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Interview André Paskowski: Zwischen Krebs und Minds wide open

  • reemedia
04.03.2011

Seine Welt war sonnig, windig, vom Erfolg verwöhnt. André Paskowski lebte den Traum vieler Surfer: Als Profi um die Welt reisen, erfolgreich am Worldcup teilnehmen und als Filmemacher sogar noch ein zweites Standbein im Windsurfbusiness geschaffen. Doch dann die schockierende Nachricht: Krebs!

Die Saison 2010 hatte gerade begonnen für den Freestyle- Europameister der Jahre 2007 und 2008. Doch dann der Schock: Eine Untersuchung beim Arzt bringt die Diagnose “Hodenkrebs” und von einem Tag auf den anderen war das Leben des 28-Jährigen plötzlich ein anderes. Doch trotz mehrerer Operationen und Chemotherapien findet der Produzent des Erfolgsmovies “Four Dimensions” genügend Freiraum, um vor allen Dingen mit Power und Konzentration an der Gegenwart und Zukunft zu arbeiten. Der Sinn des Lebens und persönliche Schlussfolgerungen gehen damit für André unisono einher. Wir treffen den Hamburger zum Gespräch im Reha-Zentrum der “Atem-Reha GmbH” in der Hamburger Innenstadt.

André, wie geht es dir und was macht dein Heilungsverlauf?

Es geht mir den Umständen entsprechend gut. Ich hatte vor kurzem eine schwere OP, die ich gut verkraftet habe. Dann folgten “kleinere” Operationen an der linken und rechten Seite meiner Lunge. Die Ärzte sind sehr zufrieden bisher, halten sich aber mit Prognosen lieber zurück. Meine Chancen auf komplette Heilung stehen über 90 Prozent. Und eine weitere OP wird wohl nicht mehr notwendig sein. Gott sei Dank. Meine Lungenflügel sind doch arg mitgenommen, wodurch zur Zeit meine körperliche Belastbarkeit in etwa mit dem eines 80-Jährigen vergleichbar ist. Gestern bin ich unter Anleitung und Aufsicht die sechs Stockwerke hoch in die Reha-Räume der “Atem-Reha” gegangen und habe es immerhin bis ganz nach oben geschafft!

OPs und Chemotherapien sind erhebliche Eingriffe. Wie hast du sie erlebt?

Die Ärzte sind anfänglich recht erstaunt darüber gewesen, dass ich überhaupt aufrecht stehen kann. Leider musste man meine Bauch- und Rückenmuskulatur zertrennen, um die jeweiligen OPs durchführen zu können. Sich hinsetzen zu können, zu bücken und so weiter, war und ist immer noch eine Herausforderung für mich.

Wie werden die nächsten Monate für dich aussehen?

Ich bin hier vor vier Wochen voll in die Reha-Maßnahmen eingestiegen, die sich noch bis Ende Januar hinziehen werden. Täglich von 9 bis 17 Uhr bin ich hier unter Anleitung, zusammen mit anderen Menschen unterschiedlichen Alters. Mit Menschen also die viel geraucht haben, die Asthma haben und so weiter. Für die nächsten beiden Stunden steht für unsere Gruppe Sport auf dem Programm. Ich trainiere mit den unterschiedlichen Geräten, um meine arg ramponierten Lungenflügel wieder auf Vordermann zu bekommen. Es ist das Ziel, die Belastbarkeit stetig zu steigern. Zum einen durch verschiedene Übungen, die klassisch unter “Training” anzusiedeln sind und zum anderen mit einem Gerät um den Oberkörper und damit die Lunge beweglicher, elastischer zu machen. Alles mit dem Ziel, mich wieder normal fit zu bekommen. Hintergrund dessen ist, dass mein Lungenvolumen durch die OPs um etwa 25 Prozent geschmälert worden ist. Anfang Februar bis Ende April habe ich den Plan nach Maui/Hawaii zu fliegen. Scott Sanchez, Trainer der “MPG” (“Maximum Performance Group”, Anm. der Red.), wird mir auf meine Bedürfnisse und Zielsetzungen hin, ein zugeschnittenes Trainingsprogramm herausarbeiten und mit mir Tag für Tag arbeiten. Hier im Reha-Zentrum sehe ich genauso tätige Psychologen. Das heißt, die Maßnahmen umfassen auch eine diesbezügliche Betreuung und eine Vorbereitung auf das, was kommt? Mir machen diese Gespräche trotz anfänglicher Skepsis auch Spaß, aber vor allen Dingen bringen sie mich weiter. Diese Krebserkrankung ist ein großer Einschnitt, körperlich wie mental. Der Psychologe analysiert mit mir zusammen meinen bisherigen Lebensweg, privat wie auch das Profi-Windsurfen und strukturiert mit mir zusammen genau das, was in den nächsten Jahren auf mich zukommt.

