Redaktion

Interview: Boujmaa Guilloul

  • Faorian Jung
19.07.2016

Er ist der Typ für die besonderen Momente. Boujmaa Guilloul beeindruckt mit immer neuen Manöverkreationen, genauso wie durch furchteinflößende Crashes. Der Marokkaner hat es aus einem kleinen Dorf in die Spitze der Windsurfwelt geschafft – aber er lebt auch noch in einer anderen Welt und die macht ihn zu einem guten Menschen, davon ist er überzeugt.

Vor gut vier Jahren ließ Boujmaa Guilloul der Windsurfwelt den Atem stocken. Vor Hookipa setzte der Marokkaner zu einem turmhohen Triple-Loop an und crashte spektakulär. Der Aufprall aufs Material war so heftig, dass der heute 30-Jährige bewusstlos wurde und zu ertrinken drohte. Klaas Voget zog ihn gerade noch rechtzeitg aus dem Wasser und rettete ihm vermutlich das Leben. Victor Fernandez hatte die gesamte Aktion zufällig mit seiner Helmkamera gefilmt und ins Internet gestellt. Spätestens seither gilt Boujmaa als furchtloser Stuntman. Dabei gehen viele neue Manöverkreationen wie der Blackshot (Kombination aus Cheese Roll und Backloop) ebenfalls auf sein Konto. Auf der PWA-Worldtour konnte sich Boujmaa dagegen nie weit vorn platzieren. Doch zuletzt gewann Boujmaa auf der American Windsurfing Tour die Events im Wavemekka Hookipa und im kalifornischen Pistol River. Flo Jung ist schon viele Jahre mit ihm befreundet und hat viele Reisen mit ihm gemacht. Während der Aquapower Expedition hatten die beiden viel Zeit für ein ausgiebiges Interview.

Wir können froh sein, dass wir beide hier noch so zusammensitzen. Vor vier Jahren wärst du nach deinem Triple-Loop-Versuch vor Hookipa beinahe ertrunken. Hat dieser Unfall dein Leben und deine Art zu surfen verändert? Auf jeden Fall. Ich denke heute viel mehr nach und mache nicht mehr so verrückte und unüberlegte Sachen. Ob das nun mit dem Unfall zusammenhängt oder damit dass ich älter geworden bin, weiß ich nicht.

Trotzdem kann man von dir bei den richtigen Bedingungen immer wieder atemberaubende Action sehen. Du hast zum Beispiel den Blackshot erfunden – eine Art Cheese Roll mit anschließendem Backloop. Diesen Move hat man bisher nur von dir und von Philip Köster gesehen. Der Sprung ist wirklich Angst-einflößend. Den Bewegungsablauf konnte ich mir schon vorstellen, aber ich habe viel nachgedacht und mit anderen darüber gesprochen, bevor ich ihn probiert habe. Aber wie gesagt, er ist ein bisschen scary und ich brauche die richtigen Bedingungen dafür.

Man hat das Gefühl, dass du immer volles Risiko gehst. Kannst du einfach mal ganz normal surfen?Normales Surfen ist für mich Down-the-Line-Waveriding. Einfach eine Welle abreiten, ein paar Sprünge zu machen und dann happy wieder an den Strand zu kommen, das Gefühl mag ich auch sehr gerne. Aber ich liebe es eben auch, verrückte Dinge zu tun, neue Manöver auszuprobieren und hohe Sprünge zu machen. 

Hast du einen Plan, was du als nächstes machen möchtest? Ich habe keinen Plan. Im Moment möchte ich alles, was ich kann, noch sicherer machen, so wie Philip Köster die verzögerten Doppelloops springt, oder den Blackshot endlich konstant stehen.

Wenn man dich frei fahren sieht, müsste man glauben, du wärst schon zigmal Weltmeister gewesen. Doch auf der PWA-Tour hast du noch nie gewonnen. Gibt es einen Grund dafür? Ja, den gibt es. In meinem ganzen Leben war ich noch nie ein Wettkämpfer. Ich möchte nicht der beste Windsurfer der Welt sein, ich möchte nicht besser sein als ein anderer. Ich möchte für mich selbst der beste Windsurfer sein. Ich möchte Spaß da draußen haben und meine Limits immer weiter pushen. Ich muss niemandem etwas beweisen.

Aber trotzdem fährst du Wettkämpfe. Ich empfinde es als Privileg, auf der Worldtour dabei sein zu können. Das ist ein Teil des Profilebens. Meine Sponsoren ermöglichen mir, das zu tun, was ich liebe, dafür bezahlt zu werden und an Plätze zu fahren, an die ich ohne sie nie gekommen wäre.  Deshalb repräsentiere ich sie gerne bei Wettkämpfen.

Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass du Profi geworden bist. In deiner Heimat Marokko ist das eher ungewöhnlich. Ehrlich gesagt, weiß ich das gar nicht. Es ist einfach passiert. Als kleiner Junge war ich viel draußen und hab in Essaouira die Bodyboarder, Wellenreiter und Windsurfer gesehen. Irgendwann habe ich mir im Surfclub ein Bodyboard geliehen und von da an war ich jeden Tag im Wasser. Später hat mir der Stationschef gesagt, ich solle doch in den Club gehen, da konnte ich dann auch das Windsurfmaterial nutzen. Als ich besser wurde, habe ich dann die richtigen Leute getroffen, die mir geholfen haben, an die Firmen zu schreiben. Starboard hat mir sofort geantwortet und hat mich vom ersten Tag an großartig unterstützt.

