Cesare Cantagalli - Interview mit dem Killerloop-Erfinder

13.05.2016 Andreas Erbe - Da kommt ein kleiner Italiener nach Hawaii und revolutioniert das Windsurfern. „Das ist so, als würde ein Italiener einem Japaner das Sushi fertigen beibringen”, sagt Cesare fast 30 Jahre nachdem er den „Killer-Loop” erfand und die hawaiianische Surfzene schockte.

© Paul Waggy
Cesare Cantagalli
Cesare Cantagalli

Drehen wir die Zeit mal zurück – nein, nicht auf Winterzeit, sondern ein bisschen weiter. So etwa 30 Jahre. Wellen abreiten bestand aus Bottum Turn und Cutback, Sprünge waren Rocket Air (aka Floaty Jump) Table Top und Donkey Kick – das war’s im Großen und Ganzen. Und dann kommt ein kleiner, 18-jähriger Italiener und knallt den Maui-Heros in ihrem Wohnzimmer Hookipa die erste Vorwärtsrotation vor den Latz – eine Revolution und der Start zu einer bis heute nicht enden wollenden Manöver-Evolution. Es war Cesare Cantagalli, der mit dem Move Weltruhm erlangte, fortan die Titelseiten vieler Windsurf-Magazine zierte und mit seiner Cheese Roll zur Legende wurde. I–99 – Cantagallis Segelnummer – kannte in den frühen 90ern jeder Windsurfer, auch wenn er nie Weltmeister wurde. Nach seiner Profikarriere wurde es still um den verrückten Italiener. Nun taucht seine Segelnummer 99NoveNove plötzlich wieder auf – als neue Brettmarke. Wir haben mit Cesare über die "Goldenen Zeiten" gesprochen, die Jahre danach und was ihn dazu getrieben hat, in der heutigen Zeit noch eine neue Windsurfer-Firma zu gründen.

Für viele unserer älteren Leser – mich inklusive – bist du eine Legende. Trotzdem wissen wir gar nicht so viel über dich. Woher stammst du und wie begann deine Karriere.
Ich komme aus der kleinen Stadt Faenza an der Ostküste Italiens – der wohl flachste und windärmste Platz auf Erden. Ich war ein wirklich aktives Kind – mein drei Jahre älterer Bruder Sergio und ich haben so ziemlich jeden Sport gemacht: Skifahren, Tennis, Motocross, Basket- und Volleyball, Schwimmen – mein Vater hat uns immer unterstützt, bei allem was wir anfingen. Im Sommer 1978 sah mein Vater durch Zufall in einem Schaufenster ein Windsurfbrett, das inklusive Kurs angeboten wurde – und schon wenig später war unsere ganze Familie windsurfsüchtig. Außer mir, denn niemand glaubte, dass ich als kleiner 9-jähriger Junge mit dem schweren Segel und großen Brett klar kam. Also schaute ich erstmal nur beim Unterricht zu. Aber natürlich nicht lange und schon bald bekam ich mein erstes eigenes Brett: Einen Sordelli 330, eines der ersten Junior-Boards auf dem Markt. Wenig später begann ich dann mit dem Regattasurfen. Ich fuhr in der Windsurfer- und Windglider-Klasse, Div. II und holte alle nationalen Titel. 1984 war ich für die ersten Olympischen Spiele, an denen die Windsurfer teilnehmen durften, in Los Angeles qualifiziert. Doch der italienische Segelverband entschied, dass ich zu jung war und schickte Klaus Maran. Danach habe ich meinen Vater überredet, dass ich mit der Schule aufhöre und nach Hawaii gehe, um in der Brandung zu lernen und ein professioneller Windsurfer zu werden.

"Mike Eskimo schrie: ‚This is Killer’, als er den Move zum ersten Mal sah. Danach hieß er erstmal Killer Loop. Cheese Roll kam erst später als Name.”

© Giovanni Squitieri
Mit einem Sprung zur Legende: Cesare Cantagalli springt als erster den Killer Loop.
Mit einem Sprung zur Legende: Cesare Cantagalli springt als erster den Killer Loop.

