Italien: Wintersturm am Gardasee

05.05.2016 Fabio Calo - Fabio Calo hatte jahrelang auf diesen Tag gewartet. Ein epochaler Nordsturm fegte über den Lago und lieferte Hardcore-Bedingungen und tolle Fotos.

© FotoFiore
Italien: Wintersturm am Gardasee
Italien: Wintersturm am Gardasee

Es gibt wohl kaum einen bekannteren Spot in Europa als den Gardasee. Jeder kennt ihn, viele waren schon dort. Im Sommer steht der See für Dolce Vita – Genuss im Überfluss. Im Winter wird es dagegen hart und einsam in Norditalien. Aber genau das war es, was Fabio Calo, Chefredakteur des italienischen Magazins 4Windsurf, gesucht hat, als er an den Lago zog.

Rückblick – als ich vor ungefähr 20 Jahren mit dem Windsurfen anfing, habe ich jedes Windsurf-Magazin verschlungen, das mir in die Finger kam. Aber an einen Artikel kann ich mich ganz besonders gut erinnern. Er war im italienischen Magazin "Funboard", dem Vorläufer des heutigen "4Windsurf", und beschrieb einen Sturmtag, den Alberto Comerlatti am Gardasee erlebt hat. Er fuhr ein kleines Segel und ein Waveboard! Am Gardasee! Seit diesem Tag träumte ich von solchen Bedingungen und wollte sie unbedingt auch einmal erleben. In den folgenden zehn Jahren war ich beinahe jedes Wochenende im Sommer am Gardasee und hatte nie die Chance auf einen ähnlichen Traumtag.  Vor etwa zehn Jahren zog ich dann nach Riva del Garda, um meine Leidenschaft vollends ausleben zu können und perfekt mit der Arbeit zu verbinden. Seither habe ich einige heftige Winterstürme am Gardasee gesurft, aber niemals erlebte ich diesen mysthischen Moment, den der Artikel damals vermittelte. Und um ehrlich zu sein, zog es mich auch meist bei einer solchen Wettervorhersage an die Mittelmeerküste, um dort die seltenen Wavetage abzugreifen.

Das alles änderte sich am 5. März. Ich war gerade ein paar Tage zuvor aus Südafrika zurückgekommen. Und wie das meist so ist nach dem Urlaub, auf dem Schreibtisch türmen sich Berge von Arbeit und ich konnte nicht schon wieder nach Sottomarina am Mittelmeer, was eigentlich der optimale Spot für die Vorhersage war, fahren. Doch mein Wavematerial lag nach der Rückkehr aus Südafrika noch immer in meinem Bus – und so kamen viele Zufälle zusammen, dass ich endlich den Tag am Gardasee erlebte, von dem ich 20 Jahre geträumt hatte.

Am Morgen saß ich in meinem Home­office und arbeitete an der nächsten Ausgabe von "4Windsurf". Nebenbei schaute ich aber immer wieder auf die Webcam von Al Pra. Normalerweise lässt der Nordwind im Laufe des Vormittags nach, doch an diesem Tag war es anders. Statt schwächer zu werden, legte der Wind immer mehr zu. Mittags hielt mich dann nichts mehr im Büro, ich entschloss mich, an einen Spot an der Ostseite des Sees, wo die Sonne am längsten über die Berge kommt, zu fahren. Die Straße in den Süden war im wahrsten Sinne des Wortes leer gefegt und die Böen waren schneller als mein Van – 40 bis 45 Knoten! Als ich in Crero, einem Spot etwa 15 Autominuten südlich von Malcesine ankam, war nur ein Surfer auf dem Wasser – mit 3,3 und er musste richtig kämpfen. Ich entschied mich für mein 3,7er und 77-Liter- Waveboard – noch nie zuvor hatte ich mein Waveboard am See benutzt. Und was soll ich sagen, es war die richtige Entscheidung – draußen schob der Sturm fast masthohen Chop vor sich her, es waren 14 Grad in der Sonne und das Wasser war auch nicht zu kalt. Eine unglaubliche Session! Nach ein par Stunden riggte ich ab und wollte mich zurück an die Arbeit machen.

