Adrian Beholz

  • Markus Seidel
 • Publiziert vor 7 Jahren

Er trieb seine Eltern und Lehrer in den Wahnsinn, lebte von drei Euro am Tag, schläft im Boardbag und würde sich nicht wundern, wenn ihn kleine Kinder am Strand plötzlich mit „Papa“ ansprechen würden. Klingt interessant, dieser Adrian Beholz...

"Ich war ein Albtraum", sagt Adi Beholz über seine Anfangszeit als Windsurf-Aussteiger. Seine Eltern wissen ein Lied davon zu singen ...

Ein schweizer Rotzlöffel setzte dem kleinen Adi Beholz dereinst am Bodensee einen ‚Spock‘ vor die Nase. Das war damals ein Schock. Aber es war auch der erste Tropfen Treibstoff, der bis heute Adrians Traum-Motor am laufen hält. Heute zählt der mittlerweile 24-Jährige zum Kreis der 16 besten Freestyler der Welt. Dabei war Adi schon auf dem schnurgeraden Weg zum Konzertmusiker. Beim Wintertraining auf der Karibikinsel Bonaire verriet uns der Freestyle-Profi exklusiv, was ihn zum Albtraum aller Eltern macht, weshalb Thunfisch in ein Boardbag gehört und was seine Karriere beinahe beendet hätte.

Adi, vom Bodensee-Surfer zum besten deutschen Freestyler im Worldcup – wie fühlt sich das an? Ja, das ist ein echter Wahnsinn. Als kleiner Junge habe ich schon davon geträumt, vielleicht sogar mal vom Windsurfen leben zu können, aber das hat sich damals ziemlich unrealistisch angefühlt – vor allem, wenn man am Bodensee aufgewachsen ist. Aber es gibt ja auch noch Tilo Eber, der zwar nicht mehr die PWA World Tour mitfährt, der aber weiterhin auf nationaler Ebene antritt und verdammt gut ist.

Man könnte die Frage auch anders he­rum stellen: Tilo Eber ist weg, jetzt bist du der Übriggebliebene im Worldcup? Das könnte man auch sagen, auf jeden Fall. Das ist im Windsurfen aber auch schon immer so gewesen, dass andere nachrücken. Ich hatte die Vorgänger An­dré Paskowski, Normen Günzlein und eben Tilo Eber.

Thunfisch-Dosen raus, Beholz rein – notfalls checkt Adrian schon mal budgetschonend im "Hotel Boardbag" ein.

Wie sieht’s in Deutschland überhaupt mit Freestyle-Nachwuchs aus? Es ist schwierig, sich in Deutschland dafür zu entscheiden, Profi-Freestyler zu werden. Man muss die berufliche Karriere für einige Jahre auf Eis legen und kommt vielleicht nie dazu, zu studieren. Wir haben zurzeit nur einen Nachwuchs-Freestyler, der ernsthaft vorhat, Profi zu werden – das ist Julian Wiemar aus Erftstadt im Rheinland. Der ist jetzt 17 und hat wirklich Potenzial. Marco Lufen aus Tönisvorst bei Krefeld ist auch ein Riesentalent, weiß aber genau, dass er nach einem Jahr Auszeit studieren wird. Damit ist die internationale Windsurf-Karriere dann auch gegessen – normalerweise.

Du kommst aus Gaienhofen, einem beschaulichen Ort am Bodensee. Dein Vater ist Architekt. Das hört sich nach einem gediegenen Lebenswandel an. Als Windsurf-Aussteiger musst du der Albtraum aller Eltern sein. Ja, das war ich schon in der Schule! Ich konnte mich nie richtig mit Anwesenheitspflichten oder Hausaufgaben anfreunden. Bei Wind war sowas eben immer gestrichen und Surfen ging vor.

Eines haben Hobbysurfer und Profis dann doch gemeinsam – ohne Lehrgeld geht’s nicht.  

Ist es dir da gegangen wie Youp Schmit aus Bonaire, der beim Schule-Schwänzen seine Lehrer versehentlich auf dem Wasser getroffen hat? Naja, so ungefähr war’s. Ich war als externer Schüler an der Internatsschule in Gaienhofen. Die Schule steht auf einem Grundstück direkt am Bodensee. Hinter dem Gebäude hatten wir Windsurfer ein kleines Kabuff für unser Material. Es war tatsächlich so, dass wir uns bei Wind in der kleinen Pause davongeschlichen und uns die Lehrer vom Ufer aus hinterhergerufen haben. Aber sobald wir draußen waren, war nichts mehr zu machen. Die Lehrer waren einfach zu langsam.

