Segel-Design

  • Manuel Vogel
 • Publiziert vor 6 Jahren

Segellatten – über diese unscheinbaren Features musste man 20 Jahre lang nicht diskutieren. Sie waren einfach da. Jetzt geht es ihnen auf der Suche nach dem ultimativen Handling-Segel an den Kragen und für manchen Designer sollen selbst die aufkommenden Drei-Latten-Konzepte nur eine Durchgangsstation sein. Grund genug, den Machern ein paar Fragen zu stellen.

Kauli Seadi war wieder einmal der Trendsetter – bereits 2013 designte er mit Jeff Henderson (Hot Sails Maui) das Modell KS-3.

Was waren das für Zeiten – beinahe jeden Monat schwappten neue Bilder, Designs und Trends aus dem Epizentrum des Windsurfens – Maui/Hawaii – in die Windsurf-Magazine des alten Europas. Zu Hause saß man dann, mit einer Mischung aus Faszination und Skepsis, vor dem, was schon allein deshalb Trend war, weil es von Maui kam. So manches, wie asymmetrische Board-Designs oder Fußballfinnen, geriet – glücklicherweise – zum Strohfeuer. Andere Ideen, wie die Shortboard-Revolution, die Erfindung des Cambers oder durchgelattete Segel, sind bis heute nicht mehr wegzudenken.

Segel-Design

10 Bilder

Segellatten – über diese unscheinbaren Features musste man 20 Jahre lang nicht diskutieren. Sie waren einfach da. Jetzt geht es ihnen auf der Suche nach dem ultimativen Handling-Segel an den Kragen und für manchen Designer sollen selbst die aufkommenden Drei-Latten-Konzepte nur eine Durchgangsstation sein. Grund genug, den Machern ein paar Fragen zu stellen.

Besonders ins Segeldesign ist wieder Bewegung gekommen und nachdem vor einigen Jahren Vier-Latten-Wavesegel erfolgreich auf den Markt drängten, gehen die Designer jetzt noch einen Schritt weiter: 2015 werden zahlreiche Hersteller Drei-Latten-Segel anbieten. Dass die Macher dabei nicht einfach eine oder zwei Latten weglassen, um ein bisschen Gewicht zu sparen, sondern all dies Folge einer generellen Entwicklung im Segeldesign ist, erklärt Gerrit Maaß, Segeldesigner bei Sailloft Hamburg:

"Vor 15 Jahren gab es Loose Leech (also das schlabbernde Achterliek) nur bei Race-segeln, ein 5,3er-Wavesegel war oben recht schmal geschnitten, hatte oft eine Mastlänge von über 4,60 Meter und die Leute wollten nicht, dass da oben im Topp etwas flattert und schlabbert. Anfang 2000 begann man die Segel oben weiter auszustellen, das waren die ersten "Block-Head"-Konzepte. Man musste den Segeln dazu oben Loose Leech verpassen, um Twist und Kontrolle zu ermöglichen und zu verhindern, dass die Segel topplastig wirkten. Vor etwa fünf Jahren kam dann der nächste Schritt, als die Vorliekslängen schrittweise kürzer wurden. Heute hat ein 5,3er einen halben Meter weniger Vorliek als früher. Dies war der Moment, als man wieder darüber nachdenken konnte, Segellatten einzusparen. Ein kürzeres Segel braucht logischerweise weniger Latten zur Stabilisation."

Hört sich logisch an, doch warum jetzt nur noch drei Latten? Mit Point-7 und Hot Sails Maui haben bereits heute zwei Marken ein solches Produkt im Programm, den großen Hype haben sie damit nicht ausgelöst. Dass allerdings mit NeilPryde, Simmer, Gun Sails, Challenger, Goya, MauiSails, North Sails und Ezzy auch zahlreiche andere Segelhersteller an solchen Modellen basteln, muss einen Grund haben. Wir haben bei den Designern nachgefragt.

Graham und Dave Ezzy

Die Grundidee

Im Prinzip sind sich die Macher in diesem Punkt weitgehend einig – leicht und handlich soll es sein: Jason Diffin (Goya): "Gewichtsreduzierung ist der Hauptvorteil eines Drei-Latten-Konzepts. Ein Segel, welches sich schnell und leicht manövrieren lässt, macht in der Welle und bei Manövern einfach mehr Spaß. Je geringer das Gewicht, desto mehr Vortrieb kann ein Segel auch erzeugen, vor allem mit großen Waveboards bei wenig Wind macht so ein Segel einfach Laune."

