Hermann Seideler

 • Publiziert vor 14 Jahren

Die Sturm-und-Drangzeit des Münchners Hermannn Seideler ist vorüber. „Das Organ“, wie man einst den bekannten Surflehrer am Gardasee mit großer Klappe nannte, lebt jetzt in Wien mit Frau und Kindern. Seine erste Liebe bleibt jedoch das Surfen – und das Reden!

Hermann Seideler

Der Graben war tief genug und das Gras weich. Ein perfektes Nachtquartier. Zumindest um den Vollrausch nach einer langen Sommernacht am Gardasee auszuschlafen. Von denen hat Hermann  Seideler einige hinter sich. Einmal wurde er sogar in aller Herrgottsfrüh, so munkelt man, von seinen Surfschülern vom Straßenrand aufgegabelt und betrunken in die Arbeit (Michi Bouwmeesters ehemaliges Funboard  Center) gefahren. Ein Rausch löste den anderen ab:

Der extrovertierte Münchner ist Ende der 80er, Anfang der 90er einer der besten Surfer am Lago und Stationsleiter der renommierten Surfschule am Pier. Mit seinem berühmt-berüchtigtem Organ dazu der lauteste Surflehrer von Kiel bis Prasonisi und einer Fahne, die bei Ora bis zu den Dolomiten zog. Hinter seiner bunten Fassade steckt jedoch ein Natur liebender Lebemensch, für den der Erfolg an der Windskala eines guten Surftages gemessen wird. Du warst ein ganz schön ausgeflippter Vogel, musstest auffallen und  laut sein. Warum?

Hermann: Ich bin ein Mensch mit lauter Stimme. Ich sag’ ja immer: Alle  kleinen Männer müssen sich ja irgendwie bemerkbar machen, wenn sie  im Mittelpunkt stehen wollen. Und du standest gerne im Mittelpunkt? Ich stehe heute noch gerne im Mittelpunkt. Das hat mich noch nie gestört, wenn alle mich anschauen. Deswegen habe ich so viele Schüler am Pier gehabt. Es war für die immer unterhaltsam, wenn ich eine Stunde geschwafelt hab’. Deshalb habe ich keinen Spitznamen. Man kennt mich,  weil ich laut bin! Mir macht’s Spaß in der Mitte zu sein. Ich fühle mich in  der Situation wohl und habe einen guten Tag – make my day – sozusagen. Heute lebst du mit Frau und zwei Kindern ein biederes Leben.

Ja, ich führe ein biederes Leben. Ich bin aber noch lange kein Biedermann. Das ist der Unterschied. Ich lebe den Surfsport und bin der Natur für jeden windigen Tag dankbar. Den Wind kann man nicht steuern. Man muss flexibel bleiben. Surfer sind flexible Typen, müssen spontan reagieren. Der Biedermann spielt Tennis, mietet sich jeden Donnerstag am gleichen Ort zur gleichen Zeit einen Platz, spielt den Ball immer über das geich hohe Netz mit dem gleichen Partner – das ist die permanente Wiederholung des Lebens jeden Donnerstag neu. Das ist Rückschlagsport für Biedermänner. Da sind Deutsche sehr gefährdet.   Statt Biedermann warst du also ein Freak. Früher war ich der langhaarige Bon-Jovi-Typ. Das war angesagt. Ich war  ein Pseudo-Rocker. Das war der Surfer-Lifestyle. Hat Surfer-Lifestyle mit deinen Alkoholexzessen zu tun?

Naja, das war der Jugend-Lifestyle. Es gab nur eins: Surfen zum Umfallen, nachmittags vorschlafen fürs Moby (Red.: In-Kneipe in Torbole am  Gardasee), essen im Centrale und dann Vollgas geben bis in die Früh. Warst du der typische Surflehrer?

Ich war nicht der typische Surflehrer. Ich war nicht der Hopser, der da jede Nacht eine andere abgekriegt hat.  Was war für dich dann wichtig?

Der Lifestyle. Das war und ist für mich beim Surfen das Erleben der Natur. Ich war einfach kein Mannschaftssportler. Ich war Individualist. Ich bin ein schlechter Verlierer und in der Mannschaft würde ich mich über die anderen aufregen, wenn sie schlecht spielen. Du warst früher Leistungsturner. Hat dir das beim Surfen geholfen?

