Redaktion

Gollito Estredo

23.04.2007

Vom Sohn eines Fischers aus El Yaque zum jüngsten Freestyle-Weltmeister aller Zeiten – Jose Gregorio Estredo Perez, genannt Gollito. Nach Ricardo Campello ist er schon der zweite Champ der Trickser aus dem Starkwind-Dorf auf der Isla Margarita. Doch seiner Mutter ist das eigentlich gar nicht Recht – für sie ist das Meer kein Spielplatz.

Jose Gregorio Estredo, besser bekannt als Gollito. Das neue Freestyle-Wunderkind. Gollito wurde auf der Isla de Margarita, Bundesstaat Nueva Esparta in Venezuela, als Sohn eines Fischers geboren und wuchs gemeinsam mit einigen Brüdern, Schwestern und Hunden in dem alten Fischerpart El Yaques, dem Ortsteil, in den sich Touristen nur äußerst selten verlaufen, in einer kleinen, beengten Hütte auf. Kein fließendes Wasser und das Leben mit ständigen Stromausfällen könnten einem das Leben schwer machen, nicht aber dem kleinen Gollito, was übrigens die kurze und faule Aussprache seines kompletten Namens Jose Gregorio ist. Trotz aller Schwierigkeiten, auf jeden Fall erscheinen sie jedem Westeuropäer als Schwierigkeiten, versuchten die Kids in El Yaque immer das Beste aus ihrem Leben zu machen und genossen einfach alles so wie es war. Sie kannten auch nichts anderes, bis die Windsurfer das kleine Fischernest im Süden der Isla Margarita für sich entdeckten. Mit dem Bau der ersten Hotels und Windsurf Center in El Yaque änderte sich natürlich auch das Leben und den Kids wurde eine komplett neue Welt dargeboten, als sie zum ersten Mal die bunten Boards und Segel über karibische Gewässer fliegen sahen. Für die damaligen Kinder wie Gollitos Bruder Leo, Cheo Diaz, Diony Guadagnino und Alexis Zabala war es nicht mehr möglich, einfach nur noch am Strand zu stehen und zuzusehen, wie die Europäer sich beim Windsurfen vergnügten. Sie begannen, an den Windsurf Centern auszuhelfen und zu arbeiten, mit nur einem einzigen Ziel, aufs Wasser zu kommen und ihrer neuen Sucht nachzugehen. Mit ihrem karibischen Lebensstil und ihrer Einstellung mussten sie sich keine Sorgen um die ersten Lernerfolge machen, die kamen wie von selbst. Der Slogan „just do it“ würde ihren Style wohl am treffendsten beschreiben. Und der damals sehr kleine und schmächtige Gollito? Natürlich konnte auch er der Versuchung nicht widerstehen, nur war es für ihn mit seinen knapp acht Jahren unmöglich, Arbeit an einem der Windsurf Center zu finden, um so deren Boards nutzen zu dürfen. Also entschied er sich seinem Bruder Leo dabei zu helfen, die Boards für die Touristen zu tragen, defekte Bretter zu reparieren, die Schule zu säubern, kurz, einfach seinem Bruder, der nebenbei zu einem der besten Windsurfer wahrscheinlich nicht nur in El Yaque wurde, in jedem Bereich zu helfen, bis Leo endlich ein Einsehen hatte und seinem kleinsten Bruder endlich die ersten Schritte auf dem Windsurfer beibrachte. Sein persönlicher „point of no return“ – der Kleinste von allen bekam seine Chance, es allen zu beweisen, und er wollte sie wahrnehmen. Während die gesamte Windsurfwelt bereits Gerüchte über den kommenden Windsurfstar aus El Yaque und mittlerweile dreifachen Weltmeister Ricardo Campello vernahm, nutzte Jose Gregorio Estredo seine Zeit, um Ricardo, Cheo, dem Holländer Remko de Weerd, welcher bereits fester Bestandteil El Yaques geworden war, zuzuschauen, alles aufzusaugen, immer mit dem Gedanken, es eines Tages noch besser zu machen. Windsurf-Worldcupper wie Kevin Pritchard verließen die Isla Margarita mehr als einmal ziemlich deprimiert, nachdem sie einige Moves über Wochen trainierten, nur um sich dann ansehen zu müssen, wie der Kleinste alle Moves in zwei Tagen erlernte und das auch noch mit einem riesigen Grinsen im Gesicht. Jetzt ist er der jüngste Weltmeister in der PWA-Historie. Dein kompletter Name lautet Jose Gregorio Estredo Perez, aber jeder nennt dich Gollito. Was bedeutet es und ist es o.k., wenn man dich mit diesem Namen anspricht?

