• Langsam fährt ein weißer Van die Küstenstraße entlang. Es dröhnen laute HipHop-Bässe aus dem Wageninneren. Der Blick des Fahrers würdigt die Straße keines Blickes. Angestrengt inspiziert er durchs Seitenfenster das flache Lavariff, das auf Höhe einer kleinen Bunkerruine liegt. Eine drei bis vier Meter hohe Welle bricht in regelmäßigen Abständen an immer derselben Stelle. „Zweifellos. Die drei Tage mit strammen Passat haben sich bezahlt gemacht“, denkt er, „das wird einer der besten Tage des Sommers.“ Die Hektik am Strand scheint für einen Moment inne zu halten. Blicke umherstehender Surfer treffen den jungen Mann. Er trägt blaue Shorts bis zum Knie, dazu ein schlabbriges, verwaschenes Muskelshirt. Seine schwarze Brille hat er sich in die von Wasser und Sonne ausgeblichenen, halblangen Haare geschoben. Die muskulöse Statur wirkt imposant, als er sich gemächlich wiegenden Schrittes auf einen kleinen Strandkiosk am Ende der Straße zu bewegt. Sie will nicht so recht passen zu den fast noch knabenhaften Gesichtszügen. „Cafe con Leche“, krächzt er mit rotzigem kanarischen Akzent und versetzt dabei anwesende Touristen in leichtes Erstaunen. Wie ein waschechter Canario sieht der groß gewachsene Blondschopf nun wahrlich nicht aus. Eher wie ein Nordeuropäer, vielleicht sogar wie ein Deutscher? „Hola Dani“, ruft ihm die Frau hinterm Tresen vertraut entgegen und reicht ihm mit einem Lächeln die übliche Bestellung. Genüsslich nippt er an dem dampfenden Kaffee und lässt seinen Blick Richtung Wasser schweifen. Auf seinen Spot, auf seine Welle, wo er sich vor mehr als zehn Jahren das erste Mal zu seinen heute im Worldcup berüchtigten Backloops hochschraubte.
  • Der junge Mann heißt Daniel Bruch. Trotz kanarischem Nummernschild und seinem fließenden Spanisch ist er tatsächlich deutscher Staatsbürger, geboren vor 26 Jahren im niedersächsischen Wilhelmshaven. „Meine Eltern sind Deutsche“, erklärt Dany, wie ihn seine Freunde nennen „als ich zur Welt kam, lebten sie schon sieben Jahre im afrikanischen Liberia. Dort bin ich in eine deutsche Schule gegangen. Es war eine tolle Kindheit. Mein Spielplatz war der Strand vor der Haustür.“ Als Daniel acht Jahre war, zogen seine Eltern nach Teneriffa. Sein Vater erkannte im aufkommenden Satelliten-Fernsehen auf den Kanarischen Inseln einen lohnenden Markt und hatte schnell Erfolg mit einer neu gegründeten Firma. Dany begann mit dem Windsurfen. Zunächst noch in der Anfängerbucht in Medano. Dann schnell in der um die Ecke liegenden Cabezo-Bucht. Dany war schon als Kind ungewöhnlich begabt auf dem Windsurfbrett. Kanarische Locals nahmen ihn unter ihre Fittiche und sorgten dafür, dass er regelmäßig aufs Wasser kam. „Es war einfach unglaublich wie schnell der Junge Fortschritte machte“, erinnert sich ein Surfbuddy an Daniels erste Auftritte in Cabezo, „er hatte vor nichts Angst. Es dauerte kein halbes Jahr, bis er die ersten kontrollierten Frontloops hinlegte.“ Schnell bekam man auch außerhalb der kanarischen Inselwelt Wind von dem talentierten Exildeutschen. Mit gerade mal 16 Jahren hatte er seinen ersten Profivertrag in der Tasche. Fanatic verpflichtete den jungen Deutsch-Canario. Er wurde als das Megatalent im internationalen Wave-Circuit gehandelt.
  • Dany hat seinen duftenden Milchkaffee ausgetrunken. Er nimmt sein kleinstes Segel aus dem Auto. 3,7 Quadratmeter, eine Größe, die man hier im Sommer nur ganz selten fahren kann. Aber der Wind hat weiter zugelegt, und Dany ist sich jetzt absolut sicher, dass der beste Tag dieses Sommers auf ihn wartet. Er trägt sein Material auf eine Steinterrasse vorm Strand und beginnt aufzuriggen. Wind und Wellen behält er fest im Blick. Immer wieder muss er dran denken, wie es jetzt schon bei ihm laufen könnte. Vielleicht würde hier sogar schon eine Art Statue oder Denkmal von Daniel Bruch stehen. So wie sie es in Pozo für Dunki oder die Morenos gebaut haben. Nicht, dass er da sonderlich heiß drauf wäre. Aber wäre er damals dabeigeblieben, wäre der Name Daniel Bruch sicherlich schon eine feste Größe auf der PWA-Tour. Doch es hatte eben nicht sollen sein.
