Olympia 2024 mit dem iQFOiL 5.0: Chance für Deutschland? Olympia 2024 mit dem iQFOiL 5.0: Chance für Deutschland? Olympia 2024 mit dem iQFOiL 5.0: Chance für Deutschland?

Olympia 2024 mit dem iQFOiL 5.0: Chance für Deutschland?

  • Andreas Erbe
 • Publiziert vor einem Monat

Seit 1984 gehört Windsurfen zu den Olympischen Spielen. Für 2024 weckt das iQFOiL Version 5.0 fest plötzlich das Interesse bei Surfern, für die olympisches Windsurfen bisher so spannend war wie ein Flautenspiel am Strand.

Die Geschichte des olympischen Windsurfens ist eine ganz spezielle. 1980 entschied das IOC, Windsurfen als neue, junge und innovative Segeldisziplin bei den Spielen 1984 in Los Angeles ins Programm aufzunehmen. Damals fiel die Entscheidung für den Windglider, produziert von Ostermann. Ein langes Schwertboard, das zu dem Zeitpunkt gerade noch so als State of the Art durchgehen konnte. Zum Zeitpunkt der Spiele in LA war das Brett allerdings bereits hoffnungslos veraltet. Einerseits hatten die kurzen Funboards die Surfszene revolutioniert, anderseits waren im klassischen Regattabereich die Verdrängerboards gnadenlos überlegen.

So kam bei den Spielen 1988 in Seoul bzw. Pusan und 1992 in Barcelona der Div. II-Verdränger Lechner A-390 zum Einsatz. Auch in dieser Zeit entwickelte sich das Windsurfen und das Material rasant und während Naish und Dunkerbeck im Profi-Worldcup spektakulär durch die Lüfte flogen und auf der Worldtour viele Tausend Dollar zu verdienen waren, matchten sich in der sportlich und taktisch höchst anspruchsvollen Olympiaklasse völlig andere Athleten.

Kurz nach den Sea Trials am Gardasee im Herbst 2019 fiel die Entscheidung für das neue Olympiamaterial.

Bei den drei folgenden Olympischen Spielen surfte man mit dem Mistral One Design, einem klassischen, langen Race­board, das in seiner Grundform noch heute in der Raceboardklasse aktuell ist. Für die deutschen Olympioniken holte 2000 Amelie Lux in Sydney als bisher einzige Athletin auf dem One Design eine Silbermedaille. Seit 2008 wird bis zu den Spielen in Tokio, die wegen der weltweiten Corona-Pandemie erst 2021 stattfinden sollen, auf dem RS:X gestartet. Toni Wilhelm schrammte 2012 in London bzw. Weymouth mit dem RS:X, einem Hy­bridboard, das sowohl in Verdränger- als auch in Gleitfahrt funktionieren sollte, mit Rang vier nur knapp an einer Medaille vorbei, ebenso wie Moana Delle, die Rang sechs belegte. 2016 in Rio lag Toni auch lange auf Podiumskurs. Für die Spiele in Tokio gibt es sowohl bei den Frauen als auch Männern keinen deutschen Teilnehmer.

Für die 2024 in Paris beziehungsweise Marseille stattfindenden Olympischen Spiele hat nun „World Sailing“, der Welt- segel-Verband, mit dem iQFOiL ein hochmodernes Foilboard, das auch mit Finne zu fahren ist, als Einheitsklasse festgelegt. Seit dieser Entscheidung herrscht in der deutschen Regattaszene plötzlich eine noch nie dagewesene Aufbruchstimmung in der olympischen Klasse. Für viele Nachwuchsracer eröffnet sich plötzlich eine völlig neue Wettbewerbsoption und auch gestandene Worldcup-Profis reizt die Aussicht auf eine prestigeträchtige Medaille bei Olympia.

Leon Delle (GER 6­) kümmert sich seit Mai um die Koordination der olympischen Wind- und Kitesurf-Aktivitäten des Deutschen Segler-Verbandes in Kiel-Schilksee.

