Tourensurfen – Tipps fürs Abenteuer

16.01.2003 SURF-Magazin - Gemeinsam einsam: Surfen von A nach B ­ klingt im ersten Moment langweilig. Ist es aber ganz und gar nicht. Wer aus dem monotonen Reißverschluss-Verkehr der bekannten Surfspots ausbricht und zu unbekannten Ufern startet, wird eine völlig neue, interessante und spannende Art zu surfen erleben. Langschlag-Spezialist Jochen Krauth hat surf-Testleiter Stephan Gölnitz mit auf Tour genommen. (surf 1-2/2003)

TOURENSURFEN – Der erste Schritt

Tourensurfen – Tipps fürs Abenteuer
Lagune von Langebaan, Südafrika

Langebaan/Südafrika

Lauschige Lagune und weite Bucht. Mit Starkwind ist gegen Nachmittag immer zu rechnen.


Ijsselmeer/Holland

Gemütliches Cruisen entlang der Küste von Hindeloopen nach Makkum. Frittenstationen zum Energie tanken findet man unterwegs reichlich.

Stephan und Jochen bei der exakten Planung

Sardinien/Korsika

Raue Gegend mit Charme; vor allem zahlreiche vorgelagerte Inseln laden zur Stipvisite ein.


Almanarre/Halbinsel Giens

„Homespot“ von Jochen Krauth. Entlang der Küste kann man bis Le Lavandou surfen.


Müritz

Seenplatte mit der Sicherheit eines Binnenrevieres. Natur pur mitten in Deutschland.


Larissa/Athen

Geschütze Bucht mit vorgelagerten Inseln. Griechisches Ambiente mit Binnencharakter.


Gardasee

Frühmorgens mit Vento von Torbole bis Malcesine, nach einer Pasta-Party nachmittags mit aufkommender Ora zurück.

Alle Trimmleinen werden hinter den Klemmen verknotet auf offener See in hoher Dünung kann man sein Segel nicht mehr nachtrimmen.

Wenn du mit einem Surfbrett auf Tour gehst, dann darfst du eines nie vergessen: Sollte da draußen etwas schief gehen, dann bist du ganz schnell nur noch ein Typ, der sich mit einem kleinen Strandspielzeug zu weit hinaus gewagt hat.“ Bumm! Ganz nüchtern sagt Jochen das und erzielt dennoch einen echten Wirkungstreffer. Strandspielzeug und offene See passt irgendwie nicht zusammen, das versteht jeder. Und der Gedanke, mit gebrochenem Mastfuß irgendwo vor der südafrikanischen Küste zu treiben, erzeugt ein neuartiges Gefühl im Bauch; eines, das nichts Gutes verheißt. Dabei hatte ich mir unsere Tour so als kleinen Spaß am Nachmittag vorgestellt ­ mal eben ein paar Kilometer runterspulen, damit man abends was zu erzählen hat. Was muss man da schon vorbereiten?

Konzentration beim Packen

Doch Jochen prüft penibel jeden einzelnen Tampen an unseren Riggs, jede Schraube an der Gabel, checkt die Ersatzteile und lässt sich einfach nicht aus der Ruhe bringen. Die Erfahrung vieler langer Trips und Überquerungen gibt ihm die nötige Ruhe. Hast und Übereifer vor dem Start passen nicht zu so einem Projekt ­ und sei es noch so klein ­ das kann man auch ohne ein Wort ganz deutlich aus seinen gewissenhaften Vorbereitungen erkennen, wie misstrauisch er die Wetterentwicklung beobachtet. Dabei hat Jochen Krauth, ehemaliger Speedweltmeister im Sprint auf dem 500-Meter-Strip, schon Distanzen mit dem Surfbrett zurückgelegt, die unsere Tour als Kaffeefahrt erscheinen lassen. 120 Meilen bei gut sieben Windstärken vom französischen Festland nach Korsika, 115 Meilen von Guadeloupe nach Martinique. Alles Offshore, allerdings mit Begleitboot. „Das gefährliche“, sagt Jochen, „ist vermeintliche Sicherheit. Der Glaube, man könnte jederzeit einfach umkehren. Weil du mit deinem Surfbrett so schnell fährst und hochseetüchtig bist, dass bei schwierigen Bedingungen ein begleitendes Boot bereits Probleme bekommt, wenn bei uns der Spaß erst los geht.

