Redaktion

Mission Wave-Weltmeister: Ricardo Campello

  • John Carter
16.04.2020

Er war das Wunderkind des Freestyles, hat ungezählte Moves erfunden und war von 2003 bis 2005 Freestyle-Weltmeister. Seither jagt der gebürtige Brasilianer dem Titel in der Welle hinterher. Wie besessen greift er jedes Jahr von Neuem an, beeindruckt mit radikalsten Manövern, um Momente später wieder an seinen Nerven zu scheitern. 2019 startete für Campello ohne Segelsponsor desaströs und doch hat er beste Chancen, seine Titel-Mission endlich zu vollenden.

Ricardo Campello, in Rio de Janeiro in Brasilien geboren und seit seinem 14. Lebensjahr auf der Isla Margarita vor Venezuela aufgewachsen, revolutionierte Anfang der 2000er den Freestyle. Aus dem kleinen Örtchen El Yaque eroberten er und später Gollito Estredo die Freestyle-Welt. Nachdem Ricardo dreimal hintereinander den Freestyle-Worldcup gewonnen hatte,­ zog es ihn immer mehr in die Welle. Seither jagt er seinem großen Ziel, dem Titel in der Königsdiziplin, hinterher. Im vergangenen Jahr auf Sylt war er ganz dicht dran. Als Führender nach der Single Elimination hatte er beste Chancen auf den Titel. Doch im Finale der Double verlor er zweimal gegen Thomas Traversa, es entglitt ihm die Trophäe des Weltmeisters im letzten Moment doch noch. Drama pur.

Die Saison 2019 startete ebenfalls mit schlechten Vorzeichen – Campello stand ohne Segelsponsor da. Trotzdem gelang ihm beim ersten Worldcup des Jahres in Pozo eine kleine Sensation: Nachdem Victor Fer­nandez und Philip Köster den Kanaren-Cup über ein Jahrzehnt lang dominiert hatten, gewann Ricardo erstmals auf Gran Canaria und hat nun beste Chancen, sich seinen Traum zu erfüllen. Er kommt als Führender der Wave-Weltrangliste zum Worldcup nach Sylt. John Carter warf Ricardo einige Stichworte zu und es sprudelte aus dem 34-Jährigen nur so heraus.

2018 hatte Ricardo auf Sylt die große Chance, sich seinen Traum vom Weltmeister-Titel in der Welle zu erfüllen. Doch am Ende war die Enttäuschnung wieder riesig.

KNOTEN IN POZO GEPLATZT?

Es war eine großartige Woche. Davon habe ich lange geträumt. Ich bekam so viel Unterstützung am Strand und in Social Media – alle haben mich so gepusht. Jemand sagte mir, dass seit 13 Jahren niemand anderer als Victor und Philip in Pozo gewonnen haben. Deshalb war ich super happy, dass ich im Finale auf Philip getroffen bin. Die Finalheats waren nicht meine besten, aber am Ende konnte ich das Gesetz der Serie in Pozo durchbrechen.

Ich war in Pozo schon Zweiter, Dritter, Vierter, hatte aber auch schlechte Ergebnisse. Es war eine echte Mission, Philip in seinem Vorgarten zu schlagen. Das erste Finale war auch nicht Philips bester Heat und im Super-­Finale war ich vielleicht ein bisschen smarter und Philip fehlte am Ende ein Sprung in der Wertung. Dieser Sieg hat mich sehr motivert weiterzumachen. Zwischenzeitlich hatte ich sogar daran gedacht, komplett mit dem Worldcup aufzuhören, da ich keine Sponsoren hatte. Deshalb war ich nach dem Sieg auch sehr emotional.

Nach der Single Elimination in Pozo musste er auf seinen Finalgegner in der Double lange warten.

Viele Leute haben an mich geglaubt und wollten, dass ich gewinne. Sie haben mich und meine Freundin Diana immer wieder aufgeheitert am Strand. Sie hat viel mit dem Erfolg zu tun, weil sie mir mental sehr geholfen und mich wirklich unterstützt hat. Ich denke, ich war in diesem Jahr in Pozo etwas schlauer auf dem Wasser. Ich habe immer versucht, mich zu beruhigen, obwohl ich vollgepumpt war mit Adrenalin. In der Vergangenheit habe ich es öfters versaut, wenn ein Heat nicht gut für mich begann. Ich war gestresst und gab die Siege einfach aus der Hand. Dieses Mal habe ich mir gedacht: ‚Okay Ricardo, wenn es schlecht losgegangen ist, bleib ruhig, du kannst den Heat mit ein, zwei Sprüngen und ein paar Wellenritten noch locker drehen. Dafür brauchst du nur ein paar Minuten.‘ Ich habe versucht, immer den Reset-Knopf zu drücken. Alle sagten zu mir, ich sei in diesem Jahr viel ruhiger gewesen und das hat mir geholfen.