Hast du deine Schule abgeschlossen oder wegen des Windsurfens aufgegeben? Eigentlich wollte ich Fremdsprachen studieren. Doch dann stand ich kurz vor dem Abschluss und hatte die Chance, für einige Monate nach Hawaii zu gehen. Meine Freunde haben mir geraten, diese Chance zu nutzen, meinen Abschluss könnte ich auch im nächsten Jahr machen. Aber daraus ist nichts geworden. Bislang habe ich es nicht bereut. 

Als Profi reist du sehr viel in fremde Länder. Du kommst aus Marokko und bist Moslem, hattest du deshalb je Probleme? Als ich das erste Mal nach Maui kam, das war genau nach der 9/11-Tragödie in New York, wurde ich bei der Einreise schon sehr intensiv überprüft. Aber ich konnte das verstehen und habe akzeptiert, dass die USA sehr genau wissen wollten, wer in ihr Land kommt und wer rausgeht. Das habe ich aber auch auf Mauritius erlebt. So ist es halt. Aber mittlerweile ist es nicht mehr so schlimm.

In Deutschland gibt es auch islamfeindliche Tendenzen, auf der anderen Seite passieren im Namen der Religion auch schreckliche Greueltaten. Wie beurteilst du das? Leider sehe das als ein großes Problem, vor allem durch die Medien. Sie stecken oft alles in eine Schublade und terrorisieren das Denken der Menschen. Ich habe als Moslem nie gelernt, dass ich andere Religionen hassen soll oder Christen und Juden umbringen soll. Im Gegenteil, ich habe gelernt, dass der Islam eine sehr tolerante Religion ist und dass unser Prophet viele Beziehungen zu Juden und Christen hatte. Das ist es, wozu ich aufblicke. Die Medien berichten aber eher über die ex­tremen Islamisten – ich nenne sie Barbaren, denn sie haben nichts mit dem Islam zu tun. Die Medien stülpen aber oft einen Deckel über alle Moslems und so entsteht die Ablehnung. So wie es mir oft ergeht, wenn ich mit meinen Dreadlocks durch die Straßen laufe. Ich werde immer gefragt ob ich was zu Rauchen habe – die Leute haben durch die Medien ein Bild im Kopf: Rastalocken ist gleich Drogen. Ich war aber noch nie Raucher. 

Wir sind in den letzten Jahren viel zusammen gereist und ich habe gesehen, wie du um fünf Uhr morgens aufgestanden bist und gebetet hast. Was bedeutet die Religion für dich persönlich? Ich lebe in Parallelwelten. Auf der einen Seite die materialistisch geprägte Welt und die Religion, durch die ich mich von der materalistischen lösen kann. Die spirituelle Seite lädt mich wieder auf und gibt mir Energie. Ich glaube, die Religon ist immer die Möglichkeit, von der materialistischen Seite, in der du nur über das was du besitzt und verdienst, welches Auto du fährst und so weiter definiert wirst, zu fliehen. In der Religion geht es mehr darum, was du für dich und andere Gutes tun kannst – wie gut du mit deinem Körper umgehst, wie sehr du andere und die Natur respektierst. Es ist schwer zu erklären, man muss es eher spüren können. Wenn ich mit anderen Moslems bete, dann ist es egal, ob auf der einen Seite der Arzt neben dir ist und auf der anderen Seite jemand, der die Toiletten putzt, wir glauben gemeinsam an einen Gott und mich bringt das immer auf den Boden der Tatsachen zurück und erdet mich.

In meinem Film "Don’t let go" spielst du eine große Rolle. Von vielen Menschen habe ich das Feedback bekommen, dass du immer freundlich und zuvorkommend bist und sehr viel lachst. Ich möchte ein guter Mensch sein und wenn ich Menschen auf der Straße treffe, dann möchte ich ihnen aus tiefstem Herzen ein "Salem aleikum" (Friede sei mit dir) oder einen wirklich guten Tag wünschen.

Wenn du von deinen Reisen zurück nach Essaouira oder Moulay kommst, wie reagieren deine Freunde – sind sie neidisch auf dich? Nein, das Gefühl habe ich überhaupt nicht. Meine Freunde und meine Familie freuen sich für mich. Einige würden auch sehr gerne mal auf die Kapverden oder nach Hawaii gehen, aber andere sagen, warum soll ich hier weg, hier habe ich alles und fühle mich wohl. Ich habe nie so etwas wie Neid von ihrer Seite gespürt. Einige würden sicher gerne an meiner Stelle sein und ich teile meine Erfahrungen mit ihnen. Sie wissen, dass ich viel investiert habe, um dahin zu kommen, wo ich bin. Einer von uns sollte es schaffen, haben wir immer gedacht. Das war ich, aber irgendwie sind sie so auch ein Teil des Ganzen – so fühlt es sich für mich an.

Wo siehst du dich in zehn Jahren? Vor zehn Jahren hätte ich gesagt, dass ich heute nicht mehr windsurfe und als Surflehrer arbeiten würde. Aber jetzt hoffe ich, dass ich mein jetziges Leben noch eine Zeit so führen kann. Ich baue gerade eine Surfstation auf, die dann hoffentlich immer größer wird und hoffe, dass ich die Liebe meines Lebens finde und Kinder haben werde.

Interview: Florian Jung

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