Chris Sammer

  • Steve Chismar
 • Publiziert vor 16 Jahren

Er lebt mitten in der Millionenstadt Wien – durch Studium und Geografie dauerhaft getrennt vom Meer. Trotzdem schaffte er es, einer der besten Surfer der Welt zu werden – Chris Sammer. Was wäre wohl, wenn der 23-jährige Österreicher an die Küste ziehen würde?

Auch wenn er für jeden „Schmäh” zu haben ist und viel in der Weltgeschichte herumgondelt, manchmal hat er Phasen, in denen er, wie er sagt, „gerne chillen tut!“

Wien, 15. Bezirk, die Wogen des Abendverkehrs haben sich beruhigt. Nur wenn man kurz innehält, rauscht das Leben der Stadt im Puls der Zeit. Ein Sturm der Begeisterung kommt in mir nicht auf. Nur der leichte Herbstwind säuselt durch die engen Straßen. Keine Bäume, keine Strände, nur Betonwüste. Die Heimat eines Windsurfprofis? Nett ist er, der 85-Kilo-Brummbär, immer zuvorkommend, bescheiden. Er wirkt älter als 23. Das ist keine Beleidigung, das ist ein Kompliment, denn er ist Freestyler. Der gutmütigste Freestyler „und manchmal extrem kindisch”, sagt sein Kumpel Markus Kinzl aus Wien, selber Freestyler. Aber irgendeine richtige Macke wird er wohl jetzt Zuhause zeigen.

Wir treten über die Schwelle einer Altbauwohnung, einer typischen Wiener Studentenbude eines eher untypischen Weltklassesurfers. „Du brauchst dir nichts zu denken, i hab net aufgeräumt.” Ich denk’ mir nichts und stolpere über zwei Segelsäcke, die auf dem Boden liegen. Im Flur rechts ruhen stolz und aufrecht zwei weitere Segel in ihren Säcken, in der Ecke ein altes Tabou-Brett, Arrows-Gabeln, die geduldig auf den nächsten Einsatz warten, ein noch unausgepacktes Board, ein Schlafsack vom letzten Trip auf Kreta, ein Skateboard-Cruiser, ein F2-Board-Deck als brettgroßes Poster, links ein Klapprad, ein uraltes Mountainbike und vor mir auf der Tür das aktuelle Pannonia-Cup-Poster. Wir sind da!

Szenewechsel: Florian Sammer ist ganz nervös. Die Pappeln am Podersdorfer Nordstrand wehen laut im Wind. Zweieinhalb Stunden ist er mit seinem 14-jährigen Sohn Chris von St. Anna in der Steiermark zum Neusiedler See gefahren. Auch sie ist mit Herz und Seele beim Surfsport. Noch bevor der Wagen zum Stillstand kommt, springt Chris aus dem Wagen, um nach dem Wind zu schauen. Seitdem ihn sein Vater letztes Jahr das erste Mal zum Surfen nach Griechenland (Lefkas) mitgenommen hat, ist er total fanatisch geworden. Seit damals hat er auf dem Gymnasium auch den Ruf, der coole Surfer zu sein. „Hey, du Surfer”, nennen sie ihn jetzt. Das ist ihm auch recht. Frank Lewisch und Michi Schweiger sind die Lokalmatadoren am Neusiedler See und seine neuen Vorbilder. Sein Vater, selbst mal Surflehrer auf Sardinien, bleibt da ganz locker. Spaß ist alles, und nichts geht über eine Session mit dem einzigen Sohn, den er schon mit drei Jahren beim Surfen aufs Brett setzte und mit sechs das Holmziehen zeigte und der ihm jetzt um die Ohren fährt.

Im Wohnzimmer fristen hochentwickelte Wassersportgeräte ein Dasein als Wohnungseinrichtung – Designer- Möbel mit kleinen Macken: Der Computer, an dem Chris sofort nach der Wettervorhersage für den Neusiedler See schaut, steht auf einem abgeschnittenen F2-Surfbrett. Selbst der Couchtisch ist einer seiner Wellenreiter, oder besser das, was davon übrig geblieben ist. Über der Couch und dem Esstisch – übrigens kein Surfbrett – hängen Palmers-Poster. Den Palmers-Dessous-Models haben Chris die Blöße genommen und mit Shorts und Mützen bekleidet. „Zu nackert!” scherzt Sammer. An der Wand neben dem Computer steht das alte F2-New-Move-Brett als Deko, daneben hängt eine Karel-Gott-Schallplatte. Dann riskiere ich einen Blick ins Schlafzimmer: Ein Bett. Dann zwei Kisten Klamotten vom neuen Sponsor Zembla und auf dem Boden seine Privatwerkstatt. Im Vakuumpack liegt auf einem großen Karton ein Brett in Reparatur. „Mein Lieblingsbrett”, verteidigt Chris schnell das zerschundene Stück Elend. Immerhin ist er mit diesem Brett Siebter im Freestyle beim Worldcup vor Pozo geworden. Beim heutigen Niveau im Freestyle und in der Welle holt man sich in der internationalen Windsurfgemeinde mit einer Plazierung unter den Top Ten auf Gran Canaria allen Respekt.