Ich liebe Windsurfen immer noch und es ist meine absolute Leidenschaft. Es ist immer noch mein Traum, Wave-Weltmeister zu werden und ich fühle mich immer noch sehr stark auf dem Wasser. Eigentlich fühle ich mich von Jahr zu Jahr stärker. Aber die Zeiten sind hart. Dank der Unterstützung von Brunotti kann ich noch weiter daran arbeiten, meinen ganz persönlichen Traum wahr werden zu lassen. Dafür werde ich alles geben, was mein Körper hergibt – und mein Budget!

Das erste Finale gegen Philip Köster ging klar verloren und Campello war der Verzweiflung wieder einmal nahe. Doch im Super-Finale machte er „sein Zeug“ und Köster unterlief ein Fehler. Somit war der erste Sieg für Campello in Pozo perfekt.

INNOVATIVE SPONOSORENSUCHE

Ende 2018 war eigentlich alles bereit, dass ich wieder bei Point-7 unterschreibe. Aber dann platzte der Deal in letzter Sekunde. So war ich natürlich verdammt spät dran. Alle großen Firmen hatten ihre Budgets schon verplant und viele hatten bereits ihre Top-Fahrer unter Vertrag. Ich bekam zwar von fast jedem Segelhersteller ein Angebot, aber keines konnte mich überzeugen. Ich war die Nummer zwei in der Welt und ich wollte kein zu niedriges Angebot annehmen. Manche Leute haben mich für diese Haltung kritisiert. Aber viele außerhalb der Tour wissen gar nicht, dass sich einige Profis für ein paar Dollar und etwas Material verkaufen. Das akzeptiere ich nicht. Ich kann eine Karriere vorweisen, bin seit fast 20 Jahren auf der Tour. Und wenn ich nicht davon leben kann, worum geht es denn dann? Das ist nicht nur ein Hobby, und wir riskieren in den Contests verdammt viel, ich werde mich nicht zu billig verkaufen.

Deshalb habe ich dann beschlossen, etwas Neues zu probieren. Ich habe mir Segel machen lassen und habe Stickerplätze für einzelne Contests oder die ganze Saison verkauft. Auf all meinen Social-Media-Kanälen (Anmerk. d. Red. auf Instagram hat Campello knapp 90.000 Abonnenten, auf Facebook hat er knapp 60.000 Follower) kann ich die Marken präsentieren. Ich bin wirklich begeistert und es ist mir gelungen, meine Kosten für dieses Jahr zu decken. Die italienische IT-Firma Tesi Square unterstützt mich das ganze Jahr. Für Pozo hatte ich noch mit „Old Man of the Seas“ eine brandneue Marke für Ponchos aus Griechenland, ForexbySteph.com (Anlageberatung) und World of Warships (Onlinespiel). In Teneriffa hatte ich dann wieder andere Sponsoren wie 4friendsapartments.com oder Gold Data. Alle glauben an mich und davon bin ich sehr begeistert. Ich bin happy, dass ich einen Weg gefunden habe, meine Kosten zu decken.

DRAMA AUF SYLT

Es war wirklich hart. Wenn ich zurück­blicke, gab es viel Hätte, Wenn und Aber – ich hätte nur einen Heat beim Contest in Pozo mehr gewinnen müssen, oder einen Heat im Finale auf Sylt gegen Traversa und es hätte gereicht für den Titel. Es war auf jeden Fall sehr, sehr eng. Aber es ist wie es ist. Als sie Victor Fernandez versehentlich als Sieger im Halbfinalheat gegen Thomas Traversa verkündeten, war der Titel für mich futsch. Ich war sauer, aber Victor hatte den Titel verdient und ich wollte den Contest trotzdem gewinnen. Ich war schon auf dem Weg zu Victor, um ihm zu gratulieren, als sich herausstellte, dass Thomas gewonnen hatte und ich somit noch Chancen auf den Titel hatte, wenn ich das Finale gewinne. Es hat mich mental nicht besonders beeindruckt. Ich habe versucht, da rauszugehen und mein Bestes zu geben. Aber die Bedingungen waren schwierig, und ich konnte nicht gegen Traversa bestehen. Es war so frustrierend. Ich war innerlich in Tränen aufgelöst und ich hoffe, dass ich die Chance noch einmal bekomme. Meine Freundin hat mich dann wieder aufgebaut. Ich war so nah dran! Mein Ziel ist einfach, dass ich mindestens einmal Weltmeister in der Welle werde, bevor ich aufhöre. Wer weiß, ob das klappt, aber ich werde auf jeden Fall alles dafür tun.

