Redaktion

Lennart Neubauer - der neue Windsurf-Superstar?

  • Andreas Erbe
28.10.2019

Auf der griechischen Insel Naxos gedeiht derzeit im Zeitraffer ein großes Talent mit noch größeren Ambitionen. Der 14-jährige Lennart Neubauer lebt mit seiner deutschen Mutter Iris mit Blick aufs Meer und hat ein klares Ziel: Freestyle-Weltmeister. Ein Interview mit einem selbstbewussten, redegewandten und fokussierten Youngster mit einem klaren Plan.

boot Düsseldorf 2016. Auf der Bühne sitzt ein braungebrannter, zierlicher Junge, mit strahlendem Blick und sonnengebleichter Mähne. Zusammen mit einigen Größen der Surfwelt gibt der damals 12-jährige Lennart Neubauer Interviews wie ein alter Medienprofi, wechselt, wenn es sein muss, routiniert ins Englische und erzählt begeistert von seiner Freestyle-Leidenschaft, dem Flivos-Surfcenter in seiner Heimat Naxos, das ihn großzügig mit Material unterstützt und wie selbstverständlich davon, dass er Surfprofi werden und an Worldcups teilnehmen möchte. Träume eines 12-Jährigen, die vermutlich nie in Erfüllung gehen, ist man geneigt zu sagen – genauso wie bei anderen Gleichaltrigen, die Astronaut werden wollen oder von einer Formel-1-Karriere träumen.

Gleicher Ort, zwei Jahre später. Lennart kommt gerade als frisch gebackener U15-Sieger vom PWA Youth Worldcup in Almerimar zurück – und zwar in der Welle und nicht im Freestyle. Auf der Messe nimmt er freudestrahlend und sichtlich aufgeregt die Segelpalette seines neuen Sponsors Severne entgegen. Im Laufe des Jahres geht seine Erfolgsserie weiter. Beim King of Bonaire gewinnt er den Freestyle bei den unter 18-Jährigen. Danach räumt er im Slalom bei den Griechischen Meisterschaften die U18-Wertung ab und wird Siebter bei den Erwachsenen. Von dort geht es auf die Kanaren. Beim

Lennart Neubauer

EFPT Event in Matas Blancas auf Fuerte wird er bei den Jugendlichen „nur“ Dritter (weil er einen Heat verpasst hat), und im Hauptfeld schaffte er es auf einen 13. Platz. Anschließend gewinnt er beim EFPT Contest auf Lanzarote die Jugendwertung. Danach folgt der Auftritt beim PWA Youth Wave Worldcup in Pozo: Sieg bei den U15. Weiter geht’s zurück nach Fuerte zum PWA Freestyle-Worldcup. Die Bilanz dort – Sieg bei den unter 15-Jährigen und Zweiter in der U17.

Wieder in Griechenland folgt noch ein weiterer Slalom-Sieg in der Jugendwertung bei den Greek Nationals und der 14. Platz von 36 Teilnehmern im Hauptfeld. Auf dem weiteren Programm steht jetzt noch der Saisonabschluss der EFPT im Oktober beim DamX am Brouwersdam in Holland.

Hoppla – da haben sich einige Träume aber ziemlich schnell erfüllt. Dieser Tourplan klingt schon verdammt nach dem Leben eine Vollprofis. Doch Lennart geht noch zur Schule, seine Mutter Iris zieht ihn alleine groß und muss natürlich arbeiten, ihn aber auch auf jeder Reise begleiten. Wie geht das denn? Um auf diese und viele andere Fragen eine Antwort zu bekommen, habe ich mich mit Lennart und Iris zu einem Skype-Interview verabredet. Nachdem Lennart mir zu Beginn unseres Gespräches seine imponierende Erfolgsserie detailliert aufgezählt hat, frage ich ungläubig:

Wie funktioniert das denn? Du gehst doch noch zur Schule.

Lennart: Ich bin immer einer der Jahrgangsbesten und deshalb darf ich auch mehr Fehltage haben. Außerdem haben wir drei Monate Sommerferien und deshalb kann ich die Reisen machen. Ich wäre gerne auch noch auf Teneriffa mitgefahren, aber da musste meine Mutter wieder arbeiten.

Iris: Das Pogramm geht natürlich nur, wenn es bei Lennart in der Schule gut läuft. Das ist die Grundvoraussetzung. Aber das klappt wirklich prima. Außerdem habe ich das große Glück, dass ich seit 24 Jahren im Schmuckladen Naos in Naxos Stadt arbeite. Mein Chef Panos ist gleichzeitig mein bester Freund und Lennarts Patenonkel. Er hat mir tatsächlich auch jetzt in der Hauptsaison freigegeben und hat meine Schichten im Shop übernommen. Obendrein hat er auch weiter meinen Lohn und Versicherungen und so weiter übernommen. Das ist wirklich großartig

Das heißt also, Lennarts Onkel ist eigentlich euer größter Sponsor.

