Formsache– warum Windsurfbretter so fahren, wie sie fahren Formsache– warum Windsurfbretter so fahren, wie sie fahren Formsache– warum Windsurfbretter so fahren, wie sie fahren

Formsache– warum Windsurfbretter so fahren, wie sie fahren

  • Manuel Vogel
 • Publiziert vor 5 Monaten

Dass Boards fahren, wie sie fahren, liegt an kleinen Details. Was dem Laien beim Hinsehen verborgen bleibt, beschäftigt Shaper jeden Tag. Ein Blick in die Welt von „V“, „Cutout“ und „Scoop-Rocker“ und was das alles mit formvollendeten Halsen zu tun hat.

"Wow, hat das viel Tucked! Und schau mal hier, die Cutouts sind aber auch ziemlich ausgeprägt! Ob sich das mit so viel „V“ verträgt?“

Da wo sich Insider in Shapedetails verlieren können, stehen Hobbysurfer daneben und sehen: Nichts! Ein Surfbrett halt. Dass Board A anders fährt als Brett B merken dann aber auch Freizeitsurfer schnell. Aber welche Feinheiten sorgen am Ende dafür, dass man von manchen Boards gar nicht mehr runter will, andere – auf den ersten Blick sehr ähnliche Shapes – aber nicht geschenkt haben möchte?

Wir haben Boards für Freeride-Einsteiger, sportliche Heizer, Freeracer und Slalompiloten am Beispiel von JP-Aus­tralia mal auf ihre feinen Unterschiede verglichen, die wichtigsten Begriffe erklärt und mit Werner Gnigler einen erfahrenen Shaper zu den Hintergründen interviewt.

Werner Gnigler gehört zu den erfahrensten Shapern im Windsurf-Business und baut die Bretter von JP-Australia

Outline

Was der Begriff bedeutet: Der Begriff „Outline“ bezeichnet die äußere Form eines Boards.

Bild 1: Beginnend vom Slalomboard (links) über den Freeracer (Mitte) bis hin zum Freeridebrett (rechts) werden die Outlines immer runder

Bild 2: Slalomboards (unten) haben dünnere Bugs und fettere Hecks. Bei Freeridebrettern (oben) ist die Volumenverteilung gleichmäßiger

Welche Unterschiede man sieht: An Hobbysurfer addressierte Freerideboards wie etwa ein JP Magic Ride sind insgesamt länger und oft auch runder, das heißt „eiförmiger“ geshapt (1, rechts), als sportlicher abgestimmte Modelle. So fällt ein 119er Magic Ride knapp zehn Zentimeter länger aus als die an versierte Racer addressierten Modelle Super Sport oder Slalom.

Was der Shaper sagt: „Freeridebretter wie der Magic Ride sind unter anderem auf einfaches Angleiten optimiert. Dafür hilft mehr Länge, das macht das Brett weniger anfällig gegenüber Fehlbelastungen und garantiert einen harmonischen Übergang vom Dümpeln ins Gleiten. Auch die Volumensverteilung ist maßgeblich. So haben Bretter wie Magic Ride oder der etwas sportlichere Super Ride eine gleichmäßige Volumenverteilung von vorne nach hinten, mit genügend Volumen im Bug. Wenden und Angleiten sind damit leichter. Bei Boards der Klassen Freerace und Slalom sind die Bugbereiche dann zunehmend ausgedünnt, das Volumen wird im Heck konzentriert (2, unten). Das verbessert die Kontrolle bei Top-Speed, dafür muss man beim Angleiten und Wenden aber auch sensibler belasten, um den Bug nicht auf Tauchstation zu schicken. Weil Bretter für Freerider aber auch mühelos in die Halse gehen sollen, sind deren Heckbereiche in der Regel schmal gehalten. In Verbindung mit üppiger Breite im Mittelbereich ergibt sich dann die angesprochene „eiförmige“ Outline. Bei Freeracebrettern und Slalomshapes kommt man hingegen um breite Hecks nicht herum. Maximalen Top-Speed im Rennmodus erreicht man nur, wenn man ein großes Segel fahren und die Power auch kontrollieren kann. Große Segel erfordern lange, leistungsstarke Finnen, diese wiederum einen entsprechenden Hebel an Deck und einen Piloten, der mit Kraft und Können gegenhält. Das bedeutet, dass man auf Brettern wie Super Sport und Slalom weiter entfernt von der Brettmitte stehen muss – eben auf einem breiten Heck und in weit außen montierten Schlaufen.“

Cutouts

Was der Begriff bedeutet: „Cutouts“ sind ausgesparte Bereiche im Unterwasserschiff des Bretts mit dem Ziel, die Fläche zu reduzieren.

