Bernd Flessner: Der König dankt ab

  • Andreas Erbe
 • Publiziert vor 7 Jahren

Der World Cup 2013 auf Sylt war die letzte Regatta für Bernd Flessner. Nach 26 Jahren Regattasport ist Schluss – und das ist gut so, sagt Flessi, der über viele Jahre das Aushängeschild des deutschen Windsurfend war. Im großen SURF Interview arbeiten wir seine großartige Karriere noch einmal auf und zeigen die besten Bilder von Fleske.

Bernd Flessner wird 2005 zum Botschafter der Insel Norderney, seiner Heimatinsel, ernannt.

Frühjahr 1989 – Worldcup im französischen Almanarre. Mit dabei die junge deutsche Überfliegerin Nathalie Siebel. Die 19-Jährige ist bereits eine der Top-Wavefahrerinnen in der Welt. In ihrem Schlepptau ihr neuer Freund. Ein Blondschopf von Norderney namens Bernd Flessner, der fröhlich und unbedarft durchs Regattafeld heizt, obwohl er gar nicht am Worldcup teilnimmt – ein absolutes No Go. Damit zieht er sich vor allem den Zorn von Regattaleiter Wim Thijs zu.

Bernd Flessner - Der König dankt ab

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Impressionen der erfolgreichen 26jährigen Windsurf-Karriere von Bernd Flessner

Was war denn da los, Herr Flessner? Es war seit langem mal wieder Waveriding in Almanarre und ich bin einfach in der Contest Area rumgesprungen. Robert Teriithehau und Robby Naish sind um mich rumgeflogen und ich habe gar nicht gemerkt, dass ich da falsch bin. Dann haben sie mich mit dem Helikopter abgedrängt und ich bin irgendwo abseits an Land gekommen. Ich hab’ mich nur gewundert, dass mich alle Leute so angucken. Wim Thijs kam mit hoch rotem Kopf auf mich zu und schrie mich wutentbrannt an: ‚Deine Segelnummer kenne ich, du wirst niemals im Worldcup starten dürfen, dafür sorge ich!‘ Ich war am Boden zerstört und Ralf Bachschuster kam auf mich zu und sagte: ‚Wenn die deine Segelnummer haben, dann lassen die dich nie starten!’ Und ich dachte nur: Scheiße, deine Regattakarriere hat noch gar nicht begonnen, da ist sie auch schon wieder zu Ende.

Im Herbst bist du dann beim Worldcup auf Sylt gleich mal 15. im Kursrennen geworden – und danach fast 15 Jahre ununterbrochen im Worldcup-Zirkus unterwegs gewesen. Die Drohung hat nicht so richtig gezogen, oder? Beim Cup auf Sylt war Walter Mielke Regattaleiter und der hat mich immer nur ordentlich angefeuert. Im nächsten Jahr musste ich dann noch einmal in Frankreich in ein Qualifikationsrennen, um ins Hauptfeld zu kommen. Da war wieder Wim Thijs Regattaleiter. Aber da ich die Quali dann gewonnen habe, konnte er auch nichts mehr machen. Danach bin ich dann die ganze Worldtour mitgefahren.

Wie hast du dir das damals als 19-Jähriger leisten können? Zu der Zeit stieg gerade West Fashion ins Team Germany ein, in dem unter anderem Nathalie Siebel, Jutta Müller, Björn Schrader, Ralf Bachschuster und Robby Seeger waren. Mich haben sie dann gesichtet, mir als Nachwuchsfahrer das erste Jahr auf der Tour finanziert und mir in Aussicht gestellt, bei guten Ergebnissen ins Team aufgenommen zu werden.

West Fashion Team 1991 (v.l.): Bernd Flessner, Nathalie Siebel, Jutta Müller, Björn Schrader, Ralf Bachschuster

Das klingt für einen jungen Fahrer heute unglaublich. Das stimmt, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Was konntet ihr damals mit dem Windsurfen verdienen? Über Geld spricht man ja bekanntermaßen nicht. Aber ich kann dir sagen, später hatte ich einen Vertrag, mit Gehalt, Reisekosten, Material und so weiter und da bekam ich von NeilPryde neben alledem noch zusätzlich 25 Carbonmasten und 25 Carbongabeln. Stell dir das heute mal vor. Einige von den einteiligen Carbonmasten benutzt heute ein Sportverein auf Norderney als Fahnenmasten.

