North Sails vor dem Comeback

  • Tobias Frauen
 • Publiziert vor 2 Monaten

Paukenschlag im Windsurf-Business – North Sails kommt zurück! Mit dabei: Ex-Worldcupper Pieter Bijl. Im Interview mit unserem niederländischen Kollegen Mark Kuijpers verrät er die neue Hightech-Strategie.

Im Sommer 2019 endete nach 38 Jahren eine Ära – North Sails und der Lizenznehmer Boards & More gingen getrennte Wege. B & M hob die Marke Duotone aus der Taufe, mit den gleichen Produkten und Köpfen im Hintergrund. North Sails konzentrierte sich danach voll aufs Kerngeschäft als Produzent von Hightech-Segeln für Rennyachten und die Sparte Kiteboarding. Jetzt will North Sails zurück ins Windsurfen. Und das kam so: 2020 wurde der Niederländer und Ex-Slalom-Worldcupper Pieter Bijl (41) von North Sails angesprochen, einige 3D-Segel auszuprobieren, die ein neuseeländischer Designer entworfen hatte. Das Versprechen: „Superleichte Segel, die nicht mehr kaputtgehen!“ Der Entwickler aus Neuseeland stellte sich als Mickey Ickert heraus, ein Design-Guru mit mehreren America’s-Cup-Titeln und nebenbei ein fanatischer Windsurfer.

Mehr als ein Jahr später hat das Projekt bereits Gestalt angenommen. Pieter Bijl arbeitet in der Loft neben seinem Haus in Maasdijk gemeinsam mit Partner Niek Huisman, mit dem er auch die GabelbaumMarke ProBoom betreibt, an der Gestaltung der neuen North Sails-Segellinie: 3D-Designs, mit bewährter Technik von Segelyachten und Pieter ist am Design von Segeln, Masten und Zubehör beteiligt. Er kommuniziert auch mit Fabriken, Lieferanten und dem Marketing der North Actionsports Group – damit hat er sich als Interviewpartner qualifiziert, oder?

Pieter, die neuen North-Windsurfsegel sollen im 3Di-Design produziert werden. Was hat es damit auf sich?

Normalerweise wird das Profil eines Segels erzeugt, indem die einzelnen Bahnen unter Spannung zusammengenäht werden. Der Traum eines jeden Segelmachers ist es aber, ein Segel zu bauen, bei dem die Form über das gesamte Segel verteilt ist, also nicht nur unter den Nähten. Ein superleichtes und starkes Segel, das wirklich aus einem Stück besteht, nahtlos ist und Fasern hat, die alles an Ort und Stelle halten. North-Segel bestehen aus sehr dünnen getränkten Fasern, die von einer CAD-gesteuerten Maschine präzise in Bandform auf eine 3D-Form gelegt werden. Auf diese Fasern wird eine dünne Folie gelegt und das ganze überschüssige Harz abgesaugt, wonach es unter Hitzeeinwirkung aushärtet. Das Ergebnis ist ein komplett dreidimensionales Segel mit genau der richtigen Menge an Material an der richtigen Stelle.

Woher weißt du genau, wo du diese Fasern platzieren musst?

Die Platzierung der Fasern ermitteln wir durch verschiedene Auslegungen, Tests und Simulationen. Die Höhe wird durch eine genaue Kraftberechnung ermittelt, in die unter anderem Vorliekspannung, Maststeifigkeit und Winddruck eingegeben werden. Mit Unterstützung von North Sails wurde innerhalb des 3Di-Designprogramms eine zusätzliche Software programmiert, mit der die auftretenden Kräfte im Segel berechnet werden können. Dieser letzte Schritt war sehr wichtig, um 3Di als Windsurfprojekt machbar zu machen.

Die Fasern werden bei der Technologie von North Sails auf eine 3D-Form auflaminiert.

Du hast bereits einige Vorteile erwähnt. Was ist sonst noch vorteilhaft an dieser Technologie?

