Italien: Gardasee - Die Wind- und Wetterverhältnisse

19.01.2017 Manuel Vogel - Geht der sensiblen Thermik am Lago tatsächlich langsam die Puste aus? Oder handelt es sich um einen typischen Fall von subjektiver Wahrnehmung, nach dem Motto „früher war alles besser”? Wir haben einen echten Gardasee-Experten dazu befragt – mit erstaunlichen Ergebnissen.

© Michael Reusse
Das Wochenende am Lago zu verbringen ist für viele Surfer im Süden obligatorisch – auch wenn die Thermik oft weniger stark ausfällt als früher.
Das Wochenende am Lago zu verbringen ist für viele Surfer im Süden obligatorisch – auch wenn die Thermik oft weniger stark ausfällt als früher.

Früher war alles besser. Gähn! Weil uns aber surf-Leser immer wieder bestätigen, dass im Surfmekka des Südens, am Gardasee, der Thermik mehr und mehr die Puste ausgeht, haben wir uns auf die Suche begeben und recherchiert. Ist da was dran? Oder handelt es sich um einen typischen Fall von subjektiver Wahrnehmung? Antworten bekamen wir bei Klaus Reitberger, Gardasee-Surfer der ersten Stunde und Betreiber der Seite www.windinfo.eu, die sich auf Windvorhersagen für zahlreiche Alpenseen spezialisiert hat. Klaus Reitberger ist, wie er selbst betont, kein ausgebildeter Meteorologe, beschäftigt sich aber seit Urzeiten mit der Materie und kennt die sehr speziellen Windverhältnisse am Lago nicht nur aus der Theorie. Er betreibt eine Webcam am Pier sowie eine Wetterstation am Conca d’Oro und kann, dank 37 Jahren Lago-Erfahrung, diese Daten auch mit der Praxis auf dem Wasser verknüpfen. Wir haben ihn zum Interview gebeten.

Klaus, es gibt viele Gardasee-Surfer die behaupten, die Thermik würde immer schlechter. Was ist da dran? 
Generell muss man erstmal verstehen, warum in den Bergen die Thermik überhaupt entsteht: Ich vergleiche das immer mit zwei Glaskästen. Der erste steht im Alpenvorland, egal ob im Süden oder Norden und ist zu 100 Prozent mit Luft gefüllt. Der zweite Glaskasten wird über die Berge gestülpt. Beide Kästen haben das gleiche Volumen, aber in den Alpen nehmen die Berge einen großen Raum ein, es ist also nur noch ein Teil des Glaskastens mit Luft gefüllt. Im Gebirge ist damit weniger Luftmasse zu erwärmen, bei gleicher Energiemenge der Sonne. Folglich wird die Luft in den Alpen schneller erwärmt als im Alpenvorland, die wärmere Luft beginnt nun aufzusteigen (fallender Luftdruck, auch Hitzetief genannt), im Alpenvorland ist der Luftdruck höher. Dadurch entsteht ein Luftmassenaustausch, vom höheren Druck zum niedrigeren. An der Alpennordseite geschieht das von Nord nach Süd, auf der Südseite von Süd nach Nord. Das ist der Südwind am Lago, den jeder kennt. 

Welche Faktoren machen den Gardasee noch so besonders?
Der See ist im Prinzip genial ausgerichtet. Das Tal ist auf beiden Seiten offen, reicht weit hoch bis zum Brenner und ist genau Nord-Süd ausgerichtet, wodurch der Wind nicht blockiert wird und ein langer Sogkanal entsteht. Hinzu kommt die Verengung im nördlichen Teil des Sees, in der sich der Wind kanalisiert und verstärkt (VenturiEffekt). Und auch, dass der Lago trotz der hohen Berge ringsum nur auf 60 Meter über Meereshöhe liegt, wirkt sich positiv aus, weil über ihm ein dickes Luftpaket liegt, welches bei Erwärmung höher in die Alpen aufsteigen kann. Andere Seen in den Alpen, wie der auf über 1700 Metern gelegene Silvaplaner See haben hier schlechtere Voraussetzungen – auch deshalb ist die Thermik dort meist schwächer.