Auch im Deutschen Segler-Verband hat man die Dynamik nach der Materialentscheidung erkannt und stellt sich neu auf. Denn nicht nur im Windsurfen werden zwei Medaillen vergeben, sondern auch die Kiter können in einer Mixed-Staffel um Gold, Silber und Bronze foilen – damit gehen drei von zehn Goldmedaillen im Segeln an Boardsportler. Um auf diese Chancen besser vorbreitet zu sein, schuf der DSV eine neue Stelle. Seit Mai sitzt der 29-jährige Leon Delle, selbst ehemaliger Kadersurfer auf dem Mistral One Design und RS:X sowie erfolgreich im DWC unterwegs, in Kiel-Schilksee und koordiniert die Zukunft der beiden Sportarten in Richtung Olympia. Wir haben Leon dort besucht.

iQFOiL Version 5.0 - das Board für Olympia 2024

Es gibt auf jeden Fall Büros mit einem schlechteren Blick als deines mit Olympiahafen und Förde direkt vor der Nase.

Das stimmt, aber gleichzeitig schaut man auch oft etwas neidisch auf die Kollegen, die aufs Wasser können und man selbst sitzt am Schreibtisch.

Das heißt, du bist nicht als Trainer auf dem Wasser.

Nein, auch wenn ich in der letzten Zeit und aktuell immer wieder auch als Trainer unterwegs bin, ist das nicht mein eigentlicher Job beim DSV. Vielmehr liegt das daran, dass es im Moment noch nicht viele ausgebildete Trainer im Windsurfen und speziell im Foilwindsurfen gibt.

Auch in der Jugendklasse U-17 wird in Zukunft der Techno Windfoil 130 zum Einsatz kommen und so einen nahtlosen Übergang vom Schwertbrett auf das iQFOiL ermöglichen.

Was sind dann deine Aufgaben?

Im Prinzip genau das zu ändern. Ich soll Trainer finden und werde in der Trainerausbildung aktiv sein. Zurzeit gibt es keinen Bundestrainer, weil wir auch keine Kaderathleten haben. Ausnahme ist Schleswig-Holstein. Dort haben wir mit Marc Hollenbach einen Trainer für den neu geschaffenen Landeskader. Hier finden jetzt schon regelmäßig Trainings statt. Das soll in Zukunft natürlich auch in den anderen Landesverbänden der Fall sein.

Im Vergleich zum RS:X scheint die olympische Foilklasse plötzlich wieder für viele Windsurfer, sowohl im Nachwuchs als auch bei den etablierten Profis, interessant zu sein. Woran liegt das deiner Meinung?

Die RS:X-Klasse war in den letzten Jahren in eine Abwärtsspirale geraten. Ich habe das ja selbst mitgemacht. Als vom Raceboard Mistral One Design auf den RS:X gewechselt wurde, sind viele Athleten abgesprungen. Der Wechsel zum RS:X erschien vielen Fahrern als zu aufwändig und teuer und für junge Fahrer war die Klasse nicht attraktiv genug. Das schwere Brett ist bei Leichtwind dem One Design unterlegen gewesen und bei mehr Wind dem Formulabrett. So fehlte der Nachwuchs, die Vereine haben nicht in teures, neues Material und Training investiert und so ging es immer weiter abwärts, bis es keine Landeskader mehr gab – und damit gab es auch für den DSV, der ja für den olympischen Leistungssport verantwortlich ist, keine Möglichkeit der Förderung mehr.

Gonzalo Costa Hoevel auf dem neuen iQFOiL 5.0

Was hat sich mit dem iQFOiL nun geändert?

Viele junge Regattafahrer wachsen gerade ganz automatisch mit dem Foil auf. Da gibt es viele talentierte Jugendliche, die bereits im Deutschen Windsurf Cup mitfahren. Und auch in der vorolympischen Nachwuchsklasse kommt ab der Altersklasse U17 der Techno Windfoil 130 zum Einsatz. Das wird dann auch in der Surf-Bundesliga der Fall sein. Und auch für die etablierten FahrerInnen ist die Chance, einmal bei Olympischen Spielen um Mediallen zu surfen, eine einmalige Gelegenheit.