In der Schulzeit war ich Kunstturner und in der Auswahl der Olympiamannschaft. Bei dem dauernden Training war der Fun-Faktor extrem gering. Was mich beim Surfen weggehauen hat, war, dass es ein Natursport im Freien war. Das fesselt mich heute noch. Alles hat sich täglich geändert. Das Material hat sich täglich geändert, permanent haben wir Zeug zertrümmert. Man war Mitentwickler. Das war flashig! Vielleicht bin ich deshalb nach dem millitanten Turnerdasein so ausgerastet. Das ist wie Yin und Yang. Diese Freiheiten hatte ich nie beim Turnen. Die Freiheit der Bewegung.   Was hatte Surfen damals, was es heute nicht hat?

Es hatte mehr Drive, weil es neu war. Neu ist neu und kann nur neu sein. Das ist wie mit Frauen. Früher musste ein Surfbrett auf den Porsche.  Surfen war hip! Surfen ist heute auch noch hip! Was fährst du heute für Moves?

Ich hab’ dieses Jahr nichts dazugelernt. Ich fahre meine Willy Skipper  und meine klassischen Moves mit Style. Ich hab‘ meine Signature Moves:  Die Duck Jibe und den 360er. Die Duck Jibe hab’ ich mir schon von Mike  Eskimo vor der Schweinebucht in den 80ern abgeschaut und perfektioniert. Der konnte nur den Überkreuzgriff. Ich bin heute 45. Ich weiß, dass ich mit 70 die Duck Jibe noch kann. Dass du die coolsten Duck Jibes fuhrst, wussten auch deine Schüler.

Ich hab’ mich einfach am Pier bei den Bonzen gut verkauft. Aber ich war nicht immer ein guter Lehrer, hatte zu Recht immer Ärger mit Michi, weil ich surfen wollte und nicht arbeiten. Ich bin oft mit einem zu kleinen  Brett zum Powerhalsen-Unterricht und konnte deshalb nicht gescheit  korrigieren. Oft konnte ich nach einer harten Nacht nicht surfen, weil’s mir auf dem Brett permanent schlecht wurde. Vor der Videokamera hab’ ich dann ein Nickerchen gemacht und gehofft, dass ich immer auf ’Play’ drücke. Ich hatte am Pier damals auch Liegestuhlverbot, weil ich immer gleich eingeschlafen bin.

Später warst du auch dafür bekannnt, die Schüler zur Sau zu machen.

Das stimmt. Wenn sie Fehler gemacht haben, habe ich sie erniedrigt,  aber viele haben es gebraucht und super gelernt. Vielleicht habe ich  manchmal übertrieben. Aber ich kam vom Leistungssport, war ein Vertreter der härteren Linie. Ich habe aber pädagogisch dazu gelernt, auch  von einem Michi Bouwmeester. Du warst einige Jahre Verkäufer im Surfshop von Sport Bittl in München, hast für eine Surffirma den Außendienst getätigt. Wolltest du  nie Surfprofi werden?

Ich bin ein Mensch, der stark in den Tag lebt. Habe nie Karriere gemacht. Ich war zu wenig zielorientiert, um Profi zu werden. Aber ich lebe meine Träume. Und bevor ich einschlafe, träume ich vom Windsurfen, denke halt an etwas Schönes. Ich denke nicht an meine Geldnöte oder irgend einen Scheißdreck. Man sucht das, wozu man passt und ich habe Windsurfen gefunden. Ich bin heute auch noch ein Träumer. Ich hatte damals nie Geld und ich habe heute immer noch Probleme mit Geld. Aber ich habe eine tolle Familie. Ich muss nicht die ganze Welt erobern! Ich hab’ meinen Schülern immer gesagt: Der Beste ist, wer am meisten lacht.

Wo surfst du heute am liebsten? Ich lieb’ den Süden. Spanien, Italien, Gardasee. Mit den Franzosen und den Preußen habe ich’s nicht so. Oder ich fahr billig mit der LKW-Fähre nach Sardinien, versteck die Kinder im Auto und hab einen Super-Urlaub.  Das kenn ich, da muss ich nicht nach Hawaii. Ich hab’ meinen Schülern immer schon gesagt: Du scorst mehr, wenn du die Wege kennst. Meine Weisheit, mein Signature-Spruch: Der Weg, den du kennst, ist ein guter! Und wenn man neu ist, redet man mit den Locals: braungebrannt und  schlecht gelaunt. Muss man machen! Ich könnte dir die besten Surfberichte schreiben, ich weiß, was wichtig ist: Zu viel Sonnenschirme am Strand – da können wir umdrehen, da ist eh nie Wind! Oder eine Wasserskischule – können gleich weiter-  fahren! Kiter – alles Revolver, die geladen sind.

Interview: Steve Chismar

Süchtig nach Windsurfen


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