Zurück zur Ausgangsfrage: Ist die Thermik schlechter geworden?
Ja, das ist in Summe sicher richtig! Und dafür gibt es viele verschiedene Gründe, die sich aufaddieren.

© Rasmus Kaessmann
Meteorologen rümpfen bei Vorhersagen zum Lago meist nur die Nase. Das Mikroklima ist speziell und mit gängigen Vorhersage-Modellen kaum zu fassen. Klaus Reitberger (Foto) kann beides – Wetter und Surfen. Auf seiner Seite www.windinfo.eu können Surfer aktuelle Vorhersagen für den Alpenraum abrufen.
Meteorologen rümpfen bei Vorhersagen zum Lago meist nur die Nase. Das Mikroklima ist speziell und mit gängigen Vorhersage-Modellen kaum zu fassen. Klaus Reitberger (Foto) kann beides – Wetter und Surfen. Auf seiner Seite www.windinfo.eu können Surfer aktuelle Vorhersagen für den Alpenraum abrufen.

Welche?
Der erste Faktor ist der Klimawandel. In unseren mittleren Breiten wirkt sich dieser insofern aus, dass wir generell höhere Temperaturen, sowohl im Sommer, als auch im Winter haben. Während der Sommermonate ist es nun in höheren Lagen deutlich wärmer, als dies früher der Fall war. Man sieht zum Beispiel am Schmelzen der Gletscher, dass die Null-Grad-Grenze immer weiter ansteigt. Für die Lago-Thermik bedeutet dies, dass es in den Nächten deutlich weniger stark abkühlt und die Temperaturunterschiede im Tagesgang (Differenz Tag/Nacht) geringer ausfallen. Und genau diesen Unterschied benötigt es, um eine gute Thermik zu erzeugen!

Die Annahme "warm = starke Thermik" ist also eigentlich Quatsch?
Genau! Auch wenn noch viele weitere Faktoren die Thermik beeinflussen (z.B. Föhneinfluss oder Frontensysteme), so ist einer der wichtigsten Faktoren der Temperaturunterschied. Ist es nachts kalt und es erwärmt sich am Vormittag schnell und sehr stark, gibt’s eine super Thermik. Bleibt es nachts hingegen warm bis weit nach oben – was im Sommer oft der Fall ist, oder wenn Wolken das System nach oben deckeln – fällt der Temperaturunterschied zum Mittag hin nur gering aus. Dann wird auch die Thermik nur schlapp. Im Sommer liegt die Null-Grad-Grenze jetzt oft bei 4000 Metern und darüber, eine gute Thermik gibt’s aber eher, wenn diese bei 2500 bis 3000 Metern liegt.

© Michael Reusse

Dies bedeutet auch, dass der Sommer nicht die Zeit mit der besten Thermik sein kann, oder?
Dass es im Sommer die beste Thermik gibt, war schon immer ein Märchen! Die stärkste Ora gab’s auch vor 30 Jahren schon im Frühjahr, dann, wenn die Nächte noch kalt sind und die Sonne am Tag hoch steht und schon viel Kraft hat. Viele Urlaubssurfer denken: "Hochsommer ist im August, da ist es heiß und dann gibt’s die beste Thermik". Dass die Sonne in unseren Breiten aber Mitte Juni am höchsten steht, wird oft vergessen. Das bedeutet, dass der Sonnenstand Mitte August dem von Mitte April entspricht, nur ist im August das Wasser des Lago eine warme Badewanne und die Nächte sind mild. Im April geht hingegen kaum einer ohne Neo schwimmen oder sitzt um 24:00 Uhr noch in T-Shirt und Boardshort an der Windsbar! Allerdings ist die Großwetterlage im Frühjahr oft noch wechselhaft und es kommen immer wieder Fronten rein, die die Thermik killen (z.B. Nordföhn). Meiner Erfahrung nach ist die Zeit mit der stärksten Thermik zwischen März und Ende Mai. Zwar weht der Wind im Sommer häufiger, weil die Großwetterlage dann stabiler ist, aber insgesamt ist die Thermik deutlich schwächer.

