Der Insider: Craig Gertenbach - Fanatic

01.08.2017 Manuel Vogel - Vom Worldcup-Pro hin zu einem der erfolgreichsten Brandmanager im Windsurf-Business – Craig Gertenbach hat als Fanatic-Chef Einblick in Markt, Szene und hinter die Kulissen des PWA Worldcups. Im Interview spricht er über den Kampf um die Trends, Bio-Boards und zickige Stars.

© Fanatic
Craig Gertenbach
Craig Gertenbach

Goldene Zeiten hat Craig Gertenbach (48) miterlebt – als Windsurfen Ende der 80er durch die Decke ging, war er schon als Profi dabei. Heute ist er verantwortlicher Manager bei Fanatic und hat als solcher tiefe Einblicke in Markt und Szene. Warum er neue Trends wie aufblasbare Bretter und das Foilsurfen auch kritisch sieht und warum ökologisch nachhaltige Boards auch zur Gefahr werden können, verrät er im surf-Interview.

Craig, als verantwortlicher Brand-manager von Fanatic darfst du dir jetzt im Münchner Büro die Fotos und Videos deiner Teamfahrer ansehen, wie sie in deiner Heimat Kapstadt den  Winter verbringen. Was ist in deinem Leben falsch gelaufen?
(Lacht) Ja, manchmal vermisse ich meine Heimat schon. Aber glücklicherweise konnte ich in den letzten Jahren wieder mehr Zeit dort verbringen als zuvor. In Südafrika hat für mich alles begonnen: In den 80ern begann ich als junger Profi für F2 Boards zu testen, der legendäre Sunset Slalom war das erste Brett, an dem ich mitarbeiten konnte. Von dort führte mich mein Weg nach Maui, wo ich einige Zeit für NeilPryde arbeitete, 1995 kam dann der Wechsel zu Fanatic zustande. Erst Fotoshootings und testen, 1997 stand ich dann vor der Entscheidung, ob ich weiterhin als Profi um die Welt reise oder einen festen Job als Testfahrer annehme. Die Entscheidung war damals schnell gefallen, denn ich hatte ziemlich viel mit Verletzungen an den Knien zu kämpfen. 1999 habe ich dann dort meine Frau Karin kennengelernt, die ebenfalls bei Fanatic angefangen hatte und heute fürs Marketing zuständig ist. Es war also nicht die schlechteste Entscheidung, denn glücklicherweise gehören auch Test-Trips nach Südafrika oder an den Gardasee, Foto­shootings auf Maui oder unser jährliches Händler-Meeting auf Mauritius mit zum Arbeitsalltag.

Südafrika ist heute ein Windsurf-Mekka. Surfer aus aller Herren Länder reisen dort hin, um zu trainieren. Eigengewächse gibt es hingegen kaum. Woran liegt das?
1987/88 gab es in Kapstadt 20 reine Windsurfshops. Ich konnte, kurz nachdem Cesare Cantagalli die Cheese Roll erfunden hatte, den Move auch schon und bin trotzdem nicht in nationale Events reingekommen. Das war damals das Level. Windsurfen war zu Zeiten der Apartheid eine der wenigen internationalen Sportarten, die nicht sanktioniert waren und wo internationale Wettkämpfe stattfinden konnten. Dadurch butterten die Sponsoren ihr Geld hier rein, der Sport lief im südafrikanischen TV und die Szene war riesig. Mit dem Wegfall der Sanktionen verlagerte sich auch die mediale Aufmerksamkeit hin zu Rugby, Fußball, Cricket und Windsurfen ging hier den Bach runter. Aber ich sehe auch, dass die lokale Szene heute wieder wächst, sicher auch durch die ganzen Touris, die den Sport an die Strände tragen. Das ist wichtig, denn wenn eine Community eine Mindestgröße unterschreitet, stirbt sie irgendwann aus. Auch andere kleine Windsurfmärkte wie Australien oder Neuseeland wachsen wieder.

