Reportage: Bretagne mit Fahrrad, SUP- und Surfboards

06.04.2017 Florian Jung - Surfgeschichten über Roadtrips gibt es viele. Die von Flo Jung, Jules Denel und Fotograf Pierre Bouras aber ist etwas Besonderes. Auf dem Fahrrad mit Windsurfboard, SUP und Zelt die Spots der Bretagne erkunden, das hat wohl kaum jemand schon mal gemacht.

© Pierre Bouras
Reportage: Bretagne mit Fahrrad, SUP- und Surfboards
Reportage: Bretagne mit Fahrrad, SUP- und Surfboards

Sind wir mal ehrlich – auf verschiedene Art und Weise sind wir doch alle Getriebene, auf der Suche nach Glück, Anerkennung und einer gewissen Sicherheit. Wir wollen unsere limitierte Zeit auf diesem Planeten möglichst effizient nutzen, uns entwickeln und einer Aufgabe nachgehen, die uns zutiefst befriedigt.

Im Gegensatz dazu leben wir in einer Konsumgesellschaft, in der wir von morgens bis abends mit Reizen überflutet werden, die uns suggeriert, besser, schneller und vielfältiger zu werden, um diese Befriedigung zu erreichen. Angefangen bei der Planung für die nächste Reise können wir auf modernste Wetterberechnungsmodelle zugreifen, die uns mit den höchsten Windwahrscheinlichkeiten versorgen, wir können Hotels mit den besten Bewertungen buchen und unzählige andere Parameter berücksichtigen, die uns dabei helfen, die richtigen Entscheidungen für den perfekten Urlaub zu treffen. 

Nach zahlreichen Trips um den Erdball verschieben sich die Bedürfnisse mit der Zeit. Zwar bin ich nach wie vor auf der Jagd nach Wind und Wellen, doch ich versuche mich mehr und mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren, statt auf Bequemlichkeit zu achten. Es geht um die Erfahrung des Reisens an sich, um das "Wie" anstatt das "Wohin". Alles was man nicht unbedingt braucht, bleibt zuhause. Es geht darum, neue Horizonte zu entdecken, in der Natur zu sein, sich treiben zu lassen und all die unnötigen Dinge auszublenden, die Zeit kosten oder man nicht beeinflussen kann.
Gemeinsam mit Jules Denel und dem Fotografen Pierre Bouras treffe ich mich in Crozon, in der Bretagne, um zu einem Abenteuer der anderen Art aufzubrechen.

Ausgestattet mit Fahrrädern, Surfbrett-Anhängern und sehr abgespeckten Taschen mit Windsurfmaterial, wollen wir in den nächsten Tagen die Atlantikküste aus einem anderen Blickwinkel unter die Lupe nehmen. Es geht nicht da­rum, so schnell wie möglich von A nach B zu kommen beziehungsweise gewisse Dis­tanzen zurückzulegen, sondern einfach sich treiben zu lassen. Wir sind abhängig von der Natur und versuchen uns so gut es geht anzupassen. Bei Wind und Wellen gehen wir aufs Wasser, bei Flaute treten wir in die Pedale und nachts schlafen wir irgendwo am Strand in unseren Zelten. Wir sind quasi autark, nur unser Arbeitgeber, der Wind, bestimmt sozusagen, wo wir verweilen und wohin es geht.

Das Reisen per Fahrrad ist anders und hält viele Überraschungen bereit. Es kostet nichts außer deiner eigenen Kraft, man kommt an die abgefahrensten Plätze und reist in einer Geschwindigkeit,  bei der man nicht das Gefühl hat, vom Erdball zu fliegen.

© Pierre Bouras
Die Route mit Fahrrad, SUP und Surfboard beginnt am Surfspot in La Paule und endet in Quiberon.
Die Route mit Fahrrad, SUP und Surfboard beginnt am Surfspot in La Paule und endet in Quiberon.

Hier ein paar Auszüge aus unserem Logbuch:

1. Tag: Das Abenteuer kann beginnen
Durch einen Streik wird in ganz Frankreich der Kraftstoff knapp und die meisten Tankstellen haben geschlossen. Dank dreier nagelneuer Fahrräder, Surf­anhänger und SUP-Boards im Gepäck kann uns das aber nicht von unserem Projekt abhalten. Passend zum Start unseres Bike-Trips komme ich mit den letzten Litern Diesel in die Bretagne. Beginn unserer Reise ist der Surfspot La Palue, der uns mit Wind und guten Wellen empfängt. Es regnet zwar in Strömen, aber die Wellen haben ordentlich Power. Jules und ich sind die Einzigen auf dem Wasser und nehmen eine Welle nach der anderen auseinander. Uns umgeben schroffe Felsklippen und dunkle Regenwolken entleeren sich über uns. Die Stimmung gleicht einem Weltuntergang, aber solange Wellen am Horizont erscheinen, stört das nicht weiter. Nachdem das Licht langsam ganz ausgeht, schlagen wir unser Camp am Strand auf und bereiten uns auf einen frühen Start am nächsten Morgen vor.

