Südamerika: Chile für Wavesurfer

14.07.2017 Sebastian Schöffel - Die chilenischen Wellen gehören für engagierte Wavesurfer seit einigen Jahren zu den besonderen Leckerbissen, die man zumindest einmal im Leben probiert haben muss. Doch in Chile ist alles anders als an anderen Traumspots wie Kapstadt oder Maui. Das Land bringt einem einen längst vergessenen Luxus zurück – Zeit zu haben.

© Sebastian Schöffel
Südamerika: Chile für Wavesurfer
Südamerika: Chile für Wavesurfer

Eigentlich wollen wir doch genau das! Zeit haben. Aber haben wir das "Zeit haben" nicht schon verlernt? Stimmt eigentlich: zwischen Running-Apps, Instagram, dem neuesten News-Feed, der uns alle 30 Sekunden mit Interessantem aus aller Welt versorgt und Apps, die uns sagen, wann wir den Arm heben, ein Glas Wasser trinken oder aufstehen sollen, ist ja nicht mehr viel Platz für die eigene freie Zeit. Und die will man ja schließlich genießen. Den Rasen lässt man bereits von "Joy", dem flinken Rasen-Roboter mähen und die Bude wird vom automatischen Staubsauger namens "Relax" auf Vordermann gehalten. Fertiggerichte aus dem Supermarkt sind trotzdem noch zu wenig "instant", jetzt muss es ein Thermomixer sein, der uns ein warmes Essen in Sekundenschnelle serviert. Smoothie-Hersteller schmeicheln uns mit Werbeversprechen wie "Breakfast-Smoothie", der uns angeblich das Frühstück ersetzen soll. Ja und mit den neuen Power-Drinks schütten wir einmal täglich die Vitamin-Tagesration in uns hinein – es steht ja Schwarz auf Weiß auf dem Etikett. Selbst unser Auto sagt uns bereits per App-Nachricht, welcher der schnellste Weg zur Arbeit ist, sobald wir täglich um die gleiche Zeit zum Job fahren. Es muss eben schnell gehen, egal um was es sich handelt.

Verlieren wir uns etwa in der Planung der Planung, für die Planung des Plans?

Insgeheim ist jeder von uns ein Zeit-Junkie geworden und keiner will seine kostbare Zeit verplempern. Man will ja etwas erleben und der nächste, noch bessere Trip wird bereits besprochen, während man noch in Irland am Strand steht und die gerade erlebte, dreistündige cleane Offshore-Session mit zwei Meter Wellen "hinter sich bringt". Selbstverständlich wird jedes Mal ein wenig mehr "Entertainment" eingeplant, um die Zeit bestmöglich auszunutzen. Vor Reisebeginn hat man sich bereits alle Spots via YouTube, Windfinder und wannasurf aufs letzte Sandkorn durchgesehen und vor Ort wird dann quasi stündlich das Wetter an allen Spots im Umkreis von 250 Kilometern gecheckt, um bloß keine Welle oder den stärksten Wind zu verpassen.

"Wollen wir heute wieder drei Stunden am Strand sitzen und auf Wind warten?” "Klar!"

So eine Frage stellt man sich oder anderen demnach … nie? Und so eine Antwort darauf entzieht sich sowieso bei den meisten der eigenen Vorstellungskraft. Ein derartiger Gedanke passt ja schon längst nicht mehr in unser Tun und Konsumverhalten, denn jene verhindern derartiges geradezu.

Diesen Kreislauf zu durchbrechen und dem Alltag zu entfliehen, schaffen die wenigsten und auch die meisten Reiseziele verhindern dies regelrecht. Bekommt man doch ständig ein Überangebot an Freizeit-Alternativen – also Alternativen zur Freizeit – vor die Nase gehalten. Internet, Fernsehen, verschiedene Sport-Angebote, Werbung die uns ins nächste Kaufhaus lockt, ein kleiner Markt an jeder zweiten Ecke, eine Eisdiele – Jubel und Trubel eben, um uns zu beschäftigen. Aber was ist, wenn jemand genau das "nicht beschäftigt sein" sucht?

© Sebastian Schöffel
Chile - Impressionen
Chile - Impressionen

Wann haben wir uns das letzte Mal gelangweilt?