Wird es in Deutschland eigene iQFOiL-Regatten geben?

Für 2021 ist geplant, dass es im Deutschen Windsurf Cup eine iQFOiL-Division gibt. Wir starten vorerst gemeinsam mit allen anderen, die Kurse sollen sich an die der olympischen Klasse anlehnen. Also bis zehn Knoten Slalom und darüber Up-and-Down-Kurse. Zusätzlich möchten wir die Materialregeln, die zurzeit in der Open Class noch sehr offen sind, an die des iQFOiLs anpassen. Also die Segelgrößen zum Beispiel von zehn auf neun Quadratmeter reduzieren, damit man mit dem Olympia-Material nicht automatisch einen Nachteil gegenüber der Open Class hat. Dort wird es erst ein Mal eine eigene Wertung geben und wenn genügend TeilnehmerInnen mit iQFOiLs dabei sind, wird es auch eine eigene Fleet geben, die separat startet.

Das neue Material (mit Starboard-Chef Svein Rasmussen und Entwickler Remi Villa) hat neuen Schwung in die olympische Surfszene gebracht.

So erfolgreiche Profis wie Nico Prien, Sebastian Kördel und Lena Erdil schlossen sich kürzlich dem renommierten Segelclub NRV (Norddeutscher Regatta Verein) in Hamburg an und zeigen damit klar ihre Olympiaambitionen.

Der NRV war bisher in den olympischen „Boots“-Klassen aktiv. Es ist interessant zu beobachten, dass sich der NRV nun in den neuen „Board“-Klassen engagiert. Wir haben in Deutschland immer noch viele Surfvereine. Allerdings gibt es zu wenige, die regelmäßiges Regattatraining anbieten und so den Nachwuchs nicht optimal fördern können.

Wie kann der DSV in Zukunft unterstützen, zum Beispiel beim Material?

Da herrscht leider viel Unwissenheit. Die Abteilung Leistungssport bekommt Geld von Innenministerium, das durch den DOSB an den DSV weitergeben wird. Damit soll er gewährleisten, dass SportlerInnen zukünftig bei Welt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen erfolgreich sind. Das bedeutet, er stellt Bundestrainer ein, kommt für die Reisekosten, Unterkünfte und Startgelder auf, um den Sportlern Leistungssport zu ermöglichen, bei dem sie sich voll und ganz auf ihre Aktivitäten konzentrieren können. Dazu können wir auch Athletiktrainer, Physiotherapeuten, Laufbahnberater oder auch Sportpsychologen finanzieren. Für diese Dienstleistungen sorgt aber nicht nur der DSV, sondern auch andere Institutionen. Was wir aber nicht können, ist, den Athleten Material kaufen. Das klingt jetzt für einen Sportler, der sonst von seinem Sponsor das Equipment gestellt bekommt, erst mal komisch. Denn das Olympia-Material kostet für die Herren immerhin 9500 Euro. Wenn man das über den Verband aber gegenrechnet, ist das, was der Verband finanziert und bietet, deutlich mehr wert.

Am Dümmer fand im Juli 2020 das erste DSV Foil-Camp für den Nachwuchs statt.

Wer bekommt diese umfangreiche Förderung?

Es gibt drei verschiedene Kaderstufen. Den Olympiakader, in dem die Athleten sind, die im aktuellen Olympia-Zyklus um Medaillen kämpfen können. Im Perspektivkader sind diejenigen, die für den kommenden Zyklus in Frage kommen, und dann gibt es noch den Nachwuchskader. In diesen drei Kaderstufen ist der Deutsche Segler-Verband aktiv. Im Nachwuchsbereich geschieht das in Verbindung mit den Landesverbänden, wobei diese hier die Hauptaufgaben übernehmen.

Zurzeit gibt es nur den Landesverband Schleswig-Holstein, der einen Nachwuchskader hat. Was würdest du einem jungen Surfer raten, der Interesse an der neuen olympischen Klasse hat.

