Redaktion

Südamerikanische Meisterschaften – Deutsche Windsurfer gewinnen Silber

  • Alois Mühlegger
20.04.2020

Wer an Argentinien denkt, hat automatisch Buenos Aires und Maradona oder Messi im Sinn. Dass es aber mitten im Land auf dem Weg in die Anden einen riesigen Stausee gibt der als anspruchsvollstes Revier Südamerikas gilt, war auch für die beiden Raceboarder Andre Hartung und Lars Deiterding neu als sie vor einigen Monaten die Einladung des Argentinischen Seglerverbandes zur Teilnahme an der Südamerikanischen Meisterschaft bekamen. Begeistert von der Raceboard Weltmeisterschaft 2019 in Warnemünde mit über 110 Teilnehmern, hatten sich die befreundeten Windsurfer aus Lateinamerika in den Kopf gesetzt, unbedingt eine offene internationale Meisterschaft mit europäischer Beteiligung durchzuführen.

Für die beiden Deutschen vom DWSC Großenbrode, die letztes Jahr nicht nur zum wiederholten Mal in der Surfbundesliga ganz vorne gelegen, sondern auch mit dem Team Germany den Nations Cup bei der Weltmeisterschaft gewonnen hatten, war die Entscheidung schnell getroffen. Und 25.000 km Kilometer Luftlinie und 79 Stunden Reisezeit sollten sich als gut investierte Zeit herausstellen.

Da waren sie nun am „Lago San Roque“ - berüchtigt für seine Unberechenbarkeit und berühmt für seine vielen hochqualifizierten Surfer und Segler, die es regelmäßig zu Olympia schaffen; denn wer auf diesem See gelernt hat, kann auf jedem Revier vorne mitfahren. Wo auf der Welt hat man sonst solche Bedingungen – Wind der an jedem Tag immer um 270-360 Grad dreht und dabei im Tagesverlauf die ganze Bandbreite von 0-30 Knoten bietet. Das Revier gilt als "berechenbar unberechenbar“ wie die Lokals dann auch unseren Deutschen bei der Ankunft versuchten zu erklären. Verursacht durch die umliegenden Berge und Schluchten mit unterschiedlichen Wärmezonen im Tagesverlauf, in denen lokale Hoch- und Tiefdruckgebiete permanent gegeneinander kämpfen, sind so zudem permanente Winddreher in einer Wettfahrt um 15-20 Grad normal.

Und im Laufe der Woche mussten Andre und Lars auch lernen, dass es absolut unwichtig ist, was die Windvorhersage ansagt. Denn statt der vorhergesagten 2-6 Knoten wurden sie dann am vorletzten Tag überraschenderweise von über 30 Knoten morgens am Strand begrüßt. Und nur abtreibende Startboote und Tonnen verhinderten, dass der erfahrene und kompromisslose lokale Wettfahrtleiter sofort konsequent alle Starter der Raceboardklasse aufs Wasser schickte. Mit längeren Ankerleinen ging es dann aber eine knappe Stunde später bei immer noch gut 25 Knoten aufs Wasser, während die versammelten BIC Klassen aus Sicherheitsgründen an Land bleiben durften. Hatte Andre bei den 5-10 Knoten des ersten Wettkampftages noch etwas mit seinem Leihsegel gehadert (9,5 m² Highwindsegel von 2 WinSails), so passte es bei diesen Bedingungen perfekt und er konnte seinen zweiten Platz in der Gesamtwertung, den er schon am zweiten Tag erobert hatte, weiter ausbauen. Gerade auf den tiefen Raumkursen fuhr der seit Jahren ungeschlagene Deutsche Meister der Konkurrenz immer wieder um die Ohren.

André Hartung auf der Kreuz

Sein Teamkollege Lars, der schon mit einer akuten Armentzündung anreisen musste, kam zwar bei den Starkwindbedingungen gut mit seinem Leihmaterial zurecht; ihn brachten aber die tiefen Raumwindkurse bei nachlassenden Winden immer wieder in Bedrängnis, weil er aufgrund der Entzündung heftige Schmerzen beim Pumpen hatte. Und obwohl er, genau wie Andre, bei den Startkreuzen häufig gut dabei war, verlor er so immer wieder Plätze auf dem Downwind.

Ab dem dritten Tag war dann auch der offizielle Regatta-Arzt der größte Freund und Feind des DWSV Fahrersprechers, weigerte sich der Orthopäde doch nach zwei Tagen ihm weitere schmerz- und entzündungshemmende Spritzen zu geben, sondern wollte ihn offiziell aus dem Rennen nehmen. Da Lars aber in der schweren Gewichtsklasse auf Medaillenkurs lag (genau wie Andre in der leichten Klasse) wollte er unbedingt weiterfahren und spielte jede Wettfahrt aufs Neue das Spiel „ich verstehe kein Spanisch“ … und schlich sich am Doktor vorbei aufs Wasser.

So schaffte er es nach dann doch noch sich, trotz bandagiertem Armes, in der vierten und letzten Schwachwindwettfahrt des vorletzten Regattatages wieder auf Platz zwei zu fahren und es seinem souverän fahrenden Teamkollegen nachzumachen. Und dieses nochmal „über seine Grenzen gehen“ sollte sich auszahlen, zeigte sich doch der Lago San Roque am letzten Tag noch einmal extrem von seiner wechselhaften Seite. Abwechselnd kam der Wind aus Nord oder Süd, und zwischen heftigen Unwettern mit Sturm, Hagel und Starkregen herrschte Flaute bei 33 Grad, so dass letztendlich keine weiteren Wettfahrten durchgeführt werden konnten.

Diese verrückte Wetterlage sorgte dann auch für eine einmalige Kulisse bei der Siegerehrung, wobei der Veranstalter hinterher behauptete der faszinierende Regenbogen, der lokal begrenzt im See direkt auf dem Regattagebiet zu sehen war, wäre extra bestellt gewesen. Es war der würdige Abschluss einer bemerkenswerten und nervenaufreibenden kontinentalen Meisterschaft mit insgesamt fast 80 Teilnehmern, die neben spannenden Wettkämpfen Unmengen an kulturellen Austauschmöglichkeiten bot, und bei der viele neue Freundschaften geschlossen wurden.

Und wer hätte gedacht, dass sich unsere Deutschen, die ja eigentlich nur locker den Winter aus den Knochen trainieren wollten, am Ende gegen starke Argentinier und Brasilianer bestehen würden und mit jeweils Silber nach Hause kommen würden.

André Hartung (links) nahm Silber mit nach Hause...

...Lars Deiterding (links) schaffte in seiner Gewichtsklasse das gleiche Ergebnis – auch er gewann Silber

Fazit ist, Andre muss sich vor keinem Surfer weltweit verstecken und mit einem Leichtwindsegel wäre auch der Gesamtsieg, gegen ehemalige Olympiateilnehmer locker drin gewesen. Und auch Lars war auf dem Wasser relativ dicht dran am mehrmaligen argentinischen Schwergewichtsweltmeister Fernando Consorte, so dass es vielleicht bei der Weltmeisterschaft im August das erste Mal seit Jahren gelingen könnte diesen von „seinem“ Thron zu stoßen.

Jetzt heißt es Wunden lecken und Verletzungen auskurieren um hoffentlich fit genug in die bald beginnende deutsche Regattasaison zu starten.

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