Test 2017: 12 Radical Wavesegel 4,5

16.07.2017 Surf Testteam - Für richtig gute Wellen nur die besten Segel. Das ist meist das Vier-Latten-Segel. Und: Was kann das Drei-Latten-Segel im Vergleich? Diese Segel sind für die guten Tage gemacht. Die besten Allrounder fahren aber auch auf Flachwasser mit höchstem Fun-Faktor.

© Stephan Gölnitz
Test 2017: 12 Radical Wavesegel 4,5
Test 2017: 12 Radical Wavesegel 4,5

"Schickt uns das Segel, das überwiegend für Spots wie Hanstholm oder Kapstadt geeignet ist und vielleicht – eher selten – mal auf der Ostsee gesurft wird". Damit war die Vorgabe an die Hersteller für diesen Test klar. Die übrigen Wavessegel, für "Fehmarn, Heiligenhafen und auch für Flachwasser", haben wir zusätzlich in der Größe 5,0 getestet (erscheint in surf 4/2017). Jetzt dürfen erstmal die flacheren, handlicheren Segel ran. Die Segel für den Wintertrip und für feinstes Wellensurfen in guten Nordseebedingungen. "Experts only" gilt dabei nur für einige wenige Segel dieser Gruppe. Die meisten Tücher tendieren zum Typ "handling-orientierter Wave-Allrounder" und bieten zum Teil noch eine erstaunliche Flachwassereignung. So spricht nichts dagegen, ein Gun Sails Blow, Sailloft Quad, North Sails Hero, Gaastra Manic, Naish Force Four, Vandal Riot oder NeilPryde Combat auf einem kleinen Freemove- oder Freestyle-Waveboard auch bei Bump & Jump-Bedingungen auf dem Ijsselmeer einzusetzen.


Diese Radical Wavesegel haben wir getestet (den gesamten Artikel und alle Testergebnisse finden Sie unten im Download-Bereich):

  • GA Sails IQ 4,5
  • GA Sails Manic 4,5
  • Gun Sails Blow 4,5
  • Naish Sails Force IV 4,5
  • Neilpryde Combat 4,5
  • Neilpryde  The Fly 4,5
  • North Sails Hero 4,5
  • RRD Vogue MK8 PRO 4,5
  • Sailloft Hamburg Quad 4,6
  • Severne  S-1 4,4
  • Simmer Style Blacktip 4,5
  • Vandal Riot 4,5

AN LAND

Schnitte und Profile: In dieser Klasse haben sich Segel mit vier Latten für eine gute Mischung aus leichtem Handling und guter Kontrolle durchgesetzt. 

Ausstattung:  Hinsichtlich der Ausstattung lassen sich die Marken bei ihren Top-Wavesegeln nicht lumpen. Sämtliche Protektoren sind dick und lang genug. Das Hauptmaterial, Monofilm oder X-Ply, erscheint solide, Ausreißer nach unten wie bei manchen Free­ridesegeln muss man nicht befürchten.

© SURF Testabteilung
Sail Guide Radical Wavesegel
Sail Guide Radical Wavesegel

AUF DEM WASSER

Zu jedem Steak gehört ein gutes Messer und genau so benötigt die Sahnewelle ein passendes "Werkzeug", um sie fachgerecht zu zerlegen. Und auch Vegetarier wissen – Fisch oder Gemüse schneiden sich mit einem scharfen Messer einfach schöner. Das Problem dabei: Mit dem besten Steakmesser lässt sich die tägliche Butter und Marmelade kaum aufs Brot streichen. Es ist dafür einfach nicht gemacht. Mit den Wavesegeln in diesem Test ist das nicht anders. Du findest rattenscharfe Teile, mit denen sich die größten Klopfer mit leichter Hand je nach kulinarischer Denkweise zu Carpaccio, Sashimi oder Ratatouille zerschnibbeln lassen. Andere Segel wiederum erledigen diesen Job immer noch ordentlich, eignen sich aber zusätzlich für den bundesdeutschen Norm-Wellentag oder eine Flachwassersession – quasi die Leathermen unter den Wavesegeln. Einige wenige Kandidaten mogeln sich durch die Flachwasser-Wertung eher bemüht als talentiert, punkten dafür in den Nebenfächern "gemäßigte Welle mit Onshore-Wind". Selbst für den Einsatzbereich "Bump & Jump", also Heizen, Halsen, Springen auf Flachwasser, eignen sich einige Segel bestens. Wo die einzelnen Segel stehen, lässt sich aus den Noten gut ablesen und auch aus der 5-Punkte-Bewertung für die generelle Eignung für "Welle", "Bump & Jump" und "Freestyle", die direkt bei den jeweiligen Produkten steht.

