Bernd Flessner

 • Publiziert vor 14 Jahren

Bernd Flessner hat seinen elften deutschen Meistertitel auf Sylt eingefahren – unangefochten. Wettkampfmüde scheint der Kaiser von Norderney und Lichtgestalt im DWC immer noch nicht zu sein – oder naht der Abschied als Profi aus der einen und der Aufstieg in einer anderen Sportart?

Als „Botschafter der Insel Norderney“ hat sich Bernd schon immer gesehen. Während andere heimische Surfer mit der ersten Sponsor-Kohle Reißaus nach Hawaii oder sonstwo nahmen, kehrt Bernd seiner Insel im ostfriesischen Wattenmeer  nur sehr unwillig den Rücken zu. Zwar verbringt er jeden Winter einige Zeit in Südafrika – wahrscheinlich weil das Wasser dort ähnlich kalt ist – aber sobald die Temperaturen hierzulande auch nur einigermaßen erträglich sind, rollt sein Toyota wieder auf die Fähre in Norddeich. Dann schwärmt er von Frühjahrsstürmen, den weit draußen liegenden Sandbänken mit Brechern in Hawaiiformat und neuerdings auch von den spiegelglatten Speedpisten im Wattenmeer.

„Norderney bietet alles, was ich zum Trainieren brauche. Es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht aufs Wasser kann, entweder mit dem Formula-Racer, dem Slalom- oder Waveboard.“ Dass die Bedingungen auf Norderney einen exzellenten Surfer hervorbringen können, zeigte sich schon früh in Bernds Karriere. Etwas übermotivert heizte er 1989 als Tourist und Freund der damaligen Worldcup-Queen Natalie Siebel beim Cup im südfranzösischen Almanarre mitten durchs Regattafeld – so macht man sich Freunde fürs Leben.

Allerdings zeigte er damals ein, für diese Zeit absolut revolutionäres New School-Manöver – die Table Top Aerial Jibe. So wurden einige Macher auf das strohblonde – ja Flessi hatte einmal reichlich Haare – Talent aufmerksam. Schon 1990 mischte Fleske dann im Worldcup als Fahrer mit und hatte  die ganz großen Träume: Zwar mit einem Augenzwinkern, aber doch ganz realistischen Zielen im Kopf, trug er selbstbewusst ein T-Shirt mit dem Aufdruck: „Naish, Dunkerbeck...now it’s my turn.“ Zur Wachablösung hat es dann doch nicht ganz gereicht, auch wenn Bernd jahrelange in den Top Five im Worldcup dabei war.

Dafür ist seine Dominanz in der deutschen Regattaszene seit Mitte der 90er Jahre ungebrochen: In den Speeddisziplinen nahezu unschlagbar, in der Welle nicht immer der kreativste, aber immer der sicherste mit einem spektakulären Programm, und sogar im Freestyle konnte Bernd lange Zeit durch seinen kraftvollen Classic Style ganz vorn mitmischen. Doch „mittlerweile ist Freestyle viel zu spezialisiert. Da musst du dich voll und ganz drauf konzentieren“, hat auch Bernd eingesehen. Aber wenn’s bei seinem Heimat-Cup richtig ballert, dann würde er sich insgeheim doch noch vorstellen können, den „Kindern“ ordentlich in den Hintern zu treten – auch im Freestyle.

Wenn man mit Bernd über Regatten spricht, dann sprudelt es nur so aus ihm heraus, und eins wird schnell klar – er liebt es, zu gewinnen. Oder besser: Er hasst es zu verlieren. Wie in einer gewaltigen Datenbank kann er beinahe jede Rennsituation der letzten 15 Jahre in seinem Hirn abfragen. Kein Sieg gerät in Vergessenheit, keine Niederlage unerklärt – wenn auch nur aus seiner ganz persönlichen Sicht.