Wie siehst du als Südafrikaner die generellen Entwicklungen in deiner Heimat – abseits des Windsurfens?
Wenn man den direkten Draht hat und hinter die Kulissen blickt, erkennt man hinter der tollen Urlaubsdestination ein Land, das von der politischen Elite um Präsident Zuma ins Chaos gestürzt wird. Was dort passiert, erinnert stark an die Türkei – politische Gegner werden unterdrückt, eigene Interessen verfolgt. Aber "Teflon-Zuma" kommt trotz unzähliger Skandale und Prozesse immer wieder ungeschoren davon. Auch mehr als 20 Jahre nach Ende der Apartheid geht es vielen Menschen noch nicht besser, der Rassismus früherer Tage hat sich unter Zuma jetzt eher in einen Rassismus gegenüber Weißen umgekehrt.

© Maleen Hoekstra
Waveboard-Test in Big Bay, Südafrika
Waveboard-Test in Big Bay, Südafrika

Du sagtest, dass Windsurfen in vielen kleinen Märkten wieder wächst, trotzdem ist vielerorts der Katzenjammer groß. Wo steht Windsurfen heute deiner Meinung nach?
Ich glaube, der Windsurfmarkt ist insgesamt recht stabil. Es gibt jährlich die so genannten BDS-Zahlen aus der Industrie, die oft kleine Rückgänge der Verkaufszahlen beinhalten. Aber viele kleinere Marken wie Goya, Patrik oder NoveNove werden dort gar nicht erfasst und die traditionellen Branchen-Größen wie Mistral oder F2 sind schwer unter die Räder gekommen. Der Produzent Cobra veröffentlicht keine genauen Zahlen, aber wir bei Fanatic können uns nicht beschweren, wir sind mittlerweile nicht nur in Deutschland Marktführer, sondern auch weltweit.

Die Surfschulen sind voll, trotzdem kommen nur wenige Surfschüler auch bei den "echten" Windsurfern an...
Ich denke, dass so viele Leute mit Windsurfen anfangen, zeigt, dass der Sport nach wie vor attraktiv ist. Aber ich glaube nicht, dass Leute in eine Surfschule gehen, um eine Woche lang mit Dickschiffen und Minisegeln über den See zu tuckern. Die wollen Action, Gleiten, Tricks und haben einen gewissen Lifestyle oder Videos im Kopf. Die Realität auf dem Wasser ist dann ernüchternd – vor allem wenn nebenan, im Kitekurs, die Anfänger nach drei Tagen gleiten.

Hat Kiten Wettbewerbsvorteile?
Nein. Viele Surfschulen wollen nur 150 Anfänger durchschleusen pro Woche –mit so wenig Lehrern wie möglich. Dann werden die Leute auf Riesenboards gestellt, damit sie bloß nicht nass werden. Früher war Windsurfen schwieriger zu lernen, aber es war Gleiten, Kampf, Gefahr. Sicher braucht man für die ersten Stunden ein großes Board und nicht überall gibt’s regelmäßig Gleitwind. Aber wenn möglich, sollte Gleiten und Surfen mit großen Segeln im Fokus stehen. Fortgeschrittenenkurse bieten viele Schulen nur alibi-mäßig an, auch weil ihnen qualifiziertes Personal fehlt und man weniger verdient. Beim Kiten gehen die bei 25 Knoten raus und schulen mit drei Leuten pro Lehrer, beim Windsurfen bleibt man am Strand und sagt, es sei zu viel Wind. Das Problem ist, dass wir mit Windsurfen im Wettbewerb zu vielen anderen Funsportarten stehen. Die jungen Leute wollen Action und einen coolen Lifestyle – und das am besten sofort. Das gilt es rüberzubringen. Deshalb sage ich: ‚Lasst uns die Spitze des Sports promoten, denn sie bringt die Leute zum Träumen und kreiert ein bestimmtes Image.‘

F2, Mistral, Hifly – das waren alles große und bekannte Marken, die komplett oder annähernd in der Versenkung verschwunden sind. Welche Fehler hat Fanatic nicht gemacht?
Generell ist der Markt nicht einfach. Aber wir stellen immer wieder fest, dass die Leute nach wie vor großes Interesse an Neuheiten haben. Wenn man innovativ ist und neue Produkte entwickelt, kann man auch Boards verkaufen. Voraussetzung ist natürlich, dass die Sachen auch funktionieren, nur was Neues rauszuhauen reicht alleine natürlich nicht.

