Italien: Mythos Schweinebucht

26.07.2006 Steve Chismar - Glück kennt keine Grenzen, auch wenn man dafür in die Tiefe muss. surf-Redakteur Steve Chismar verbrachte vier Tage in der legendären Schweinebucht am Gardasee auf der Suche nach dem verlorenen Mythos.

© Steve Chismar

Als Walter sich aus seinem schwarzen Bundfaltenanzug und seinem weißen Calvin Klein-T-Shirt schält, entblößt er Fragen provozierend auf chinesisch die Philosophie seines Lebens: „Macht ohne Liebe macht gewalttätig.“ Die Tätowierung überzieht die Haut seines linken Oberarms und seiner Schulter wie ein Spinnengewebe vor einer Fenster­ecke. Und klar, ich frage: „Was steht’n da?“, und schon bin ich im Netz seiner Gedanken gefangen.

Italien: Mythos Schweinebucht

Am Vorabend bricht die Nacht an den steilen, fast überhängenden Felsklippen an der westlichen Gardesana schnell herein – wie der Hunger nach einem langen Surftag am Gardasee. Mit Glück erblicke ich eine der wenigen freien und begehrten Parkbuchten vor dem schwarzen Schlund eines Tunnels und parke.

“Der Wildwuchs Camping hat seinen Preis!” Als die Parkbuchten noch frei zugänglich waren, lebte der Kult in der Schweinebucht – das Hookipa oder die Perle des Gardasees.

Der Abstieg zur oberen Schweinebucht fällt mir ohne Stirnlampe schwer. Mit Rucksack und Isomatte hangele ich mich an einer Mauer am steilen Nichts entlang. Das felsige Bachbett aus der senkrechten Wand, das unter der Straße zum See führt, kann man nur erahnen. Bei jedem Schritt rutscht der poröse Kalkfels unter meinen Füßen weg. Das monoton beruhigende Summen der Zikaden verstummt jäh bei jedem Ausrutscher, als ob sie mitfühlend für mich die Luft anhalten. Über meinem Kopf ein Auto, das laut vorbeirast und den Abgrund einen Wimpernschlag lang mit weißem Licht erhellt. Mit der rechten Hand hänge ich an einer Baumwurzel, der linke Fuß sucht hektisch nach einem sicheren Stand. Das Glück liegt knappe fünfzig Meter unter mir, eingebettet in weißem Fels, genau an der Grenze zwischen der Region Lombardei und Trentino, die sogar bis 1918 die Grenze zu Österreich darstellte und mit einem Monument die Nachwelt mahnt.


Das Urgestein der Schweinebucht heißt Hänsen Vogelsammer. Seine langen Haare hängen runter wie trockenes Schilf nach einem langen und heißen Sommer in Italien. Statur, Kopfpracht und Bewegung erinnern an den Predator im Kino-Hit „Predator vs. Alien“. Seine blauen Augen sind erstarrt zum Tunnelblick-Syndrom eines Surfers, auf Lebzeit gekoppelt mit einem Redefluss so beständig wie die warme Ora aus dem Süden. Seinem fehlenden Rundumblick verdankt man auch mal ruhige Momente am Pier oder in der Bucht. Aber wehe, der Blick erfasst einen, dann wird man zum Raubfang eines mitteilungsbedürftigen, aber liebenswerten Surffanatikers. Ich habe Zeit und füge mich dankbar dem Beutedasein. Er gehört zu den wenigen Schweinebuchtlern, die man heute noch am Ort des Verbrechens antrifft und er kennt alle Schweinereien von der oberen bis zur unteren Schweinebucht. „Die Italiener kamen erst lang nach uns. Früher haben einfach Typen wie Sigi Hoffmann und Michi Bouwmeester den Ton angegeben. Michi hat schon in den 70ern erkannt, dass der Spot Potenzial hatte. Als dann die Schweinebucht nördlich vom Pier in den 80ern bekannt wurde, surften dort auch nur Deutsche und Österreicher. Wie Mike Eskimo mit seiner ersten Duck Jibe in Europa, Ralf Bachschuster, Charly Messmer, aber auch später die gesamte deutschsprachige Freestyle-Elite Humpel, Wiefling, Krupitz, Seidl, Niedner, Murati und Co. Momentan sind die Italiener mit den Profis Guazzoni, Franciosi, Buratti und Marani viel besser als wir. Mit den Italienern fährt europäische Spitzenklasse in der Schweinebucht herum. Aber alle bauen am Pier auf und surfen runter.