Gollito ist mehr als nur ein Kosename, er ist die Kurzform für Jose Gregorio. Er ist eigentlich mein offizieller Name, niemand nennt mich Jose Gregorio. Ich lebe mit dem Namen seit meiner Kindheit und er gefällt mir. Du wirkst wie der perfekte Freestyler, auch wenn du im Verlauf des Jahres um einiges kräftiger geworden bist. Was sind deine Maße und denkst du, dass sie zu einem 17-jährigen Windsurfpro passen?

Ich bin 1,70 Meter groß und wiege 69 Kilo. Ich fühle mich stark genug, um in der Windsurfelite auf Dauer oben mithalten zu können. Ich habe in den vergangenen Jahren extrem hart trainiert, und so ist mein Körperbau natürlich um einiges kräftiger geworden. Du lebst in El Yaque auf der Isla Margarita in Venzuela, an einem der Top Freestyle Spots weltweit. Wurdest du dort geboren und bist du dort aufgewachsen?

Ja, ich bin in El Yaque geboren und mit dem Wind aufgewachsen. Du hast bereits einige Sponsoren in jungem Alter. Wie hast du dich gefühlt, als du deine ersten Verträge unterzeichnen konntest und gemerkt hast, dass du mit dem Surfen Geld verdienen kannst?

Meine Sponsoren sind Fanatic, North Sails, Dwarf 8, MFC und ION Wetsuits. Meine ersten Sponsoren waren Fanatic und North Sails. Sie gaben mir mein erstes eigenes Board und Segel, und ich war überglücklich, weil ich wusste, dass dies der erste Schritt zu einer Profi-Karriere sein könnte. Hat dein erster Sponsorvertrag dein Leben verändert?

Zuerst nur, dass ich endlich mit meinem eigenen Material fahren konnte und nicht jedes Mal meinen Bruder Leo anbetteln musste, aber ich wusste, dass ich jetzt noch härter arbeiten musste um, mein Ziel, die Profi-Karriere, auch wirklich zu erreichen. Ich arbeitete am Planet Windsurf Center in El Yaque und trainierte, wann immer ich konnte. Du hast deinen Bruder erwähnt, ist Familie sehr wichtig für dich und wie war deine Kindheit?

Ich habe eine tolle Familie, sie haben mich immer unterstützt und sind jetzt sehr stolz auf mich, auch wenn ich manchmal etwas schwierig war und immer wieder für einige Verrücktheiten gut war. Wie bist du zum Windsurfen gekommen? Mein Bruder Leo hat früher an einem Windsurf Center gearbeitet. Ich war immer an seiner Seite und habe ihm geholfen, dafür hat er mir das Windsurfen beigebracht. Mittlerweile ist er Profi-Kitesurfer, aber ich liebe das Windsurfen und bleibe ihm treu. Deine Segelnummer ist V-01. Hat das eine spezielle Bedeutung?

Ja, das ist der Platz auf dem Podium, den ich immer erreichen wollte und will. Davon habe ich immer geträumt. Was denkst du über die Freestyle Moves und einige ihrer Namenwie Gozada oder Pippa?

