Dänemark: Surftrip am Polarkreis – Faröer Inseln

09.11.2016 Sergio Villalba Morales, Andreas Erbe - 50.000 Einwohner, 80.000 Schafe, die exotischste Fußballmannschaft bei der EM-Qualifikation und eine barbarische Tradition – das ist das Maximum was man im Allgemeinen von den Färöer-Inseln weiß. Viel mehr wusste Dany Bruch auch nicht vor seinem Trip in den Nordatlantik. Danach war ihm klar: „Dieser Ort ist völlig irreal, wie eine Postkarte, ein Märchen – wie gemalt”.

© Sergio Villalba Morales
Drei Wochen war Dany Bruch auf den Färöer-Inseln unterwegs, um die besten Windsurfspots zu finden. Auf die Hilfe von Locals konnte er nicht bauen – es gibt nämlich keine.
Drei Wochen war Dany Bruch auf den Färöer-Inseln unterwegs, um die besten Windsurfspots zu finden. Auf die Hilfe von Locals konnte er nicht bauen – es gibt nämlich keine.

Wenn man mit dem Finger über die Weltkarte streicht und dabei immer dort innehält, wo man noch einmal in seinem Leben zum Windsurfen hinfahren möchte, dann gibt es viele Stopps. Bei den Färöer-­Inseln zwischen Schottland im Süden, Norwegen im Osten und Island im Westen würden vermutlich die wenigsten Finger hängen bleiben. Anders verhält sich das bei manch weit gereistem Profi. Dany Bruch hat in seiner Surfkarriere schon so viele Spots gesehen, dass die Schafsinseln offensichtlich eine echte Option für ihn waren.

Die Färöer-Inseln stehen sicher nicht ganz oben auf der abzuarbeitenden Spotliste der meisten Windsurfer. Wie seid ihr auf die Inseln gekommen?
Dany: Das stimmt, da kommt man nicht so schnell drauf. Mein Freund und Fotograf Sergio war schon zwei Mal zum Wellenreiten dort und schwärmte von der unglaublichen Szenerie. Er zeigte mir ein paar Shots und ich war hin und weg. Und da dort noch nie jemand zum Windsurfen war, dachte ich mir: Klar, warum nicht?

Die Lage der Inseln zwischen Norwegen und Island klingt allein schon kalt. Was hattest du für Erwartungen an den Trip?
Eigentlich sehr wenige. Ich finde es immer am besten zu einer Location zu reisen, ohne mir vorher viel anzuschauen, um mich dann überraschen zu lassen und alles selbst herauszufinden. Wegen der Kälte dachte ich mir, ich habe drei Missions des Red Bull Storm Chase überstanden, dann kriege ich das wohl auch hin. Wobei ich jetzt zugeben muss, dass ich diesen Punkt total unterschätzt habe. Dort windzusurfen war das kälteste, was ich bis jetzt gemacht habe. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet. Mir war immer zu kalt.

© Sergio Villalba Morales
"Ich hatte eindeutig die falschen Klamotten mit. Mir war immer kalt", gesteht Dany nach dem Trip. Dabei ist es auf den Färöer-Inseln dank des vorbeiziehenden Golfstroms verhältnismäßig mild – ist halt alles subjektiv.
"Ich hatte eindeutig die falschen Klamotten mit. Mir war immer kalt", gesteht Dany nach dem Trip. Dabei ist es auf den Färöer-Inseln dank des vorbeiziehenden Golfstroms verhältnismäßig mild – ist halt alles subjektiv.

Hattest du irgendeine Ahnung, ob und wenn ja, wo man auf den Färöer windsurfen kann?
Nee, gar nicht. Sergio erzählte mir nur, dass es extrem windig sein soll. Ein paar Wochen vor dem Trip habe ich dann öfter mal das Wetter gecheckt, um zu sehen, wie es da zur Sache geht... auweiha, dachte ich, da geht’s ab. Angeblich gibt es auf den Inseln nur ein oder zwei Wellenreiter und einen Kiter, der aber nur auf Flachwasser in den Fjorden kitet.

Wie hast du herausgefunden, welche Plätze überhaupt zum Windsurfen geeignet sind?
Die Planung war hart. Die Wettervorhersagen in dem Gebiet ändern sich extrem. Der Kanal zwischen Norwegen und Island ist wie ein Magnet für Stürme, da kommt es aus allen Richtungen. Es gibt viele kleine Buchten mit steilen Klippen, das sieht zwar geil aus, macht es für den Wind aber noch etwas schwerer. Dank Google Earth konnte man ein bisschen planen, wobei oft alles anders war als erhofft. An den ersten Tagen hatten wir Bombenwetter, 15 Grad, Sonne und null Wind. Das war ideal, um alle Spots abzuklappern, die infrage kamen. Dazu gehörte eine Menge Fantasie, Theorie und ein Kompass.