  • Danys Eltern ließen sich nach 20 Jahren Ehe scheiden. In dem glücklichen Familienidyll entstanden in kurzer Zeit zerstrittene Fronten. Seine Mutter ging zusammen mit Daniels jüngerer Schwester zurück nach Deutschland. Er blieb bei seinem Vater auf Teneriffa und sollte in die Fußstapfen des inzwischen erfolgreichen Geschäftsmannes treten. Sein Vater brachte wenig Verständnis für die große Leidenschaft des Sohnes auf. „Ich habe mich damals zu sehr von meinem Vater beeinflussen lassen“, meint Dany heute, „ich habe immer mehr bei ihm in der Firma gearbeitet und immer weniger gewindsurft. Das fanden meine Sponsoren natürlich nicht so toll.“ Dany verschwand so schnell von der Bildfläche des internationalen Windsurfens wie er erschienen war. Er kam nur noch nach Feierabend und an Wochenenden aufs Wasser. Dennoch wurde er mit der Zeit immer besser. Sein Sprungrepertoire stand dem gestandener Wave-Pros schnell in nichts mehr nach. Hohe, verzögerte Frontloops, Backloops oder Pushloops, das ganze auch einhändig und immer ein Stockwerk höher als alle anderen guten Locals in Cabezo. Dazu vertweakte Aerials und trockene Wave-360er. Fast eine Schande, dass außer ein paar Windsurftouristen auf Teneriffa kaum jemand mitbekam, was für ein Rohdiamant hier schlummerte.
  • 2005 entschied Daniel, seinem Leben eine radikale Wendung zu geben. Beim PWA-Worldcup in Pozo auf der Nachbarinsel Gran Canaria wollte er es wieder wissen und mauserte sich zum Favoritenschreck. In stürmischen Bedingungen schaltete er Fahrer wie Matt Pritchard aus. Freunde überzeugten ihn, es doch noch mal mit einer Profikarriere zu versuchen. „Der Cup in Pozo gab mir unheimlich Selbstvertrauen“, erklärt Dany, „ich dachte mir, wenn ich als quasi Freizeitsurfer einen Pro wie Matt schlagen kann, dann muss da doch noch einiges mehr gehen.“ Mit Vollgas stürmte er seinem zweiten Windsurf-Frühling entgegen. Gemeinsam mit seiner Freundin eröffnete er eine Mode-Boutique mit integriertem Friseursalon und machte sich so finanziell unabhängig von seinem Vater. Den Job im elterlichen Betrieb gab er auf und bezog ein Haus in Sichtweite zum Homespot, um fortan keinen windigen Tag mehr in Cabezo zu versäumen. Er wärmte alte Kontakte auf und versuchte auf sich aufmerksam zu machen. Ihm war klar, dass ohne den nötigen Support die Teilnahme an der PWA-Wave-Tour fast unmöglich sein würde.
  • Eine lange, zähe Sponsorensuche begann. Mit F2, Gaastra und O’Neill fand er dann endlich die richtigen Partner für das Unternehmen Worldcup. Sie glauben an seine ehrgeizigen Ziele und wollen ihn auf dem schwierigen Weg unterstützen. „Mir ist durchaus bewusst, dass ich einige Jahre verschenkt habe“, sagt er, „aber ich bin erst 26 Jahre und gehöre noch nicht zum alten Eisen. Es wird vielleicht noch die eine oder andere Saison dauern. Aber ich will mich unbedingt in der Weltspitze im Waveriding etablieren. Mein Ziel sind die Top Five, und ich denke, wenn ich viel trainiere, schaffe ich das auch.“ Dani hat sein Equipment fertig aufgebaut. Konzentriert legt er das Trapez an. Sein Segeltopp flattert hektisch in den Böen, als er langsam Richtung Wasser geht. Der Passatwind hat sich zu einem massiven Sturm entwickelt. Sand wirbelt über den Strand. Zwischen den mittlerweile masthohen Wellen sind nur noch wenige Segel zu sehen. Die Bedingungen sind selektiv und die meisten Surfer haben sich im Windschutz hinter einer Mauer in Sicherheit gebracht. Gespannt warten sie auf Daniel Bruch, der das ganze Jahr auf Tage wie diesen wartet. Dany legt sein Board aufs Wasser, springt auf und pumpt sich mit einer kurzen Armbewegung ins Gleiten. Er visiert die erste Rampe an und trifft sie optimal an der steilsten Section. Er fliegt. Höher und höher. Acht, neun, vielleicht zehn Meter hoch. Am höchsten Punkt steht er kurz still, reißt mit dem rechten Arm impulsartig an der Gabel und stürzt kopfüber Richtung Wasseroberfläche. Der Strand bebt. Einige reißen die Arme hoch, andere formen ihre Hände zu Schalltrichtern und jubeln ihm laut zu. Kein Zweifel – Deutschland hat einen neuen Stern am Wave-Himmel. Und der fängt gerade erst richtig an zu strahlen.