»Meine Freundin Diana hat viel zu dem Erfolg in Pozo beigetragen, weil sie mir mental sehr geholfen hat« – Ricardo Campello

CAMPELLO VISION

Viele von euch wissen, dass ich seit Jahren eine Drohne habe. Ich mache überall Fotos und Filme. Eigentlich hatte ich sie ausschließlich dafür angeschafft, um Windsurf-Aufnahmen zu machen. Aber ich bekomme fast nie Aufnahmen von mir. Ich bin es immer, der die anderen filmt. Nur Robby Swift filmt mich manchmal. Vor einiger Zeit habe ich dann angefangen, Fotos von Los Roques (Anmerk. d. Red.: Inselgruppe rund 150 Kilometer nördlich der venezolanischen Küste) zu machen und auf meinem Instagram-Account zu posten. Die Inselwelt ist durch ihr klares Wasser einfach unglaublich schön und die Leute fingen an, Abzüge von den Bildern zu kaufen. Ich kann sie auf Leinwand oder Acryl drucken, und ich mache auch T-Shirts mit Bildern von Orten auf Gran Canaria oder Maui. Mit dem Geld kann ich mein Reisebudget aufbessern. Auf www.campellovision.com kann man die Bilder sehen und auch bestellen.

GO BIG OR GO HOME

Klar, das ist mein Motto, aber sicher habe ich auch Angst. Ich glaube aber, zu stürzen ist das Gegenteil von Angst. Wenn du zur richtigen Zeit loslässt, macht das absolut Sinn. Man muss die Kontrolle behalten und wissen wie man stürzt. Man lässt nicht einfach so los, wenn etwas falsch läuft. Ich versuche immer, den Move kontrolliert in der Luft abzubrechen.

Manchmal ist es schon beängstigend, wenn wir mit 3,3er Segeln voll angepowert fahren. Man fliegt enorm hoch und die Landungen können sehr hart und auch sehr schmerzhaft sein. Ab und zu geht es auch höher als man erwartet, wie im letzten Jahr in Pozo, als ich zu einem Pushloop into Forward ansetzte und einfach zu hoch war und überrotierte. Das war ein wirklich böser Sturz, aber zum Glück ist nichts passiert. Wenn du da falsch drehst, kannst du dir den Gabelbaum in den Bauch rammen.

Gefährliche Landung in Pozo - glücklicherweise ohne Verletzung.

ANGST VOR GROSSEN NAMEN?

Na klar fürchtet man sich vor den großen Namen. Um ehrlich zu sein, gibt es heutzutage keine leichten Heats mehr. Aber wenn es gegen Brawzinho, Philip, Jaeger oder Victor geht, wird es immer hart. Ich gehe da raus und versuche immer mein Bestes zu geben. Je weiter es in einer Elimination geht, desto schwieriger wird es aber natürlich. Und du weißt, wenn du gegen Köster ran musst, dass er immer etwas ganz Besonderes auf Lager hat – einen verzögerten Doppelloop oder seine krassen Push-Forwards. Manchmal habe ich dann schon vorher mental verloren. Wenn ich es aber schaffe ruhig zu bleiben und noch mal den Reset-Knopf zu drücken, dann kann es vorkommen, dass erst nichts zusammenläuft und ich dann alles innerhalb von zwei Minuten wieder rausreißen kann. Aber ab dem Halbfinale musst du auf jeden Fall die großen Dinger auspacken, sonst ist es vorbei. Aber ich lerne, ruhig zu bleiben und nicht gleich den Kopf zu verlieren, wenn ein Heat mal nicht optimal für mich startet.

POZO SPEZIAL

Windsurfen in Pozo ist einfach ein ganz eigenes Erlebnis. Wenn die Wellen klein sind und es böig ist, dann mag ich es nicht. Aber mit Welle und 3,3er Segel ist Pozo einfach großartig. Ich denke, Gran Canaria ist ein sehr wichtiger Event für den Sport. Dort können wir zeigen, wie spektakulär und radikal Windsurfen ist. Die PWA-Tour wäre ohne Pozo nicht das was sie ist.


Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 10/2019 können Sie in der SURF App ( iTunes  und  Google Play ) lesen – die Print-Ausgabe erhalten Sie hier .

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