Bei den meisten ist das sicher lange her. "Erleben" kann man sowas aber immer noch – nämlich in Chile. Wer hierher kommt, benötigt viel Zeit, Ruhe und Geduld. Wer das nicht hat oder kennt, dem wird Chile unweigerlich auf die Sprünge helfen. Chile lockt mit unendlich langen Stränden, Abenteuern an jeder Ecke und Wind- und Wellenreitspots auf Weltklasse-Niveau. Mit Hilfe von Internet und Reiseführern kann man zwar viel vorausplanen, vor Ort wird man jedoch feststellen, dass Chile jeden von dem eigenen Hektik-Trip ganz schnell wieder runterholt.

Die Entschleunigungs-App Namens Chile

Dank der 6435 Kilometer Küstenlänge liegen die meisten Spots in unerreichbarer Nähe und die Anreise zu etwas weiter entfernten Revieren dauert mehrere Stunden, wenn nicht Tage. Sollte man nicht mit einem Wohnmobil (mit dem kommt man eh nicht an die wirklich guten Spots) unterwegs sein, sondern ein festes Appartement gebucht haben, realisiert man die Entfernungen recht schnell und kommt erst gar nicht auf dumme Ideen. Die Straßen sind meist nicht die Besten und selbst 100 Kilometer können drei bis vier Stunden Fahrzeit bedeuten. Chile nimmt einem somit die Entscheidung ab, ob man wirklich alle zehn geplanten Touren machen soll.

Durch die Zeitverschiebung von sechs  Stunden ist man – anders als etwa in Kapstadt – etwas von Europa abgeschnitten. Wacht man in Chile um neun Uhr auf und hat um 10:30 Uhr sein Frühstück beendet, ist es in Deutschland bereits 16:30 Uhr und die Arbeitskollegen machen langsam Feierabend. Jeder Versuch, noch schnell nach dem Aufstehen eine Geschäftsmail zu beantworten, kann nicht nur von der Zeitverschiebung, sondern auch vom schlechten Handy-Netz verhindert werden. Und nach kürzester Zeit lässt man es sogar lieber ganz sein, da auch lange Geduldsfäden manchmal nicht ausreichen, auch wenn man eine nur 5KB große E-Mail versenden oder abrufen will. In den meisten Städten hat man natürlich ein toll ausgebautes Netz, aber sobald man von den großen Orten auch nur ein paar Kilometer wegfährt, steht man oft ohne Verbindung oder mit vielen Netzabbrüchen da und ist auf sich allein gestellt.

So sieht es auch an den meisten Surfspots aus: Kein Empfang. Nach zwei, drei Tagen hat man das verstanden und schaut nur noch für die aktuellste Uhrzeit aufs Handy. Da ist er wieder, der Drang "aktuell" zu bleiben. Jedoch hat man auch das nach fünf bis sechs Tagen nicht nur verstanden, sondern auch akzeptiert und das Teil liegt dann endlich nur noch im Handschuhfach oder bleibt ganz zu Hause.

Ja! Es geht. Für wen sich das komisch anhört, sollte es unbedingt ausprobieren. Chile zwingt einen gerade dazu, nichts zu tun und dennoch wird man voller Erinnerungen und vielen einprägenden Erlebnissen zurückkehren. Die meisten Strände sind länger als drei Kilomenter und reichen bis zum Horizont. Obendrauf ist man oft nur zu zweit am Strand und trifft den ganzen Tag keine Menschenseele. Werbetafeln, Plakatwerbungen oder Leuchtreklamen sind hier Fehlanzeige und man "muss" endlich einmal an nichts denken. Chile wird einem die Augen öffnen und bereits nach kurzer Zeit auch die kleinsten Dinge wieder genießen lassen. Man vergisst vor Ort komplett die Uhrzeit und tut endlich das, worauf man gerade Lust hat. Es läuft nichts weg, man verpasst auch gerade nichts, und es drängt sich ganz sicher keine bunte Reklame in unser Blickfeld, um unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Selbst die Stunde Anfahrt nach Topocalma von Matanzas aus, wird man nach dem fünften Mal einfach akzeptieren, ohne weiter darüber nachzudenken. Endlich hat man die Ruhe, um auf dem Weg dorthin die ein oder andere Vogelspinne, die gerade die Straße überquert, zu entdecken. Nach einer Weile haben wir an einem guten Tag 13 Exemplare begutachtet, man muss eben nur hinsehen können.