"Carbon und Kevlar – das sind die Materialien, die auch in Segeln immer wichtiger werden und zur Stabilisation des Profils taugen." (Jason Diffin, Goya-Designer)

Michi Schweiger von Naish äußert sich ähnlich: "Als wir vor drei Jahren unser kompaktes Wavesegel Chopper herausbrachten, hatten wir schon Versionen davon mit nur drei Latten gebaut. Wir waren überrascht, dass diese kein kompletter Reinfall waren und in bestimmten Bedingungen sehr interessant zu sein schienen. Damals haben wir uns noch dagegen entschlossen und das Chopper mit vier Latten herausgebracht. Wir haben das dann immer weiter überarbeitet und die Tatsache, dass auch MauiSails, North, NeilPryde oder Hot Sails Maui auf den Zug aufgesprungen sind, hat uns bestärkt. Wir glauben an dieses Konzept, vor allem das Gefühl während eines Bottom Turns ‚nichts‘ in der Hand zu haben ist einzigartig. Wer Robby Naish kennt, weiß, dass er niemals etwas nur des Marketings wegen machen würde."

Dass ein Segel mit weniger Latten leichter ist, verwundert nicht. Neben der eigentlichen Segellatte spart man schließlich auch noch die Lattentasche, Lattenspanner, einige Nähnte und Verstärkungen, insgesamt kommen dabei 150 bis 200 Gramm Gewicht zusammen.

Problemzone "Kontrolle"?

Spätestens an diesem Punkt ist es mit der Einigkeit der Macher vorbei. North-Designer Kai Hopf: "Mit weniger Latten lädt sich ein Segel etwas mehr auf, das kann bei wenig Wind ein echter Vorteil sein und die Gleitleistung verbessern. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass man durch das Weglassen von Segellatten auch immer die Range des Segels (der Windbereich in dem das Segel gut und ohne umzutrimmen funktioniert, die Red.) reduziert, egal was man auch macht. Ich glaube, dass selbst ein VierLatten-Segel nicht für jeden das geeignete Segel darstellt, von drei Latten ganz zu schweigen. Wir werden deshalb nicht unsere Augen schließen und dem Trend hinterherrennen, nur, um eine weitere Nische zu kreieren."

Auch andere Designer wie Gerrit Maaß von Sailloft Hamburg äußern sich in diese Richtung und auch unsere ersten Testerfahrungen des Point-7 Swag (siehe surf-Test 1-2/2014) deckten sich mit diesen Meinungen. Allerdings hat unsere Testerfahrung auch immer wieder gezeigt, dass man nie alle Modelle und Konzepte über einen Kamm scheren kann und auch die Statements der Macher lassen erahnen, wie groß die Spannweite innerhalb dieser Nische sein könnte. Naish und Goya betonen das weiche Segelfeeling, Hot Sails Designer Jeff Henderson schwört darauf, dass sein Drei-Latten-Konzept KS-3 "das straffste und direkteste Segel der Range" sei.

"Ich sehe durchaus Potenzial, dass dieses Konzept auch abseits des Profi-Zirkus viele Fans findet." (Renato Morlotti, Gun Sails-Designer)

Mit welchen Design-Tricks versuchen die Macher eine große Windrange und Kontrolle zu gewährleisten?

Einerseits sind es die zumindest im Segeldesign neuen Materialien, die Lösungen bieten könnten. Goya-Designer Jason Diffin macht deutlich, worum es hierbei geht:

"Ein entscheidendes Feature des Konzepts sind die extrem leichten und unidirektionalen Carbon- und Kevlarfasern,  die ins Segel eingearbeitet werden, den Zug aufnehmen und den Shape des Segels wahren sollen, auch wenn weniger Latten das Segel stabilisieren. Die Idee dazu hatte ich bereits vor acht Jahren, als ich noch für Simmer Sails die Segel gemacht habe. Dadurch hat man eine federleichte Möglichkeit, das Profil des Segels zu stabilisieren."

Ein weiterer Ansatzpunkt scheint ein Konzept zu sein, welches ebenfalls nicht ganz neu ist – das sogenannte "Cross-Batten"-Konzept. Dies bedeutet, dass die unterste Latte im Segel am Mast unterhalb der Gabel ansetzt und am Schothorn über der Gabel endet, sie kreuzt also die Gabel. Diese Lattenanordnung soll Stabilität ins Profil bringen. North hatte dies bereits vor fünf Jahren beim Wavesegel Ego gemacht. Neben NeilPryde, Simmer und Hot Sails Maui setzt auch Naish-Designer Nils Rosenblad auf das Cross-Batten Konzept: "Um Spannung ins Rigg zu bringen, verwenden wir eine Cross-Batten. Bei Fünf-Latten-Segeln mochten wir dieses Konzept nie, weil es das Segel hart und sehr direkt werden lässt, wenn du allerdings nur zwei weitere Latten darüber hast, fühlt es sich plötzlich butterweich an."

Erstaunlich skeptisch ist man indes beim Cross-Batten-Vorreiter North: "Unsere Erfahrungen der Vergangenheit haben gezeigt, dass dieses Konzept wunderbar in Freeride- oder Racesegeln funktioniert, weil es das Segel stabilisiert und es im Gabelbaumbereich direkter und steifer werden lässt. Bei Wavesegeln will ich aber, dass dieser Bereich flexibel und weich bleibt, da man beim Wellenabreiten permanent dichtholt und auffiert. Auch deshalb sind wir von Drei-Latten-Konzepten einfach nicht überzeugt", erklärt Kai Hopf.