Essenziell ist auf jeden Fall, dass er in einem Surf- oder Segelverein ist, der Mitglied im DSV ist. Viele Vereine sind das. Das ist erst einmal die Voraussetzung, dass er an alle Informationen kommt. Allerdings haben auch nicht alle Landesverbände eine Abteilung für die Boardsportarten Windsurfen und Kiten. In dem Fall kann sich der Verein auch direkt an den DSV wenden. In vielen Clubs gibt es leider auch kein regelmäßiges Training mehr für die Jugendlichen. Im letzten Jahr kamen bei der Deutschen Jugend-Meisterschaft auf dem Techno 293 die 40 Starter aus gerade mal zehn Vereinen. Es gibt aber in Deutschland mehrere Hundert Vereine. Es fehlt an vielen Stellen an der Initiative, da hat sich ein gewisser Trott eingeschlichen. Wenn ein Verein nicht genügend Geld für einen Trainer hat, dann kann er sich auch an die Deutsche Segler-Jugend wenden und Unterstützung beantragen. Es könnten sich auch mehrere Vereine zusammentun, die räumlich nicht so weit voneinander entfernt sind und sich einen Trainer teilen. Aber wenn es nicht einmal ein wöchentliches Training gibt, dann kommen die Kinder auch nicht auf die Idee, Wettkampfsport zu betreiben.

Juli 2020: das erste DSV Foil-Camp für den Nachwuchs

Wie wollt ihr das ändern?

Bislang gibt es nur relativ wenige ausgebildete Windsurftrainer für den Leistungssport und noch weniger im Bereich Windfoil. Wir haben in diesem Jahr mehrere Camps, zum Beispiel am Dümmer See und in Berlin, bei denen wir das neue Techno Windfoil 130 dabei- haben und einerseits die Kids bis 19 Jahre da heranführen wollen, aber auch den Trainern helfen wollen, das in Zukunft zu unterstützen. Im nächsten Jahr soll es diese Camps deutschlandweit geben.

Viele Nachwuchsfahrer im DWC haben in den Kids Camps von Vincent Langer die erste Regattaluft geschnuppert.

Das stimmt. Da müssen wir uns noch stärker vernetzen und den Kids auch sagen, wo sie nach den Camps weitermachen können und wo Clubs in ihrer Nähe Training anbieten können. Bislang sind viele als Einzelkämpfer­ am Start. Aber wir müssen den Kindern vermitteln, wie toll es ist, in Trainingsgruppen auf Einheitsmaterial unterwegs zu sein. Ich habe das ja selbst erlebt, gemeinsam in Camps trainieren, und zu Regatten fahren, seiner Leidenschaft nachzugehen und vielleicht, wenn man der Beste ist, einmal bei den Olympischen Spielen zu starten.

DSV Foil-Nachwuchs-Camp

Im Männerbereich haben wir ja durchaus gute Racer auf internationalem Niveau und auch der männliche Nachwuchs steht gut da. Ganz anders sieht es aber bei den Damen und Mädchen aus. Wie siehst du die Lage?

In Deutschland gibt es leider kaum Damen, die racen. Wir haben im Juni kostenlose Kurse angeboten und haben aus ganz Deutschland gerade einmal zehn Rückmeldungen bekommen. Immerhin gibt es jetzt eine Trainingsgruppe mit sechs Damen, davon drei Jugendliche. Eine von ihnen hat sich sogar jetzt dazu entschlossen, zum kommenden Schuljahr hier ins angeschlossene Sportinternat zu gehen. Es gibt aber auch Mädchen aus dem Segelsport, die umsteigen aufs Foil. Die haben meist schon eine sehr gute taktische Ausbildung, was vielen Windsurfern fehlt und sie lernen das Foilen relativ schnell. In den Segelvereinen sind Wettkampftraining und Regatten fahren viel stärker verankert als in Windsurfingclubs. Hier müssen wir den Kindern auch aufzeigen, dass es nach dem Opti nicht nur den Umstieg auf eine andere Segelklasse gibt, sondern auch Boardsportarten, in denen es olympische Medaillen zu gewinnen gibt.

Die ersten Trainings­einheiten des DSV mit dem neuen Olympiamaterial für die Spiele 2024 finden bereits jetzt auf der Ostsee statt.

Themen: Olympia


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