Da warst du noch nicht einmal 18 Jahre alt – mutige Entscheidung! Wie bist du dann auf die Idee für die Cheese Roll gekommen?
Ich verbrachte den Sommer 1986 in Honolulu und trainierte jeden Tag am Diamond Head. Die Idee kam, als ich mir ein Video anschaute. Ich war der Meinung, dass zu jedem akrobatischen Sport Vorwärts- und Rückwärtsrotationen gehörten. Ich studierte die Bewegungsabläufe und entschied für mich, dass es gehen müsste – also probierte ich es.
Meine erste Idee war eine End-over-End-Rotation – also komplett senkrecht über die gesamte Mastlänge gedreht. Das war ein Himmelfahrtskommando! Meine Technik war, so hoch wie möglich zu springen, mich auszuhaken, den Wind komplett aus dem Segel zu lassen und dann meinen Kopf und Körper auf dem Weg nach unten nach vorne zu schmeißen. Du kannst dir den Crash vorstellen! Ich landete mit dem Nacken im Segel und das Brett krachte auf meinen Rücken. Danach wusste ich: Das funktioniert so nicht und ist viel zu gefährlich. Dann nahm ich an einigen Wettkämpfen wie dem OP Classic und dem Maui Grand Prix teil, bei denen ich oft früh rausflog – wegen ziemlich unfairem Local Judging, wie ich fand. Mir wurde klar, dass ich etwas ganz besonderes brauchte, damit es für die Judges keine andere Möglichkeit gab – zehn von zehn möglichen Punkten mussten her. Es waren nur noch zehn Tage bis zum Aloha Classic und damit wenig Zeit, um meine Idee zu perfektionieren. Aber es war meine einzige Chance. Zusammen mit meinem Bruder Sergio und Fotograf Gianni Squitieri machte ich mir noch mal Gedanken über eine mögliche Lösung. Ich entschied mich, einen neuen Versuch am Baby Beach zu machen. Das war zu der Zeit noch ein echter Geheimspot, nur Mike Eskimo und einige andere waren dort zum Fotografieren.

Was hast du dann anders gemacht?
Die Idee war, seitlich und mehr downwind zu rotieren, damit ich sicherer landen konnte. Und das funktionierte, nach ein paar Versuchen waren die Rotation und Landung perfekt. Mike Eskimo hatte mich beobachtet und sagte nur zu mir: "This is Killer" – damit war der erste Name für den Sprung gefunden: Killer Loop.

© Giovanni Squitieri
Hawaii statt Olympia: Urpüngliches Ziel des jungen Cesare Cantagalli waren die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles. Als der Traum platzte rückte ein neuer in den Focus – Hawaii. Und der ging dann in Erfüllung.
Hawaii statt Olympia: Urpüngliches Ziel des jungen Cesare Cantagalli waren die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles. Als der Traum platzte rückte ein neuer in den Focus – Hawaii. Und der ging dann in Erfüllung.

Wie lief’s dann beim Aloha Classic, konntest du die Judges beeindrucken?
Es war unglaublich. Der Sprung funktionierte und beeindruckte wirklich jeden. Alle waren geschockt und trauten ihren Augen nicht. Jeder war total euphorisch, als ich zurück an den Strand kam. Mike Waltze und Matt Schweitzer sagten zu mir: "Das ist der radikalste und unglaublichste Move in der Geschichte des Windsurfens – wir sind stolz auf dich!"
Und tatsächlich entwickelte sich der Sport von da an bis heute mit immer neuen Rotationen und Tricks in der Welle und im Flachwasser. Der Killer Loop machte mich von heute auf morgen weltweit bekannt, ich war auf den Titeln von fast jedem Windsurf-Magazin in der Welt. Es war so, als würde ein italienischer Chefkoch den Japanern erklären, wie man Sushi macht. Einige Monate später, während meines ersten Contests in Südafrika, entstand dann der Name Cheese Roll – Cesar Roll. Zusammen mit dem Worldcup-Tourmanager Terry Wyner hatten wir beschlossen, dass Killer Loop zu amerikanisch war und zu wenig meinen Namen berücksichtigte.

Du bist dann bis 1994 im Worldcup gefahren. Was kam dann?
Nach meinem letzten Event auf Barbados habe ich meine Glob-O-Tour begonnen und viele neue Spots entdeckt – Mauritius, Tahiti, Los Roques und viele mehr. Die Reportagen und Fotos erschienen in Windsurf- und Reisemagazinen. Das war eine tolle Zeit – kein Wettkampfdruck mehr, sondern ich konnte meine Leidenschaft frei ausleben und viele Erfahrungen rund um den Globus sammeln.