Sind alle Thermik-Spots in den Alpen von den Folgen des Klimawandels betroffen?
Ja, dies gilt im Prinzip für alle Thermik-Spots in den Bergen, nicht nur für den Lago. Es kommen aber auch noch andere Faktoren hinzu.

Welche?
Durch die höheren Temperaturen ändert sich auch der Bewuchs. Untersuchungen der Universität Innsbruck haben gezeigt, dass die Temparaturerhöhung in alpinen Gebieten überdurchschnittlich stark ausgeprägt ist, wodurch auch die Baumgrenze ansteigt. In vorindustrieller Zeit lag diese in den Tiroler Alpen beispielsweise bei knapp 2200 Metern, heute findet sich Jungwuchs in Höhen von 2370 Metern. Weil Bewuchs auch immer kühlt und sich weniger stark aufheizt als nackter Fels, verringert sich auch die Thermik. Außerdem wird heute stärker Landwirtschaft betrieben, also deutlich mehr Flächen genutzt und das auch bis in hohe Lagen. Südtirol und das Trentino sind die größten Obstproduzenten Italiens, das war vor 30 Jahren deutlich weniger, von den Weinanbauflächen ganz zu schweigen. In Summe gibt’s also immer mehr Grün bis in hohe Lagen, das hilft der Thermik nicht wirklich.

© FotoFiore
Von Mutter Natur begünstigt – das nach Norden und Süden hin offene Tal erlaubt es sowohl der Thermik als auch dem kalten Peler frei durchzuziehen.
Von Mutter Natur begünstigt – das nach Norden und Süden hin offene Tal erlaubt es sowohl der Thermik als auch dem kalten Peler frei durchzuziehen.

Wann ist unterm Strich die beste Jahreszeit für einen Trip an den Lago? Es gibt ja auch noch den Nordwind...
Der Herbst ist traditionell die Zeit mit dem besten Nordwind. Bei Kaltlufteinbrüchen in den Bergen oder gar Neuschnee kannst du dich blind ins Auto setzen und in Al Pra dein 4er-Segel aufbauen, der Wind kommt garantiert! Wer nicht "ums Eck" wohnt und länger im Voraus planen muss, ist im Juli und August bezüglich Windhäufigkeit auf der besseren Seite. Unsere Statistik zeigt für diese Monate zirka 23 Tage mit morgendlichem Nordwind und etwa 26 Tage mit Ora ab Mittag – nur dass diese weniger stark ausfallen, über eine kürzere Zeit wehen und man größere Segel fährt. Bei Ora kann man aber mehr rausholen, wenn man weiß, wo diese im Tagesverlauf am stärksten weht.

Was hast du diesbezüglich für Tipps?
Mittags, wenn die Ora einsetzt, ist es am Pier und Ponale (Westufer, bei Riva, die Red.) besser, weil diese Bergflanke schon den ganzen Vormittag erwärmt wird, dort Luft dann früher aufsteigt. Nachmittags wird die Ostseite bei Torbole und dem Conca d’Oro angeleuchtet, dann verlagert sich das Windfeld in diese Richtung, weshalb man hier immer etwas länger Spaß hat als auf der Westseite. Ich empfehle flexibel zu sein und die Seiten mit dem Sonnenstand zu wechseln, also immer in Lee der Sonne surfen. Und letztlich hilft einem natürlich auch das heute bessere Material, den Windnachteil auszugleichen. Insofern bin ich optimistisch, dass wir hier auch in 20 Jahren noch Spaß haben.