“Die Schweinebucht ist im Aufwind”  (Hänsen Vogelsammer)

„Das war früher verpönt, wir lebten in der Bucht. Die Piersurfer waren die Idioten“, erinnert sich auch Hermann Seidl, eine der schillerndsten Gestalten der Schweinebucht und langjähriger Stationsleiter an Michi Bouwmeesters Surfschule.Die Polarisierung zwischen dekadentem Surfen am Hotel Pier und kultigem Wildzelten in der Schweinebucht kreierte den Mythos Schweinebucht.

Morgenidylle in der oberen Schweinebucht

Die nervenaufreibende Kletterpartie hat jäh ein Ende, als ich unter der Straßenbrücke einen kleinen Weg zum Kieselstrand entdecke. Eine herrliche ahornartige Platane schmückt die obere Schweinebucht, die eigentlich im geographischen Sinne die untere sein müsste. Zwischen hier und den funkelnden Lichtern des Piers verstecken sich im Schwarz der Nacht noch weitere kleine Buchten (mittlere Schweinebucht) unter dem Schutz der Platanen, Weiden und Feigenbäumen. Die ursprüngliche, legendäre (untere) Schweinebucht mit der einzigartigen Platane (früher: Brettbaum genannt) liegt keine hundert Meter nördlich vom Pier und bildet eine Bucht zwischen einem Felsabbruch und einer steinigen Halbinsel. Hier beschleunigt der eh schon stärkste Wind des Sees bei Ora und bildet bei beiden Windrichtungen den idealen Freestyle-Spot für Segel um die fünf Quadratmeter.

Action in der unteren Schweinebucht

In der Nacht streicht der kühlere Nordwind Vento liebevoll durch die Blätter der Plantane, unter der ich liege, an der alten Grenze Österreichs und lässt auf ein Auffrischen in der Früh hoffen. Die kleinen Wellen gluckern und plätschern weich auf die Steine. Der Duft nach dem Harz der Zypressen und die ethärischen Öle der Kiefernadeln, aber auch der herbe Geruch der Feigenbaumblätter vermischen sich in der mediterranen Luft. Ich schmiege mich an den Boden wie ein Kleinkind an die Mutter, wohlwollend und umarmt von der Natur. Die Wassermusik, der Duft und das rauschende Blattwerk machen mich traumtrunken, wiegen mich in meinen Schlaf.


Ruhige Nächte gab es Ende der 80er in der Schweinebucht nicht. „Damals stapelten mindestens 15 Segel aufeinander. Die kleinen Custom Mades hingen im Baum. Wenn du einen Übernachtungsplatz wolltest, musstest du früh kommen“, erzählt der Münchener Hänsen. Damals waren die Parkbuchten an der Gardesana offen. „Es gab so Typen wie Mike Piercher, die vom 15. April bis 15. Oktober in der Schweinebucht gecampt haben.“ Hermann Seidl, ebenfalls aus München, nennt sich selber „einen Vertreter der Bus-schlaf-Fraktion, wo die LKW’s förmlich durch mein Schlafzimmer gerauscht sind und ich mir seitdem den goldenen Schlaf verdient habe! Wir hatten keine Kohle, kauften alles bei Aldi ein. Die Parties wurden lang. Der Strand zu klein. Aber jeder Schweinebuchtler hat den Surfsport in der Seele getragen. Der Kult war da.“

“Mann muss wohl hineinwachsen, um die Schweinebucht (hier mittlere) zu lieben.” (Franz Tikale)

Mit dem Kult kamen auch die Protagonisten. Einer von ihnen ist Murati (Murat Gonoue), heute 46 und eingefleischter Schweinebuchtler – trotz Reisen an die schönsten Spots der Welt. „Ein Rentner (Hänsen: alle über 40), der richtig gut surft“, so Vogelsammer und erzählt weiter: „Wer nach Murati nicht mehr als zwei Stunden draußen war, war ein Schlappschwanz und nicht würdig, in der Schweinebucht zu surfen. Dann gab’s den Pete aus Österreich, wir nannten ihn einfach La Torche, weil er mal bei zehn Meter hohen Wellen im französischen Worldcup-Revier La Torche surfen ging. Nur Robert Teriitehau ging mit ihm raus. Sein Gag war, oben an der Mauer vor den zwei Zypressen mit dem Mountain Bike einen Wheelie zu fahren, und wenn ein Bus kam, stürzte er sich schreiend zehn Meter in die Tiefe ins Wasser, dass alle im Bus einen Schock erlitten. Zu dem hat in Pozo Dunkerbeck mal gesagt: Du bist der beste Nichtprofi der Welt.“