© FotoFiore
Die Isola del Trimelone vor Assenza bot eine fantastische Kulisse für Fabios Action. 
Die Isola del Trimelone vor Assenza bot eine fantastische Kulisse für Fabios Action. 

Doch auf dem Rückweg rief mich mein Freund Fiore, der auch für unser Magazin fotografiert, an, dass er in Assenza wäre und die Bedinungen dort unglaublich gut wären. Ich solle doch vorbei kommen, dass wir noch ein paar Fotos von diesem Tag machen könnten. Also musste die Arbeit noch ein wenig warten. Wir trafen uns am Strand von Assenza di Brenzone, einem kleinen Örtchen südlich von Malcesine. Der Wind war hier noch stärker, und es war absolut atemberaubend. Ich lebe seit zehn Jahren hier, aber so etwas hatte ich noch nie gesehen. Besonders mit der Sonne und der charakteristischen, kleinen und unbewohnten Insel, etwa 300 Meter vor dem Ort, bot der Gardasee eine grandiose Show. Fiore war nicht allein, Angela Trawoeger, die für 360GardaLife fotografiert, war auch da. Ich war also alleine auf dem Wasser und hatte zwei Fotografen an Land. Die Wellen zwischen der Insel und dem Ufer waren zwar kleiner als in Creore, doch sie waren steiler und liefen etwas geordneter. Der Wind war so stark, dass du beim Springen einfach nur das Segel dicht nehmen musstest und dann flogst du richtig hoch. Nach der Session waren wir alle unglaublich zufrieden. Da war er also doch, der mystische Tag, auf den ich 20 Jahre lang gewartet hatte.

Diese Session möchte ich meinem guten und alten Freund, Teammitglied und Kollegen Alberto Menegatti widmen. (Anm. d. Red.: Der Gardasee-Local und PWA-Slalom-Vizeweltmeister 2013, Alberto Menegatti, starb am 23. Februar während eines Trainingsaufenthaltes auf Teneriffa völlig überraschend im Alter von 29 Jahren). Ich weiß nicht, ob es Zufall ist, aber nach diesem tragischen Verlust kehrte die Familie von Alberto mit seiner Asche in der Nacht des 4. März zurück an den Gardasee. In dieser Nacht begann der Sturm und der Wind wehte die ganze Nacht und den folgenden Tag mit einer solchen Kraft, dass man sich in ganz Italien lange daran erinnern wird.

© FotoFiore
In Memoriam Alberto Menegatti – Fabio und Fiore widmen diese außergewöhnlichen Fotos ihrem verstorbenen Freund.
In Memoriam Alberto Menegatti – Fabio und Fiore widmen diese außergewöhnlichen Fotos ihrem verstorbenen Freund.

"Es waren schon wieder ein paar Monate vergangen, seit ich das letzte Mal Windsurf-Action fotografiert hatte. Meine Arbeit findet in letzter Zeit mehr hinter dem Computer als hinter der Linse statt. Aber an diesem Tag war alles anders. Ich lebe seit mehr als einem Jahrzehnt am Gardasee, aber so einen brutalen Wind hatte ich noch nie zuvor hier gesehen. Der ganze See kochte, alles war in Bewegung. Den ganzen Vormittag konnte ich den Blick nicht von diesem Naturschauspiel lassen. Dann konnte ich nicht widerstehen, schnappte mir meine Canon und fuhr ohne ein bestimmtes Ziel los. Die ersten Fotos machte ich auf der Panoramastraße, damit ich das ganze Dorf Malcesine mit aufs Bild bekam. Es war ein atemberaubender Ausblick. Aber gleichzeitig dachte ich mir, wie schade es ist, dass niemand auf dem Wasser war. Ein paar Windsurfer würden die Szenerie noch farbenfroher und beeindruckender machen.