Fanatic war früher nie die Marke, die als Trendsetter bekannt war. Multifin-Waveboards, kompakte Freerider, Foils – das waren immer die Anderen...
Das stimmt, wir sind nie jedem Trend hinterhergerannt und vielleicht waren wir früher teilweise zu zögerlich. Aber ich denke, es ist dumm, Trends zu forcieren, die nicht sinnvoll sind! Nach 38 Jahren auf dem Markt erwarten die Kunden, dass Neuheiten nicht nur "neu"  sind, sondern komplett ausgereift. Keine Schnellschüsse! Heute sind wir sicher bei vielen Dingen auch Vorreiter, wenn man die Stubby-Waveboards sieht oder unseren neuen Blast. Es war richtig, etwas mutiger zu werden.

Aktuell sind Foilsurfen und aufblasbare Gleitboards in aller Munde. Von eurer Seite kommt da relativ wenig. Verpasst ihr gerade den Anschluss?
Wir arbeiten an beiden Projekten und sind wahrscheinlich genauso weit wie andere Marken, mit dem Unterschied, dass wir nicht einfach was auf den Markt schmeißen, was nicht fertig entwickelt ist. Wenn unser Produktmanager Dani Aeberli an einem Freitag bei Cobra mitbekommt, wie die Konkurrenz hektisch an Neuheiten tüftelt, diese noch testet und am Montag darauf flattert die Pressemitteilung zum neuen Produkt rein, ist das traurig. Das ist nicht unser Stil.

Was hältst du von aufblasbaren Gleitbrettern? Zukunft oder Marketing-Murks? 
Generell finde ich die Idee super. Aber wenn man ehrlich ist, passt das Verhältnis aus Gewicht, Fahrleistung und Preis nicht zusammen. Für weniger Geld bekommst du ein festes Board mit viel besserer Leistung. Aktuell erschließt sich mir der Sinn nicht: Als Familienvater mit zwei Kindern schleppt man sowieso derart viel Krempel mit, dass die Surfausrüstung im Urlaub aufs Dach muss. Wer alleine nach Feierabend noch zum Spot fährt, bekommt sein festes Brett in jeden Golf. Wo also ist der Vorteil? Aber ich denke, dass sich das entwickeln wird. Irgendwann kommen aufblasbare Riggs mit akzeptabler Leistung dazu und dann wird ein Schuh daraus. Beim SUPen hingegen sind Inflatables die Lösung – billiger, platzsparender und mit fast gleicher Performance. Außerdem taugen sie perfekt als Familienbrett.

Auch beim Foilen haltet ihr euch bisher eher zurück. Warum?
Wir arbeiten an einem einfachen Aluminiumfoil. Ich glaube, dass Foils das Potenzial haben, Windsurfen bei Leichtwind zu revolutionieren. Wenn man früher gleiten und kleinere Segel nutzen kann, ist das ein gewaltiger Vorteil. Bei mehr Wind sind normale Slalomboards immer noch schneller als Foils, bei Starkwind ist Foilsurfen in meinen Augen kompletter Schwachsinn. Daher denke ich, wir sollten uns auf einfache und erschwingliche Konzepte für Leichtwind konzentrieren und nicht wieder gleich zu speziell und radikal werden. Beim Worldcup-Racing kann es ebenfalls sehr interessant werden – "Fähigkeit statt Fett", das wäre mal wieder spannend und könnte alles umschmeißen. Dort würden dann aber sicher Spezialfoils verwendet, die von reinen Foilherstellern entwickelt würden. Als Windsurfmarke macht es keinen Sinn in diesem Bereich hinterherzuhecheln. Und man sollte nicht den Fehler machen, den Leuten zu sagen, Foilen sei einfach.