Anfang der 90er ging dann deine Karriere richtig los. 1992 wurdest du das erste Mal Deutscher Meister. Es folgten 15 weitere nationale Titel, du warst zweimal IFCA Slalom-Weltmeister, hast vier Worldcups gewonnen und warst zehn Jahre unter den Top-Ten in der Weltrangliste. Nun bist du 44 Jahre und machst Schluss, warum? Ich habe im letzten Jahr schon gemerkt, dass ich mich nicht mehr so knallhart motivieren kann. Wenn du dich über 25 Jahre immer auf Regatten vorbereitest, bei jedem Wetter trainierst, ständig unterwegs bist, dich selbst organisieren musst, dann geht irgendwann die Motivation für diese Art von Windsurfen verloren. Ich habe jetzt zwei Kinder und im letzten Jahr auch persönlich eine schwere Zeit durchgemacht und da fängt man an, sich zu hinterfragen. Ich habe gemerkt, dass ich die Zeit auf dem Wasser nicht mehr so genieße, wie ich es eigentlich sollte. Ich surfe oft im Training zwischen den Inseln hin und her und hatte das Gefühl dafür verloren, was für ein tolles Erlebnis das eigentlich ist. Und irgendwann fragt man sich auch, ob sich dieser ganze Aufwand noch lohnt. Dann kam noch dazu, dass ich in diesem Jahr ziemlich viel mit Krankheiten zu tun hatte, und der erste graue, kalte Winter auf Norderney nach 25 Wintern in Südafrika war dann auch eher deprimierend.

Bernd Flessner: Deutscher Meister 1992 (li. Nathalie Siebel)

Das klingt ein wenig frustriert. Überhaupt nicht. Windsurfen hat mir unglaublich viel gegeben und ich liebe es nach wie vor und werde auch weiter Windsurfen, aber eben keine Regatten mehr. Und jetzt war eigentlich ein perfekter Punkt zum Aufhören. Ich war 25 Jahre Profi und der Worldcup Sylt fand zum 30. Mal statt. Und dass ich dann in meinem letzten Slalom meiner Karriere noch einmal im Finale war mit all den Top-Fahrern – besser konnte man doch gar nicht aufhören.

Du hast ja in der Jugend ganz ordentlich gekickt und bist auch ein sehr guter Golfer. Wäre eine Karriere als Golf- oder Fußballprofi nicht besser gewesen? Auf keinen Fall. Ich habe so viel erlebt und gelernt durchs Windsurfen. Da ist das nicht so wie bei den Fußball-Profis, die morgens mit der dicken Karre zum Training kommen, mit ihrem Kulturbeutel aussteigen, in der Kabine die geputzten Schühchen und das gewaschene Trikot vorfinden und sich um nichts kümmern müssen. Als Windsurfprofi musste ich alles alleine machen, die Reisen organisieren, Material besorgen, Sponsoren aufreißen und dann noch trainieren, damit die Ergebnisse auch stimmen. Was ich da alles fürs Leben gelernt habe, das hätte mir auch nie ein Studium oder ein anderer Job geben können.

Bernd Flessner geht gern mal ne Runde Golfen.

Du hast ja die goldenen Jahre des Windsurfens voll mitbekommen, aber auch in den letzten Jahren miterlebt, wie der Sport zu einer absoluten Randsportart geworden ist, in dem wenig Geld für Fahrer übrig bleibt. Du hast es aber auch in schlechten Zeiten geschafft, immer sehr gute Sponsoren zu haben und dich exzellent vermarket. Das stimmt sicher. Das liegt bestimmt auch daran, dass ich mit meinen Sponsoren sehr gut zusammenarbeite und mich mit den Produkten auch sehr gut identifizieren kann. Es ist bei mir eben nicht so, dass ich mir irgendeinen Sticker ins Segel klebe und wenn im nächsten Jahr ein anderer mehr zahlt, klebe ich mir eben einen anderen Sticker rein. Das habe ich nie gemacht. Mit meinem Segelsponsor NeilPryde bin ich seit 25 Jahren verbandelt. Und wenn du mich jetzt irgendetwas über einen Mercedes Viano fragen würdest, dann könnte ich dir alles über das Auto bis ins letzte Detail erzählen, nicht, weil ich es muss, sondern weil ich hinter dem Produkt stehe. Außerdem lasse ich mir auch immer etwas einfallen. Zum Beispiel meine Tour mit dem Surfbrett von Norderney nach Sylt. Das wollte ich immer schon machen und wir haben das lange geplant, es gefilmt und dann sehr gut an die Medien verteilt. Ich bin mit der Aktion bis in die Hauptnachrichten im Abendprogramm gekommen – das gefällt natürlich auch meinen Sponsoren.