Nachdem ich meine Freundin und Kollegin Angela Trawoeger an der Straße getroffen hatte, entschieden wir uns nach Assenza zu fahren, um die vorgelagerte und unbewohnte Insel für die Fotos im Hintergrund zu haben. Auf dem Weg dorthin kam mir der Van von Fabio Calo entgegen. Ich dachte, er sei noch in Südafrika – aber offensichtlich war er bereits zurück. Ich rief ihn sofort auf seinem Handy an und fragte, ob wir nicht noch ein paar Fotos zusammen machen wollten. Die Chancen dürfen wir uns nicht entgehen lassen, sagte ich ihm. Und Fabio, ohnehin immer Feuer und Flamme, wenn’s ums Windsurfen geht, war sofort begeistert, und schon wenig später flog er übers Wasser.

Ich bin immer begeistert und sehr emotional, wenn ich Windsurffotos mache. Meine Leidenschaft für diesen Sport ist immer noch sehr groß, auch wenn mein letzter eigener Surftag schon ein paar Jahre her ist. Als ich Fabio draußen seinen ersten Sprung machen sah, konnte ich nicht abdrücken. Ich wollte diesen Moment genießen und jedes Detail aufsaugen. Er segelte so lange, dass es sich anfühlte, als stünde die Zeit still. Nachdem ich dann angefangen hatte zu fotografieren, konnte ich beinahe nicht mehr aufhören. Meine Sinne waren geschärft und mir wurde bewusst, dass wir einen einmaligen Tag erwischt hatten – das wollte ich voll auskosten. Die Tatsache, dass Fabio völlig allein mit den Naturgewalten kämpfte, machte die ganze Sache noch einzigartiger.

Die Böen zerstäubten seinen Spray in feinste Tröpfchen und das Licht ließ ihn in leuchtenden Regenbogenfarben schillern. Ich kam mir vor, als stünde ich irgendwo am Meer – das klare Licht und der wolkenlose Himmel erinnerten an einen Mistral-Tag in Südfrankreich. Auch ich widme diesen Tag Alberto, dessen viel zu früher Tod uns alle sehr verstört hatte. Wie schrieb seine Schwester Sara auf Facebook: "Ich glaube, dieser ungewöhnliche Sturm und der magische Regenbogen waren Albertos Weg, uns allen ein letztes Mal ‚Goodbye‘ zu sagen." Ciao Alby!

© FotoFiore
Arreviderci - bis zum nächsten Wintersturm...
Arreviderci - bis zum nächsten Wintersturm...

Fabios Tipps für den Lago-Winter

Im Winter ist der Wind am Gardasee längst nicht so zuverlässig wie im Sommer. Meist kommt er aus dem Norden und ist dann sehr stark und kalt. Das liegt an den großen Tiefdruckgebieten, die von Norden gegen die Alpen drücken. Die klassischen Sommerspots funktionieren dann nicht. Auf der östlichen Seite ist Crero dann der beste Spot. Er liegt etwa 15 Autominuten südlich von Malcesine. Auf der Brescia-Seite bietet sich Toscolano, etwa 20 Minuten südlich von Al Pra, an. Der Spot liefert ziemlich hohe Wellen und 3,7 bis 4,2 sind die besten Segel. Wenn der Wind extrem stark ist, empfehle ich den Spot Lega Naval in Desenzano. Hier kreiert eine flachere Stelle im Wasser richtig gute Wellen, die sogar manchmal zum Wellenreiten ausreichen. Im Winter ist der Gardasee kalt und gefährlich. Geh’ niemals alleine raus und pack dich warm ein, dann kannst du den ganzen Winter über am Lago surfen.

© Daniell Bohnhoff
Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 5/2015 können Sie in der SURF App (iTunes und Google Play) lesen oder die Ausgabe im DK-Shop nachbestellen.
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