Finian Maynard

  • Thilo Kunzelmann
 • Publiziert vor 16 Jahren

Weil er an Dunkis Privat-Speedrekordversuch nicht teilnehmen durfte, ließ Finian Maynard den legendären Speedkanal in Südfrankreich wieder ausbaggern und stellte selbst einen Hochgeschwindigkeits-Contest auf die Beine. Und holte sich aus Trotz prompt den Speedweltrekord.

Finian Maynard mit Kampfgewicht am Speedkanal

Es würde „The Big Day“, hatte Pascal Maka nach einem Blick auf die Windprognosen am Vorabend verkündet. Gemeinsam mit Finian hat er den Rekord-Event „Masters of Speed“ organisiert. Maka surft nicht mehr selbst um die Bestzeit, sein Herz hat der ehemalige Rekordhalter aber trotzdem an das Projekt gehängt. Seit den ersten schnellen Runs Ende Oktober war er sich sicher, dass Thierry Bielaks Weltrekord von 1993 (83,97 km/h über 500 Meter) zu schlagen war. Entweder von Maynard, von Bielak selbst oder einem der anderen acht Starter. Zum Materialtesten und Trainieren hatte bisher der Wind genügt, für den Rekord nicht. Dabei ist Südfrankreichs Küste bekannt für Winterstürme: bei Mistral aus dem Rhônetal sind 30 Knoten keine Seltenheit, aber immer noch zu wenig. Richtig guten Wind liefert eigentlich nur Le Marin. In einem fast perfekten Winkel trifft dieser Schlechtwettersturm mit bis zu 40, 50 Knoten aus Südost auf den Kanal. Nur leider nicht allzu oft. Zur Passivität verdammt, verfolgt Finian schon Tage vorher jedes Tiefdruckgebiet, das in Richtung Golf du Lion zieht.

Während der Rekordphase legte Finian Gewicht zu und wog, bei 1,90 Meter, knappe 120 Kilogramm. Wer mehr Masse hat, so die Theorie, hält größere Segel und surft schneller. Die Praxis ist komplizierter. Ein Wasserstart bei Windgeschwindigkeiten um die 40 Knoten ist schon mit einem normalen Brett schwer. Auf Maynards super schmalen Rennbrettern wird er zum Balanceakt. „Bloßes Fett macht dich nur unbeweglich“, sagt er. „Mehr Muskelmasse ist gut, aber die Ausdauer darf nicht darunter leiden.“ Die Küche ihrer kleinen Wohnung lässt erahnen, welche Mengen an Essen, neben Stunden im Kraftraum, dafür nötig waren. Seit April bereitet sich Finian auf die normale Worldcup-Saison vor. Er hat seinen Trainingsplan geändert und macht Diät. „Für die Formula-Rennen brauche ich mehr Ausdauer und weniger Kraft, 110 Kilo reichen da völlig.“ Den nötigen Kalorienbedarf hat er, aufs Gramm genau, in Reis, Thunfisch, Eier und Gemüse umgerechnet. Jede Mahlzeit kommt auf eine Briefwaage und wird plangetreu rationiert.

So konsequent war er nicht immer. „Früher bin ich einfach surfen gegangen.“ Als er sechs Jahre alt war, verließen seine Eltern Irland und ließen sich in der Karibik, auf den British Virgin Islands, nieder. Finian begann zu surfen, nach einigen Jahren gewann er die ersten Jugendregatten. Nach dem College zog er nach Maui. „Mit 17 bin ich mein erstes Slalom-Weltcup-Rennen gefahren. Ich hatte mir von Matt Pritchard ein Brett ausgeliehen, der wollte dafür die Hälfte meines Preisgeldes. Wir haben beide darüber gelacht. Völlig überraschend bin ich Zweiter geworden und bekam 11000 Dollar in die Hand gedrückt.“ Zähneknirschend hat er gezahlt. Am Ende seiner ersten Saison rangierte er im Slalom-Weltcup unter den besten Zehn. Die Speed-Weltmeisterschaft in Leucate gewann er viermal in Folge. 2001 fand die WM zum letzten Mal statt und im Worldcup wechselte man vom Slalom- zum Formulaformat. Er legte eine Wettkampfpause ein und ging auf Rekordjagd. Doch nach dem 11. September sprang sein Hauptsponsor ab. Seine Ersparnisse verpufften, und der Worldcup lief ohne ihn.