Die ungestörte Weite und Gleichmäßigkeit entschleunigt uns

Durch die Gezeiten und die überall sehr ähnlich tickende Thermik, ist man an einen festen Tagesablauf gebunden. Vor 13 Uhr muss man an keinem Windsurfspot auftauchen und hat demnach genügend Zeit, um aufzustehen, gemütlich zu Frühstücken und vielleicht noch ein Ründchen Wellenreiten zu gehen.

Während man an anderen Destinationen dem Wind hinterher hetzt, die meisten Spots nicht unendlich vielen Surfern Platz bieten (z.B. Kapstadt), fährt man in Chile wahrscheinlich immer die gleichen zwei oder drei Spots an. Da die Bedingungen an den einzelnen Spots täglich sehr ähnlich (wenn auch recht heftig) und die Strände unvorstellbar riesig sind, verändert sich die Optik dementsprechend wenig und man bekommt das Gefühl, als befände man sich in einer Endlosschleife. Somit grüßt einen täglich das Murmeltier und man macht sich wieder auf den Weg nach Topocalma, dem wohl besten Spot in Zentral-Chile. Man kann hier unendlich viele Wellen surfen und verspürt plötzlich keinerlei Drang mehr, wie: "ah jetzt muss ich mich noch schnell in die Welle pumpen, damit ich vor dem anderen drauf bin". Dieser tägliche Rhythmus hat eine extrem beruhigende Wirkung und lässt uns nach kürzester Zeit eine starke Erholung verspüren.

© Sebastian Schöffel
An die meisten Surfspots kommt man nur mit einem geländegängigen 4x4-Fahrzeug.
An die meisten Surfspots kommt man nur mit einem geländegängigen 4x4-Fahrzeug.

"Es hat schon Wind? Egal, komm lass die Düne nochmal rauffahren!"

Ist man mit Wellenreiter und Windsurfmaterial bestückt, wird es noch "gleichmäßiger" und man könnte sich immer auf einem der beiden Sportgeräte austoben – egal zu welcher Tageszeit (4x4-Jeep vorausgesetzt). Und so stört es auch nicht, dass man sich beim "Düne! Nochmal!! yehaaa" leider im Sand festgefahren hat und erstmal eine Stunde schaufeln darf. Selbst unser Gruppen-Nerd zeigte nach einer Woche unbekannte Verhaltensweisen, machte einen Mittagsschlaf und wollte anschließend nicht an den Strand, sondern in einen fünf Stunden entfernten Nationalpark. Also hat jeder nach kürzester Zeit sogar auch mal genug vom Wasser und legt sich abends bei einem Glas Wein, mit Landkarte und Reiseführer bewaffnet, voller Elan den ersten kleineren Trip bereit. Nach einigen Tagen kehrt man mit einem Rucksack voller neuer Eindrücke zurück und siehe da, es hat sich nichts verändert. Man steht in der Früh auf, macht sich sein Frühstück, sieht raus aufs Meer, beobachtet die Wellen und startet um zwölf Uhr auf Richtung Strand.

Hat man was verpasst?

Bestimmt nichts Wichtiges. Viel mehr hat man etwas mit seinen Freunden erlebt, neue Menschen kennengelernt, einen knapp 7000er aus der Nähe gesehen, war durch die Wüste gewandert, hat an einem Wasserfall gezeltet, war nackt baden, hat den unglaublichen Sternenhimmel genossen, auf dem Fischmarkt den Seelöwen ein paar Fischköpfe hingeworfen oder sich etliche Stunden lang im Straßennetz von Valparaíso verirrt, während man die grandiosen Graffitis bewundert hat.

Von einer "tollen" App wird man in 20 Jahren wohl kaum seinen Kindern erzählen. Von Chile und seinen Abenteuern aber ganz sicher!
 

© Basti Ulrich
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