Ich mag einfach alle Freestyle Moves und auch ihre Namen. Ich finde es recht lustig, auch wenn meine Moves, wie der Burner, ziemlich normale Namen bekommen haben. Wenn du alle Moves magst, hast du keinen Favoriten? Doch klar, ich mag den Shaka into Flaka Diablo oder Cana Brava, die sind recht schwierig und das ist es, was ich mag. Und natürlich den Burner, weil den immer noch nicht so viele Fahrer konstant können... Ist Freestyle deine absolute Lieblingsdisziplin? Das kann ich einfach am Besten, aber ich möchte auch eines Tages in der Welle angreifen, vielleicht ja schon bald. Zudem trainiere ich hin und wieder Slalom, das ist auch ziemlich witzig und harte Arbeit. Du lebst in El Yaque, ist es auch dein absoluter Lieblingsspot oder hast du mittlerweile einen Spot entdeckt, den du bevorzugen würdest?

Natürlich ist El Yaque mein absoluter Lieblingsspot für Freestyle und Slalom. 2007 werden wir nun endlich wohl auch einen Worldcup hier haben. Aber ich mag auch Bonaire für Freestyle und natürlich das Springen in Pozo auf Gran Canaria. Du hast in deiner jungen Karriere bereits sehr viele Plätze bereist. Hattest du deine besten Sessions und Zeiten auch auf Bonaire und in El Yaque?

Tatsächlich mag ich es sehr gerne, bei Messen und Festivals wie den surf-Festivals Gardasee in Italien und dem Mission Event in Holland zu sein. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Leute dorthin kommen und wie viele davon mich kennen.... 2006 standen auf dem Terminplan der PWA Freestyle-Worldtour mit Österreich, Fuerteventura und Sylt drei Events. Beim ersten und letzten gab es leider nicht ausreichend Wind. Aber auf Fuerte hast du alle dominiert. Gab es ein Geheimnis?

Ich denke, dass Fuerteventura ein super Platz für Wettkämpfe ist. Ich bin eine Woche früher angereist, um meine neuesten Moves zu festigen und mich beim Contest bestens konzentrieren zu können und so den Wettbewerb auch zu gewinnen. Die Freestyle-Manöver sind ziemlich hart und schwierig und es ist extrem schwer, eine perfekte Performance abzuliefern. Wie bereitest du dich auf einen Contest vor?

Ich versuche, mich vor den Heats völlig zu entspannen, mit Musik oder indem ich einfach alleine am Strand sitze. Auf die Art und Weise kann ich mich perfekt konzentrieren und meine Moves sauber ausführen. Jetzt bist du Weltmeister, der jüngste in der PWA-Geschichte. Hast du jemals gedacht, dass du nach dieser Saison ganz oben stehen würdest? Und wer war dein härtester Gegner?

Ich habe davon geträumt, ganz oben zu stehen und ich kann es immer noch nicht glauben! Es war sehr hart gegen Taty Frans und auch gegen Antxon Otaegui zu fahren, aber ich bin einfach glücklich, alle geschlagen zu haben und bereits letztes Jahr Weltmeister geworden zu sein. Auf der PWA-Worldtour gibt es die verschiedensten Fahrer aus den unterschiedlichsten Ländern. Wer sind deine speziellen Freunde auf der Tour?

Für mich wäre es riesig, alle als Freunde haben zu können, aber am meisten unterwegs bin ich mit Diony Guadagnino, Cheo Diaz, Ricardo Campello, Victor Fernandez, Marco Perez (die Red.: ein Freund aus Venezuela), Tom und Yoli Brendt und noch ein paar mehr. Gibt es außer dem Windsurfen noch andere Sportarten in deinem Leben?

Ja, Fußball und Motocross, wobei ich letzteres an den Nagel hängen werde, nachdem erst kürzlich ein sehr guter Freund mit seinem Motorrad tödlich verunglückt ist. Du hast die Welt bereits bereist, viele verschieden Kulturen kennen gelernt, aber welches Essen liegt dir am meisten?