Solide Knoten für die Trimmeinrichtung, die Tampen werden final gecheckt.

Im Vergleich zu allen anderen Tourenschiffen bist du so schnell, dass du glaubst, jede Situation zu beherrschen. Stimmt auch ­ solange das Wetter mitspielt und es keinen Materialbruch gibt. Segler lernen, mit der Langsamkeit zu leben, und vorausschauend zu planen. Als Windsurfer bist du aber nach nur fünf Minuten heizen auf einem Bug schon viel weiter draußen. So weit, dass es aus eigener Muskelkraft kein Zurück mehr gibt.“ Von Langebaan, surf-Testbasis für fünf Wochen im Winter am südlichen Zipfel Afrikas, wollen wir Raumwind aus der Bucht auf die offene See und dann entlang der Küste bis zum weiter nördlich gelegenen Wavespot Swartriet. Vielleicht 60 Kilometer Distanz, überwiegend auf einem Bug. Ich verspüre ein euphorisches Kribbeln im Magen, eine Mischung aus Neugier und vagen Befürchtungen: Da draußen ist außer uns niemand, Was ist, wenn der Mast bricht, der Wind einschläft?

Das Handy in der wasserdichten Tasche beruhigt, aber wie lange würde es dauern, bis uns ein Boot aufpickt? Jochen bleibt skeptisch. Untypischer, kühler Südwestwind schiebt von der Seeseite her eine gewaltige weiße Nebelbank in die Bucht, ein unheimliches Frösteln fährt uns in die Glieder. Wir ändern den Plan, stecken eine neue Route auf unserer Karte ab. Wir wollen uns innerhalb der Bucht aufhalten, mit immerhin mehr als 20 Kilometern Breite bleibt noch genügend zu entdecken. „Auf Tour“ muss man auch mal „nein“ sagen können ­ auch schon in der Planungsphase. Meine erste wichtige Lektion an diesem Tag. Kurz vor Mittag legen wir ab ­ als Reisende, nicht bloß Hin- und Herfahrer. Und plötzlich wünscht man sich ein paar Leute, die zum Abschied winken, Glück wünschen. Man spürt, dass man heute nicht windsurfen geht wie an anderen Tagen. Dann dümpeln wir los, zehn Quadratmeter in den Händen, auf breiten Formulaboards.

Falls die Finne bricht ­Ersatz eine Nummer kleiner mitnehmen. Bei Overpower lässt sich damit das Brett besser kontrollieren.

Für mein Gefühl alles eine Nummer zu groß. Ein fetter Freerider mit 150 Litern hätte sicher gereicht und wäre einfacher zu beherrschen. Äußerst komfortabel finde ich dagegen die Trimmeinrichtung für die Gabel ­ ein Zug, und der Dampf ist raus ­ sowie die Müsliriegel und Bananen, die wir ins Segel und an die Gabel getapt haben. Raumwind düsen wir kurze Zeit später quer durch die Bucht, auf der anderen Seite liegt ein fetter Pott vor Anker, neugierig rücken wir zur Inspektion aus. Durst habe ich noch nicht, aber der Spieltrieb bringt mich dazu, die Trinkflasche aus der Westentasche zu fingern. Irgendein Gaterade-Zeug mit diesen praktischen Trinkverschlüssen hatte ich eingesteckt, jetzt fühle ich mich schon wie ein richtiger Tourenprofi: Eine Hand an der Gabel, Vollgas, lässig den Nippel mit den Zähnen rausziehen, Kopf in den Nacken und ­ nichts passiert.

Alle Werkzeuge, Taperollen und Zubehör ­werden an einem langen Tampen gesichert. So kann man später damit hantieren, ohne Einzelteile zu verlieren.