Leider ist Windsurfen ansonsten in den Medien nicht wirklich sehr präsent, vom Worldcup auf Sylt einmal abgesehen. Das ist ja das Verrückte. Dort funktioniert es ja und die Leute sehen, was für eine tolle Sportart Windsurfen ist und dass es da super Typen gibt. Da trägt die langjährige, gute Pressearbeit Früchte.

Bernd Flessner beim Nivea World Cup 2006 auf Sylt

Sylt ist ja seit Jahren der einzige Worldcup auf dem du mitfährst. Ansonsten hast du dich die letzten zehn Jahre auf den Deutschen Windsurf-Cup konzentriert. Wie sieht denn die Situation da aus? Da ist es viel schwierger. In den letzten Jahren waren es immer weniger Teilnehmer. Ich persönlich glaube, dass man das Thema komplett neu aufstellen müsste. Es muss auch für Surfer, die bisher nicht an Regatten teilgenommen haben, attraktiver sein, da einmal mit-zufahren. Und das ist in der aktuellen Form nicht gegeben. Das neue Long- Distance-Format ist sicher ein guter Anfang, aber das reicht nicht. Es muss noch einfacher und attraktiver werden, in den Regattasport einzusteigen. Klar muss die ausrichtende Agentur Choppy Water mit den Veranstaltungen Geld verdienen, das ist legitim und muss auch so sein. Aber es reicht nicht, mit ein paar Würstchenbuden und anderen Ballerbuden auf der Promenade Geld zu verdienen und der Sport und die Sportler bleiben auf der Strecke. Da müsste man auch mal ein bisschen Geld in die Hand nehmen, gutes Filmaterial produzieren und dann auch mit einem guten Verteiler an die Presse geben. Da könnte man den ganzen Sommer über das Fernsehen mit tollem Windsurfsport versorgen. Ich kann mich an ein besonders krasses Beispiel erinnern, das war die Deutsche Meisterschaft 2007. Mitten im Sommer waren grandiose Bedingungen angekündigt und es war klar, dass in allen Disziplinen gefahren wird. Dazu kam, dass weder Olympische Spiele, Fußball-WM oder Bundesliga war. Da hätte man vielleicht noch ein Filmteam engagieren können und garantiert viele Berichte im TV bekommen. Es macht auch wenig Sinn, an einem Spot zu fahren, der zum Windsurfen wenig gut geeignet ist, nur weil der Ort den Event sponsert. In diesem Jahr hat man sogar einen Sponsor für die ganze Tour, da hätte man auch überlegen können, ob man nicht Preisgeld für die Fahrer ausschüttet oder zumindest das Startgeld senkt. So ist das Ganze im Moment wenig attraktiv.

Das wäre doch eine Aufgabe für dich und deine neu gegründete Agentur, sich dieser Problematik einmal anzunehmen. Wir haben ja bereits zweimal das Rennen Round Norderney organisiert, wo es übrigens 3000 Euro Preisgeld gab. Aber die Sache ist natürlich wirklich nicht einfach, das muss man auch sagen. Ich weiß es noch nicht, ob wir uns da engagieren.

Viele Fahrer, die wie du, so viel Erfahrung haben, bringen sich in die Entwicklungsarbeit bei ihren Brett- und Segelsponsoren ein. Da hat man von dir eigentlich nie so viel gehört, ist das eventuell noch etwas für die Zukunft? Da hast du recht, da hätte ich mich vielleicht stärker einbringen können. Ich habe heute so viel Erfahrung, wenn ich einmal mit einem Brett raus und reinfahre, dann kann ich dir sagen, ob das ein gutes oder schlechtes Brett ist. Ich habe natürlich immer mein Feedback an die Hersteller gegeben, aber das war manchmal auch zäh mit den Firmen. Oft sind sie dann ein halbes Jahr später angekommen und haben gesagt, ‚du Bernd, wir haben da von Endverbrauchern gehört, dies oder das funktioniert nicht‘ und ich musste ihnen sagen, Leute, das habe ich euch schon vor einem halben Jahr gesagt. Auch was es heute für Probleme mit Material gibt, das ist für mich manchmal nicht nachvollziehbar. In den 90er-Jahren habe ich meine Carbonmasten teilweise zehn Tage im aufgeriggten Segel gehabt, hab’ sie am Ende einer Regatta aus dem Segel geholt und sie waren kerzengerade – heute lässt du dein Segel eine halbe Stunde in der Sonne liegen und der Mast ist krumm. Da frage ich mich, fangen wir gerade mit dem Sport neu an? Das kann ich manchmal nicht nachvollziehen.

