Interview mit World-Cupperin Lena Erdil Interview mit World-Cupperin Lena Erdil Interview mit World-Cupperin Lena Erdil

Interview mit World-Cupperin Lena Erdil

  • Manuel Vogel
 • Publiziert vor 8 Monaten

Lena Erdil gehört zu den besten Slalom-Windsurferinnen im Worldcup. „Nebenbei“ startet sie auch im Wave-Worldcup. Diese Nebentätigkeit hätte 2018 fast ihre Profikarriere ruiniert. Denn eine Fußverletzung nach einem Sturz setzte sie über ein halbes Jahr außer Gefecht. Jetzt ist sie zurück und in der Pause reiften Ideen, wie sie Frauen fürs Regattafahren motivieren kann. Außerdem fand Lena eine neue Heimat.

Die Deutsch-Türkin Lena Erdil ist eine echte Kosmopolitin – in der Türkei geboren, in Deutschland und Belgien aufgewachsen, in London studiert und heute auf der Welt zuhause. Sie spricht Deutsch, Türkisch, Englisch, Spanisch und Französisch. Im Windsurf-Worldcup ist die 30-Jährige schon unterwegs, seit sie 18 Jahre alt war. Seither war sie dreimal Slalom-Vize-Weltmeisterin im PWA-Worldcup, holte acht türkische Meistertitel und gewann zwei IFCA-Weltmeistertitel im Slalom. Im Juli 2018 verletzte Lena sich beim Wave-Worldcup in Pozo auf Gran Canaria schwer am Fuß. Eine heftige Leidenszeit begann für sie, an deren Ende bereits wieder zwei fünfte Plätze bei den Slalom-Worldcups in Südfrankreich und Südkorea standen. Doch in der Windsurf-Zwangspause reiften auch neue Pläne neben der Worldcup-Karriere.

Vor Kurzem haben wir erfahren, dass du eine „Hamburger Deern“ geworden bist. Warum gerade Hamburg?

Hamburg ist perfekt für mich, ich bin schnell am Wasser, der Flughafen ist in der Nähe, und da ich jetzt mehr in Deutschland sein will, passt das sehr gut.

Hast du eine bestimmte Verbindung zu Hamburg?

Mein Freund wohnt dort (lacht).

Du hast durch deine Mutter deutsche Wurzeln. Dein Vater ist Türke. Bist du in der Türkei aufgewachsen?

Nein, eigentlich habe ich nie richtig in der Türkei gelebt. Bis ich zehn Jahre alt war, wohnten wir in Göttingen, danach lebten wir in Brüssel bis ich 18 war. Die nächsten drei Jahre habe ich dann in London studiert. Einen richtig festen Wohnsitz hatte ich eigentlich nie in der Türkei, weil ich die meiste Zeit in der Welt herumreise. Nur im letzten Jahr war ich nach meiner Verletzung sechs Monate in Istanbul für die Reha.

Die Verletzung hast du dir 2018 beim Wave-Worldcup in Pozo zugezogen. Was ist da passiert?

Ich habe eine Lisfranc-Fraktur im Fuß gehabt, bei der die Knochen mit drei Schrauben wieder fixiert werden mussten. Mittlerweile kann ich schon wieder ohne Schmerzen surfen, zumindest bei Flachwasser. Bei den ersten Worldcups in diesem Jahr in Frankreich, Japan und Südkorea schwoll der Fuß schon noch an und tat weh.

Diese Verletzung haben schon einige Windsurf-Profis gehabt und sie scheint sehr langwierig zu sein. Wie verlief deine Reha?

Wie gesagt, ich bin für die Reha extra für ein halbes Jahr nach Istanbul gezogen. Dort habe ich dann fünf- bis sechsmal in der Woche, teilweise auch zweimal am Tag, Training in einem professionellen Rehazentrum gehabt. Es war alles sehr langwierig und anstrengend. Anfangs konnte ich meine Zehen gar nicht bewegen. Nach dem halben Jahr und nachdem die Schrauben aus dem Fuß entfernt worden waren, bin ich noch einen Monat nach Österreich gegangen, wo mein Sponsor Red Bull ein eigenes Trainingszentrum hat. Da haben mich Spezialisten beim Aufbautraing für Muskeln und Ausdauer betreut. Dass ich dann im April schon wieder am Slalom-Worldcup in Frankreich teilnehmen konnte, hätte ich nicht gedacht.

Leidenszeit – beim Worldcup in Pozo landete Lena einen Frontloop zu flach und brach sich den Fuß.