Der größte Vorteil ist, dass ein Segel wirklich aus einem Stück besteht. Wie bei keinem anderen Segel auf dem Markt laufen die Fasern von unten ganz nach oben durch das Segel. Sie laufen sogar über die Lattentaschen. Dickeres Material oder angenähte Verstärkungen an Achterliek, Topp oder Vorliek des Segels sind kein Thema mehr. Diese Verstärkungen sind alle bereits in das Layup des Segels integriert. Das bedeutet, dass wir alle Verstärkungen auffächern, so dass sich die Last sehr schön und gleichmäßig verteilt. Der Unterlieksbereich hat keine Nähte, die dir der Standlack deines Boards dann mit der Zeit durchscheuert. Das Material ist nur dort dick, wo es dick sein sollte und alle Verstärkungen sind auch Teil der Form des Segels.Die Möglichkeiten sind endlos!

Klingt gut, aber es gibt sicher auch Nachteile?

Ich glaube nicht, dass es irgendwelche Nachteile gibt, außer etwas zusätzlicher Forschung und Entwicklung. Wir müssen ein Fenster verwenden, das nicht 3Di ist, aber das macht das Fenster immer noch mindestens so stark wie den Rest eines normalen Segels. Wir haben uns für ein Stück X-Ply oder Monofilm entschieden. Der Unterschied besteht darin, dass die Nähte nicht unter den Lattentaschen versteckt sind, sodass bei einem Fensterbruch jeder Segelmacher für ein paar Euro ein neues Fenster einbauen kann. Alles in allem ist ein 3Di-Segel leichter, haltbarer und formstabiler als ein normales Segel und es entsteht weniger Abfall bei der Produktion. Ich sehe also keine wirklichen Nachteile für den Verbraucher. Abgesehen vom Preis – aber man bekommt auch etwas ganz Besonderes.

"Der Segelkörper wird bei unserer Bauweise nicht mehr durch Nähte unterbrochen.“

Kannst du etwas sagen über den Preis?

Er wird natürlich höher sein als bei einem normalen Segel, obwohl das von den Stückzahlen abhängt, die wir machen werden. Ich denke, wir werden irgendwo im für Membransegel üblichen Preisbereich landen. 3D-Segeldesign gab es ja bei North Sails schon früher.

Wie unterschiedlich sind eure Designs verglichen mit denen vergangener Tage?

Die North-Segel von 2017 waren 2D-Dateien der Windsurf-Designsoftware „MacSail“, umgewandelt in 3D-Dateien (Hinweis der Redaktion: Die Mac-Sail Software ist für Designer frei zugänglich und wird von vielen Segeldesignern verwendet). Wir arbeiten mit einer eigenen Software, in der Simulationen, Kraftberechnungen und Belastungsfalten untersucht werden. Nur North-Designer haben Zugang zu diesem Programm. Ohne diese Software ist es unmöglich, 3Di optimal zu nutzen. Es war sicherlich ein schöner Versuch, aber es hat wenig mit dem zu tun, was wir heute tun.

Ihr habt jetzt als erstes Produkt das Modell „Wave“, auf den Markt gebracht. Einfallsreicher Name!

(Lacht) Ja, wir haben den Namen ziemlich einfach gehalten. Das Wave ist ein brutales Segel, das 4,2er wiegt unter zwei Kilo und bietet ein beispielloses Handling – ein Segel, das man wirklich herumwerfen kann, ohne Trägheit oder Schwungmasse zu spüren. Dank des geringen Gewichts kann man das Segel dort platzieren, wo man will, dieses Gefühl ist unvergleichlich. Das 3Di-Material hat eine einzigartige Haptik: Es sieht aus wie eine Leinwand, aber wenn die Spannung kommt, ist es extrem reaktiv und stabil. Es bildet das Profil sehr leicht aus, aber wenn es einmal ausgeprägt ist, wächst das Profil nicht weiter. In puncto Profilstabilität ist das wirklich einzigartig.

Was kannst du über die Entwicklung des Wavesegels erzählen?

Als schwierig erwies sich die Herstellung eines kleinen Segels auf einer Form, auf der auch Yachtsegel von 80 Quadratmetern gebaut werden. Im Vergleich dazu ist ein 4,7er-Windsurfsegel wirklich ein Taschentuch. Deshalb haben wir eine spezielle Windsurfform entwickelt, die keine 65 Meter lang und 22 Meter breit ist. Sobald diese Form fertig war, ging das Ganze in den sechsten Gang.

