Redaktion

Bernd Flessner: Nordsee Langschlag 2011

  • Bernd Flessner
15.01.2012

Geplant war Bernds längster Ritt schon lange, doch bis es soweit war, dass Bernd Flessner von seiner Heimatinsel Norderney 130 Kilometer über die offene Nordsee bis nach Sylt heizen konnte, war viel Vorbereitung und zähes Warten auf die perfekten Bedingungen angesagt. Doch dann kam Tag X.

Bernd Flessner surft in 4 Stunden von Insel zu Insel.

Seit ich vor fast genau 20 Jahren von Norderney nach Helgoland gesurft war, hatte ich den Traum, einmal quer durch die Deutsche Bucht nach Sylt zu surfen. Anfang des Jahres hatte ich den Verantwortlichen meines Partners Mercedes die Idee geschildert und sie waren gleich von dem Vorhaben begeistert. Im März haben wir dann von Mercedes grünes Licht bekommen, meinen Traum in die Realität umzusetzen und begannen, TVCrew, Vermarktungsagentur, Helikopter, Powerboot, Segel, Sticker, Funkgeräte und weiteres Equipment zu organisieren. Auch die erforderlichen Genehmigungen mussten eingeholt werden. Die Fahrrinne vor den Ostfriesischen Inseln ist eine der am besten überwachten Schifffahrtsstraßen der Welt – die darf man nicht einfach kreuzen. .

Begegnung auf hoher See. Die Nordic war der letzte Fixpunkt vor Helgoland.

Mitte Juni war es nun soweit. Wir hatten alle Beteiligten zusammen, die extra von NeilPryde angefertigten RS:Racing EVO III lagen vor mir und alles, was wir benötigten, war organisiert. Ich telefonierte täglich mit dem Seewetteramt Hamburg, die uns bei dem Projekt beratend unterstützten, aber nie waren die Bedingungen passend. Um auf direktem und schnellstem Wege von Norderney nach Sylt zu surfen, benötigten wir Westwind mit 15 bis 18 Knoten, außerdem dürfen die Wellen für das Begleitboot nicht zu hoch sein. Über alles mussten wir die Pressevertreter und Unterstützer auf dem Laufenden halten. Dazwischen surfte ich noch Regatten und musste mich auf andere Dinge konzentrieren.

Letzte Besprechung mit der Film- und Fotocrew.

Der gesamte Juli ging vorbei, ohne einen passenden Tag zu finden und so mussten wir das Projekt wegen dem DWC-Finale auf Sylt erst einmal verschieben. Am Freitag, den 12. August, war es dann doch endlich soweit: Das Seewetteramt Hamburg stellte für den folgenden Montag gute Bedingungen in Aussicht. Alle beteiligten Personen wurden kontaktiert und ihnen mitgeteilt, dass es am kommenden Montag voraussichtlich losgeht.

Einsamer Abschied von Norderney.

Weil der Helikopter und die Kamerateams eine Vorlaufzeit von 48 Stunden haben, hätte eine Absage jetzt enorme Kosten verursacht. Die Spannung stieg jetzt fast stündlich. Am Sonntag vor dem großen Tag packte ich dann mein Ersatzmaterial in das Begleitboot und traf die letzten Vorbereitungen. Zwar wurde die Windvorhersage für den kommenden Tag auf 14 Knoten heruntergesetzt, doch die rauschenden Bäume ließen mich unerwartet gut schlafen.

Vier Stunden ging es auf Steuerboard-Bug Richtung Sylt.

Der Tag X

Als ich morgens gegen 6 Uhr wach wurde, sah ich draußen nur einen strahlend blauen Himmel und Bäume, die sich irgendwie gar nicht mehr bewegten. Das Seewetteramt kündigte dann an, dass der Wind maximal auf 14 Knoten auffrischen sollte, dafür aber konstant aus West über die gesamte Deutsche Bucht kommt. Schnell war uns klar, es gibt jetzt kein Zurück mehr, obwohl wir zu diesem Zeitpunkt auf Norderney nur sieben Knoten aus West hatten. Alles wurde in Bewegung gesetzt, der Hubschrauber mit den TV-Crews startete in Hamburg, unsere Bootscrew wurde informiert und auch der Fotograf machte sich auf den Weg.

Weil der Helikopter wegen dichten Nebels zwischenlanden musste und erst um kurz vor zwölf auf Norderney ankam, wurden die letzten Vorbereitungen und Absprachen in äußerster Hektik getroffen. Dafür hatte der Wind auf 16 Knoten aufgefrischt, sollte allerdings nur bis 20 Uhr durchhalten. Jede Minute, die ich auf Norderney warten musste, könnte mir später zum Verhängnis werden.

Ein kurzer Material-Check auf dem Wasser und ein letztes Interview, um die Stimmung vorm Start festzuhalten, dann ging es um 12:45 Uhr endlich los. Kaum unterwegs, fing ich an nachzudenken: 130 Kilometer liegen vor mir, wird der Wind reichen? Wie sieht es mit der Kraft aus? Ich surfe die gesamte Strecke in einer Richtung und die einseitige Belastung wird enorm sein! Wird das Material halten?