Damals wie heute surfen die besten Nichtprofis der Welt die Schweinebucht, die früher auch den Spitznamen ‘Hookipa des Gardasees’ hatte. „Wir haben früher immer gesagt: Wer Bretter länger als 250 Zentimeter fährt, soll Hackengas geben und in Torbole surfen. Nur echte Sinker waren angesagt“, resümiert Hänsen. HiTech Customs und nicht selten asymmetrische Bretter von Craig Maisonville untermauerten den Ruf. „Die Jungs, die  größere Boards fuhren, wurden Flößer genannt. Das Material war immer vom Feinsten.“ Heute trifft man auch Idealisten, denen es nicht um das neueste Material geht. Franz Tikale aus Berchtesgaden kann sich mit 45 sicherlich ein gediegenes Hotel leisten. „Ich verbinde aber Hotel nicht mit Surfen. Ich komme immer in die Schweinebucht und schlafe im Auto. Seit sie neu geteert haben (Franz: schlaffreundlicher Teer), fahren die Autos leiser.”

Die Bergspitzen zeigen im ersten Morgenlicht ihre Umrisse. Der Wind hat zugenommen und zupft an meinem Schlafsack wie ein ungeduldiges Kind am Rock seiner Mutter. Die Blätter tänzeln aufgeregt, zittern wie Espenlaub. Schnell das Rigg aufbauen und raus. Zwei Surfer von der unteren Schweinebucht haben es mir vorgemacht, haben Gold und Silber gewonnen. Von oben klettert mir ein Surfer entgegen, mit schwarzem Bundfaltenanzug, gelben Adidas-Schuhen, einer Neohaube auf dem Kopf und einem Grinsen im Gesicht, so breit wie der See. „Servus, der Strand ist ja flashig cool“. Dann legt er seinen Bic Electric Rock und sein Neil Pryde RAF Cam auf den Boden. „Ich bin der Walter, soll ich dir helfen?“ Nach der entspannten Morgensession sitzen Walter, Franz und ich bei einem späten Camper-Frühstück unter der Platane und philosophieren. Walter Steinacher ist Maler und Künstler aus Salzburg. Früher leidenschaftlicher Surfer, gründete er eine Familie mit drei Kindern und surfte sechs Jahre nicht mehr. Jetzt verwirklicht er sich seinen Traum: Noch einmal mit seinem alten Material den Mythos Schweine­bucht leben. Er ist aber schockiert über die Absperrungen am Pier. „Am Wildwuchs des Campings lernen wir die Grenzen des Wachstums kennen“, sagt er, während er an einem Stück Pasta Frolla knabbert. „Es gibt kein Paradies, das frei ist von wirtschaftlichen Zwängen. Das merkt man beim Einparken oben im Tunnel. Die Millimeterarbeit ist sinnbildlich.“

Als die Sonne auch den Schatten des Baumes aufheizt, vertiefen wir uns in Gespräche über Hexenverbrennungen, Laotse, Nietzsche, Schopenhauer und wie die Vernunft des menschlichen Handelns die Gewalttätigkeit nicht verhindert. Im Gegenteil: „Es ist schlicht das Aufkommen vernunftloser Impulse menschlicher Güte. Die Menschen schauen auf und denken: hä, was geht’n da ab?  Zeit für ein bisschen Liebe!“ Seine Laotse-Tätowierung spricht das gewissermaßen aus. Ich versuche den letzten Gedankengang zu verdauen, da kräuselt sich das Wasser an der alten Grenze zu Österreich und verwischt sie. Am Horizont des Sees kündigt sich der Südwind wie ein Heer kleiner Soldaten mit einem dunklen Streifen an. Walter schaut auf. Seine Augen blitzen und sein Grinsen geht wieder von Limone bis Malcesine. „Ich bin Salzburger und für mich ist der Freiheitskämpfer Andreas Hofer nur ein Tiroler Freak mit langem Bart, aber: Manda, Zeit isch! Die Ora kommt.“

 

 

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