Björn Schrader und Flessi – Crash-Kurs

Wenn du heute auf die letzten zwei Jahrzehnte zurückblickst, was war die beste Zeit? Ich bin unheimlich dankbar, dass ich die Zeit in den 90ern voll miterleben durfte. Wir hatten grandiose Events, Kursrennen unter der Golden Gate Bridge in San Francisco oder die abgefahrenen Regatten in Japan. Ich konnte tolle Typen wie Robert Teriitehau kennen lernen, war eng mit Björn im F2-Team verbunden, da haben wir unglaublich viel Spaß gehabt. Ich könnte stundenlang Anekdoten aus dieser Zeit erzählen.

Vielleicht müssen wir dann doch noch ein Buch zusammen machen. Wann kam denn so langsam der Entschluss, wirklich aufzuhören? Das ist auch sehr lustig, da spricht mich mein alter Kollege Ralf Bachschuster immer drauf an. 1994 habe ich im NDR ein Interview gegeben, in dem ich gefragt werde, wie lange ich mir denn vorstellen könnte, Regatten zu fahren. Da habe ich gesagt: Spätestens mit 30 ist Schluss. Jetzt bin ich 44 und der eigentliche Entschluss kam 2012. Da veränderte sich meine familiäre Situation radikal und es fiel mir auch immer schwerer, mich auch bei Dreckswetter zum Training zu motivieren. Auf Norderney war ich ja auch immer alleine, hatte keinen Trainingspartner, dann ewig auf die Regatten, wo du dann auch immer vorne sein musst, jeder will dich schlagen, das strengt igendwann einfach an.

Hast du keinen Spaß mehr am Windsurfen? Im Gegenteil, ich glaube, wenn ich nicht mehr den Druck habe, trainieren zu müssen und mich auf die Regatten vorzubereiten, dann werde ich wieder viel mehr Spaß am Windsurfen haben und diesen unglaublich schönen Sport genießen. Wie ich vorher schon einmal gesagt habe, früher bin ich zum Training zwischen den Nordfriesischen Inseln hin und her gefahren und bin mir gar nicht bewusst gewesen, was für ein unglaubliches Erlebnis das ist. Dieses Gefühl der Freiheit beim Windsurfen ist einfach unvergleichbar.

Bernd Flessner: Unglaubliche Materialberge muss ein Profi ständig im Griff behalten

Würdest du heute dein Leben noch mal so leben wollen? Windsurfen auf jeden Fall, aber um ehrlich zu sein, das, was wir da damals gemacht haben, das würde ich so nicht mehr wollen. Ich habe mein ganzes Windsurfleben Buch darüber geführt, wie viele Tage ich auf dem Wasser war, welches Segel ich gefahren bin und welches Brett. In der Spitzenzeit war ich neun Monate als Profi unterwegs und maximal drei Monate auf Nordeney. Die ganze Fliegerei mit den Unmengen an Material, das würde ich heute nicht mehr machen wollen – mein Rekord war auf Fuerte, da hatte ich mal zwölf Boards dabei und insgesamt 450 Kilo Gepäck. Wenn ich das heute noch mal machen müsste, würde ich durchdrehen. Vier Wochen auf der Kanarentour, Fuerte, Gran Canaria, Teneriffa – immer alles auf und abbauen, auf die Fähren mit dem ganzen Gelumpe – da könntest du mich mit jagen. Aber damals hat das halt jeder gemacht.

Was bringt dir jetzt deine Windsurfkarriere für die Zukunft? Wenn man so lange im Sport erfolgreich war, dann ist es unglaublich, wen man in dieser Zeit so alles kennen lernt und wie gut man auf Dauer vernetzt ist. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Leute mich erkennen und wie positiv Windsurfen bei allen Menschen besetzt ist. Jeder hat irgendwie Berührungspunkte mit dem Sport gehabt und ist davon fasziniert. Das ist auch die große Chance des Windsurfens. Die Bilder vom Windsurfen sind für jeden Menschen faszinierend und es wäre wichtig, wenn das den Menschen über die Medien wieder näher gebracht werden könnte. Denn das, was wir da draußen machen, ob bei neun Windstärken in der Nordsee rumsurfen oder die Jungs in Jaws oder die Sprünge von Philip Köster, das ist für normale Menschen einfach atemberaubend. Unser Sport hätte einfach viel mehr Aufmerksamkeit verdient.

Themen: Bernd FlessnerKarriereende


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