Iris: Das kann man so sagen.

Lennarts Patenonkel Panagiotis Kiriakopoulus unterstützt nicht nur Lennart, sondern hilft als Chef auch Mutter Iris, dass sie Lennart bei allen Reisen begleiten kann. Lennart Neubauer

Wie kommt es, dass du schon so lange auf Naxos lebst?

Iris: Wir kommen aus Bremen und mein Vater war Kapitän zur See. Später leitete er die Niederlassung der Reederei auf Zypern. Ich habe Sozialpädagogik studiert und bekam von der Reederei fünf Mal im Jahr einen Flug zu meinen Eltern. Da habe ich die griechische Lebensart lieben gelernt. Ich habe dann mit meinem damaligen Freund viele Inseln in der Ägäis besucht und wir entschieden uns, auf Naxos zu bleiben und haben dort eine Bar aufgemacht. Mein Freund war nach einem Jahr weg, aber ich blieb. Die Bar wurde sehr erfolgreich und ich habe beim Verkauf später so viel Geld bekommen, dass ich mir Eigentumswohnungen in Bremen kaufen konnte – durch die Mieteinahmen können wir das jetzt so durchziehen, sonst wäre das nicht möglich. Ich habe dann auch noch eine Reitanlage hier gehabt, habe die aber abgegeben als Lennart in die griechische Schule kam.

Bist du denn selber auch Windsurferin, Iris?

Lennart: Meine Mama fährt auch bald in der PWA (lacht sich kaputt).

Iris: Nein, ich habe bislang nur einmal auf dem Brett gestanden und ich glaube Lennart fände es auch eher peinlich, wenn seine Mama da immer reinfallen würde, wenn alle zuschauen. Außerdem haben wir mit Lennarts Material schon immer genug zu tun auf den Reisen, wenn ich dann auch noch Boardbags dabei hätte, das wäre zuviel.

Wie bist du denn dann zum Windsurfen gekommen, Lennart?

Lennart: Aus meinem Zimmer kann ich die Lagune sehen und fand die Windsurfer dort immer schon gut. Als ich mit neun Jahren dann anfangen wollte, durfte ich noch nicht, weil sie in der Surfschule erst Kinder nahmen, die mindestens 35 Kilo wogen. Ich wog nur so 28. Erst als ich so zehn war, war ich schwer genug und durfte im Flisvos Sportsclub bei Jan Andres anfangen.

Jan vom Flisvos-Surfcenter hat dich von Anfang an unterstützt, auch mit Material.

Das stimmt. Und auch heute noch haben wir ein tolles Verhältnis. Er wollte auch gerne, dass ich RRD und NeilPryde weiter fahre. Aber leider waren die Freestyleboards von RRD für mich zu groß. Und als ich dann zum ersten Mal ein Starboard Flare 81 gefahren bin, gefiel mir das sehr gut. Jan hat viel für mich getan. auch jetzt kann ich mein Material bei ihm kostenlos lagern und bekomme Spezialpreise in der Bar.

Du hast in diesem Jahr in der Welle gewonnen, im Frestyle und sogar im Slalom. Viele Leute sagen, man muss sich heutzutage auf eine Disziplin konzentrieren, um wirklich erfolgreich zu sein.

Zweite Heimat von Lennart ist der Flisvos-Sportclub.

Natürlich ist Freestyle erst mal meine Hauptdisziplin, aber ich werde auch weiter Slalom und Wave fahren. Mein Idol ist Amado Vrieswijk, der in allen Bereichen richtig gut ist. Ich fände es auch gut, wenn es in der PWA wieder eine Overall-Wertung gäbe.

Aber um im Freestyle richtig gut zu werden, muss man doch schon extrem viel trainieren. Die anderen deutschen Fahrer sind ja nun wirklich nicht schlecht, aber für die Weltspitze reicht es trotzdem nicht.

Das möchte ich ändern.

Was ist dein Ziel?

Ich möchte auf jeden Fall Freestyle-Weltmeister werden. Und dann sehen wir weiter.

Meinst du wirklich, dass du das schaffen kannst?

Ja!

In Pozo hast du im Finale in der Welle Liam Dunkerbeck geschlagen. Wie war das?

Liam und sein Vater Björn sind schon sehr ehrgeizig, aber auch total nett. Mein neues Brett war vor dem Contest noch nicht angekommen und da hat Björn mir ein Brett geliehen. Überhaupt ist auf den Youth Events eine gute Stimmung. Man lernt neue Freunde kennen und auch die ganzen Worldcup-Profis.

Naxos ist nicht gerade als genialer Wavespot bekannt. Wie schaffst du es, gegen einen Liam, der praktisch in der Welle von Pozo groß geworden ist, zu gewinnen.

Auf Naxos gibt es schon ab und zu Wellen, auf denen ich Frontloop, Backloop und Pushloop gelernt habe. Das ist zwar bei Wind von rechts, aber das macht nichts. Der viele Wind in Pozo war zwar ungewohnt, aber es war eine gute Herausforderung und hat Spaß gemacht.

Haben dich die Profis dort schon wahrgenommen?

Ja, ich konnte mich länger mit Gollito unterhalten und auch mit Philip Köster habe ich gesprochen. Er ist ja eher ruhig und nicht so laut am Strand. Das mag ich.

Lennart wird eine ernsthafte Konkurrenz für die Profis...

Nach der PWA hat jetzt auch die EFPT die Jugendwertung eingeführt, das freut dich bestimmt.

Ja klar und ich glaube, das ist auch sehr wichtig. Denn die Profis werden ja auch immer älter und da ist es doch wichtig, dass junge Fahrer nachkommen. Ich fände es gut, wenn möglichst bei jedem Worldcup auch eine Youth-Wertung wäre.

Iris: Die EFPT hat sich ja erst nicht so richtig da rangewagt, aber jetzt haben sie gesehen, dass das sehr positiv ist und wollen im nächsten Jahr mehr machen. Ich habe auch mal bei der PWA nachgefragt, doch sie sagen, dass die Youth Events eigentlich eine Sache der lokalen Veranstalter ist. Ich habe darauf die Annika, die für René Egli den Worldcup mitorganisiert, angerufen und gefragt, ob sie nicht eine Jugendwertung machen wollen. Sie hat das dann gemacht und es für die Jugendlichen ganz toll organisiert. Wichtig wäre jetzt noch, dass die PWA zum Beispiel auch die Ranglisten der Kids auf ihrer Homepage veröffentlicht. Das ist total wichtig für Sponsoren. Wenn du jetzt einem potenziellen Partner sagst, Lennart ist Youth World Champion im Freestyle und er findet nichts auf der Homepage, dann ist das blöd.

Wie sieht es denn generell mit Spon­soren aus?

Lennart: Ich habe mit Starboard und Severne sehr gute Sponsoren. Der Vertrag mit Starboard kam vor zwei Jahren auf der boot in Düsseldorf mit dem Deutschland-Importeur Florian Brunner zustande und als ich auf Bonaire war, hat mich Dieter Van der Eyken (Freestyle-Worldcupper und Severne-Teammanager) gesehen und gefragt, ob ich nicht für Severne fahren möchte. Ich habe die Segel dann probiert und fand sie super. Zuletzt hat uns Starboard-Chef Svein Rasmussen angerufen und gefragt, was ich brauche. Jetzt habe ich auch ein Waveboard und ein Slalomboard und zwei Freestyler und die entsprechenden Segel von Severne. Das ist schon sehr gut. Wir haben dann auch lange mit Svein darüber gesprochen, ob es Sponsoren außerhalb der Surfbranche gibt.

Iris : Lennart ist sehr tierlieb, schwimmt immer mit den Meeresschildkröten und sammelt jedes Stück Plastik aus dem Meer, das er findet. Svein meinte, vielleicht wäre es interessant, wenn er eine Art Botschafter für eine Umweltschutzorgansisation oder ein Recylingunternehmen wäre. Svein hat sich wirklich sehr für das, was uns auf der Seele brennt und was wir brauchen, interessiert. Unser Problem sind natürlich die vielen Reisen, doch da hat uns Red Bull Griechenland und, seit Lennart mit deutscher Segelnummer startet, Red Bull Deutschland schon ein wenig unterstützt.

Regelt solche Sachen deine Mutter komplett für dich?

Im Moment schon, ich kann ja auch noch keine Verträge unterschreiben. Aber in Zukunft möchte ich mich da auch mehr mit einbringen.

Wie sehen denn sonst deine Zukunftspläne aus?

Erst mal werde ich soweit es geht die Jugendwettbewerbe mitfahren. Mit 18 mache ich dann Abitur und möchte dann ein, zwei Jahre die ganze Profitour mitfahren und reisen und danach Schiffsbau in Kiel studieren.

Iris: Das glaube ich so nicht, Lennart. Wir haben da doch neulich erst drüber diskutiert. Du kannst doch auch easy noch studieren, wenn du 24 oder 25 bist. Wenn wir das finanziell alles hinkriegen kannst du doch sechs, sieben Jahre auf der Tour fahren, dir deinen Titel holen und danach bist du immer noch knackig genug, um zu studieren und dir eine nette Frau suchen (lacht). Es ist nur wichtig, dass du nicht ewig auf der Tour rumtingelst und hinterher keine Ausbildung oder Studium hast.

Du hast ja schon einen sehr detaillierten Plan für deinen Sohn.

Den hat er auch, glaube ich. Nur beim Timing waren wir uns noch nicht so ganz einig.


Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 10/2018 können Sie in der SURF App ( iTunes  und  Google Play ) lesen – die Print-Ausgabe erhalten Sie hier .

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