Welche Unterschiede man sieht: Während die Freerideboards vieler Marken noch komplett ohne Cutouts auskommen, werden diese mit zunehmender Leistungsorientierung der Bretter immer größer und markanter. Marketing-Gag? Oder Design-Clou?

Bild 3: Slalomboard mit Cutouts (links), Freeraceboard (Mitte), Freeridebrett ohne Cutouts (rechts)

Was der Shaper sagt: „Wie bereits erwähnt, brauchen leistungsoptimierte Boards ein breites Heck, damit haben sie aber auch eine große ‚benetzte Fläche’ – also Fläche, die ständig Wasserkontakt hat und damit Reibung erzeugt. Durch das Reduzieren der Fläche im Unterwasserschiff (3, links das Modell Slalom, in der Mitte das Freeraceboard Super Sport) wird also auch die Reibung reduziert, was dem Top-Speed zugutekommt, außerdem wirkt das Brett dann freier und fliegt kontrollierter über den Chop. Konkret bedeutet dies, dass der Fahrer nicht mit so viel Beinkraft pressen muss, um das Brett frei über den Chop fliegen zu lassen. Unterm Strich sorgen Cutouts also dafür, dass man zwei isolierte Outlines miteinander kombinieren kann: Ein breites Deck oben, welches für entsprechende Hebelkräfte sorgt und eine schmalere Outline im Unterwasserschiff, welche das Brett frei fliegen lässt und den Druck auf die Beine reduziert. Über die Form der Cutouts kann man genau steuern, wo der Wasserabriss am Brett stattfindet und eine gleichmäßige Druckverteilung auf den Beinen erreichen. Da Freeridebretter (3, rechts) fürs Angleiten und den normalen Windbereich optimiert sind, kommen sie mit schmaleren Hecks und kleineren Finnen aus, dadurch ergibt sich automatisch auch weniger Druck auf die Beine. Cutouts sind somit nicht zwingend nötig.“

Rails

Was der Begriff bedeutet: „Rails“ ist der englische Begriff für die Kanten eines Boards.

Bild 4: Slalomboard mit dicken Kanten, die Standposition ist weit außen

Bild 5: Bei Freerideboards sind die Kanten weniger voluminös, der Decksverlauf zur Brettmitte hin erfolgt harmonisch und rund

Welche Unterschiede man sieht: Typische Freerider für die Masse (z.B. Magic Ride oder Super Ride) haben recht dünne Kanten (5), je sportlicher das Brett wird, desto dicker und voluminöser werden die Rails – beim Slalombrett sind sie am dicksten (4). Aber warum?

Was der Shaper sagt: „Auch hier geht es darum, die Segelpower kontrolliert aufs Wasser zu bekommen. Wer gemütlich hin- und hergleiten will und ein normales camberloses Segel nutzt, möchte in allen Positionen angenehm stehen. Aus diesem Grund designen wir bei Free­ridebretter die Kanten dünn und das Board in der Mitte dicker, es ergibt sich ein verrundetes Deck, auf dem man auch mit innen montierten Schlaufen noch angenehm steht. Dünne Kanten lassen sich zudem leicht beim Halsen ins Wasser drücken, auch mit weniger Kraft und Technik. Umgekehrt bei leistungsoptimierten Shapes: Unser Free­racebrett Super Sport und der Slalom haben spürbar dickere Kanten, durch die erhöhte Standposition kann man einfach mehr Kraft aufs Rail bringen und die Boards im Grenzbereich länger auf dem Wasser halten. Auch am Ausgang der Halse bieten dicke Kanten mehr Auftrieb und somit eine bessere Beschleunigung an der Halsentonne. Der Bereich um die Mastspur wird bei Freerace- und Slalomboards häufig abgesenkt, was ebenfalls der Kontrolle dient. Dicke, hohe Rails und ein dünner Mittelbereich sorgen nach Adam Riese aber dafür, dass man nur direkt auf der Kante auf einer angenehmen Rundung stehen kann, eine weiter innen liegende Schlaufenposition wäre komplett unkomfortabel, weil man quasi ‚bergab‘ und mit überstreckten Fußgelenken stehen würde. Deshalb werden solche Bretttypen auch gar nicht erst mit aufsteigerfreundlichen Schlaufenpositionen ausgestattet.“

"V" und Konkaven

Was der Begriff bedeutet: „V“ und „Konkaven“ sind typische Designmerkmale für das Unterwasserschiff von Windsurfbrettern. „V“ bezeichnet einen angedeuteten Kiel, d.h. die Mittellinie das Bretts liegt tiefer im Wasser als die Kanten. Liegen umgekehrt die Kanten tiefer im Wasser als die Mittellinie des Boards, wäre das Unterwasserschiff konkav geshapt. Im Freeride- und Racebereich gehört ein „doppelkonkaves V“ zu den Standard-Elementen der Shaperzunft.