Anfängerfehler: unter dem Schraubverschluss den Klebedeckel vergessen. Jetzt wird’s schwierig. Deckel aufschrauben, Lasche mit den Zähnen abziehen und ­ bumm! Schleudersturz. Der erste Gedanke: Die Flasche! Gerettet. Wie banal, ich hätte das Brett beschädigen oder mich verletzen können. Meine Reflexe sind noch falsch programmiert, aber ich habe nochmal Glück gehabt.. Der Isodrink ist zwar mit Salzwasser verdünnt, aber das Brett wohlauf. Jochen nuckelt derweil genüßlich aus seinem Trinkrucksack. Eine Spezialanfertigung, hat er mir erklärt, Trapez, Wassersack mit Trinkschlauch und Tasche aus einem Guss. Hier verstaut er alles, was bei einer Tour nützlich sein könnte: Signalraketen, Telefon, Geld (fürs Taxi), Ersatztampen, Schraubenzieher und Zange, Tape, Sonnencreme, Kompass, Getränke und Energieriegel. Die wasserfeste Seekarte klebt im Segel, jederzeit sichtbar. „Mittagspause“, verkündet Jochen, und ein paar Halsen später laufen wir knapp fünf Kilometer von unserem Basislager in einem kleinen Sporthafen ein, bugsieren selbstbewusst unsere „Hochseeyachten“ neben einen 40-Fuß-Motorkahn in eine Liegebox. Calamares mit Pommes schmecken prima, die Mittagssonne wärmt durch den Neo, und deutlich träger stechen wir ein Stündchen später wieder in See. Halbwind geht es mit ordentlich Druck im Segel die Küste entlang.

Werkzeuge, Signalraketen, Navigationslineal, Mastfuß, Signalspiegel, Telefon, Sonnencreme, Geld, Wasser und Energieriegel ­ alles lebensnotwendige Kleinteile, die im Rucksack transportiert werden.

Eine kleine Dünungswelle rollt sanft an unberührte Strände, ein Seehund lässt sich faul im Wasser treiben, verschwindet erst, als wir ihn fast greifen können. Eine kleine Gruppe von Kormoranen begleitet uns für eine Weile, und langsam verstehe ich Jochens Philosophie. „Auf einer Tour erlebst du Dinge, die andere Windsurfer nie erfahren werden“, sagt er. „Irgendwann war mir das ewige Slalomfahren langweilig geworden, und der Wunsch wuchs immer stärker, Trips, wie ich sie früher mit großen Booten gesegelt habe, auch mit meinem Sportgerät zu fahren.

Mastfußschrauben werden mit Gewindekleber gesichert.

Dabei ist ein Surfbrett dem Segelboot in vielen Punkten überlegen. Es ist schneller, sehr beweglich, einfach zu transportieren, du kannst beinahe an jeder Küste anlanden und schließlich kostet die Ausrüstung nur einen Bruchteil dessen, was ein Schiff kosten würde. Trotzdem muss man sein Material sehr sorgfältig auswählen: Ein Brett mit genügend Volumen, eine stabile Gabel (Verlängerung nicht voll ausgefahren) mit Trimmsystem und als Mast eher ein C70 als ein C100. Nicht zu alt, aber auch auf keinen Fall nagelneu. Denn wenn ein Mast bricht, dann meist in den ersten Wochen.“ Mittlerweile haben wir fast 30 Kilometer unter den Kiel gebracht, nehmen Kurs auf die Schiffsverladestation Saldana. Der Wind schwächelt, nur mühsam können wir uns im Gleiten halten. Ein gigantischer Horizont aus Stahl und Rost wächst uns beängstigend schnell entgegen, ein ölig-muffelnder Geruch strömt von den menschenleeren Ungetümen zu uns herüber ­ kein Platz für Schwimmeinlagen.     


Zurück nach Hause geht es gegen den Wind, Jochens Grundprinzip bei der Routenplanung. „Am sichersten sind Touren bei auflandigem Wind entlang der Küste. Das kannst du überall auf der Ostsee oder woanders machen. Bei großen Rundtouren muss man bedenken, dass man bei plötzlich auffrischendem Wind leichter zurückkreuzen kann, als Raumwind fahren. Voll ablandiger Wind ist tabu. Allerhöchstens im Minimalabstand ­ so weit man schwimmen könnte ­ darf man sich an der Küste entlang hangeln.“ Auf dem Kreuzzug zurück bleiben wir die ersten zehn Kilometer dicht beieinander, ein eiserner Grundsatz beim Tourensurfen. Dann, quasi auf der Zielgeraden, trennen sich unsere Wege. Jochen, der Regatta-fuchs, kreuzt im schmalen Windstreifen unter Land zurück, ich wähle den Schlag weit raus in die Bucht ­ und dümple 20 Minuten nach ihm mit der letzten Brise an den Strand. Irgendwie hat er mich an diesem Tag aus dem Speedstrip befreit, Windsurfen hat eine zusätzliche Dimension bekommen. Und irgendwie teilt man das Gefühl, mit einem kleinen Strandspielzeug etwas Großes geschafft zu haben.

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