Wie anspruchsvoll ist Foilen deiner Meinung nach?
Man braucht Zeit, um es zu lernen. Wenn jemand behauptet, dass man sowas nach einem Tag kann, ist das Quatsch. Viele Leute haben wenig Erfahrung und können den Wind vom Ufer aus nicht auf zwei oder drei Knoten genau einschätzen. Und das kann draußen Probleme geben und auch nicht ganz ungefährlich sein. Trotzdem bin ich überzeugt, dass sich Foilsurfen vor allem in Leichtwindrevieren und auf Binnenseen etablieren wird.

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Surftest in Südafrika
Surftest in Südafrika

Auch das Thema "Nachhaltigkeit" kommt im Windsurfen an. Aktuell surfen wir auf Sondermüll, der zu fast 100 Prozent aus Erdöl hergestellt wird. Wann gibt’s das erste Bio-Board? 
Schon vor zwei Jahren haben wir bei Boards & More einen großen Workshop zu diesem Thema gemacht. Ich glaube, dass man dieses Problem in den nächsten 15 Jahren nicht zu 100 Prozent lösen kann, komplett "grüne" Boards wird es in absehbarer Zeit nicht geben und auch bei der Konkurrenz habe ich abgesehen von einigen Prototypen bisher noch nichts serienreifes gesehen. Aber Vieles kann sich verbessern. Wichtig ist nur, dass wir kein "greenwashing" betreiben, also Sachen erzählen, die nicht der Realität entsprechen. Beispiele aus anderen Branchen zeigen, dass solche Marketing-Kampagnen voll nach hinten losgehen können. Natürlich findet jeder die Idee gut, auf "grünen" Boards zu surfen – aber nimmt man dafür auch eine schlechtere Performance und einen höheren Preis in Kauf?

Niemand erwartet gleich ein Brett, das zu 100 Prozent "bio" ist. Aber einfach weiter wie bisher ist auch keine Lösung, oder?
Wir haben schon vor einigen Jahren Boards mit Decks aus Kork gebaut. Kork ist weich, hat aber ein "Gedächtnis", was heißt: Drückt man es ein, bewegt es sich in seine ursprüngliche Position zurück. Dadurch hat es sogar Vorteile gegenüber normalem Sandwich-Material, welches, einmal gestaucht, eingedrückt bleibt. Besonders für Free­­rideboards erschien uns Kork daher ein idealer Werkstoff zu sein. Die Decks waren naturgemäß nicht so hart wie die herkömmlicher Bretter und viele Kunden haben die Boards zurückgebracht, weil sie dachten, es sei delaminiert und weichgetreten – was nicht der Fall war. Deshalb sind solche Innovationen manchmal schwierig.

Starboard beispielsweise verwendet Bioharz für seine Boards, scheinbar ohne Probleme. Gewisse Änderungen scheinen also machbar zu sein!
Bioharz war eine Idee des Herstellers Cobra! Eine gute Idee, denn es ist wichtig, in diese Richting weiterzugehen. Dass man das dann als seine eigene Errungenschaft promotet, sehe ich natürlich sehr kritisch.

Das Bio-Label ist in der Praxis oft ein Marketing-Instrument, um Preis-­erhöhungen zu rechtfertigen!
Solange nur ein oder zwei Hersteller neue Materialien wie Bioharze verwenden, sind die Abnahmemengen gering und der Preis hoch. In diesem Fall hat Cobra das für alle dort produzierten Marken umgesetzt und eingekauft, das ist natürlich ideal, weil die Preiserhöhungen dann im Rahmen bleiben.