Bild 6: Doppelkonkaves "V" bei einem Freeridebrett. Beim Blick aufs Unterwasserschiff liegt die Mittellinie höher als die Kanten, es ergibt sich ein angedeuteter Kiel

Welche Unterschiede man sieht: Freeridebretter werden traditionell mit mehr „V“ versehen als leistungsorientierte Shapes der Kategorien Freerace oder Slalom – sind also stärker angekielt.

Was der Shaper sagt: „Über das „V“ regeln wir Shaper den Fahrkomfort. Bretter mit mehr „V“ setzen vereinfacht gesagt weicher ins Kabbelwasser ein, denn der angedeutete Kiel schneidet in die Kabbelwellen ein. Kombiniert man „V“ mit kleinen Doppelkonkaven, wird die dämpfende Wirkung noch verstärkt – deshalb haben die meisten Bretter ein doppelkonkaves V im Unterwasserschiff. Bretttypen, die primär auf Komfort ausgelegt sind, werden demnach mit mehr „V“ ausgestattet. In unserer Range bekommen die Bretter beginnend vom Slalombrett über den sportlichen Freeracer Super Sport bis hin zu den Freeridern Super Ride und Magic Ride sukzessive immer mehr „V“ mit Doppelkonkaven (6). Allerdings ist das „V“ bei keinem Brett überall gleich stark ausgeprägt, es kommt darauf an, wo im Unterwasserschiff das V zu finden ist: Vorne, im Bereich der Mastspur, arbeitet man oft mit mehr „V“, das Brett schneidet dann im Chop komfortabler ein. Gleichzeitig sitzen die Kanten etwas höher über dem Wasser und bleiben nicht so schnell im Kabbelwasser hängen. Im Standbereich reduziert sich das „V“ dann oft, damit die Leistungseinbußen nicht zu stark sind, denn zu viel „V“ würde jedes Brett klebend machen. Aus diesem Grund haben Free­race- oder Slalombretter weniger „V“, einfach weil sportliches Fahrgefühl und maximale Leistung im Vordergrund stehen.“

Scoop-Rocker-Linie

Was der Begriff bedeutet: Die Scoop-Rocker-Linie beschreibt die Aufbiegung des Unterwasserschiffs. Aufbiegung im Bugbereich wird gemeinhin als „Scoop“ bezeichnet, im Heckbereich spricht man hingegen von „Rocker“. Hat ein Brett eine sichtbare Kurve hinter der Finne, wird dies als „Tailkick“ bezeichnet.

Bild 7: Mit der Messlatte offenbaren sich die Unterschiede bei der Scoop-Rocker-Linie


Welche Unterschiede man sieht: „Durchgerockerte“ Boards, die also viel Bodenkurve offenbaren, gelten gemeinhin als gleitfaul und drehfreudig, während eine flache Scoop-Rocker-Linie meist mit guter Gleitleistung und schlechteren Dreheigenschaften assoziert wird. Insofern ist es durchaus überraschend, dass die entlang der Brettmittellinie aufgelegte Messlatte bei verschiedenen Boardklassen wie Freeride, Freerace oder Slalom recht geringe Unterschiede offenbart. Wird der Einfluss der Bodenkurve auf die Fahreigenschaften also gemeinhin überschätzt?

Was der Shaper sagt: „Wenn man nur die Bodenkurve betrachtet, sind die meisten Freeridebretter unterschiedlicher Hersteller heutzutage sehr ähnlich und flach gestaltet, einfach weil gutes Angleiten allen Windsurfern wichtig ist. Die Manövereigenschaften steuere ich vor allem über den V-Verlauf. Der Freerider Magic Ride beispielsweise hat vorne viel V, in der Mitte weniger und hinten wieder stärkeres V. Dadurch bekommt das Board im Kantenbereich eine stärkere Bodenkurve als im Mittelbereich. Angekantet in der Halse surfe ich auf einer runden Bodenkurve schnittig ums Eck, plan gefahren bietet das Brett beim Angleiten viel Leistung, weil dann eher die gerade Bodenkurve im Mittelbereich ausschlaggebend ist. Einfach nur eine Messlatte auf die Mittellinie zu legen, sagt also wenig aus über die tatsächliche Bodenkurve und die zu erwartenden Manövereigenschaften.“

Schlagwörter: Shapes


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