Gleiteigenschaften: Für ein Radical-Wavesegel steht maximale Gleitpower nicht ganz oben auf der Prioritätenliste. Denn an vielen Top-Wavespots herrscht böiger Side-Offshorewind, da wird entweder in der Abdeckung gedümpelt oder  mit der ersten Böe dann rausgerast. Aber auch dort – und an allen gemäßigteren Wave­spots sowieso – können gute Gleitleistungen nicht schaden. 

Kontrolle beim Rausfahren: Die machen den Weg frei: Segel, die man auch in Böen lange halten kann und dabei noch ausreichend stabil in den Händen liegen, erleichtern in 90 Prozent aller Fälle den Weg durch die Brandung spürbar.

© Stephan Gölnitz
An manchen Tagen muss man sogar in Südafrika suchen: Am dritten Spot fanden wir dann morgens um zehn doch noch Wind und Wellen vor der restlichen Meute (Sunset Beach).
An manchen Tagen muss man sogar in Südafrika suchen: Am dritten Spot fanden wir dann morgens um zehn doch noch Wind und Wellen vor der restlichen Meute (Sunset Beach).

Handling auf der Welle: Wer Handling sagt, muss auch S-1 sagen. Am Severne-Segel kommt kein anderes vorbei. Etwas unfair ist der Vergleich für die guten Allrounder vielleicht, weil Severne zugunsten eines unerreicht leichten, agilen Handlings die Alltagstauglichkeit zu Teilen opfert.

Off auf der Welle: In Platboom, am Kap in Süadfrika, hängt davon nicht gleich dein Leben ab, aber erst ein gutes "Off" ermöglicht dort richtig angepowert noch mühelos wirklich gute Ritte. Bei Sideshorewind in Weißenhaus weißt du dagegen nach einem tollen Wavetag vielleicht nicht einmal, ob dein Segel jetzt dieses "Off" hat oder nicht. Ist dort nämlich egal. Je stärker der Wind auf Offshore dreht, umso mehr Druck und Speed die Wellen haben, umso wichtiger ist die Kontrolle im Bottom Turn und an der Lippe. Beim Abreiten wirst du dann viel schneller als bei Sideonshorewind und der gespürte Wind nimmt auf der Welle nochmal kernig zu. Ein Segel, das dann nach vorne, unten oder irgendwohin zieht, braucht man dann wie Zahnschmerzen. Das wäre das Gegenteil von "Off". Diese Segel sind aber genau für solche Bedingungen gemacht. Kein Wunder, dass sich keines eine echte Blöße gibt, unsere uneingeschränke Empfehlung gilt daher für die gesamte Gruppe: Wellenhöhe, Windrichtung und Speed auf der Welle werden nur von deiner persönlichen Adrenalin­toleranz limitiert. Doch auch die feinen Abstufungen sind von jedermann noch spürbar.

Drive im Turn: Wenn die Welle nicht schiebt, der Wind vielleicht eher Sideshore oder leicht auflandig weht, dann muss der Speed und Druck auf der Welle auch aus dem Segel kommen. Nur mit "Drive" kommst du dann kraftvoll aus dem Bottom Turn an die Lippe. Der Drive ist damit auch das Maß für die Eignung für typische Wavebedingungen an vielen Tagen an der Ostsee, am Mittelmeer und zahlreichen anderen Spots, die nicht von schräg ablandigem Wind verwöhnt sind. Hier schwächeln die extremsten Wavesegel etwas, die etwas bauchigeren, kraftvolleren Profile können punkten.