Trotzdem werden auch in Zukunft die Preise wohl weiter steigen, "bio" hin oder her. Wird Windsurfen immer mehr zum Sport der Reichen?
Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass die Preise im Windsurfen überproportional teurer geworden sind als in anderen Bereichen des Lebens. Auch ich habe früher mein erstes Material mühsam abgestottert, Windsurfmaterial war schon immer teuer. Wenn man sich die komplette Produktkette ansieht, stellt man fest: Cobra als Produzent? Stand lange am Abgrund. Importeure und Shops? Kalkulieren am Limit und machen ihr Geld mit anderen Sachen abseits des Windsurfens. Die Teamfahrer? Werden auch nicht mit dem Privatjet um die Welt geflogen und auch ich fahre leider keinen Porsche (lacht). Wo also bleiben die Unsummen, die angeblich verdient werden? Viele Leute denken immer noch, dass Windsurfboards in Thailand aus einer Maschine fallen. Das war früher, in den Hochzeiten so, da fielen bei Bic oder Hifly 500 Bretter auf Knopfdruck raus. Heute steckt richtig viel Handarbeit drin – und die wird auch in Fernost immer teurer.

Früher hatte jede Marke je ein Modell für Wave, Freeride, Slalom. Heute zahlt der Endkunde die hohen Form- und Entwicklungskosen für unzählige Modelle und Bauweisen mit.
Das ist richtig. Deshalb schrumpfen ja auch die Paletten von vielen Marken. Wir haben als Weltmarktführer bei weitem nicht die größte Palette und auch 2018 wird diese nochmal um fast 20 Prozent verkleinert. Der Modellwahn macht Cobra auch sehr ineffizient: Für alle Modelle und Größen müssen Formen gebaut werden, die Prototypen werden dann wieder und wieder modifiziert, all das kostet Geld. Auch dass Cobra neben den Windsurfmarken viele kleine Kunden für Surf- und SUP-Boards hat, macht die Produktion ziemlich ineffizient. Aber man darf nicht vergessen, dass es heute auch gute Boards in günstiger Bauweise für 1200 Euro gibt! Man sollte nicht nur die offiziellen Verkaufspreise als Maßstab nehmen, sondern sehen, was wirklich gezahlt wird.

Trotzdem: Wenn eine Team Edition 2500 Euro kostet und ein Custom- Made-Brett fast das gleiche, verwundert das schon!
Früher gab es Thommen, Copello und andere große Namen. Das waren Ikonen, die konnten auch damals Tausende von Mark pro Board nehmen, die Leute haben es gekauft. Wer aktuell ein Custom "Made in Germany" will, etwa von Günter Lorch, der zahlt auch 3000 Euro. Aber wer ist der Mann hinter Custom-Marken wie Flikka? Woher kommen die Designs? Wer testet und entwickelt? Ich weiß es nicht!

© Fanatic
Craig Gertenbach, Marketing-Meeting in München
Craig Gertenbach, Marketing-Meeting in München

Du sitzt als Industrievertreter auch im offiziellen Member Board der PWA, die die Worldcups organisiert. Ein aktueller Blick auf den Tourkalender verrät, dass Slalom boomt, Freestyle vor die Hunde geht. Woran liegt das?
Die PWA arbeitet ja immer mit lokalen Veranstaltern zusammen. Meist sind das selber Windsurfer und die haben aus persönlichen Gründen oft mehr Lust auf Slalom. Auch sind unter den Slalomfahrern die größeren und bekannteren Namen, die man noch aus den Hochzeiten des Windsurfens kennt. Und für Freestyle ist der Aufwand für das komplizierte Judging deutlich höher. Schade, denn die Disziplin hat so viel zu bieten.