Aber am Ende habt ihr ein paar gute Spots gefunden.
Wir waren an jeder Ecke auf den nördlichen Inseln. Sandur hat das meiste Potenzial, eine Stunde Bootsfahrt und dann 15 Minuten mit dem Auto von Torshavn. Dort hatte ich den besten Windsurftag. Die Berge gehen flacher ins Wasser und die Buchten liegen etwas weiter auseinander. Vor den spitzen Bergen des Draganir-Felsens zu surfen, war so eine Sache. Wir wollten dort mit einem sechs Meter langen Boot hin. Der Skipper hatte uns schon gewarnt, wegen der Strömungen – aber wir wollten es halt selbst sehen. Als wir an die Ecke des Fjords kamen, sahen wir zwei bis drei Meter hohen Chop und acht Knoten Strömung. "Da fahr ich nicht durch", sagte der Skipper. So mussten wir umkehren, das Boot aus dem Wasser holen und es von einer anderen Stelle aus versuchen. Doch auch dort kamen wir in die Strömung. Ich hab’s dann trotzdem versucht. Der Wind drehte ständig und in den Windlöchern bin ich ein paar Mal in die Strömung gekommen – ich hätte nie gedacht, dass Surfen auf Flachwasser so einen Adrenalin-Kick geben kann. Ein einmaliges Erlebnis war auch die Session auf einem See in der Nähe des Flughafens. Die Ufer gehen direkt in steile Klippen hinunter und zum Meer über. Das war total irreal.

Die Färöer-Inseln kommen immer wieder in die Negativ-Schlagzeilen wegen des "Grind", bei dem einmal im Jahr in einer Bucht tausende kleine Waale und Delfine abgeschlachtet werden. Hast du da mit den Einheimischen mal drüber gesprochen?
Die Bewohner sind ein Volk für sich. Wenn man mal tiefer eindringt, merkt man, dass es dort eigene Gesetze neben den offiziellen gibt. Die Inseln sind weit weg, kaum ein Fremder kommt dort hin und man bekommt den Eindruck, dass sie machen, was sie wollen und wie sie es schon die letzten Jahrhunderte gemacht haben. Das Volk hält extrem zusammen, da gibt es keine Ausnahmen. Ein Einheimischer hat mir die Tradition des "Grind" erklärt. Früher war es wohl so, dass es gemacht wurde, um Fleisch für den kalten Winter zu haben. Klar, das ist heute nicht mehr notwendig und ich bin damit auch nicht einverstanden. Doch für die Insulaner ist diese Tradition etwas sehr Großes und Angesehenes. 

Was waren die besten Momente auf dem Trip?
Davon gab es sehr sehr viele. Es war ein reines Abenteuer, und das liebe ich. Ich liebe die Natur, je unberührter, desto besser. Ich glaube, es gibt keinen Ort auf der Welt, sofern ich ihn bisher selbst erforscht habe, der so schön ist! Ich habe aber auch schlechte Erfahrungen gemacht – oder definieren wir es lieber als Dummheit. An einem der stürmischen Tage fuhren wir Richtung Torshavn und ich sah in der Mitte eines Fjords ein paar Wellen brechen. Ich sagte zu meiner Crew, lass uns da hinfahren und ein bisschen springen. Es sah perfekt aus – Sideshorewind und die Wellen etwa kopfhoch. Das muss geil aussehen. Ich bin dann über Felsen gekraxelt und los ging’s. Ich dachte, es wären so fünf Minuten bis zu den Wellen. Es waren dann aber 20 Minuten und was kopfhoch aussah war in Wirklichkeit über masthoch. Darunter war es extrem flach, ich konnte die Felsen teilweise sehen und eine extreme Strömung lief gegen die Wellen. Die Wellen konnten deshalb nicht normal brechen, sie explodierten förmlich und das kreuz und quer. Es war ein Spektakel, das man nicht so oft sieht.

Und was mache ich? Völlig mit Adrenalin geladen denke ich, jetzt bin ich schon mal hier, dann kann ich auch ein paar Sprünge versuchen. So nach zehn Anläufen hat’s dann auch geklappt. Ein paar Backloops und Stalled Forwards klappten. Doch dann überrollte mich so ein "Wellchen", mein Rigg ging verloren und plötzlich bekam ich den Realitätsschock. Danach wollte ich nur noch an Land. Es dauerte 40 Minuten, bis ich downwind wieder Land erreichte – nicht dort, wo ich hin wollte, aber ich wollte dann nur noch irgendwie an Land. Dort brach ich dann zusammen und mir kamen die Tränen. Bist du bescheuert, sagte ich zu mir. Was wäre gewesen, wenn du auch dein Board verloren hättest oder der Mast gebrochen wäre – da hätte dich niemand rausgefischt. Bei zwei Grad Wasser- und Lufttemperatur, wie lange hätte es da wohl gedauert, bis ich für immer weg gewesen wäre. 

© Sergio Villalba Morales
Auch wenn Dany nicht nur gute Erfahrungen auf den Inseln gemacht hat, will er unbedingt zurückkommen, um noch bessere Wellen zu finden. Dann aber besser vorbereitet mit einer Rescue-Crew. 
Auch wenn Dany nicht nur gute Erfahrungen auf den Inseln gemacht hat, will er unbedingt zurückkommen, um noch bessere Wellen zu finden. Dann aber besser vorbereitet mit einer Rescue-Crew. 

Würdest du trotz dieser Dummheit noch mal zurück auf die Färöer-Inseln kommen?
Ich werde auf jeden Fall noch mal dort hinfahren. Es gibt einen Spot, der angeblich bis zu 15 Meter hohe Wellen anbieten kann und je nach Vorhersage kann der Wind dort perfekt side-side-off wehen. Aber dann habe ich einen Rescue-Ski oder ein Boot dabei. Es war einer der härtesten Trips, die ich je gemacht habe, und ich habe sehr viel Glück gehabt. Es war aber alles Wert. Ich werde diese Erfahrung nie vergessen!

© Ben Thouard
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