Konntest du aus deiner Verletzungspause auch etwas Positives herausziehen?

Das Gute war, dass ich kein Rennen verpasst habe, da die Verletzung im Juli 2018 passiert ist und der nächste Slalom erst wieder im April 2019 in Frankreich lief. Da tat der Fuß zwar immer noch etwas weh, aber es ging. Und manchmal öffnen sich ja in so einer Zeit auch neue Türen. Während der Reha-Zeit in Istanbul bin ich noch mal zur Uni gegangen und habe einen Kurs und Abschluss für Digitales Marketing gemacht. Außerdem kommentierte ich zusammen mit Ben Proffitt beim Worldcup auf Sylt im Livestream und machte Interviews. Bei Starboard habe ich jetzt auch noch einen Job für Digitales Marketing bekommen. Das sind alles Entwicklungen, die es nicht gegeben hätte, wenn ich mir den Fuß nicht gebrochen hätte und ständig nur mit Windsurfen beschäftigt gewesen wäre.

Im Profi-Windsurfen geht es ja auch darum, sich selbst zu vermarkten, denn es gibt nicht so viele Sponsoren. Hat dir dabei dein Studium auch geholfen?

Ich habe in England Politik und Philosophie studiert, das hat mir jetzt beim Selbstmarketing nicht direkt geholfen. Allerdings habe ich da gelernt auf Englisch zu schreiben und Geschichten zu erzählen und das hilft natürlich auch im Marketing. Aber in der Zeit meiner Verletzung habe ich auch meine ganzen Sozialen Medien, wie meine Webseite, meinen Youtube Channel, Facebook und so weiter auf Vordermann gebracht.

Interview mit World-Cupperin Lena Erdil

16 Bilder

Ein ganz anderes Thema: Du hast angekündigt im Deutschen Windsurf Cup mitzufahren und durch Girls Camps hier in Deutschland zu versuchen, mehr Frauen für das Wettkampf-Surfen zu motivieren. Was steckt dahinter?

Es gibt zwar viele Frauen, die windsurfen, aber es scheint mir, dass so eine Art Frauen-Windsurferinnen-Community fehlt. Dadurch entsteht keine gegenseitige Motivation und kein Austausch, was aber nötig wäre, um Frauenfelder mittelfristig wieder im Deutschen Windsurf Cup zu etablieren. Ich hoffe, dass ich durch meine Camps helfen kann, eben eine solche Community wieder mit aufzubauen, damit wir in Zukunft wieder ein Starterfeld haben. Bisher sind Slalom-Wettkämpfe für Frauen oft frustrierend – man muss im Männerfeld starten und kommt als Neueinsteiger natürlich schnell unter die Räder. Das motiviert nicht unbedingt, dabei zu bleiben.

Das erste Camp war im Juni auf Fehmarn. Wie kam es an?

Wir hatten das Camp bewusst relativ exklusiv gehalten, mit nur sechs Teilnehmerinnen. Das Training fand in Kooperation mit dem Wassersportcenter Fehmarn statt und meine Sponsoren Starboard und Point-7 haben die Teilnehmerinnen mit Material unterstützt. Wir haben sehr viel mit Video-Learning gearbeitet, weil ich meine, dass man oft glaubt, etwas richtig zu tun und erst im Video bemerkt, dass man etwas ganz anderes macht. Das Camp hat 390 Euro gekostet, aber ich hoffe, dass ich für das nächste Jahr Partner finde, die mir helfen die Camps kostenlos anzubieten. Aber Fehmarn war auf jeden Fall ein Erfolg und ich denke, dass ich einige Teilnehmerinnen in Zukunft auch mal auf einer DWC-Regatta treffen werde.

Willst du das Projekt noch weiter ausbauen?

Auf jeden Fall. In diesem Jahr gab es nur ein Camp in Norddeutschland. Aber ich habe auch Post bekommen von Mädchen, die sich wünschen, so etwas auch mal in Süddeutschland zu machen. Deshalb bin ich in letzter Zeit durch Deutschland gefahren und habe mir auch geeignete Seen, wie den Walchensee, angeschaut und war auch am Gardasee. Da gibt es bestimmt in Zukunft auch Möglichkeiten für neue Camps.

Lena Erdil, seit ihrem 18. Lebensjahr im World Cup unterwegs.


Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 8/2019 können Sie in der SURF App ( iTunes  und  Google Play ) lesen – die Print-Ausgabe erhalten Sie hier .

Schlagwörter: Lena Erdil


Lesen Sie die SURF. Einfach digital in der SURF-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag