Redaktion

Henri Kolberg – von der Schlei nach Hawaii

  • Andreas Erbe
02.03.2020

Henri Kolberg lebt seinen Traum – den Traum vom Windsurf-Profi, von Starts beim Worldcup und vom Sprung aus seiner Heimat Schuby an der Schlei nach Hawaii. Dabei ist der 18-Jährige nicht der Typ „Traumtänzer“, sondern eher vom Schlag „harter Arbeiter“.

Das Jahr 2018 begann für den damals noch 16-jährigen Henri wie ein Traum. Zu Beginn des Jahres gewann er den Jugend-Worldcup in der Welle in Almerimar. Kurz darauf bekam er auf der boot Düsseldorf einen Scheck über 2018 Euro als „Windsurftalent des Jahres“ überreicht und bereits vier Wochen vor dem ersten Wave-Worldcup des Jahres konnte er zum Training nach Pozo auf Gran Canaria fliegen. Das Ziel war klar: Die Führung in der Youth-Wertung des Worldcups zu verteidigen und hoffentlich einen Startplatz in der Hauptrunde ergattern. Doch dann schlug das Schicksal zu. Zwei Tage vor Beginn des Wettkampfs brach sich Henri das Bein. Damit platzte der Traum wie eine Seifenblase.

Was war passiert?

In den Wochen vor dem Worldcup lief es gar nicht so gut bei mir. Sachen, die ich sonst locker beherrschte, wie Backloops, klappten nicht mehr richtig. Die Bedingungen in Pozo mit dem auflandigen Wind sind ja auch ziemlich speziell. Da musste ich mich erst mal dran gewöhnen. Zwei Tage vor dem Contest funktionierte dann plötzlich wieder alles. Ich stand Pushloop und Backloop auf einem Run nach draußen und alles fühlte sich gut an. Dann bekam ich aber bei einem Pushloop nicht genug Höhe, versuchte ihn noch irgendwie rumzureißen und kam dann noch mit einem Fuß aus der Schlaufe. Die Landung war ziemlich platt und das gesamte Gewicht kam auf den linken Fuß – und da hat es „knack“ gemacht. Ich hab’ sofort gemerkt, das was kaputt ist, habe aber noch versucht, an Land zu surfen – aber das hat nur geknirscht im Bein. Ich hab’ mich dann lieber auf den Bunker treiben lassen. Da habe ich erst mal gesessen und gewartet, bis mein Freund Jake (Schettewi) gemerkt hat, dass was nicht stimmte.

Henri surft in Pozo.

Du warst ohne Eltern da, hattest keinen Führerschein. Wie ging es für dich weiter?

Die Mutter meines französischen Teamkollegen Julien hat mich ins Krankenhaus gebracht, sie konnte zum Glück etwas Spanisch.

Was war dann die Diagnose?

Erst sah es so aus, als sei „nur“ das Wadenbein gebrochen und ich käme ohne OP davon, doch dann stellte sich heraus, dass auch das Syndesmoseband gerissen war und ich doch unters Messer musste.

Damit war die Saison beendet, oder?

Durch die Operation hat alles länger gedauert, so dass ich schon auf drei, vier Monate Surfpause kam.

Hast du in der Zeit daran gedacht, dein Ziel Windsurf-Profi zu werden, an den Nagel zu hängen?

Nein, das eigentlich nicht. Ich wusste ja, dass ich wieder zurückkomme und es gibt wohl keinen Sportler, der sich nicht schon mal verletzt hat. Das gehört irgendwie auch dazu.

Bis du dann wieder richtig loslegen konntest war es aber schon fast Winter.

Ja, aber der Winter ist ja hier eigentlich die beste Zeit – zwar kalt, aber windig. Außerdem war ich in diesem Winter das erste Mal für zwei Wochen in Südafrika. Aber da waren die Bedingungen leider nicht so wie sonst üblich. Ich bin mehr bei Wind von rechts gefahren als von links.

Henri beim Training in Südafrika.

Du hast 2019 Jahr dein Abi gemacht? Wie hast du es während der Schulzeit geschafft, dass du so viel unterwegs sein konntest?

Da war meine Schule ziemlich cool. Es war immer klar, dass ich selber dafür verantwortlich bin, dass ich mein Abi schaffe. Ich musste mit den Lehrern absprechen, dass ich den Stoff bekomme und eventuell Klausuren nachschreiben kann. Wenn das mit zu großem Aufwand für die Lehrer verbunden gewesen wäre, hätte das nicht geklappt. Aber meine Schulleiterin war wohl auch einmal an der Schule, an der Björn Dunkerbeck war und hat gesehen, dass man Windsurfen auch professionell betreiben kann. Mir war klar, dass ich das, was ich machen möchte, nur machen kann, wenn es in der Schule klappt. Ich hatte aber auch meinen persönlichen Ehrgeiz und wollte mein Abitur mit einer Eins vor dem Komma machen. Ich habe jetzt eine 1,9, obwohl ich in den letzten vier Jahren nicht mal drei in der Schule war. Ob ich diese Note für meine berufliche Karriere mal brauchen kann, war mir eigentlich egal, es ging mehr darum, meine gesetzten Ziele zu erreichen.

Bis vor Kurzem hattest du auch noch keinen Führerschein. Wie hast du das organisiert?

Da hat mich mein Vater meist gefahren. Entweder nur kurz an die Schlei, oder nach St. Peter-Ording, Blåvand oder Klitmøller. Das Gute ist, dass mein Vater aus dem Bus heraus arbeiten kann. Er hat spezielle Gewürzmischungen für Segler und Surfer entwickelt – da bekomme ich dann leckere Nudeln, wenn ich vom Wasser komme.

Aber jetzt lockt mit Führerschein die große Freiheit.

Schon am Tag meiner praktischen Prüfung stand der Bus gepackt zuhause und ich bin nachmittags noch an die Schlei gefahren. Das ist schon ein tolles Gefühl, unabhängig zu sein.

Trotzdem ist Deutschland nicht unbedingt die beste Basis, um Wave-Profi zu werden. Denkst du darüber nach, „auszuwandern“?

Das ist ein bisschen so mein Plan für die nächsten ein, zwei Jahre. Nach den Worldcups auf den Kanaren und hier auf Sylt und der IFCA Wave-EM in Klitmøller werde ich erst mal nach Maui gehen. Durch meinen Segelsponsor Hot Sails Maui habe ich ja gute Beziehungen dorthin. Ich habe schon einmal eine Zeit beim Hot-Sails-Chef Jeff Henderson gewohnt. Direkt am Strand und Jake Schettewi war mein Nachbar. Wenn er aus der Schule kam, sind wir entweder direkt vor der Haustür oder in Hookipa zum Windsurfen gegangen. Das ist schon ideal.

In Pozo bist du in der Kategorie U20 gefahren. Dort gingen über 20 Jugendliche an den Start und einige von denen sorgen auch schon im Herrenfeld für ziemlich Unruhe. Bist du mit deinem neunten Platz zufrieden?

Die ersten sieben, acht bei den U20 sind schon extrem gut. Ich musste in der ersten Runde gegen Marino Gil fahren. Ich habe alles versucht und auch einen Doppelloop – wenn auch sehr nass – gestanden. Es hat aber trotzdem nicht gegen Marino gereicht und ich wurde Zweiter. Danach konnte ich meinen Heat in der Repechage- Runde gewinnen und musste in der dritten Runde gegen Takuma Sugi ran. Der war im Wellenreiten einfach noch besser. Da muss ich noch trainieren. Meine Sprünge sind schon ganz gut. Ich habe dann noch einen Doppelloop versucht, aber es war nicht genug.

Henri Kolberg

Der Doppelloop ist schon fast ein Pflichtsprung, um bei den Herren die erste Runde zu überstehen. Hast du das Geheimnis schon entschlüsselt?

Ich glaube, es gibt nicht wirklich ein Geheimnis. Viele haben etwas Angst vor dem Sprung und machen die erste Rotation schon nicht konsequent genug. Dann ist es nicht immer leicht, den richtigen Moment zu finden, um loszulassen, wenn es nicht klappt. Eigentlich ist es auch besser festzuhalten. Aber die Landungen beim Doppel finde ich gar nicht die schlimmsten. Trotzdem habe ich die Tage in Pozo schon immer etwas Kopfschmerzen gehabt. Aber das gehört auch dazu.

Welche Fahrer haben dich in Pozo am meisten beeindruckt?

Es waren eigentlich weniger die Fahrer, sondern die Momente. Als zum Beispiel im Heat zwischen Brawzinho und Philip Köster Brawzinho einen sauberen Backloop off the Lip sprang und Philip gleich danach auch. Da wurde am Strand gejubelt. Oder als Ricardo Campello in einem Heat, ich glaube, vier Push Forwards hintereinander hart crashte – das sind Moment, die einem in Erinnerung bleiben.

Warst du überrascht, dass das Niveau noch einmal so nach oben gegangen ist?

Überrascht vielleicht nicht direkt, denn man bekommt ja mit, wenn die Fahrer sich über ihre neusten Ideen unterhalten. Und wenn es dann einer wirklich macht, ist man gar nicht mehr so überrascht. Aber es ist schon beeindruckend was die Top-Fahrer machen. Da ist alles noch ein bisschen höher und radikaler. Wenn ich mir vorstelle, was die jetzt schon machen und was ich noch alles lernen muss, um in ein paar Jahren dazu zu gehören – da liegt noch einiges vor mir. Und es tut jetzt schon oft ziemlich weh.


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