Eindeutig Pasta mit Red Bull als Getränk. Bevorzugst du eher Party oder einen ruhigen Abend zu Hause?

Beides, nach den Contests mache ich gerne einmal mächtig Party, aber zu Hause spiele ich lieber an der Playstation oder gehe ins Kino. Was bedeutet dir deine Familie und Familienleben? Meine Mutter bedeutet mir sehr viel, sie hat immer versucht, mich vor allem zu beschützen, auch vor dem Windsurfen. Ich muss ihr immer wieder klarmachen, dass ich mich auf dem Wasser einfach vor nichts fürchte. Aber es gefällt mir, dass sie mich trotzdem beschützen möchte. Was ist das Wichtigste in deinem Leben? Ganz klar meine Mutter, vor allem, nachdem mein Vater im vergangenen Jahr gestorben war. Was denkst du über deine Zukunft, was würdest du sehr gerne einmal machen?

Ich denke noch nicht so sehr in die ferne Zukunft. Ich möchte mir noch weitere Träume erfüllen und dann fange ich an, mir Gedanken über die Zukunft zu machen. Du bist mit sehr vielen Geschwistern in einem kleinen Haus aufgewachsen. Du musstest auf sehr viele Dinge verzichten, um ein einigermaßen normales Leben führen zu können. Das Leben als Profi-Windsurfer hat dich in eine völlig andere, neue Welt gebracht. War es ein sehr schwieriger Schritt? Genießt du ihn oder lebst du weiter wie vorher?

Ja, mein Leben hat sich völlig geändert, ich lebe gerade ein neues Leben. Es war schon ziemlich schwierig, mit so vielen Leuten in unserem Haus zu leben und aufzuwachsen. Nach meiner Geburt haben sich meine Eltern getrennt, was ziemlich hart für mich war. Erst das Windsurfen gab mir die Chance zu einem anderen Leben... Was waren die wichtigsten Schritte in deinem Leben? Ein Profi-Windsurfer zu werden, Wettkämpfe zu bestreiten, die Erkenntnis, dass man hart arbeiten muss, um sich seine Wünsche und Träume erfüllen zu können, das war bisher das Wichtigste von allem.

Fotos und Interview: Tom Brendt

 

 

Abhängen zuhause mit Ricardo Campello

GESCHAFFT!!!

Weitere Stories

  • A letter to Robby Naish

    18.04.2013

    Briefe verraten viel über Menschen. Und wenn man die Zeilen, die Robby Naish und Kai Lenny vor über zehn Jahren ...

    Mode: autoRelated
    Mode-Category: article
    Preis: not defined
  • Julian Wiemar

    23.12.2012

    Der Junge hat ein klares Ziel. Er will die Top 15 der besten Freestyler der Welt entern – wenn er erstmal sein Abi ...

    Mode: autoRelated
    Mode-Category: article
    Preis: not defined
  • André Paskowski ist tot

    03.08.2013

    André Paskowski hat den Kampf gegen den Krebs verloren. Er starb am 2. August 2013 im Alter von nur 31 Jahren. Die ...

    Mode: autoRelated
    Mode-Category: article
    Preis: not defined
  • Daniell Bonhof

    28.02.2013

    Er ist das Windsurf-Gesicht der boot Düsseldorf. Die Messe ernannte ihn zum Windsurf-Botschafter. Doch er ist nicht ...

    Mode: autoRelated
    Mode-Category: article
    Preis: not defined
  • Alessio Stillrich

    28.02.2013

    Gran Canaria scheint eine nie versiegende Quelle für großartige Windsurftalente zu sein. Björn Dunkerbeck und Philip ...

    Mode: autoRelated
    Mode-Category: article
    Preis: not defined
  • Nico Prien

    29.03.2013

    Innerhalb von gerade einmal vier Jahren hat sich der Schönberger Nico Prien vom Anfänger auf ein beachtliches Niveau ...

    Mode: autoRelated
    Mode-Category: article
    Preis: not defined