Danach wurde es ruhiger um dich. 
Ja, aber nur nach außen. Nach über zehn Jahren bei Fanatic/ART wechselte ich zu Drops und war dort zusammen mit meinem Bruder für die Markenkommunikation und die Designs zuständig und baute den weltweiten Vertrieb aus. Nachdem Paolo Cecchetti zu Cobra nach Thailand gewechselt war, habe ich für Claudio Badiali die Designs für die Challenger Sails gemacht. Außerdem war ich für die Firma Reglass tätig, die Vorreiter für hochwertige Masten in Pre-Preg-Technologie waren. Dort habe ich sehr viel gelernt.

"Am Anfang war ich von dem Projekt wenig begeistert, weil ich das Spiel kenne. Doch nach einigen Gesprächen kam der Entschluss: Jetzt oder nie!” Cesare Cantagalli

© Andrea Pancini
Shaper Gianni Valdambrini (linkss) brachte Cesare erst auf die Idee, eine eigene Marke zu gründen. 
Shaper Gianni Valdambrini (linkss) brachte Cesare erst auf die Idee, eine eigene Marke zu gründen. 

Wie kam es dann zur eigenen Boardmarke 99NoveNove?
Gianni Valdambrini, der ehemalige Shaper von RRD, schlug mir ein Projekt vor. Ich war am Anfang wenig begeistert, weil ich das Spiel kenne. Doch nach vielen Gesprächen und der Erkenntnis, dass wir zusammen sehr viel Erfahrung haben, kam ich zu dem Entschluss: Jetzt oder nie.

Das war 2008. Anfangs habt ihr nur hochwertige Custom Mades in Italien gebaut. Seit einiger Zeit produziert ihr aber auch Serienbretter bei Cobra.
Das stimmt. Wir haben unsere Technologie in Italien entwickelt, haben hier eine hochwertige CNC-Fräse und produzieren wirklich gute und teure Custom Mades. All unsere Erfahrungen daraus sind direkt in die Serienproduktion eingeflossen. Wir sehen uns in der Tradition hochwertiger italienischer Technologie- und Design-Produkte – vielleicht auch ein bisschen unorganisiert (lacht).

Wer steckt hinter 99NoveNove außer dir?
Wir sind drei Geschäftspartner: Gianluca Salvatore ist unser Investor und für alle Investitionen und Projekte auf der wirtschaftlichen Seite zuständig. Gianni Valdambrini ist als erfahrener Shaper für alle Produkte verantwortlich. Meine Position ist eigentlich Brand Manager, aber ich bin so ein bisschen Mädchen für alles – Verkauf, Marketing, Kommunikation und Grafik fallen in meinen Bereich. Um uns heraum bauen wir gerade ein sehr effektives und hochqualifiziertes Team auf.

© Andrea Pancini
Mädchen für alles: Als Brand Manager kümmert sich Cesare um den Verkauf, das Marketing und das Design der Produkte. 
Mädchen für alles: Als Brand Manager kümmert sich Cesare um den Verkauf, das Marketing und das Design der Produkte. 

In der aktuellen Transfer-Saison habt ihr einige große Namen im Profizirkus verpflichtet. Unter anderem Finian Maynard, Kauli Seadi, Youp Schmit, dazu noch Pascal Toselli und ganz aktuell das spanische Nachwuchstalent Marc Paré Rico. Was erwartest du von ihnen.
Wir haben versucht, eine kompakte und schlagkräftige Truppe und eine gute Mischung aus alt und jung in allen Disziplinen zu verpflichten. Wir sind überzeugt, dass es jeder von ihnen nach ganz oben schaffen kann – egal, wie jung oder alt sie sind. Sie werden sich gegenseitig helfen und ihre Erfahrung sammeln.

Der Windsurfmarkt wächst ja nun nicht gerade. Glaubst du, dass ihr eine Chance habt, euch zu etablieren?
Ich glaube, es gibt immer eine Chance auf einen Wandel. Wir haben realistische Ziele und unsere Marke hat ihre Wurzeln im Windsurfen, das ist unsere Passion.­ Jeder von uns Partnern hat einen Traum im Hinterkopf. Aber wir müssen mit den Füßen am Boden bleiben. Das beste Resultat können wir erreichen, wenn unsere Kunden happy sind und unsere Produkte anerkannt werden. Dann haben wir eine echte Chance.

© Daniell Bohnhoff
Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 5/2015 können Sie in der SURF App (iTunes und Google Play) lesen oder die Ausgabe im DK-Shop nachbestellen.
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