Als ihn Robby Naish im Frühjahr vergangenen Jahres fragte, ob er an Björn Dunkerbecks Weltrekordversuch teilnehmen wolle, überlegt er nicht lange, reiste nach Maui und trainiert mit Naish. Gestartet ist er nie, Dunkerbeck war dagegen. „Anfangs war ich frustriert, dann dachte ich mir: Versuch es selbst.“ Mit Makas Hilfe pachtet er den künstlichen Speedkanal in Saint Maries de la Mer. Thierry Bielak will seinen Rekord verteidigen und ist sofort dabei. Acht weitere Surfer stoßen dazu, zahlen je etwa 3000 Dollar Startgeld, Finian findet mit Naish, F2 und Pro Limit neue Sponsoren – das einzige, was Anfang noch fehlt, ist ein echter Sturm.

„Sechs Uhr morgens wachten wir auf, weil der Sturm gegen die Fensterläden schlug", schreibt Finian in seinem Webeintrag vom 3. Dezember 2003. Drei Stunden später kauert er auf der Dammkrone des Kanals und wartet. Der Sturm ist da und alles andere weit weg. „Ein unglaublicher Zug ging durch meinen Körper", beschreibt er diesen Moment. „Der Wind muss mich in drei, vier Sekunden auf 40 Knoten beschleunigt haben.“ Nach einigen Metern ist er so schnell, dass die Finne seines Bretts das Wasser aufreißt und weiße Gischt in die Luft schleudert. „Ich hatte noch auf der Ziellinie das Gefühl zu beschleunigen, beinahe wäre ich in die hintere Kanalwand gekracht.“ Auf der Anzeigetafel stehen 45,8 Knoten (84,83 km/h), ein neuer Weltrekord zum Frühstück. Seine Freundin erzählt später, er habe sich in den Stunden danach fast wie ein Autist verhalten. Hochkonzentriert, weit weg und kaum ansprechbar. Am Ende des Tages steht der Surfweltrekord bei 46,24 Knoten (85,63 km/h), nur ein Bruchteil langsamer als der absolute Rekord des Kats Yellow Pages (46,54 Knoten).

In den Monaten bis Mai, dem Ende der Stand-by-Speed-Session, überwindet Finian noch dreimal die 46-Knoten-Marke. Selbst die Segelcrew der Yellow Pages hatte das nicht geschafft. „Deren Rekord ist nur eine Frage der Zeit", sagt er, während er in eine Decke gewickelt auf seinem Bett sitzt. „Die 50-Knoten-Barriere wird schon schwieriger.

„Abwarten“, sagt er und beendet die Theoriedebatte, indem er demonstrativ den Fernseher lauter dreht. Der Rugbyklassiker England gegen Irland beginnt. Extra für das Spiel hatte er das Training vorverlegt: Der Fitnessraum war noch geschlossen, aber er entdeckte ein offenes Schiebefenster und kletterte auf den Fenstersims. Eineinhalb Stunden lang quälte er sich an den Geräten. Bei 110 Kilogramm lief sein Kopf rot an, er atmet schneller, aber am Limit schien er nicht. Zwei Stunden später sitzen wir wieder vor dem Fernseher und schweigen andächtig. Irland gewinnt und wir gehen feiern, den irischen Sieg und ein bisschen auch den Rekord. Doch Finians Patriotismus hält nicht lange. In der einzigen Disko des Dorfes läuft Dancehall. Die Karibik ist zurück und Finian groovt begeistert durch den Raum. Doch nach einigen Gläsern Schampus sitzt er K.o. in der Ecke. „Ich bin überhaupt nichts mehr gewöhnt“, stellt er erstaunt fest und beschließt ins Bett zu gehen. Vielleicht kann man ja morgen doch surfen.

Finian und sein Rekordmaterial – 5,5er-Naish-Speedsegel und ein Naish-Board mit 34 Zentimeter Breite. Seit neuestem setzt Finian auf Speedboards von F2.

sssssssssssssschnell.......

Finian ohne „Speedballast"


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