Wie sehr Bernd das Siegen liebt, wird spätestens in  seiner Maisonette-Wohnung klar: Jeder Quadratzentimeter in der großen  Vitrine,  auf Fensterbänken, Regale, Lautsprecherboxen ist von mehr oder weniger  schönen Pokalen bedeckt. „Meine Freundin Pia sagt schon immer, die müssen raus. Aber ich kann mich nicht von ihnen trennen.“ Zu viele Erinnerungen hängen an jedem Pott. Aber Trennungsängste hat er nicht nur bei den Trophäen.

Im Hof vor der Heizungsbaufirma seines Bruders Jan steht ein riesiger Überseecontainer mit Bernds aktuellem Material und vor allem mit den Schätzen seiner Vergangenheit – bis hin zu seinem ersten Joy Polyester Custom Made aus den 80ern. Selbst zig Dutzend Sponsoren-Lycras von längst vergessenen Cups hängen hier über alten Carbonmasten. Und nicht nur mit den Lycras der Sponsoren geht Bernd sorgsam um,das gilt auch für deren Produkte und die Partner selbst – F2, Neil Pryde, Toyota (abgesehen von einem kurzen Intermezzo bei der Marke mit dem Stern) und O’Neill begleiten den 37-Jährigen fast seit Anbeginn seiner Karriere.

„Als wir beim Team Germany damals Autos von Toyota bekamen, habe ich mich gewundert, warum gerade ich als der Youngster im Team das am besten ausgestattete Auto mit dem stärksten Motor bekam. Weil du deinen Wagen immer am besten gepflegt und die Marke gut präsentiert  hast, sagten die Manager damals zu mir.“

Diese Sorgfalt und vor allem seine Medienarbeit schätzen Bernds Geldgeber auch jetzt noch, in einer Zeit, in der Bernd längst nicht mehr regelmäßig auf der internationalen Bühne aufspielt. Dafür findet er, als einer der wenigen Windsurfer, auch immer wieder den Weg in die allgemeine Presseberichterstattung.

Die größte Ehre wurde ihm ausgerechnet zur Fußball-Weltmeisterschaft, die im Juni und Juli ansonsten jede andere Sportart durch den medialen Fleischwolf gedreht hatte, zuteil: Bernd, der beinahe selbst die Karriere als Profikicker eingeschlagen hätte, wurde in einem PR-Film über Niedersachsen als eine der überragenden Sportlerpersönlichkeiten des Landes gewürdigt. Der Film lief dann vor jedem Spiel im WM-Stadion von Hannover.

Darauf, dass sich die Windsurf-Profikarriere von Bernd langsam dem Ende zuneigen könnte, weist nur ein Papierstapel am Boden seiner Wohnung hin: „Fernstudium Golfbetriebsmanagement“ steht darauf. Nach 18 Monaten Studium kann Bernd dann die Leitung von Golfanlagen  übernehmen. Aber auch der Weg zum Profi im Sport mit den langen Schlägern und kleinen Bällen steht ihm noch offen. Seine aktuelles Handicap steht bei 6,3, was nah dran ist am Geldverdienen.

„Windsurfen und Golfen verbindet sich perfekt. Wenn kein Wind ist, kann man Golfen, und an fast allen Surfspots, an denen ich bin, sind Golfplätze ganz in der Nähe“, erklärt Bernd seinen schnellen Erfolg.

Aber auch im neuen Sport zieht’s das Inselkind nicht zu exotischen  Plätzen. „Der Golfplatz auf Norderney wird gerade auf 18 Loch erweitert. Danach könnte ich mir vorstellen, dort einzusteigen“, zeichnet Bernd den vagen Abschied von der Regattabahn vor. Aber freuen sollten sich die Rivalen nicht zu früh. Vermutlich wird Bernd erst seinen Hunger nach Siegen gestillt haben, wenn er zum Bürgermeister seiner Heimatinsel gewählt wird.

(Foto: J. Meeke)

(Foto: Hoch Zwei)

(Foto: K. Reiger)

(Foto: J. Tap)


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