Bei all seinem Ehrgeiz und Talent: Sein Sportstudium fürs Lehramt ist ihm mindestens genauso wichtig. Sein größtes Ziel als Surfprofi hat er erreicht: Top Ten im Worldcup. Naja, fast. Er wurde Elfter letztes Jahr. Jetzt träumt er noch davon, bei einem Grand Slam unter die ersten Drei zu kommen. Der Worldcup auf Rhodos könnte Träume wahr werden lassen, denn die griechische Insel ist ihm nicht fremd.

Nach dem Abi absolviert der 18-jährige Chris seine Surflehrerausbildung am Gardasee bei Michi Schweiger und entschließt sich, für Jürgen Niens auf Rhodos als Surflehrer zu arbeiten. Dort wird er bei einem Amateur-Cup zum „King of Rhodos“ gekrönt. Surfen auf dem Meer hat’s ihm angetan. „Ich liebe das Meer, die Weite fasziniert mich”, schwärmt er heute noch. Das Niveau in der Welle reflektiert diese Liebe. Im Winter trainiert er auch in Südafrika oder auf den Kapverden. Im Sternzeichen Fisch ist er dem Wasser wahrhaftig verbunden. Die Alpen und der Schnee lassen ihn kalt! Der Neusiedler See  bleibt jedoch, nach dem er das Studium in Wien beginnt, sein Homespot. Den Durchbruch beim Surfen schafft er auf diesem braunen Tümpel beim Pannonia Soul Classic 1999 in Weiden, wo er, vor seinen einstigen Idolen Frank Lewisch, Alex Humpel und Ossi Krupitz Erster wird. Er bekommt 2000 eine Wildcard für den Worldcup in Podersdorf. 2002 steht er schon auf Platz 15 der Weltrangliste. Letztes Jahr gewinnt er den Worldcup Qualifier am Neusiedler See, wird Zweiter an der Costa Brava, Erster beim Soul ‘n’ Style auf Brac in Kroatien und Siebter vor Pozo auf Gran Canaria. Weltmeister möchte er nicht werden. Das gibt er ganz ehrlich zu.

Falsche Bescheidenheit? „Da dürfte ich nicht in Österreich wohnen und mein Studium hier absolvieren”, erklärt er realistisch. „I bin scho‘ gerne vorn‘ dabei”, murmelt er. Dann schaut er wieder auf: „Aber Spaß muss an erster Stelle sein und nicht der erste Platz. I bin net der Typ wie Kevin Pritchard, der sagt: ‚Jetzt geh‘ ich in den Heat und gewinn!‘ Wahre Sieger müssen wohl überheblich sein”, resümiert er. Sammers Überheblichkeit drückt sich auf dem Wasser aus, wenn er in nur 30 Minuten den Shaka lernt, Spock Diablos zelebriert und dabei tut, als sei es die einfachste Sache der Welt. Falls er mal selbst einen Move erfindet, will er ihn dann auch Sam Air nennen.

In seiner 2000 Einwohner großen Heimatstadt St. Anna ist er auch schon eine kleine Berühmtheit. Aber „dos muss i net unbedingt homm“, meint er schüchtern. Er träumt von handfesteren Dingen: Mit seiner Freundin eine Windsurfschule in Griechenland aufbauen – zum Beispiel. Den Traum wird er im Sommer 2004 mit Unterstützung von F2 auf Kreta verwirklichen. Bis dahin zieht es den Wassermann, sobald die Eisschollen geschmolzen sind, an den See.

Fanpost und Infos über Sammers neue Surfschule auf Kreta: www.freak-surf.com

Sam Air Time (Shove-it) auf den Kapverden.

Posen für die Frauenzeitschrift Wienerin (die schönsten Topathlethen Österreichs)


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