Was ist die Zielgruppe?

Nils Rosenblad (Naish) zuckt da nur mit den Schultern: "Ich mache keine Empfehlungen mehr! Als wir das Vier-Latten-Segel Chopper veröffentlichten, hatten wir das Gefühl, es sei für bestimmte Bedingungen und Fahrertypen nicht ideal und haben das auch kommuniziert. Damit lagen wir falsch, denn überall auf der Welt nutzen heute Leute das Segel in Bedingungen, für die es eigentlich nicht gemacht war. Und sie lieben es! Deshalb denke ich, dass der Fahrer mit seinem Stil und seinem Gewicht der wichtigste Faktor ist, die Bedingungen eher sekundär sind. Das Richtige für jeden ist ein Drei-Latten-Segel sicher nicht, dafür haben wir andere Linien in unserer Palette. Wer Wellenabreiten als Priorität hat und das leichtest mögliche Segelgefühl will, sollte dem Force 3 aber eine Chance geben", Marken wie Goya und Neil Pryde werden da konkreter und empfehlen ihre Drei-Latten-Konzepte ausdrücklich nur für Leichtwind und Sideshore-Bedingungen:

"Dass mehr Latten automatisch mehr Kontrolle bringen ist falsch. Beim Twistverhalten und der Zugverteilung im Segel sind Latten nur ein Faktor von vielen." (Nils Rosenblad, Naish-Designer (links im Bild, mit Michi Schweiger)

"Dieses Konzept ist definitiv für "Down-the-Line-Waveriding designt, wo das Wellenabreiten komplett im Vordergrund steht. Alle unsere Teamrider, die auf der PWA-Tour in unterschiedlichen Bedingungen fahren, wählen von sich aus das Combat mit vier, beziehungsweise fünf Latten oder sogar das Atlas, welches in jeder Größe fünf Latten besitzt. Diese Segel sind zum Herumspringen einfach besser geeignet und insgesamt besser stabilisiert. Wenn sie dann an die Top-Spots nach Maui oder Chile fliegen, wollen die Fahrer meist lieber das Drei-Latten-Segel in die Finger", so Robert Stroj (NeilPryde).

Wohl dem, der es sich aussuchen kann. Da der "Normal-Surfer" sicher hauptsächlich auf Nord- und Ostsee unterwegs sein wird, auch mal eine Session bei Starkwind im Flachwasser einplant und vor allem ein Segel will, welches in böigen Bedingungen nicht gleich herumzickt, dürften die Drei-Latten-Konzepte tatsächlich eher einer kleinen Zielgruppe vorbehalten sein.

Ist die Zukunft lattenfrei?

Geht es nach Jeff Henderson (Hot Sails Maui), ist dem so. "Warum nicht? Der heilige Segel-Gral ist leicht, simpel und stabil. Da muss man über alles nachdenken, was diese Ziele realistisch werden lässt. Nur die Fahreigenschaften sollten besser sein als früher". (lacht)

"Wir waren nicht die Ersten, die ein Drei-Latten-Segel gebaut haben. Aber Hot Sails Maui und Kauli Seadi sind der Grund, dass alle damit angefangen haben." (Jeff Henderson, Designer und Gründer von Hot Sails Maui (rechts im Bild mit Kauli Seadi)

Dass ein Segel in Zukunft möglicherweise ohne Latten auskommen könnte und trotzdem druckpunktstabil bleibt, ist derzeit kaum vorstellbar. Andererseits: Was war vor 15 Jahren vorstellbar? Dass 4,7er-Segel unter 2,5 Kilo wiegen, eher nicht. Von den Tricks und Manövern, die heute auf dem Wasser gezeigt werden, ganz zu schweigen.

Eines scheint also auch nach 40 Jahren Windsurfgeschichte geblieben zu sein. Unser Sport entwickelt sich ständig weiter. So manches Mal schoss man auf dem Weg nach dem ultimativen Trend übers Ziel hinaus. Unvergessen die Zeiten des Camber-Wahns, als plötzlich auch Wavesegel die sperrigen Plastikspangen verpasst bekamen und mit Modellnamen wie "Wave-Slalom" aufwarteten.

Ob sich auch der neue Trend des Drei-Latten-Segels in die Reihe der Design-Fehltritte einreiht, eine kleine Nische besetzt oder sogar nur eine Durchgangsstation auf dem Weg zum lattenlosen Segel ist, wird sich zeigen. Es bleibt in jedem Fall spannend!

"Die größte Herausforderung ist, es zu schaffen, dass das Segel nicht zu weich und instabil wirkt." (Robert Stroj, NeilPryde-Designer)

Themen: 3-Latten-SegelSegel-Design


Lesen Sie die SURF. Einfach digital in der SURF-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag
  • GunSails in Membran-Technologie

    05.03.2019

  • Segel-Design

    10.06.2014

  • Segel-Designer David Ezzy - Ein Leben nach Mass

    06.02.2020

  • Test: Gun Seal Membrane

    30.04.2019

  • Neues Membransegel von Duotone

    30.07.2019