Weg.

Die letzte Hürde war ein 300 Meter breiter Streifen, bestehend aus schier unüberwindbarem Flugsand. So kurz vor dem Ziel  war Aufgeben keine Option. Also ließen wir etwas Luft aus den Reifen, nahmen Anlauf, drückten das Gaspedal durchs Bodenblech und schickten ein paar Stoßgebete zum Himmel, als wir mit 80 Sachen ins Ungewisse bretterten. Es reichte so gerade, um auf den kleinen Vorsprung am Fuß der Monsterdünen zu kommen, und bereits der erste Anblick machte uns klar, warum sich der Weg gelohnt hatte. Weißer Sand, Wind fürs 4,6er-Segel und unberührte Lagunen so weit das Auge reichte. Weiter draußen brachen tatsächlich die kleinen Wellen über den Sandbänken, die wir auf den Fotos der Rallyefans entdeckt hatten, und am Horizont zeichnete sich ein traumhafter Sonnenuntergang ab. Shit, es zeichnete sich der Sonnenuntergang ab!

Wir hetzten aufs Wasser und konnten diesen Freestyletraum noch 30 Minuten genießen, bevor es dunkel wurde. Es war lächerlich wenig in Relation zur strapaziösen Anfahrt und dennoch genug, um zu realisieren, dass wir die ersten Menschen waren, die diesen Spotdiamanten gesurft waren. Hier übers Wasser zu gleiten, die Dünen und Lagunen zu sehen, kein Geräusch zu hören außer dem des Windes und dem Board auf dem Wasser, war traumhaft.

Da absehbar war, dass der Wind so schnell nicht wiederkommen sollte, machten wir uns auf den Rückweg in Richtung Swakopmund – nördlich von Walvis Bay. Swakopmund ist eines der skurrilsten Städtchen, die ich je gesehen habe. Am Rande der Wüste stößt man hier, mitten in Afrika, auf Häuser, die aussehen, als entstammten sie einer spießigen deutschen Kleinstadt. Die Überbleibsel der deutschen Kolonialzeit, im einstmals "Deutsch Südwestafrika” genannten Land Namibia, treten nirgends deutlicher zutage als hier – Häuser wie bayerische Bauernhöfe wechseln sich mit hippen Stadtwohnungen und Fertigbauhäusern ab. Es gibt Mettbrötchen im Cafe Anton und die Einwohner parken ihre zumeist deutschen Autos irgendwo zwischen Einstein- und Seeadlerstraße.

Nachdem wir unsere Akkus in dieser Komfort-Oase aufgeladen hatten, waren wir wieder bereit, uns ins nächste Abenteuer zu stürzen. Unter Wellenreitern ist die nördlich von Swakopmund gelegene "Skeleton Coast” längst bekannt, gibt es hier doch einige der besten Beachbreaks der Welt – Wellen, die sich als perfekt laufende Pointbreaks über Hunderte Meter, ja sogar Kilometer entlang der Küste schälen. Die Swellvorhersage war verheißungsvoll, doch diese Küste hat seit jeher ihre eigenen Gesetze.

© Adam Sims
Kein Gedrängel an den Stränden Namibias
Kein Gedrängel an den Stränden Namibias

Die Namib-Wüste reicht hier direkt bis ans Meer und aufgrund des kalten Benguela-Stroms entsteht oft ein dicker Seenebel, der in Kombination mit den zu Dutzenden am Strand liegenden Schiffswracks eine gespenstische Atmosphäre entstehen lässt. Weil die gestrandeten Seemänner in dieser trockenen Gegend früher keine Überlebenschance hatten, ist der Name "Skeleton Coast” tatsächlich treffend.

Uns machte der Seenebel einen Strich durch die Rechnung, kein Lüftchen regte sich und so wurden die fantastischen Wellen eben mit dem Wellenreiter gesurft und ein wenig Sightseeing eingestreut. Wer denkt, Namibia ohne Wassersport wäre langweilig, täuscht sich gewaltig. Überall warten Orte, die einem den Atem rauben: Hohe Bergketten, grüne Savannen, die gigantischen Dünen entlang der Küste und der wohl schönste Sternenhimmel der Welt. Zebraherden, Strauße, Elefanten und andere Tiere hat man nach einer Woche als "normalen" Teil des Landschaftsbildes abgespeichert. Hinter jeder Ecke überrascht dieses Land aufs Neue und obwohl oder gerade weil wir während unserer kurzen Zeit nur ein wenig an der Oberfläche gekratzt hatten, werden wir wiederkommen. Namibia wird uns wieder überraschen, da sind wir uns sicher.

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