Boujamaa Guilloul

  • Steve Chismar
 • Publiziert vor 15 Jahren

Aus dem Spiegel lächelt der dunkelhäutige Lockenschopf aus Marokko dem Surferleben entgegen. So schnell und radikal hat sich noch kein Surfer in die Welt der Wellen-Elite hochkatapultiert. Als käme so der junge Muslime Gott näher – vom Aschenputtel-Dasein in vergammelten Baracken als Moulay-Kid bis zum Sonnyboy-Leben an den Traumspots dieser Erde. Boujamaa Guilloul, der Senkrechtstarter aus einer spiegelverkehrten Welt.

Als ich ihn das erste Mal traf, kam der junge Sonnyboy die fast 2000 Kilometer, von seiner Heimatstadt Essaouira quer durch die Sahahra in den Süden Marokkos, mit dem Bus angereist. Für den Flug fehlte das Geld. Im Gepäckstauraum verstaute der Busfahrer, zum Erstaunen seiner Landsleute, zwei Surfbretter und zwei Riggs neben alten Koffern und Taschen. Die sollten für seine erste große Veröffentlichung (surf 6/2004) herhalten. Nur ein Jahr später surft Boujamaa Guilloul der Weltelite vor Hookipa was vor – zumindest beim freien Fahren. Sein Sponsor Svein Rasmussen schwärmt vom „talentiertesten Surfer in der Welle.“ Die Bilder ersetzen Worte. Im Contest fehlt ihm jedoch noch die Erfahrung (33. Platz 2004 und 17. Platz in 2005 auf Maui). surf traf den einzigen muslimischen Windsurf-Profi nach Rashid Roussafi im Land der Yankees.

surf: Wir kennen dich schon aus der Geschichte in „ Die Kinder von Moulay“ (siehe surf 4/2001). Da stand: Ihre Eltern würden ihre Surfbretter am liebsten gegen Kühe eintauschen.

Boujamaa: (lacht) Das stimmt nicht. Im Gegenteil: Meine Mutter hat unseren Fernseher verkauft, damit sie mir ein gebrauchtes Surfbrett kaufen konnte. Hast du Geschwister? Ja, einen kleinen Bruder, der mit mir Surfen gelernt hat. Hättest du dir träumen lassen, einer der Pros auf Maui zu sein?

Nein, für mich ging es nur um den Spaß. Klar, ich hatte Freunde wie Fetah (Red.: Fffda ausgesprochen), die mich unterstützten, Touristen, die mir eine alte Gabel, einen Mast oder eine Finne überließen. Außer dir gab’s andere motivierte und talentierte Moulay-Kids. Warum hast gerade du es geschafft? Weil ich Lust hatte und vielleicht mehr Glück. Außerdem half mir Fetah. Ich kam mit einem höherem Surfniveau aus Essaouira, aus der Stadt, während die anderen vom Land waren und nicht so motiviert schienen. Sie bemühten sich nicht so und, ohne es abwertend zu sagen, ich hatte eine höhere Bildung. Eine höhere Schulbildung ist nicht selbstverständlich in Marokko.

Ja, meine Mutter hat mir alles ermöglicht. Meine Eltern sind geschieden und meine Mutter arbeitet als Krankenschwester. Aber: Ich bin weder reich noch arm.

Rachid Roussafi (surf 5/2001) war der erste international anerkannte Marokkaner, der mit Surfen sein Geld verdient hat.War er dein Idol?

Klar, er war größer in allen Belangen: Marokkanischer Meister, Worldcupper, Olympiateilnehmer. Er hat mich oft von Essaouira nach Moulay gefahren. Aber mein wahres Idol war mein Freund Fetah und sonst Cisco Goya und die Angulos. Wann bist du das erste Mal aus deiner Heimat Marokko gereist?

Mit 15. Ich war damals noch Mitglied eines Wellenreitvereins und wir machten einen Schüleraustausch an die Westküste Frankreichs, nach La Rochelle. Was war dein erster Eindruck? Es war sehr, sehr kalt, und ich hatte nur meinen Sommersurfanzug dabei. Aber auch die Busfahrt von hier bis Bordeaux war für mich landschaftlich beeindruckend. Du sprichst Französisch wie ein Franzose. Deine Muttersprache ist Arabisch?

Natürlich.

Hier auf Hawaii kommst du nicht viel zum Arabisch sprechen.

Das fehlt mir auch. Manchmal fluche ich ganz laut auf Arabisch, wegen einem Autofahrer, wenn ich schlecht surfe – das tut mir gut. Ich bin der einzige surfende Araber auf Maui. Als Araber in den USA, wie ist es dir ergangen? In Los Angeles musste ich erst ein Mal zwei Stunden im Büro der Immigration verbringen. Sie waren sehr freundlich. Ich musste nur alle möglichen Formulare ausfüllen. Aber das wird von Mal zu Mal weniger. Ich bin jetzt schon das dritte Mal hier. Und vor Hookipa sind deine Träume wahr geworden? Ja, es war toll. Ich war überglücklich, auf Hawaii surfen zu dürfen, aber die Pro-Surfer schienen alle nicht so glücklich, guckten grimmig. Es war alles ein bisschen angespannt. Bei uns gibt es das nicht. Jetzt hat sich alles entspannt, weil mich die Fahrer besser kennen. Gefällt dir das Leben hier?

Nicht wirklich. Das kommt mir alles hier komisch vor: Schicke Häuser, jeder fährt einen neuen Jeep mit lauter Musik. Das ist alles zu amerikanisch. Bei uns ist dieser Lebensstil nicht angesehen. Für Amerikaner ist das normal. Bist du hier als Araber komisch behandelt worden? Natürlich, den Amerikanern ist unsere Kultur egal. Wenn ich mich bei der älteren, weißen Generation als Marokkaner vorstelle, sehe ich es ihnen an den Augen an. Es ist das Misstrauen. Aber nicht bei den Locals aus Hawaii. Selbst wenn ich hier zum Wellenreiten gehe, grüßen mich sogar die big local boys mit ihren fiesen Tattoos im Gesicht.

Wenn du nach Marokko zurückkehrst, was erzählst du deinen Surferfreunden in Moulay über Hawaii? Das Meer ist warm und blau, aber wir haben die besseren Wellen und es hat zu viele Menschen. So top ist es hier auch wieder nicht! Möchtest du dieses Jahr möglichst viele Contests mitfahren?

Ja, inschallah, so Gott will! Mit deinem Stil wirst du auffallen. Du springst Aerials wie kein anderer zuvor.

Nein, Mark Angulo und Scott Carvill – die springen so. Aber das ist cool, wenn du das denkst. Rachid hat mir früher gesagt: Wenn du die Aufmerksamkeit auf dich lenken willst, dann musst du die Moves anders springen. Das hab’ ich mir gemerkt. Gleichzeitig versuche ich, die Grenzen zu sprengen, radikaler zu sein. Wie alt bist du? 20! Und ich hab’ noch zwei Jahre bis zum Weltmeistertitel (lacht). Wirst du einen Top Rider wie zum Beispiel Kauli Seadi in der Welle schlagen?

Inschallah! Wenn ich mich auf die Contests konzentriere, ist es möglich. Es wäre schön für mich, einen Sieg mit nach Hause zu bringen, inschallah! Du wärst der erste Marokkaner. Der erste Afrikaner. Der erste Araber.

 

 

 

 

v.l.n.r.: Boujamaa Guilloul, Rachid Roussafi und Fetah Alamara

 

 

 

 


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