Auf Höhe des Hochseeschleppers “Nordic”, der etwa zehn Kilometer vor der Insel liegt, bemerkte ich, dass der Wind viel schwächer war als noch am Strand. Ich musste mich also quälen, um überhaupt im Gleiten zu bleiben und dabei auch noch einen möglichst raumen Kurs fahren, denn auf den ersten Kilometern war ich zu hart am Wind gesurft.

Nicht die Strecke allein war die Herausforderung!

Bald war Norderney nicht mehr zu sehen und von nun an umgab mich nur noch Wasser, so weit das Auge reichte. Über die Hochschifffahrtslinie an den ersten großen Schiffen vorbei, erreichte ich nach etwa einer Stunde und 20 Minuten Helgoland. “Immerhin flotter als vor 20 Jahren, dann muss unser Material doch schneller geworden sein”, dachte ich. Bei einer kurzen Besprechung mit der Bootscrew passte ich dann nicht auf und das Rigg knallte aufs Heck des Bootes. “Das Segel ist gerissen”, kam es vom Boot, und meine Flüche sind in den diversen TV-Berichten allzu gut zu hören. Dennoch fuhr ich erstmal mit dem beschädigten Segel weiter. Oft kann man mit kleineren Rissen und Löchern im Segel weitersurfen, das Segel fühlte sich auch nach wie vor okay an.

Ich hörte immer wieder die Worte der Meteorologin im Kopf, dass der Wind gegen Abend abflauen sollte, deswegen wollte ich keine Zeit verlieren und machte nur kurz Pause, um eine Banane zu essen. Dabei bekamen wir Besuch von zwei Bundeswehr-Tornados, die in knapp 30 Metern Höhe an uns vorbei krachten und zum Jubel aller Beteiligten mit den Tragflächen wackelten. Man, dass hat mich echt motiviert und war eine super Ablenkung! Weiter ging’s und ich merkte schnell, dass der Wind auffrischt. Es läuft, durchfuhr es mich und plötzlich machte es richtig Spaß. Ich konnte die Wellen auf Raum absurfen und hatte ein sehr gutes Gefühl dabei. Endlich war auch Helgoland nicht mehr zu sehen, für mich das Zeichen, dass es nicht mehr weit bis nach Sylt war.

Als ich dann am Horizont tatsächlich die Spitze eines Leuchtturms sah, machte sich in mir ein unglaubliches Glücksgefühl breit. “Yes, I did it!” dachte ich mir, jetzt noch mal alle Energie bündeln und Vollgas geben. Nach einer letzten kurzen Pause schlug mir beim Wasserstart das Segel um und das Brett schoss nach vorne. Die Finne traf mich unter Wasser am Oberschenkel und ich spürte sofort, dass etwas nicht in Ordnung ist. Zum Glück waren nur Haut und Neo ein wenig angeritzt, dazu kam eine leichte Prellung, wie ich nach dem Wasserstart erleichtert feststellte.

Mittlerweile kreiste auch wieder der Heli über mir und filmte mit einer Cineplex- Spezial-Kamera. Um nicht auf Amrum zu landen, musste ich noch einmal den Kurs korrigieren und konnte jetzt Vollgas fahren. Kurz vor Sylt bog das Begleitboot in Richtung Hörnumer Hafen ab, um sich nicht in einer der Sandbänke festzufahren. Die letzte Herausforderung war jetzt, das Ziel am Strand vor Hörnum zu finden. Der Helikopter flog voraus und zeigte mir die vereinbarte Stelle, mittlerweile sah ich auch die Menschen am Strand warten. Zwei Halsen, zweimal anpumpen und da lagen die letzten Meter vor mir.

Um 16:45 Uhr, nach genau vier Stunden auf der offenen Nordsee, hatte ich wieder festen Boden unter meinen Füßen und betrat unter lautem Applaus der Zuschauer den Sylter Strand. Ich hatte es tatsächlich geschafft, unglaublich. Eine totale innerliche Zufriedenheit packte mich und ich fiel mit einem breiten Lächeln und absoluter Glückseeligkeit dem wartenden Team in die Arme. Fast vier Monate hatten wir auf diesen Augenblick hingearbeitet und wussten bis zu diesem Zeitpunkt nicht, ob das Vorhaben überhaupt gelingen wird.

Nach diversen Interviews und Fotosessions machten wir uns auf dem Weg zum Flughafen Westerland. Bei strahlend blauem Himmel genossen wir einen unvergesslichen Rückflug, entlang der Sylter Küste, über Helgoland hinweg Richtig Norderney. Dort wurde ich auf der extra beleuchteten Landebahn begrüßt und wir haben noch ein wenig gefeiert. Was für ein Tag!

 

 

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