2. Tag: Free Ride Pedal Power
Mit den ersten Sonnenstrahlen schwingen wir uns auf die Sättel. Unsere Ausrüstung besteht neben den Mountain Bikes und Fahrradanhängern für jeden von uns aus: Jeweils ein Windsurfboard mit 90 Litern, einem 5,3er- und 4,5er- Segel, Mast, Gabelbaum und einem SUP- Waveboard. Dazu ein Fahrradnavi und zwei Actionkameras mit GPS-Funktion, zwei Zelten mit drei Schlafsäcken, eine Verpflegungstasche mit Kochutensilien,  Pierres Fotoausrüstung samt Drohne, zwei Solar-Panels für Kamera-Akkus, eine Kleidertasche mit Zubehör für unsere Bikes, drei Fahrrad-Rucksäcke mit jeweils 2,5 Litern Trinkwasser. Insgesamt zieht jeder von uns etwa 45 Kilogramm hinter sich her, was zur Folge hat, dass es bergauf nur sehr langsam vorangeht und man bergab regelrecht fliegt. Es ist eine Art Zirkeltraining, das so kurz vor der Wettkampfsaison für uns wie gerufen kommt. Nach einigen Stunden auf und ab sind wir fix und fertig. Wir finden eine Klippe mit Blick aufs Meer, wo wir unsere Zelte aufschlagen und den Tag mit reichlich Pasta ausklingen lassen.

3. Tag: Alles tut weh
Surfer verwenden anscheinend nicht sehr viele Muskelgruppen, die mit denen von Bikern übereinstimmen. Anders ist es nicht zu erklären, dass alles schmerzt. Vor allem das Sitzen im Sattel hat es in sich. Schon nach ein paar Kilometern kommt der erste Schock. Durch ein lautes Knacken wird uns bewusst, dass die Steckverbindung von Jules Anhängerkuppelung gebrochen ist. Notdürftig können wir sie mit etwas Klebeband reparieren und müssen für den Rest des Tages einen Gang runterschalten und hoffen, dass uns keine Schnecke auf den engen Küstenstraßen überholt. Nach etwa 50 Kilometern ist Schluss für heute, und wir finden in dem Garten eines Barkeepers, bei dem wir unsere Wasservorräte auffüllen, eine Bleibe für unsere Zelte – natürlich direkt am Meer.

© Pierre Bouras
In La Palue startet der Trip gleich mit kernigen Bedingungen.
In La Palue startet der Trip gleich mit kernigen Bedingungen.

4. Tag:  Es läuft...
Pünktlich zum Sonnenaufgang sind wir wieder auf der Straße – besser gesagt auf kleinen Waldwegen. Pierre, unser Fotograf und Navigator, hat die glorreiche Idee, ein paar Abkürzungen zu nehmen, um pünktlich zu dem heranrollenden Swell, der gegen Abend ordentlich Wellen mit sich bringt, an einem Surfspot namens Audierne zu sein. Leider können wir nicht wissen, dass diese schmalen Wanderwege nichts für unsere breiten Surf­anhänger sind und wir zwischen Bäumen stecken bleiben. Somit bleibt uns keine andere Wahl als den Rückwärtsgang einzulegen und auf die Hauptstraßen auszuweichen. Am Ende hat sich das Strampeln gelohnt, und wir werden mit ein paar wirklich sauberen Wellen bei Sonnenuntergang belohnt. Der perfekte Tag endet mit ein paar Grillwürsten über dem Feuer am Strand.