So funktioniert das Lago-Windsystem
Berg- und Talwind
Die Windverhältnisse am Gardasee sind prototypisch für das Berg- und Talwind-System. Die thermische Ora aus Süden entsteht, weil in den Alpen im Vergleich zum Alpenvorland ein geringeres Luftvolumen erwärmt werden muss. Somit steigt die Luft infolge der Sonneneinstrahlung über dem Alpenhauptkamm eher auf, ein sogenanntes Hitzetief entsteht. (Abb. 1 & 2 unten)

© Windinfo.eu

Weil Luftmassen immer vom hohen zum tiefen Luftdruck strömen, setzt sich eine Ausgleichsbewegung vom Alpenvorland zum Alpenhauptkamm in Gang, der Talwind (Abb. links unten). Südlich der Alpen strömt die Luft somit von Süd nach Nord, auf der Alpennordseite strömt die Luft von Nord nach Süd. Je größer die Temperaturunterschiede im Tagesgang (Tag/Nacht) sind, desto schneller und höher steigen die sich erwärmenden Luftmassen auf und desto größer ist der dadurch entstehende Sog – starke Ora am Lago ist die Folge.

© Grafik: BR
Berg- und Talwind sind kein reines Gardasee- Phänomen, sondern überall in den Alpen an der Tagesordnung. Erst die besondere Lage des Sees und die steilen Ufer machen ihn für Windsurfer so besonders. 
Berg- und Talwind sind kein reines Gardasee- Phänomen, sondern überall in den Alpen an der Tagesordnung. Erst die besondere Lage des Sees und die steilen Ufer machen ihn für Windsurfer so besonders. 

Nachts kehrt sich das System um – das geringere Luftvolumen über den Alpen kühlt sich nun schneller ab als das im Alpenvorland, wodurch über den Alpen Luftmassen absinken. Am Boden ergibt sich damit ein Überdruck, ein sogenanntes "Kältehoch", welches dazu führt, dass kühle Luftmassen aus den Alpen ins Alpenvorland strömen (Bergwind, Abb. rechts oben) – das ist der "Peler" genannte Nordwind am Lago. Dass der Nordwind oft als "Vento" bezeichnet wird, ist eigentlich komplett unsinnig. "Vento" bedeutet übersetzt nichts anderes als "Wind" – auch die thermische Ora ist somit ein "Vento".

Lokale Venturi-Effekte
Während das Berg- und Talwindsystem quasi das übergeordnete, großräumige System darstellt, sorgen die besonderen naturräumlichen Gegebenheiten am Gardasee zusätzlich für lokale Verstärkungen. Überall dort, wo sich durch Bergflanken und Felsvorsprünge Verengungen ergeben, wird der Wind beschleunigt, ähnlich wie bei einem Gartenschlauch, den man vorne zusammenpresst. Bei Nordwind macht sich dieser Venturi-Effekt beispielsweise in Malcesine (Busparkplatz), am Pier oder weiter südlich rund um Campione (Abb.rechts unten) und Al Pra bemerkbar.

© Windinfo.eu

Südwind (Ora) wird hingegen weiter nördlich am Hotel Pier, Ponale (Abb. links oben) sowie am Conca d’Oro spürbar verstärkt. Hierbei sollte man allerdings beachten, dass das Windfeld der Ora sich mit dem Sonnenstand verlagert: Am stärksten ist die Thermik immer auf der Seeseite, die stärker von der Sonne angestrahlt wird. Bei einsetzender Ora ist dies die Westseite zwischen Pier und Riva (Ponale), am späten Nachmittag dann die Ostseite vor Torbole und dem Conca d’Oro.

© Fabio Staropoli
Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 6/2016 können Sie in der SURF App (iTunes und Google Play) lesen oder die Print-Ausgabe ist leider vergriffen.
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