© Stephan Gölnitz
20 bis 30 Minuten mit einem Segel surfen, umtrimmen, surfen. Anschließend werden die Segel durchgetauscht und das Spiel geht von neuem los.
20 bis 30 Minuten mit einem Segel surfen, umtrimmen, surfen. Anschließend werden die Segel durchgetauscht und das Spiel geht von neuem los.

Und welcher Typ bist du?

Die Segelwahl kann man jetzt nach Revieren und Bedingungen treffen, das ist sinnvoll, wenn du nicht auf einen bestimmten Typus von Segeln eingeschossen bist. Oder aber auch nach dem persönlichen Geschmack.Damit stellst du deinen Anspruch an ein bestimmtes Segelgefühl über die Bedingungen und bekommst einfach das Segel, das sich für dich gut anfühlt. Nach vier Wochen Wavetest lassen sich die zwölf Segel wirklich gut einteilen.

Sideoffshore-Spots mit großen Wellen sind deine Bedingungen, du surfst auf extrem hohem Niveau. Dann dürften das Severne S-1, das Gaastra Manic, NeilPryde Fly und auch das RRD ganz oben auf deinem Scoreboard stehen. Aber auch die übrigen Segel stehen diesen meist nur knapp nach und sind dabei oft noch vielseitiger.

Die Nordsee ist dein Homespot. Das Severne S-1 ist dann vielleicht nicht der beste Tipp, auch dem RRD fehlt etwas Gleitleistung. Bei Gaastra sticht das IQ das Manic bei typischen Nordseebedingungen vermutlich aus. Alle übrigen Segel können bedenkenlos empfohlen werden. Je nach Geschmack – und den kennst du am besten – findest du eine breite Auswahl zwischen eher direkten oder softeren Segeln (Note "Fahrgefühl"), mit unterschiedlichen Mischungen aus Drive und Off, mal mehr Handling-orientiert, mal eher kraftvoll.

© Stephan Gölnitz
Die Meute tummelt sich in Kapstadt, wir haben ein Plätzchen zum ungestörten Testen gefunden. Mit nicht weniger guten Bedingungen.
Die Meute tummelt sich in Kapstadt, wir haben ein Plätzchen zum ungestörten Testen gefunden. Mit nicht weniger guten Bedingungen.

Flachwasser und auch mal Welle steht auf dem Plan? Ohne Ambitionen auf die ganz großen Übersee-Klopfer. Dann bieten sich weniger nervöse Segel mit guter Gleitleistung an. Es lohnt sich für diesen Zweck aber auch, einen Blick in den Test der Power-Wavesegel zu werfen, der für diesen Einsatz noch weitere gut geeignete Modelle, vom Gaastra Poison bis Severne Blade, parat hält und in der April-Ausgabe 2017 erscheint.

Typfrage – am Ende entscheidet dein Geschmack. Denn auch wenn sich bestimmte Segeltypen nach unserer Einschätzung für bestimmte Bedingungen und Reviere besser oder schlechter eignen – gerade erfahrene Wavesurfer haben über viele Jahre einfach Vorlieben für einen bestimmten Segeltyp entwickelt. So hat auch kein Worldcup-Fahrer unterschiedliche Segelsätze für Maui oder Pozo im Gepäck, nur weil der Wind mal schräg auflandig und mal Sideoffshore weht. Wer auf extrem agile, eher nervöse Segel mit exzellentem Off bevorzugt, die sich mit wenig Kraft und viel Gefühl surfen lassen, kommt damit auch auf Norderney gut klar, Gaastra Manic, Severne S-1, NeilPryde Fly, North Hero, RRD Vogue und das Naish Force Four können wir wärmstens empfehlen. Wer dagegen gerne mit viel Dampf unterwegs ist, Drive will und Power im Turn, kann das nicht nur auf der Ostsee, sondern auch in masthohen Wellen in Kapstadt oder an Top-Tagen auf der Nordsee gut bändigen.

So ist die Auswahl vom kraftvollen Allroundsegel, wie einem NeilPryde Combat bis zum spielerischen, anspruchsvollen Experten-Segel wie dem Severne S-1, so breit gefächert  wie möglich. 


© Basti Ulrich
Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 9/2016 können Sie in der SURF App (iTunes und Google Play) lesen – die Print-Ausgabe erhalten Sie hier.
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