5.- 7. Tag: Wellen bis zum Abwinken
Die Nacht war relativ kurz. Das Donnern der Wellen, die ein paar Meter neben unserem Zelt ihre ganze Kraft entladen, war ohrenbetäubend. Beim Öffnen des Zeltreißverschlusses zeigt sich ein Panorama, das durch weiße Linien dominiert wird. Zeit für die Morgendusche. Wir stürzen uns mit unseren Windsurfboards in die Fluten und sind hellwach. Das liegt vermutlich auch daran, dass die Atlantikwellen hier mit extra Turbopower ausgestattet sind. Die Waschgänge entfernen auch die letzten hartnäckigsten  Dreckreste, die sich bei den Offroad-Trips der letzten Tage angesammelt haben.  Leider verlässt uns der Wind nach ein paar Wellen, so dass wir auf unsere SUP-Boards umsteigen. Zum Mittagessen werden wir von einem lokalen Surfshaper namens Robin verköstigt, der uns von weiteren guten Spots entlang der Küste erzählt.  Wir packen unsere Siebensachen zusammen und ziehen in den darauf folgenden zwei Tagen wie die Nomaden von Spot zu Spot. Bei dem Küstenort Plovan bricht kurz vor Flut eine saubere Rechtswelle,­ die wir mit unseren kurzen SUP-Boards wie Künstler bearbeiten. Nach mehreren Stunden auf dem Wasser machen wir es uns mit einem Eintopf Gemüse vor unserem Zelt gemütlich. Feierabend!

8. Tag: Windsurfen in La Torche
Ein weiterer sportlicher Tag steht auf dem Programm. Nach 30 Kilometern Radfahren geht es zum berühmten Worldcup-Strand von La Torche. Mit etwas Glück bekommen wir für zwei Stunden sogar genug Wind und können so die Eigenheiten des Spots genauer unter die Lupe nehmen. Es ist etwas völlig anderes, frei zu surfen und jede Welle mit Perfektion und Hingabe entgegen zu treten, anstatt sich von Punktrichtern bewertet zu lassen. Das macht solche Trips aus. Wir teilen uns cleane Drei-Meter-Wellen, die mehrere Turns zulassen, bis schließlich der Wind das Weite sucht.

© Pierre Bouras
Im Shorebreak von La Torche können Flo und Jules schon für den Worldcup im Herbst an gleicher Stelle trainieren. 
Im Shorebreak von La Torche können Flo und Jules schon für den Worldcup im Herbst an gleicher Stelle trainieren. 

9. Tag: Tour de France mit Gegenwind
Der Weg ist das Ziel. Weiter geht’s in südliche Richtung nach Concarneau. Wir fahren meist auf Hauptstraßen, die sich ziehen wie Kaugummi. Dazu haben wir auch noch Gegenwind. Wir versuchen, im Windschatten des anderen zu fahren, was natürlich nicht sehr viel bringt, wenn man durch die langen Anhänger nicht sehr dicht auffahren kann. Gegen die Langweile knobeln wir, wer für das Abendessen verantwortlich ist. Pierre ist klarer Verlierer und kann auf der Suche nach einem Supermarkt, der sonntags geöffnet ist, noch 1,5 Stunden Extrarunden drehen.

10. Tag: Die Zeit rennt
Der Swell hat sich jetzt ganz verabschiedet und wir entscheiden uns etwas Strecke zu machen. Es geht weiter entlang der Küste nach Quiberon. Pierre kennt die Gegend wie seine Westentasche, da er hier aufgewachsen ist. Auf kleinen Wegen schlängeln wir uns vorbei an Stränden und Steilklippen. Jules und ich nutzen den Tag zum "Zeitfahren", bei dem wir unsere Kilometer und Pulsfrequenz mit unseren Sportuhren vergleichen. Die Tage auf den Bikes samt Anhänger machen sich langsam bemerkbar. Es geht immer besser, und wir spüren trotz der Anhängerlast so etwas wie Fahrtwind. Leider ist die Zeit in diesem Hinblick unser größter Feind, denn sie ist für diesen Trip leider abgelaufen. Es stehen Sponsorenverpflichtungen auf dem Programm und schweren Herzens trennen sich unsere Wege hier. Die Tage in der freien Natur waren mehr als erfrischend und machen Lust, neue Horizonte mit dieser Fortbewegungsvariante zu entdecken. Diese Art von Reisen beschränkt sich auf das Nötigste, ist umweltschonend und obendrein zugänglich für jeden, der hin und wieder "etwas rustikaler" reisen will.

Unser Projekt wurde mit Material von folgenden Firmen unterstützt:
www.Garmin.com (Navigation)
www.canyon.com (Bikes)
www.hinterher.com (Surf Anhänger)
www.dakine.com (Assessoirs/ Kleidung)

© John Carter/Starboard
Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 8/2016 können Sie in der SURF App (iTunes und Google Play) lesen – die Print-Ausgabe ist leider vergriffen.
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