Selbst interessierte Windsurfer blicken angesichts der unfassbaren Moves im Freestyle überhaupt nicht mehr durch, vom normalen Strand-besucher ganz zu schweigen. Hat Freestyle sich zu Tode entwickelt?
Gegenfrage: Wer kann beim Eiskunstlauf, Skaten oder Snowboarden einen Wettkampf verfolgen und ernsthaft nachvollziehen, was die Elite da macht? Niemand! Trotzdem schaut man es sich gerne an, weil es unglaublich spektakulär ist. Und wenn auf Sylt ein Slalom läuft, blicken 95 Prozent der Zuschauer auch nicht durch. Dieses Argument lasse ich also nicht gelten. Aktuell gibt es bei der PWA Überlegungen, die Standards für Freestyle-Contests zu senken, damit diese wieder öfter stattfinden können.

Was bedeutet das? Noch weniger Preisgeld?
Im Prinzip ja. Die Fahrer müssen entscheiden, ob sie mehr Events wollen und dafür geringeres Preisgeld und reduziertes Set-up an Land in Kauf nehmen.

Die werden begeistert sein...
Letztlich gehört die PWA den Fahrern! Es ist eine Fahrervereinigung, die Sportler entscheiden, nicht irgendwer. Trotzdem denke ich, dass es wichtig ist, gewisse Standards zu wahren.

Die International Windsurfing Tour (IWT) hat 2017 zehn Events in Peru, Maui, Marokko, Barbados, am Columbia River und an anderen Top-Spots der Welt im Kalender. Die PWA-Tour kommt da im Vergleich oft etwas dröge daher.
Die IWT verfolgt einen völlig anderen Ansatz, das hat mit professionellem Windsurfen wenig zu tun: Aber wenn die Fahrer in der PWA sagen, dass es okay ist, einen Contest ohne Preisgeld, Hotel, Mittagessen oder Materiallager zu machen und vom besten Kumpel seines Konkurrenten gejudgt zu werden, dann kann das gehen. Ich glaube aber nicht, dass dies das Ziel sein sollte.

Winterzeit ist Wechselzeit – viele Fahrer suchen neue Sponsoren. Bei euch tut sich meist relativ wenig, euer Kernteam ist seit langer Zeit das gleiche. Philosophie?
Langfristigkeit ist wichtig und wir versuchen immer, Leute ins Team zu holen, die zu uns passen und lange bleiben. Manchmal musst du Fahrer ziehen lassen, Marcilio Browne war so ein Fall. Er hatte einfach ein zu gutes Angebot. Fahrer wie Gollito Estredo, Klaas Voget, Victor Fernandez, das sind langjährige Partner, genau wie unser Shaper Sebastian Wenzel. Man baut ein Image um sie herum auf, macht Fotoshootings, Werbung – all das kostet Geld und wenn ein Fahrer nach einem Jahr wieder geht, kannst du alles in die Tonne treten.

Was ist wichtiger – Image oder Ergebnisse?
Beides. Leute wie Max Droege z.B. sind total offen und freundlich, einfach gute Botschafter. Er muss keine Worldcups gewinnen, sondern soll uns auf nationalem Level würdig vertreten. Beim internationalen Team sollten unsere Fahrer das Potenzial für die Top-10 haben. Zusätzlich ist aber der Charakter entscheidend. Wenn du als Hobby-Surfer am Strand einen arroganten kleinen Star triffst, färbt das auf die Marke ab. Leute mit Allüren sind schwierig, dafür ist der Sport heute zu klein. In den 90ern konnten auch solche Typen noch erfolgreich sein, heute nicht mehr! Da sind mir Fahrer wie Victor Fernandez lieber: Weltmeister, aber mit 100 Prozent Bodenhaftung.

Aktuell ist mit Ricardo Campello einer der besten Windsurfer des Planeten auf dem Markt. Ein Typ für euer Team?
Eher nicht, obwohl ich ihn wirklich gerne mag. Er ist ein guter Typ mit viel Temperament, aber er hat ein loses Mundwerk (lacht). Irgendwann muss man es als Pro einfach lernen, sich zu verkaufen und zu beherrschen, sonst bringt das nur Unruhe ins Team. Trotzdem kann er für eine Marke einen Wert haben und ich hoffe, dass er bald Sponsoren findet.


© Samuel Tomé
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