Und den Kontakt zu dieser Windsurfwelt hältst du trotzdem? Na klar. Das ist für mich das Wichtigste. Eine Art Medizin von der ich abhängig bin. Ich windsurfe seit 22 Jahren. Und es hat von Tag eins bis heute einen absoluten Nr. 1-Status in meinem Leben. Es war das Schlimmste für mich, dass mir das mit der Krebserkrankung genommen wurde. Als Konsequenz habe ich vorzeitig mit meinem neuen DVD Projekt, “Minds wide open”, gestartet. Es hilft mir Kontakt zu halten und eine Rolle innerhalb der Szene zu spielen.

Schlüsselwort DVD-Projekt. Bitte verrate uns ein paar Einzelheiten vom neuen Film.

Wir haben erste Filmaufnahmen in Klitmøller während des Wave-Worldcups gemacht. Gewisse Grundelemente von “Four Dimensions” wird es weiterhin geben, die aber einhergehen mit neuen Techniken zu Filmen, neuen Blickrichtungen, neuen, innovativen Ideen und klasse neuen Locations. Last but not least sind sechs Rider dabei, die für feinste Action garantieren. Gollito, Marcilio Browne, Victor Fernandez, Kauli Seadi, Ricardo Campello und Philip Köster. Mehr geht nicht.

Mit den Filmern Basti Dörr und Andi Jansen hast du dir für 12 Monate zwei Festangestellte ins Boot geholt. Welchen Unterschied werden diese beiden, zu anderen Windsurf-DVDs bislang, ausmachen?

Four Dimensions war für mich eine sehr große Kraftanstrengung. Ich glaube, ich habe mir da ein wenig zuviel zugetraut. Deshalb war es wichtig für mich, dass wir das Team erweitern und die Arbeit auf verschiedene Personen verteilen. Unser Team besteht aus Sebastian und Andi und natürlich Peter Svensson, der ja bei “Four Dimensions” auch maßgeblich am Erfolg beteiligt war.

Du hast für diesen Film eines der höchsten Budgets zur Verfügung. Ist das ein Garant für ein außergewöhnliches Movie?

Nein! Kein Geld bedeutet eigentlich immer, dass der Film nicht besonders wird. Viel Geld bedeutet aber nicht automatisch das Gegenteil. Man muss immer den Nerv des Publikums treffen. Dies  ist eine feine Linie zwischen Action, Story, Lifestyle und Emotionen. Das Team der Fahrer und des Films entscheiden über den Erfolg. Welches Ziel habt ihr mit der neuen DVD, die ja zum Worldcup Sylt im September 2011 erscheinen soll? Mein Ziel ist es immer, einen neuen Maßstab zu setzen. Deshalb planen wir schon länger und suchen Punkte, wo wir klar erkennbare Verbesserungen erzeugen können. Nichts ist langweiliger als einen erzielten Erfolg zu kopieren. Außerdem bin ich der Meinung, dass unser Sport voll von neuen Talenten ist. Der Sport lebt innerlich wie nie zuvor, wirkt nach außen aber tot. Ich sehe Skaten oder Wellenreiten und sehe High Budget-Filme, wo sich der Nachwuchs richtig eine Portion Anschub holen kann.

Und im Windsurfen?

Da sehe ich Filme über Naish und Co. Aber Kauli, Gollito, Ricardo, Philip, Victor, Marcilio: Wo bleiben diese Helden der Neuzeit? Es ist wichtig, dass diese Fahrer respektvoll behandelt werden und wir ihr Talent und Potenzial nutzen, um den Sport im guten Licht erscheinen zu lassen. Dieses geht nur über hochwertige, bewegte Bilder von jungen Talenten.

Im Freestyle bist du ein paar Mal Deutscher Meister und zwei Mal Europameister geworden, im Worldcup lief es mit Resultaten in den Top Ten gut. Welche Zielsetzung wirst du selber im Windsurfen wieder haben?

Zwei Tage vor dem Bekanntwerden meiner Erkrankung bin ich Fünfter beim Worldcup geworden. Ich werde mich also nicht damit zufrieden geben, dass ich auf Regatten nur noch bin, um dabei zu sein. Klar wird es in 2011 noch sehr schwierig sein, dass ist wohl eindeutig. Aber mit einer ordentlichen Vorbereitung sollte es 2012 wieder für Top-Ten-Platzierungen reichen. Klar hat mir diese Krankheit einiges an Kraft genommen, aber auch einiges an Motivation gegeben. Wenn ich diese gut einsetze, werde ich sicher Reserven mobilisieren können, die ich bisher noch nicht kannte. Wichtiger als all dies ist aber, dass ich Windsurfen genießen werde! Es hat mir sehr gefehlt.

Schaut mal auf Facebook vorbei, da gibt’s schon jetzt viele Infos zu “Minds wide open”.

Das Interview mit André Paskowski gibt es auch unten als PDF-Download.

Zwischen Reha und Filmset: Auch während seiner schweren Krebserkrankung war André bei den ersten Aufnahmen zu „Mind wide open“ in Klitmøller und auf Sylt dabei.

 

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