Wie bist du zum Freestyle gekommen? 1997 habe ich angefangen mit Windsurfen. Da gab es noch kein Freestyle. Das kam erst ein, zwei Jahre später auf. 2001 habe ich den ersten Schweizer bei uns am Bodensee gesehen, der einen ‚Spock‘ versucht hat. Sowas hatte ich noch nie gesehen, das war der totale Schock. Ich hab’s gleich meinem Freund erzählt und wir haben sofort angefangen zu üben.

Warum ein Move "Air Kabikuchi" heißen muss,  muss man nicht verstehen. Dass nur eine Hand voll Leute diesen Trick können, leuchtet anhand dieser Sequenz schon eher ein. Adi Beholz gehört zu diesem erlesenen Kreis. Für alle, die es nachmachen wollen: Die Sequenz beginnt links oben und endet rechts unten...

Kaum jemand ahnt, dass du fast zwei völlig andere Karrieren eingeschlagen hättest. Ja, stimmt. So einen ganz normalen Beruf konnte ich mir schon als Kind nicht vorstellen. Damals habe ich ziemlich leidenschaftlich klassische Gitarre gespielt. Dazu kam es, weil ich unbedingt ein Einrad wollte, um so Zirkuszeugs zu machen. Meine Mum hat mich zum Gitarrenunterricht geschleppt und versprochen, dass ich das Einrad geschenkt bekomme, wenn ich ein Jahr lang auf der Gitarre übe. So hatte mich das Gitarren- und Einrad-Fieber gepackt. Klassische Gitarre habe ich dann auch wirklich gerne gespielt und bin bei "Jugend musiziert" fast bis in die Bundesausscheidungen vorgedrungen.

Das hätten wir gerne gesehen: Adrian Beholz ganz brav beim Vorspiel mit klassischer Gitarre! Ja! Ich saß da ganz brav. Klassische Gitarre ist ja nochmal völlig anders als Rock. Aber einen Anzug hatte ich nicht an!

Dann kam der Sinneswandel, der deine Eltern in den Wahnsinn getrieben hat. Allerdings. Ich sollte Abitur machen. Aber kurz vor dem Halbjahr in der zwölften Klasse wurde ich 18. Da habe ich meinen Eltern einen langen Brief geschrieben und erklärt, dass ich ja eigentlich schon alles weiß, was man in der Schule so lernen kann, dass ich einen Job als Surflehrer in Soma Bay organisiert habe und deswegen sofort mit der Schule aufhören werde. Das gab richtig Terror zu Hause. Meine Eltern sind eigentlich Freidenker, meine Mutter hat selbst auch nach der elften Klasse aufgehört und mit Töpfern angefangen. Aber das war einfach zu heftig. Die zwölfte Klasse habe ich dann noch mit Fachhochschulreife abgeschlossen, bevor ich endgültig als Windsurfer meinen Lebensunterhalt verdienen durfte. Der Deal war, dass ich mir mein Leben selbst finanzieren muss.

Adi Beholz: "Ich lebte von zwei bis drei Euro am Tag. Aber Geldmangel hat nichts mit schlechter Lebensqualitatäzu tun."

Geht das überhaupt in dem Alter? Ja, klar. In der Türkei hatte ich an einer Surfstation einen guten Job. Mit einem halben Jahr Arbeit konnte ich ein halbes Jahr lang meine Reisen bezahlen.

Du giltst unter den Windsurf-Profis als der, der am sparsamsten leben kann und dem das Geld am längsten reicht. Du schläfst auch mal im Boardbag, wenn’s nicht anders geht. Stimmt das? Ja, das kann ich wirklich unterschreiben. Die ersten Jahre habe ich im Winter tatsächlich von zwei bis drei Euro am Tag gelebt. Vor der Abreise in Deutschland habe ich den restlichen Platz in meinem Boardbag mit Haferflocken und Thunfischdosen von Aldi ausgestopft. Zum Frühstück gab’s dann Müsli, mittags Pfannekuchen und abends Thunfisch-Nudeln. So kann man im Ausland sehr billig leben. Inzwischen habe ich zwar ein bisschen mehr Budget, aber es ist immer noch knapp. Als Windsurf-Profi hat man keine geregelten Einnahmen. Da muss man eben ständig aufs Geld schauen – was aber meiner Meinung nach gar nichts an der Lebensqualität ändern muss. Klar ist es anstrengend, in Brasilien 90 Stunden samt Surfgepäck Bus zu fahren, weil man sich grad’ keinen Inlandsflug leisten kann. Hier auf Bonaire lebe ich ultragünstig in Youps Surf-Hostel.

Wie oft bist du im Jahr in Deutschland? So ungefähr sieben Mal, davon etwa zweimal am Bodensee. Ich bin noch Mitglied im Windsurfclub Reichenau. Zuhause behandeln mich die Leute sehr respektvoll. Meistens lebe ich aber in Kiel. Meine Eltern haben dort eine kleine Gartenlaube angeschafft. War ziemlich hardcore, als ich da vor ’nem Jahr Anfang März eingezogen bin. Bei minus 20 Grad und 50 Zentimeter Schnee wusste ich nicht, wie ich den Holzofen zum Laufen bekomme. Mein Bruder und mein Dad hatten den erst kurz davor eingebaut und der Kamin war zu kurz. Der Rauch ist nicht abgezogen, alles hat wochenlang gerochen wie Räucherhering. Ich konnte es ganz Kiel vom Gesicht ablesen: Jeder hat sich gefragt: "Warum stinkt der Typ so?" Wir mussten morgens bei jedem Wetter erstmal raus an den Brunnen stapfen und Wasser holen, es warm machen, und erst dann konnte man den Tag mit einer Katzenwäsche beginnen. Inzwischen haben wir aber nachgerüstet.

Ein schattiges Plätzchen mit Blick aufs Wasser steht hoch im Kurs der Profis: Adi Beholz und Caesar Finies in der Strand-Loge.

Jetzt bist du ins extrem hochkarätige Feld der Top 16 im Freestyle-Worldcup vorgedrungen. Wie viel Trainingszeit muss man investieren, um da mithalten zu können? Ich kalkuliere mindestens 250 Trainingstage pro Jahr ein. Als ich angefangen habe zu üben, war ich meilenweit vom Niveau der anderen entfernt. Ich musste aufholen. Einem alten Hasen wie Tonky Frans reichen sicher 150 Tage im Jahr, aber ich muss da richtig hart trainieren.

Du gehörst jetzt zu den ganz wenigen auf der Welt, die in der Lage sind, einen hochkomplizierten Move zu springen, der Air Kabikuchi heißt und nach einem Fisch benannt ist. Wie fühlt man sich in diesem exklusiven Club? Das ist nicht schlecht, oder? Aber ich glaube, der nächste Schritt fühlt sich noch viel geiler an: Der, wenn man einen eigenen Move erfindet. Wir haben alle ständig neue Ideen. Das ist das, was für mich auch die Faszination am Freestyle ausmacht. Hier kann man trotz des extrem hohen Levels immer neue Moves entwickeln. Ein paar Fahrer sind an komplett neuen Rotationen dran. Seit einem guten Jahr gibt es ja mit dem "Pasko" die erste auf Flachwasser gesprungene 540-Grad- oder sogar als Double Air Flaka gesprungene 720-Grad-Rotation in der Luft. Davor war alles nur 360 Grad in der Luft, bevor man landete, um wie ein Gummiball in die nächste Rotation zu springen. Jetzt pushen wir eben viel extremer, um mehr Drehungen in einen Move zu packen. Das ist eine spannende Entwicklung, die aber auch nicht ganz risikolos ist. Youp Schmit aus Bonaire arbeitet gerade hart an einem neuen 720-Grad-Move. Auch in der Welle wird sich einiges tun.

Du bist mit Fanatic als Sponsor bei den großen Firmen angekommen. Arbeitest du dich in die Surfbranche rein oder willst du zukünftig etwas anderes machen, wenn’s ums Geldverdienen geht? Es kann einem Windsurf-Profi ja auch passieren, dass er plötzlich Kinder hat – vielleicht auch, ohne es zu wissen… Das kann wirklich passieren! (lacht) Ich habe mich schon jahrelang damit beschäftigt, ob ich studieren sollte. Aber 2012 habe ich mich dazu entschieden, dass ich wirklich nur Windsurfer werden will. Ich plane, die nächsten zehn Jahre Freestyle zu fahren und unter die Top Ten zu kommen. Danach werde ich Slalom fahren, bis ich 45 bin oder so. Parallel werde ich mir die Kontakte für danach aufbauen.

Profi-Chill-out: Youp, Adrian, Tonkys Freundin Sarah, Taty und Tonky.

Sind Windsurf-Karrieren wie die von Robby Naish heute noch denkbar? Naja, mit Philip Köster haben wir so ein Beispiel, aber Windsurfen ist nicht mehr so groß wie damals. Philip ist in Deutschland ein unglaublich gutes Zugpferd fürs Windsurfen. Auf den wird man ständig angesprochen und gefragt, ob man ihn kennt.

Kennst du Philip Köster? Ja klar!

Und kennt er dich auch? Ich denke schon.

Dein Segelsponsor ist Sailloft aus Hamburg. Wäre Materialentwicklung ein zukünftiges Standbein? Sicher. Es ist schon jetzt eine super geile Zusammenarbeit. Ich bin da ständig in der Segelmacherei, und wir telefonieren viel. Ich konnte das Freestylesegel ‚Quad‘ mitentwickeln. Schon 2012 hatten wir damit super Feedback aus den Tests. Mit der 2014er-Version bin ich super happy, weil wir noch mehr Power und Manöverneutralität realisiert haben. Mein Anteil ist es, die Differenz zu benennen zwischen dem, was ein Prototyp tatsächlich kann und was ich an zusätzlichem Potenzial spüre. Die Segeldesigner setzen das dann technisch um. Das ist komplexer als bei Surfboards, die ja statische Körper sind. Segel sind bewegliche Körper, die sich ständig verformen. Kleine Änderungen im Schnitt können enorme Wirkungen haben. Das muss man live testen.

Up in the Air....

Du hattest sehr früh erkannt, dass es in Deutschland Freestyler gibt, die sich auch untereinander messen wollen, für die es aber kein geeignetes Format gab. Stimmt, eigentlich wollte ich im Deutschen Windsurf Cup mitfahren, aber das Set-up hat überhaupt nicht gepasst. Deshalb habe ich 2010 die "German Freestyle Battles" ins Leben gerufen und damals mit dem surf-Festival einen genialen Rahmen gefunden. Jetzt organisiert diese Valentin Boeckler, weil ich dauernd unterwegs bin. Valle wurde letztes Jahr Dritter und ist ein riesiges Organisationstalent. Er hat sogar Preisgeld organisieren können. Dieses Jahr gibt es zwei Freestyle Battles und sogar einen Tow-in-Event! Tilo Eber und ich fahren weiterhin mit und dieses Jahr ist mein Plan, dass ich jetzt endlich mal gewinne. Weil der DM-Titel dem DWC gehört, sind die German Freestyle Battles zwar keine offizielle Deutsche Meisterschaft, aber die Medienresonanz ist super.

Was würdest du dir für die Entwicklung des Windsurfens wünschen? Ich vermisse den passionierten Einsatz für den Sport. Wir brauchen dringend einen Schulterschluss statt Funktionäre, die vor allem ans eigene finanzielle Wohl denken. Wir sollten alle das Windsurfen als Sport so gut wir können nach vorne pushen. Es ist einfach der faszinierendste Sport der Welt, der ganz sicher weiterleben wird, solange es Wasser, Wind und Menschen gibt, die die Freiheit lieben.

Dir eilt der Ruf voraus, ein echter Partylöwe zu sein... Stimmt, bei den Worldcups ist immer irgendwo Party. Das habe ich mit 18‚ auf freiem Fuß, auch voll ausgenutzt. Ich habe alles mitgenommen, was ging. Daher kommt mein Ruf. Das hat sich aber etwas gelegt. Eigentlich gehe ich nur noch zu den Abschlusspartys bei den Worldcups.

Adi Beholz: ""Ich habe ganz brav gekammt dagesessen, bereit zum Vorspielen." – aus der Karriere mit der klassischen Gitarre ist nichts geworden.

Hast du keine Panik, dass du mal über den Strand läufst und überall schreit’s ‚Hallo Papa‘? (Überlegt lange) Ich musste mich mit dem Thema schon sehr ernsthaft befassen. Ich habe schon mal die Nachricht erhalten, dass ich Vater werde. Das war ein heftiger Schock, denn ich hatte mir vorgenommen, volle Verantwortung mit allen Konsequenzen zu übernehmen, wenn es jemals dazu kommen sollte. Natürlich wäre dies das komplette Aus für meine Träume gewesen. Die Hauptbetroffene hat sich damals entschieden, das Kind nicht zu bekommen, sie war bereits Mutter und lebte in einer festen Beziehung. Ich musste am Ende für den Schwangerschaftsabbruch aufkommen, konnte deshalb 2011, nach Podersdorf, keine Tourstops mehr mitfahren. Das ist auch der Grund dafür, dass sich mein Partyleben etwas gelegt hat und ich heute etwas verantwortungsvoller bin.

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