Warum hat eine Marke wie North Sails überhaupt wieder Interesse, sich in einem „Peanut-Markt“ wie Windsurfen zu engagieren?

Das Schöne ist, dass wir mit dem Windsurfen auch North Sails etwas zurückgeben. Das Faserlayout, wie wir es beim Windsurfen verwenden, war für North z.B. völlig neu! Von diesen Erkenntnissen profitieren sie nun auch beim Segelsport wieder. Wir nehmen also nicht nur Technologie aus dem Unternehmen, sondern geben auch Entwicklung und Wissen zurück.

Was ist mit der Farbe der Segel, kann man damit noch spielen?

Die Grundfarbe ist Schwarz oder Weiß. Da einige von uns verwendete Fasern nicht gerne weiß sind, wie zum Beispiel Carbon oder Kevlar, haben wir uns für Schwarz entschieden. Wir kombinieren dies mit einem Druck, um den Segeln einen eigenen Look zu verleihen.

Schwarz = schwer? Was in der Farb-Psychologie zutreffen mag, soll bei Windsurfsegeln ins Gegenteil verkehrt werden.

Ist diese Technologie besonders interessant für das Wavesegel oder bietet sie auch Vorteile in anderen Disziplinen?

In der Wavedisziplin hat man den Vorteil des leichteren Segels, das stärker zusätzlich noch stabiler ist. Aber der Vorteil der Technologie wird umso größer, je größer das Segel wird. Beim Foilen fliegst du mit einem leichteren Segel einfacher und früher. Im Slalom beschleunigst du schneller, hast ein besseres Handling bei der Halse sowie ein besseres Ansprechverhalten und mehr Stabilität und Kontrolle. Beim Freeriden wirst du endlich keine Ausrede mehr haben können, dass du keine acht Quadratmeter surfen kannst, weil es zu schwer ist. Unser zukünftiges 8,2er ist leichter als die meisten 5,3er-Wavesegel.

Traditionell fließt das meiste Know-how und die meisten Arbeitsstunden in die Entwicklung der Racesegel für Pros. Wie ist das bei euch?

Mir scheint klar, dass unser Racesegel ein bahnbrechendes Produkt werden wird. Wir haben einen Weg gefunden, das Segel nahtlos in die Masttasche übergehen zu lassen, indem Fasern über die Masttasche und über den Segelkörper verlaufen. Das war früher wirklich undenkbar. Ein Teil, bei dem Masttasche und Segelkörper nahtlos ineinander übergehen, mit einem speziellen Camber-System und 100 Prozent einzigartigen Latten. Und das ist wirklich nur die Spitze des Eisbergs.

Was können wir in Zukunft noch von euch erwarten?

Zunächst einmal eine komplette Segellinie und weil man ohne Mast kein Segel bauen kann, haben wir uns gleich darauf eingelassen. In Zusammenarbeit mit den australischen „CST Composites“ entwickeln wir eine Reihe von Masten, die mit unseren 3Di-Designs verbunden sind, mit einem sehr spezifischen Aufbau, geringem Gewicht und einer superschnellen Reaktion. Schließlich haben wir zwei Verlängerungen, die perfekt zu den Segeln passen, und wir wollen die Linie später mit Gabelbäumen weiter ausbauen.

Hast du schon Teamfahrer im Kopf?

Auf jeden Fall! Tristan Algret und Antoine Martin aus Guadeloupe sind nun Teil des Teams. Ein Racer und ein Waver. Wenn wir nächstes Jahr ein bewährtes Produkt haben, werden wir sehen, ob wir weiter expandieren wollen.

Wer noch weitere Informationen über die 3Di-Technologie erhalten will, findet diese unter www.northsails.com/sailing/de/sails/materials * Sobald die ersten Produkte von North Sails verfügbar sind, werden wir diese sicher für euch ausprobieren. Auch wir sind gespannt!


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Themen: North SailsPieter BijlSegel-Design


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